Für die Zukunft seh ich 1984

Ein äußerst bemerkenswertes Projekt, das meiner Aufmerksamkeit bisher viel zu gut entgangen ist, kommt im nächsten Jahr mit der geplanten Volkszählung auf uns zu. Dabei werden keine Datenerfasser_innen von Haus zu Haus gehen, sondern verschiedene Institutionen ihre vorhandenen Daten zusammenlegen und eine feste Personenkennziffer vergeben. Ausführlich erklärt hat das die Velamen Akademie.

Auch wenn es erstmal noch recht harmlos wirkt, werden inzwischen immer mehr Datenbanken erstellt, die zu verknüpfen immer einfacher wird. Hier werden familiäre Beziehungen und Wohnorte erfasst, die Datenkrake ELENA speichert berufliche Anstellungen samt Fehlzeiten, dazu die überlebenslange Steuernummer und die geplanten Schüler_innendatenbanken, die Noten und ebenfalls Schulzeiten enthalten – fehlen eigentlich nur noch die medizinisch-genetischen Informationen, die Krankenkassen und Arztpraxen sammeln und der gläserne Bürger ist schon längst Wirklichkeit.

Ein immer wieder geäußerter Vorschlag gegen Datensammelwut ist häufig, diese durch „Spammen” bzw. Falschinformationen ad absurdum zu führen. Außerhalb der Facebook-Sphäre, bei der sich vor allem kommerzielle Firmen für unsere Hobbies interessieren, wird das allerdings schwierig. Selbst in wirtschaftlich entspannteren Zeiten wäre es kaum sinnvoll, Jobs danach auszuwählen, subversiv die staatlichen Datenbanken zu verfälschen. Andersherum wird es natürlich wieder die sozial schlechter gestellte Menschen treffen, die künftig bei der Auswahl von Jobs berücksichtigen müssen, dass noch mehr staatliche Stellen wissen, was sie wann gemacht haben und dementsprechend Vorhaltungen könnten.

Warum haben sie denn dort soviel gefehlt? Hat sie das den Job gekostet? Gibt es einen Zusammenhang mit ihrer Erkrankung?

Schon heute sind wir schnell zur Hand, wenn es darum geht, dass vermeintlich „Schuldige” mehr zahlen sollen als andere. Raucher_innen etwa oder Dicke, die mit ihrem ungesunden Lebenswandel den Krankenkassen zur Last fallen. Ob sie durch höhere Sterblichkeit die Gesellschaft an anderer Stelle eventuell wieder entlasten, wird dann genauso einfach übersehen, wie die vorausgegangene Fehleinschätzung „dick = krank”. In Zukunft wird es nun noch einfacher werden, ein bestimmtes Ideal an Lebensführung hochzuhalten und jene zu identifizieren und bestrafen, die davon abweichen.

Kürzere Schul- und Studienzeiten und immer stärkere Spezialisierungen durch Profiloberstufen und eingegrenzte Studiengänge verlangen dabei eine frühzeitige Orientierung. Anekdotische Evidenz deutet leider zum genauen Gegenteil. Viele sind von den ausufernden Möglichkeiten der Berufswahl überwältigt und diejenigen mit festen Vorstellungen sehen sich oft einer Horde Konkurrenz für Ausbildungs- oder Studienplätze ausgesetzt. Die dann im schlimmsten Fall aufgrund von Konkursen oder hochschulpolitischen Entscheidungen wieder wegfallen.

Ich hätte gerne das naturwissenschaftliche Profil gewählt, aber weil das zuwenige gewählt haben, kam es nicht zustande. Natürlich bin ich dann im ersten Semester durch meine Klausuren gefallen; ich musste doppelt so viel lernen wie die anderen.

An dieser Stelle entsteht spätestens der große Konflikt beim Datensammeln. Denn ob eine verlängerte Studienzeit vom Trödeln herrührt oder durch gestrichene Seminare verursacht wurde, erfordert immer mehr Daten. Ohne noch mehr Details wird man den Menschen nicht gerecht, entmenschlichen aber gleichzeitig das System. Da herauskommen werden vermutlich diejenigen mit Geld, während alle, die in irgendeiner Weise auf den Staat und seine Leistungen angewiesen sind, in stärkeren Rechtfertigungsdruck kommen werden.

Schöne neue Welt, die da auf uns zukommt!

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