Ein Mensch hat fast 100 Menschen, darunter vor allem Kinder, getötet. Dass wir darüber reden müssen, uns austauschen müssen, unsere Gefühle verarbeiten müssen ist klar. Ebenso klar sollte langsam diversen Medien sein, dass das vernünftigste wäre, endlich mal die Klappe zu halten.
Wie nirgendwo sonst ist bei Amokläufen und Terroranschlägen (oder einer Mischung daraus wie hier), die gesellschaftliche Verantwortung der Medien deutlicher zu sehen. Für Selbstmorde ist das Problem der Nachahmungstäter lange bekannt, z.B. der Tagesspiegel berichtete 2000 über den sog. Werther-Effekt.
Die zeitliche Verteilung der Amoktaten ist ganz offenbar nicht zufällig, da die Gewaltaktionen in aller Regel nicht länger als 18 Tage auseinanderliegen. Die Suizid-Forscher ziehen daraus den Schluss, dass diese Verbrechen für potentielle Täter ganz offenbar Vorbildcharakter haben. […]
Bei einer Reihe von Amoktätern wurden Zeitungsausschnitte und andere Dokumente über frühere Massenmorde gefunden, in Verhören berichteten die Täter, dass sie sich an entsprechenden Vorbildern orientiert hätten.
Spätestens jetzt sollte klar werden, dass wir verschiedene Debatten brauchen – über Islamfeindlichkeit, über Angst vor Überfremdung, über hasserfüllte Rhetorik. Eine ausführliche Debatte über den Täter und Bildergalerien als Schablonen für weitere Taten gehören nicht dazu!
Ein wenig geriet in der Auseinandersetzung von Udo Vetter und Nadine Lantzsch der ursprünglich zentrale Punkt Nadines aus den Augen: Unser Rechtssystem, wie das vieler anderer Länder, wurde von weißen Männern entworfen und funktioniert bis heute weitestgehend auch so. Dabei gibt es weder absolute Gerechtigkeit noch einen absoluten Rechtsstaat, Ansichten ändern sich.
So galten Vergehen an wehrlosen Menschen (Babies, Kindern, Frauen, Betrunkenen) als weniger schwerwiegend als solche, bei denen Täter_innen mit Widerstand (also Männern) rechnen mussten. Verjährungsfristen bei z.B. Sexualdelikten machten es minderjährigen Opfern lange schwer, Vergehen anzuzeigen – wer noch von seiner Familie abhängig ist, überlegt sich eine Anzeige nicht nur zweimal. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit kurzem eine Straftat, genauso wie das Züchtigungsrecht von Ehemännern noch nicht lange abgeschafft ist und bis heute nicht jede_r einsieht, dass auch Kinder ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben.
Straftaten die dagegen häufiger von Frauen begangen werden, werden häufig als weniger schlimm angesehen, werden teilweise nicht von Gesetzen erfasst und bei Ermittlungen eher übersehen. Andererseits sitzen in den USA überproportional viele schwarze Männer im Gefängnis, z.B. für Drogendelikte, während weiße Männer bei vergleichbaren Straftaten deutlich glimpflicher davon kommen.
Das alles sind keine Gründe, auf Rechtssysteme ganz zu verzichten, aber man muss sie kritisch betrachten! Das funktioniert im Übrigen ganz gut, wenn es z.B. um die Sharia geht. Dort, so erzürnen wir und, gilt eine Frau nur halb so viel wie ein Mann und muss vier Zeug_innen einer Vergewaltigung aufbringen. Zwei Sekunden später sehen wir jedoch nicht mehr, dass uns anscheinend das Wort einer schwarzen Frau mit Migrationshintergrund weniger wiegt als das eines mächtigen weißen Mannes. Wir vergessen sogar die Arbeit von Psycholog_innen, nach denen Opfer von Vergewaltigungen oft versuchen, nach einer Tat Normalität herzustellen und vielleicht weiter ihrer Arbeit nachgehen, bis sie sich endlich zur Anzeige durchringen. Stattdessen legen wir das als Hinweis darauf aus, es könne sich nur um eine Falschbeschuldigung handeln. Da müssen wir nicht ins Mittelalter zurückgehen – die Ignoranz gegen Wissenschaft ist ja bis heute da.
Außerdem sollte sich wirklich jede_r noch einmal die Pressekonferenz des Anwalts des Opfers anzuschauen. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen den Staatsanwalt, dessen Arbeit mehr als inkompetent wirkt. Schön auch, dass dieser relativ sachliche Auftritt (eines Schwarzen!einself!) es nicht auf die Titelseiten schaffte, die familiäre Einträchtigkeit von Strauss-Kahn und seiner Frau dagegen schon. Mediale Inszenierungen sind genauso voll mit Rassismus und Sexismus, mit Erwartungen die an sie herangetragen und daher auch erfüllt werden.
PS: Warum alle Lügnerin schreien, weil die Hotelangestellte versucht hat, Probleme mit der Einwanderungsbehörde zu vermeiden, den Tathergang an sich aber wohl stets gleich beschrieben hat, ist mir bis heute ein großes Rätsel. Schließlich war Dominique Strauss-Kahn derjenige mit der Salamitaktik (ich war nicht da, ich war da und hatte keinen Sex, ich war da und wir hatten einvernehmlichen Sex).
So, jetzt habe ich mich eine Stunde durch Anne Will gequält und nach viel peinlichem Blabla ist das Anführen von ASBOs in Großbritannien im Zusammenhang mit Plagiaten der absolute Höhepunkt der Dreistigkeit. Um einmal aus der englisch-sprachigen Wikipedia zu zitieren (ja, so sieht ein Zitat auch nach englischen Vorgaben aus, mit Anfang und Ende):
The orders, introduced by Prime Minister Tony Blair in 1998, were designed to correct minor incidents that would not ordinarily warrant criminal prosecution. The orders restrict behaviour in some way, by prohibiting a return to a certain area or shop, or by restricting public behaviour such as swearing or drinking. Many see the ASBO as connected with young delinquents.
Es geht um kleine Vorfälle, die nicht unbedingt eine umfangreiche Ermittlung erfordern. Es wird Verhalten verboten, wie etwa die Rückkehr in einen bestimmten Bezirk oder Verhalten in der Öffentlichkeit, wie Fluchen und Trinken. Es geht um Dinge, die man gemeinhin mit Obdachlosen, mit rumhängenden Jugendlichen und allgemein mit sozial Schwachen in Verbindung bringt. Sie waren und sind der Ausdruck der Hilflosigkeit einer Regierung und Gesellschaft gegenüber Menschen, denen sie keine Perspektive mehr geben können und sich gleichzeitig von ihnen diffus bedroht fühlen.
Um es noch einmal deutlicher zu sagen, es geht um (Liste aus der Wikipedia, Übersetzung von mir):
abandoning cars – Autos rumstehen lassen
begging – betteln
dealing/consumption of controlled recreational drugs – Drogen dealen und nehmen
dogging (theatrical public sex) – öffentlicher Sex
drunken behaviour – betrunkenes Verhalten
fare dodging – Schwarzfahren
intimidation – Einschüchterung
littering/fly tipping/dog fouling – verdrecken
loitering – rumhängen
noise pollution – Lärmbelästigung
spitting – spucken
stealing/mugging/shoplifting – klauen
vandalism/criminal damage – Vandalismus
ASBOs sind in UK inzwischen ziemlich umstritten, weil sie vor allem Menschen mit Drogen- und Alkoholproblemen trafen, oder mit Lernstörungen oder psychischen Krankheiten. Probleme, die auch nach der Einführung der ASBOs bestehen blieben, weil es keinerlei verstärkte Bemühungen gab, den Betroffenen zu helfen, statt ihnen einfach Verhalten zu verbieten. Whistleblowing oder das Anschwärzen von Abgeordneten, die plagiiert haben, war nie vorgesehen. Egal wie anti-sozial sowohl anschwärzen, als auch plagiieren sein können – es ging nie um die gesellschaftlichen Schichten, in denen sowas vorkommt. Dass ein Abgeordneter jemals eine ASBO bekommen hätte, ist mir jedenfalls nicht bekannt.
PS: Der Herr Chatzimarkakis hatte angeführt, ASBOs wären als Reaktion auf Whistleblowing entstanden und seien die einzige Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.
PPS: Ja, war Herr Bertram Quadt (den von und zu spare ich mir an dieser Stelle). Zu sehen in der Mediathek ab der 59. Minute.