Links! To Be Continued

Auf einem grauen Hintergrund sind bunte Quadrate sowie ein roter und ein gelber glitzernder Umriss.

CC BY-NC-ND 3.0 johanna

Video via Boingboing

Wo bleiben die Lösungen? Über die #FsA14

Gestern war in Berlin die siebte Demo „Freiheit statt Angst“ und nach einigen Malen „dabei seins“, gar mitorganisierens, bedeutet sie mir inzwischen nichts mehr. Außer Ideenlosigkeit, die an meinem Leben völlig vorbei geht.

Die Schlagwörter um Snowden und Geheimdienste beherrschen die Rhetorik, Angstszenarien statt Freiheitsutopien die Werbebilder. Dabei sind das Überwachungstendenzen, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Es ist kein gutes Gefühl, das potentiell jeder Geheimdienst alles über mich weiß, aber die stehen auch nicht vor meiner Tür.

Überwachung und Angst statt Freiheit sind real. So real, dass vermutlich alle Betroffenen anderes zu tun haben, als die FsA zu organisieren. Abseits von Geheimdiensten ist Überwachung mit sofortigen Konsequenzen an der Tagesordnung. Für Hartz-IV-Bezieher_innen (die sich auch nicht unabgemeldet frei bewegen dürfen) und künftig noch stärker deren Partner_innen. Für Flüchtlinge, die sich manchmal immerhin bundeslandweit bewegen dürfen. Für Nicht-weiße Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe jederzeit mit „anlasslosen“ Kontrollen rechnen müssen. Für Schwangere und Eltern mit kleinen Kindern, die zwischen Übergriffen in die Intimsphäre und als unterstützend empfundenen Untersuchungen abwägen müssen. Für politisch aktive Frauen mit Meinung, denen von doxing bis Morddrohungen alles passieren kann.

Mehr als ein Bett für Snowden und erwartbar konsequenzlosen Forderungen nach Konsequenzen für Geheimdienste braucht es Ideen, Lösungen und Utopien für eine Gesellschaft ohne allgegenwärtige Überwachung. Edward Snowden vor einem Untersuchungsausschuss schafft keine Zählung der Zahnbürsten in WGs ab. Aber ein anderer Blick auf Flüchtlinge, Migration und Nationalität bringt neue Perspektiven in der Polizeiarbeit, die Vorratsdatenspeicherung will, weil sie an Ländergrenzen „scheitert“.

Stattdessen verkauft ihr uns einen Anzugträgerblock als normale Leute. Lösungen sehen anders aus.

PS: Siehe dazu auch Claudia Killian.
PPS: Ich weiß, dass es einen Hurenblock gab. Ein Block mit einem aktuellen konkreten Anliegen macht noch keine gesellschaftliche Utopie.

Links! Die mit dem Satire-Reminder.

Auf schwarzem Hintergrund stellt eine Person die folgende QUIZFRAGE: was ist eine satire über Sexismus, wenn sie nicht (mehr) als satire zu erkennen ist? Die Antwort in einer Sprechblase: SEXISMUS!

CC BY-NC-ND 2.0 trouble_x

  • Erwachsene Autist_innen erfahren häufiger sexualisierte Gewalt als Erwachsene ohne Autismus, Frauen wiederum mehr als Männer. Dies hängt vor allem an ihrem mangelnden Wissen über Sexualität und Übergriffe, das sie seltener durch Austausch mit anderen Menschen sondern eher über mediale Darstellungen erhalten.
  • Twitterfund: Ein Erklärbärintext über Schwangerschaft, der die grimme, brutale Realität darstellt, in der Schwangere und Embryonen um Nährstoffe und das Überleben kämpfen
  • Für Sci-Fi-Fans: Sieben Schwarze Autorinnen, deren Bücher als nächstes auf die Leseliste sollten.
  • Eine „bessere Stadt-Erfahrung“ versprechen die Macher_innen von neuen Stadtbewertungsapps, die Hinweise zu vermeidenswerten Gegenden sammeln. Und meinen am Ende doch nur das Verbreiten von Vorurteilen, oftmals rassistischer Natur.
  • Das zu einer Zeit, in der die Broken-Windows-Theory, nach der ein kaputtes Fenster den Weg zu weiterer Kriminialität öffnet, stark kritisiert wird. Denn in der Praxis trifft es vor allem nicht-weiße Menschen und bedeutet immer härteres Vorgehen, bis hin zum Tod Unschuldiger.
  • Leider ebenfalls nicht empfehlenswert aufgrund von Rassismus: Ridley Scotts Exodus-Verfilmung. Im historischen Ägypten angesiedelt spielen lauter Weiße die Hauptrollen, während Schwarze Schauspieler_innen die Dekorollen übernehmen.
  • Bei Bitchflicks:Top 10 Superheroes Who Are Better As Superheroines
  • Nicht nur Star Trek-Fans haben Susan Oliver schon einmal gesehen – ganz in grün, als „Orion-Sklavin“. Darüberhinaus ist ihre Karriere als Schauspielerin und Pilotin aber leider fast unbekannt (auch mir bis eben).
  • Was passiert, wenn auch frau sich einmal breitbeinig in den öffentlichen Nahverkehr setzt? Eine Reporterin hat es ausprobiert. Und fände offizielle Kampagnen gegen Breitmachmackerei nun sinnvoll.
  • Den immer kleiner werdenden Anteil an Interviewpartnerinnen Im Gespräch bei Deutschlandradio Kultur hat SchspIN nachgezählt und gleich mögliche weibliche Gäste recherchiert.
  • Liebe Schwangere, nicht einschüchtern lassen durch die Epigenetik!

    Ein Kugelmodell der Elemente der DNA: Miteinander verbundene rote, weiße, blaue, schwarze und gelbe Kugeln.

    CC BY 2.0 net_efekt

    In der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature ist ein Kommentar zu den Tücken der medialen Aufbereitung von Epigenetik. Epigenetik beschreibt das An- und Abschalten von Genen, ohne die Abfolge der Gene zu verändern. Eine Reihe von Faktoren spielen dabei eine Rolle, aber welche Änderungen Babies im Leib der (oder des) Schwangeren erfahren, wird am häuftigsten diskutiert – gerne auch mit alar­mis­tischen Warnungen ohne wissen­schaftliche Grundlage.

    Dies reihe sich ein in eine Tradition an Überwachung und Mythenbildung um Mütter. So ist Alkohol während der Schwanger­schaft bis heute strengstens verpönt, obwohl für geringen bis moderaten Alkohol­konsum wiederholt keine negativen Kon­se­quenzen gefunden wurden. Auch die Panik über sogenannte „Crack-Babies“ hat sich nach 30 Jahren als überzogen heraus­gestellt; Weit schädigender als Crack­konsum in der Schwanger­schaft ist das Auf­wachsen in Armut. Vor der gerade grassierenden Impf­panik waren „Kühl­schran­kmütter“ an autistischen Kindern schuld. Und im 19. Jahr­hundert wurden Schwangere, noch ohne epi­gentische Grund­lage, vor den gleichen Dingen gewarnt wie heute: Ernährung, Stress und dem Um­gang mit den falschen Leuten.

    Epigenetik könnte nun der nächste heiße Trend der Gängelung durch Sorge werden. Denn nachdem lange geglaubt wurde, die umgelegten Genschalter würden bei neu­ge­borenen Babies „auf Werkseinstellungen“ zurückgesetzt, wird inzwischen immer deut­licher, dass auch diese Ver­änderungen vererbbar sind. Traumatische Er­fah­rungen und extremer Hunger sind zwei Faktoren, die epigenetisch vererbt werden. Allerdings passiert dies nicht aus­schließ­lich über die Schwangeren, in deren Bauch der Embryo heranwächst. Auch Spermien tragen ihren Teil dazu bei und manche Ver­ände­rungen werden über Generationen hinweg weiter gegeben.

    Da die meisten Studien bis heute an Tieren durchgeführt werden und viele Kom­po­nenten miteinander sehr komplex verwoben sind, lassen sich derzeit keine seriösen Rat­schläge ableiten. Schließlich sind einige Faktoren ge­sell­schaft­licher Natur. Armut, rassistischer Dis­kriminierung oder Gift­stoffen in der Umwelt kann eine schwangere Per­son zu oft gar nicht ent­kommen. Hier, so die Autor_innen, sei ge­sell­schaft­licher Wan­del statt in­di­vi­du­eller Lö­sungen nötig.

    Was der Kommentar noch außen vor lässt: Epigenetische Veränderungen lassen sich rückgängig machen. Wie sich das beeinflussen ließe, ist noch nicht erforscht, möglich ist es aber. Also, nicht einschüchtern lassen!

    [Update, 21.8.2014: Epigenetik: Wissenschaftlerinnen sagen “Don’t blame the mother!” – Beitrag von Mama arbeitet]

    Links! Die mit der pinken Sonnenbrille

    Auf schwarzem Hintergrund ist ein Anstecker in Form einer pinken Sonnenbrille zu sehen.

    Immer schon lässig bleiben!

  • Moar Sailor Moon Crystal: Naekubi über ihren Einfluss auf ihre asiatisch-deutsche Identität.
  • Auf Tumblr wurden die Werbefotos für die verschiedenen Staffeln von Doctor Who unter die Lupe genommen.
  • Was passiert, wenn nur ganz bestimmte Gruppen zu Open Data-Projekten beitragen? Dann sind z.B. auf OpenStreetMap eher Informationen zu Stripclubs als zu Kindertagesstätten zu finden.
  • Die Anzeigen wegen Vergewaltigung in Delhi hat The Hindu analysiert und findet ein kompliziertes Bild. Die kürzlich verschärften Gesetze werden dabei den Betroffenen nicht helfen. Was leider fehlt: Angaben zu allen nicht angezeigten Vorfällen.
  • Marvel can’t make movies with women because they never made movies with women. m(
  • Die Wissenschaftlerin Breanne Fahs hat (feministische) Probandinnen ihre Körperhaare wachsen lassen. Ihr werdet nicht glauben was dann passiert ist: Homophobie, negative Reaktionen männlicher Partner und Eltern und ständiges Gedankenkreisen um die Haare. (Direkt zur Studie)
  • Die letzten Lücken im Periodensystem der Elemente sind endlich gefüllt. Da fängt es an zu wackeln.
  • Und zwei weitere Beiträge zur Debatte um Öffentlichkeit und Privatheit, das Spektrum dazwischen und den sozialen Erwartungen, die mehr als technische Möglichkeiten unsere Erwartungen prägen: danah boyd findet „Spektrum“ noch zu kurz gegriffen, es sei vielmehr ein Wollknäuel, der sich noch dazu beständig verändere. Chris Hoofnagle erklärt, warum „einen ausufernd datensammelnden Service verlassen“ so selten gemacht und das „Aufbegehren“ (Voice) im Service selbst viel eher gewählt wird.
  • Wenn Bro-Mentalität auf gesellschaftliche Konventionen trifft – der inszenierte Shitstorm

    Seit vorgestern tobt der Kampf um Deutungshoheit über Sexismus und Tweets unter der Gürtellinie durch die „die Netzgemeinde™“ und erschließt sich, da ohne Hashtag, den meisten leider nicht. „Femtroll“ wird zum Schimpfwort der Stunde, nachdem eine feministische Bloggerin den letzten Witz eines Technikbloggers nicht lustig fand.

    In kurz: Wehe denen, die den „Techbros“ sagen, dass sie nicht so nett sind, wie sie sich selbst so gerne sehen.

    Mitten in eine Twitterdebatte quatscht Sascha P. (25.000 Follower) am Montag eine Bloggerin (5.000 Follower) von der Seite an. Die von ihr vertretene These „die Netz­gemeinde™ umfasst nur einen kleinen Teil der Menschen auf Facebook, Twitter, YouTube“ basiere auf seinem Vortrag „warum YouTube die Zukunft ist“.

    Im Geplänkel danach lässt er trotz ihrer humorvollen Konter nicht locker sondern eskaliert zusehends. Nach dem „Ich bin so cool, ich kenne dich eh nicht“ kommen Spitzen auf fix ergooglete Fakten „da stellen die jetzt Leute ohne Qualifikation ein?“ Früher auch Schwanzlängenvergleich genannt, sind diese unproduktiven Duelle inzwischen als ein Faktor für leaky pipelines und den Exodus von Frauen aus männlich-dominierten Bereichen benannt.

    Ob er seine niederträchtige Sprüche eigentlich geil fände, wird der Mann nun gefragt. Und weil da statt „geil“ ein Slangwort für Masturbieren steht, braucht es zur nächsten Entladung nur die Anstachelung durch einen weiteren Twitterer. Klar würde er das tun, da müsse die Frau nun durch. Ein bemitleidenswertes Zwinkersmiley schließt den Tweet. Es erschließt sich nicht ganz, ob als Wichsvorlage die Bloggerin selbst gemeint sei oder das erniedrigende Verhalten ihr gegenüber. Ist dann aber nichts, was ich wirklich wissen möchte.

    Als Reaktion auf so einen Tweet wäre selbst WTF noch untertrieben, der Kommentar ist aber nur eine nüchterne Zusammenfassung. Insgesamt haben wohl die wenigsten Frauen Interesse daran, öffentlich als Wichsvorlage diskutiert zu werden (denn natürlich geben seine Follower jetzt ihren Senf dazu). Initiationsriten gibt es viele, aber mir fällt kein Zeitalter ein, in dem Frauen „da durch mussten“.

    Was danach passiert, lässt sich nur noch als kognitive Dissonanz beschreiben. Dass hier eine Grenze überschritten wurde, was nicht mehr weggelächelt werden kann, kollidiert mit der Ansicht, eine gesellschaftlich akzeptierte Aussage getätigt zu haben. Herr P. macht ein Bild seiner eigenen Tweets, inklusive der Zusammenfassung durch die angesprochene Bloggerin. Er kommentiert seinerseits, hier würde jemand einen #Aufschrei faken. Wobei er der erste ist, der den Hashtag verwendet. Und zieht dann ihre geistige Gesundheit in Zweifel.

    Inzwischen hat er seine Sicht der Dinge ausführlich auf seinem Technikblog dargestellt und mit „Femtrollen“ den Begriff „Feminazi“ gerade noch umschifft. Journalisten und Dudes (natürlich auch ein paar Frauen) springen ihm rudelweise bei. Irgendwo zwischen „Unparteilichkeit“ und „ich kenne nur seine Sichtweise, also retweete ich gleich den Text“ pendelt sich die Debatte ein, ob Frauen jetzt noch „Masturbieren“ sagen dürfen. Irgendwann ist so eine öffentliche Fickbarkeitsdebatte ja wohl erlaubt! Dass sich über das Nievaulimbo niemand wundert, das aber keine Rechtfertigung für Ausfälle ist – geschenkt.

    Aggressives Einfordern von Erklärungen, penetrantes Nachfragen ob das nicht alles ganz anders gewesen sei bei akuter Indifferenz gegenüber den Antworten wird zum Hattrick des Gaslighting. Obendrauf die Reaktion mit allen Synonymen belegen, die es zu „hysterisch“ so gibt. Bis sie ihren Twitter-Account schützt und für alle Social-Media-Kanäle Moderator_innen rekrutieren muss, weil soviel Verachtung nagt.

    Am allerschönsten sind allerdings die „Vermittler“. Die gleich raushauen, jeder Sexistenvorwurf sei überzogen, der Mann sei doch ein Guter. Markenzeichen fair and balanced. Egal wie gar nicht „Sexist“ gerufen wurde, die Unterscheidung zwischen Tun, Tat und Täter verwischt schnell beim Versuch der größtmöglichen Verteidigung. Aber Denunziation, Rufmord und Vorverurteilung – das sind immer nur die anderen.

    Links! Schwankungen in der Füllhöhe sind produktionstechnisch bedingt

    Auf einer Holzoberfläche stehen fünf Legofiguren, die meisten mit einer „technischen Arbeitskleidung“ und Pferdeschwanzfrisur sowie einer kurzhaarigen Figur im taillierten Blazer

    I made a Lego gang.

    Links! Sommerpause vorbei.

    In einem Blumenkasten ist eine Blume mit vielen pinken und pink-lila Blüten

    Lila-pinke Sommerfrische.

    ____________________
    ¹ Der Fachbegriff für das Durchlesen aller Comics einer Serie, eigentlich Webcomics.

    Meredith Haaf über die publizistische Feminismusverbesserungs-Industrie

    In der Süddeutschen (jaja) schreibt Meredith Haaf heute über die neuesten Feminismus„debatten“ und wie Anna-Mareike Krause würde ich gerne hinter jeden Satz knallrote Ausrufezeichen schreiben. Hier zumindest einer:

    Wie ein Parasit hält sich eine publizistische Feminismusverbesserungs-Industrie am Leben, indem sie jene große Frage, wie die Gesellschaft gerechter werden kann, umwälzt auf die ungleich leichter zu beantwortende Frage, was am “Feminismus” unangenehm, abschreckend oder kompliziert ist.

    Dass auch „Wir Alphamädchen“ diese Industrie am Laufen gehalten hat, möchte ich allerdings nicht ganz unterschreiben. Es kam zu einem Zeitpunkt, da die Debatte in Deutschland recht brach lag und brachte mit der Mädchenmannschaft ein Blog hervor, das an den vielen netzfeministischen Entwicklungen einen nicht zu unterschätzenden Anteil hat und wo ich ebenfalls geschrieben habe. Einige Frauen schrieben uns, dass wir sie inspiriert hatten, ihr Blog zu beginnen. Wir haben viele Bloggerinnen vorgestellt, vernetzt und Fragen beantwortet.

    Besonders von Menschen die das Blog nie lasen oder lesen passiert allerdings der von Haaf beschriebene Mechanismus: Der Mädchenmannschaft wird seit Jahren eine gesellschaftliche Macht zugeschrieben, die nüchtern betrachtet nicht haltbar ist. Bei #Aufschrei saßen einmal junge Feministinnen in Talkshows und wurden negativ und stereotypisierend inszeniert, wie Bianca Fritz gerade analysiert hat. Es gibt keine Buchangebote von großen Verlagen und die Bücher, die doch geschrieben werden, verhallen weitestgehend – oder saß Maria Wersig schon bei Jauch zum Ehegattensplitting?

    Stattdessen kommen neue Bücher, die entweder nur als Ladentheken-Clickbait gedacht sind wie die „Tussikratie“ oder gut-gemeint und doch daneben wie „Stand Up!“ erstmal die Stereotype bestätigen, die sie doch entkräften wollen. Das habe ich bei einer Reihe von Projekten, auch und leider gerade von Feministinnen gesehen, die fühlen, sich von den Klischees abgrenzen zu müssen. Leider nimmt es ihnen die Möglichkeit, dann doch einmal uncool zu sein und wütend zu werden, sich nicht die Beine zu rasieren oder lauter lila Klamotten zu tragen. Hier beginnt jede Arbeit, wie Haaf so schön beschreibt, bei null.

    Dabei würde ich mich über mehr neue Bücher und Ideen freuen. Für jugendliche Mädchen sind die Bücher der Nullerjahre vermutlich schon wieder zu alt. Für junge Männer braucht es umso dringender irgendein feministisch reflektiertes Bucht. Sie können und sollten aber auf die jahrhundertelange Arbeit zurückgreifen, als in ein neues Hamsterrad zu steigen.

    Dass dies wohl ein frommer Wunsch bleibt, bestätigt gleich der Twitter-Account der Süddeutschen, der die Debatte über publizistische Positionen abgewürgt und verkürzt im Tweet auf „Feminismus der nur mit sich selbst beschäftigt ist“. 140 Zeichen hin oder her – wer dem Text treu sein will, formuliert den Tweet anders.

    Dark Twitter ist ein Hack für eine bessere Gesellschaft

    Auf rotem Hintergrund steht: Geschlossene Veranstaltung. Darunter: Bitte weichen Sie auf unsere weiteren PC-Räume aus.

    Symbolbild.

    Kleiner 3 warf heute das Thema „Dark Twitter“ in die Runde, das seinem Namen alle Ehre macht und oft im Schatten bleibt. Weitergedacht ist eine Möglichkeit, Strategien für eine Gesellschaft abseits der hetero-mono-normativen Kleinfamilie zu entwickeln. Dabei ist es vermutlich die Errungenschaft, die die Leute hinter Twitter nie haben wollten.

    Die miserable Umänderung der Block- in eine Mutefunktion sowie die Einführung einer „echten“ Mutefunktion und das Verhindern vom URL-Versand in direkten Nachrichten bedeuten „soviel Öffentlichkeit wie möglich“. Dennoch waren geschützte Accounts immer möglich, obwohl der Kontrollverlust nur ein Copy & Paste oder eine @-reply entfernt lauert. Die Interaktion von geschützten und offenen Accounts bleibt daher schwierig und erfordert eigentlich eine Verständigung von Fall zu Fall (deswegen folge ich so selten geschützten Accounts, sorry).

    Dagegen scheint sich im Dark Twitter eine Regelung durchgesetzt zu haben: Was in Dark Twitter steht, bleibt im Dark Twitter. Große Skandale sind zumindest mir bisher nicht bekannt. Anders als das „normale“ Twitter, das zu großen Teilen auf Asymmetrie beruht, scheint jede Definition der dunklen Seite des Vogels die Symmetrie in den Mittelpunkt zu stellen: Lauter geschützte Accounts, die sich gegenseitig folgen. Quasi eine Erweiterung der direkten Nachrichten auf mehrere Personen. Da diese nur eine begrenzte Anzahl an Mitteilungen anzeigen und der URL-Versand selten klappt, fällt auch noch eine Reihe an Nachteilen weg.

    Dennoch ist Dark Twitter nicht einfach nur ein Gruppenchat, wie bei Facebook oder WhatsApp, die oft als Alternativen genannt werden. Denn die große Stärke von Twitter, nur bestimmten Leuten zu folgen, spiegelt sich auch in Dark Twitter wieder. Die Nutzer_innen können selbst bestimmen, wem sie folgen und wer ihnen folgen darf. Nach Streits ist es möglich, nur eine Person zu entfolgen, die aber weiter mit allen interagieren kann – Gruppenchats fordern dagegen immer „alle oder niemand“.

    Das stellt Herausforderungen an Gruppendynamiken, die vermutlich am besten mit „ewiger Klassenfahrt“ beschrieben werden können und damit außergewöhnlich sind. Immerhin mit der Möglichkeit, jederzeit zu gehen oder auch mal niemanden im Gruppenraum vorzufinden. Dort dennoch oft und ortsunabhängig Gleichgesinnte zu treffen, ist gerade dann und für diejenigen interessant, die in weniger queeren und feministischen Umfeldern leben.

    „Dumme Fragen“, emotionaler Zuspruch, digitales Händchenhalten – Dark Twitter ist das folgerichtige Update der Telefongespräche mit der besten Freundin oder die Zettelchen der Jugend auf die „dauer-adoleszente Smartphonegesellschaft“. Es ermöglicht neue Intimität über die moderne Kleinfamilie hinaus, zu selbstgewählten Freund_innen. Neue Formen der Beziehungen können hier ausprobiert werden. Und wenns zuviel wird: Ausloggen und Abmelden.