Archiv für September 2011

Jetzt Gedanken machen für den Ada-Lovelace-Tag

Am 7. Oktober ist es wieder soweit. Zum dritten Mal sollen Frauen aus Technologie und Wissenschaft ins Rampenlicht gehoben werden. Benannt wurde er nach der ersten Programmiererin in der Geschichte, Ada King, der Countess of Lovelace. Weibliche Vorbilder in den MINT-Fächern Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind weiterhin selten, an viele Pionierinnen erinnern wir uns kaum, weil ihre Leistungen nicht als solche anerkannt wurden. Also, eine spannende Frau herausgesucht und porträtiert!

Endlich Zeit für Deep Space Nine

Hach Deep Space Nine. Immer wieder als die beste Star Trek-Serie gelobt (auch von mir), jetzt endlich im kompletten Durchlauf. Die Serie mit meisten Außerirdischen im Cast, mit den meisten People of Color, mit einem Planeten und seiner Gesellschaft, die sich aus ihrer Unterdrückungsgeschichte befreien – in der ersten Staffel sehr anschaulich an Kira Nerys umgesetzt, die dennoch ein Charakter bleibt und nicht zum Tropus verkommt. Während unter den Hauptcharakteren wieder einmal wenig Frauen sind, gibt es auch immer wieder außerirdische Anführerinnen. Völlig anekdotisch behaupte ich, dass es in den ersten beiden Staffeln, da bin ich bisher, mehr waren als in Star Trek Enterprise.

Die Crew von Star Trek Deep Space Nine in der ersten Staffel

Das Highlight war bisher die letzte Folge der ersten Staffel, die mit Major Kira, Vedek Winn, Keiko O’Brien und der Ingenieurin Neela stark von den weiblichen Charakteren getragen wird. Leider ist derart viel „Frauenpower“ dann doch wieder die Ausnahme. Dazu im Vergleich noch mal ein Beispiel, das mir besonders aufgestoßen ist:

In der ersten Staffel, Episode 14, sind Dr. Bashir und O’Brien in einem bajoranischen Dorf, um sich um einen Kranken zu kümmern. Der Betroffene ist der Sirah, eine Art Kämpfer, der jedes Jahr eine zerstörerische Himmelsmacht, den Dal’Rok bekämpft. Dafür bekommt er von den anderen Dorfbewohnern Geschenke und „willige Frauen“. Am Ende stellt sich heraus, dass der Dal’Rok eine vom Sirah gesteuerte Erfindung ist, um die Dorfgemeinschaft zusammenzuhalten.

Eine ähnliche Folge gibt es in der zweiten Staffel (Episode 15). Hier landen O’Brien und Sisko auf einem Planeten mit einer menschlichen Kolonie, die aufgrund eines „duonetischen“ Feldes keinerlei elektronische Geräte verwenden kann. Für die Anführerin der Gemeinschaft, Alixus, scheint sich so ein Traum erfüllt zu haben. Immer stärker stellt sich dabei aber heraus, dass sie vor nichts zurückschreckt, um die Kolonie in genau diesem Zustand zu halten.

Beide Gemeinschaften sind quasi Sekten, die von ihren Führern manipuliert werden. Beide benutzen ihre Mitmenschen und etablieren Gefahren um durchzusetzen, was sie für das Beste für ihre Gemeinschaft halten. Alixus wird dabei besonders brutal dagestellt, im Kontrast zu Sisko, der an seinen Prinzipien festhält. Der Sirah nimmt vor allem ihm angebotenen Privilegien wahr, im Kontrast zu O’Brien, der sich natürlich „ehrenhaft“ verhält.

Hier kommen soviele Stereotype zusammen, dass es schwierig ist, einen Anfang zu finden. Der Sirah ist ein Kämpfer, der alte Sirah stirbt in „Ausübung seiner Pflicht“. Wie ein Feudalherr lässt er sich für seine Dienste entlohnen, bereichert sich auf Kosten der Dorfbewohner_innen und gefährdet ihr Leben. Er bildet sogar einen Nachfolger aus, der schließlich den Notfall- Sirah O’Brien als finale Prüfung „vom Thron stoßen muss“. Am Ende darf er diesen Betrug weiterführen, er wird gar nicht als solcher thematisiert. Dagegen ist Alixus eine böse Mutter, die das Leben ihrer Gemeinschaft mikromanagt, Frauen prostituiert, straft und auch ihren eigenen Sohn sterben lassen würde. Ihr Betrug wird enttarnt, sie stellt sich freiwillig der Strafe für ihre Taten.

Dabei ist zumindest der Subplot der Sirah-Folge besser gelungen. Die junge Bajoranerin Varis Sul muss als Dorfanführerin verhandeln lernen – eine Entwicklung bei der ihr zunächst leider nur Männer helfen. Dies passiert aber nicht oberlehrerhaft, stattdessen wird ihre selbstbestimmte Entwicklung gezeigt. (Und jetzt ratet mal, wie die Folge in der englischen Wikipedia beschrieben wird…)

Ein letztes Detail: Dass regelmäßig Chief O’Brien in schwierige Situationen gerat, war kein Zufall. Da er kein Offzier ist und Frau und Kinder hat schien er den Produzenten als besondere Identifikationsfigur für das Publikum. „O’Brien muss leiden“ war daher anscheinend tatsächlich ein Aufhänger vieler Folgen. Er war auch der einzige weiße Mann in der Hauptbesetzung. Just saying.

Wie Vorurteile entstehen – eine Selbstbetrachtung anhand des Slutwalks

Inzwischen ist der Berliner Slutwalk eine Weile her. Zeit genug also, mal mit etwas Abstand drauf zu schauen. Interessant dabei ist im Nachhinein, dass ich einmal direkt und unmittelbar die Auswirkungen von Objektifizierung erfahren und vor allem – als solche einordnen konnte.

Aufgefallen ist mir das im Umgang mit der Presse. Nach einigen Jahren eigener journalistischer Arbeit für Radio und Zeitung, sowie zwei re:publica-Teilnahmen mit Radio-, Zeitungs- und Fernsehinterviews bin ich schon einiges gewohnt. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass ich in jedes Mikro quatsche, was mir vor die Nase gehalten wird.

Beim Slutwalk hat sich das geändert.

Als Freiwillige für das Ordnungs- und Awarenessteam kam ich am Slutwalk-Samstag mit ein paar anderen bereits vor dem Demobeginn an. Wir waren noch nicht einmal zum Rest der Gruppe gestoßen, als uns bereits die ersten Reporter_innen beäugten. Wenig später schaffte es bereits der erste – weiß, männlich, Mitte 20 – ein „darf ich sagen, dass ihr ganz schön scharf ausseht“ in unsere leicht uninteressierten Gesichter zu flöten. Neben dem augenscheinlich nicht ganz verstandenen Slutwalkhintergrund sei angemerkt, dass nur etwa die Hälfte von uns sich knapp gekleidet hatte. Bei gefühlten 30°C und Dauersonnenschein übrigens fast schon eine Herausforderung.

Bald ging es dann los mit der Vorbesprechung. Neben den Helfer_innen war auch die Zahl der Pressemenschen in die Höhe geschnellt. „Nervig“ beschreibt dabei das Verhalten einiger nicht mehr zutreffend. Ein weiterer Mann, ebenfalls weiß und um die 20/30, bestand darauf, dass wir ihm dringend Fragen beantworten müssten. Der Hinweis auf das Presseteam nütze nichts, die Bitte bis nach der Besprechung zu warten nur bedingt. Die erste „Pause“ (ich glaube, es wurden Zettel mit der Route rumgegeben) nutze er erneut, um nachzufragen. Anstatt ein „später“ zu akzeptieren, begann er diskutieren. Mein „wir sind hier noch beschäftigt, kannst Du nicht einfach warten bis wir fertig sind“ wurde schließlich mit „jetzt reg’ Dich mal nicht so auf“ quittiert.

Dieses konsequente Nichtzuhören und Ignorieren von Bitten und Anweisungen hat erst die ganze Vorbesprechung und später auch den Marsch an sich überschattet. Wenn man Fotografen schon fast anschreien muss, damit sie überhaupt mal zuhören und dann die Bitte, einen jetzt mal für ein paar Minuten allein zu lassen nur dahingehend erfüllen, dass sie einen Schritt zurück machen – dann zeigt sich erst in aller Deutlichkeit, warum Slutwalks, der Kampf für Respekt und Selbstbestimmung so wichtig sind.

Schließlich kam eine junge Frau mit einer Kamera, stellte sich vor und fragte sehr höflich, ob ich in einem Satz darlegen wolle, warum ich am Slutwalk teilnehme. Sie hat wirklich alles richtig gemacht. Trotzdem habe ich mich das erste Mal in meiner „Pressekarriere“ überwinden müssen, tatsächlich einzuwilligen. Nach all dem grenzverletzenden Verhalten zuvor erlebte ich mich selbst, wie ich jedes ihrer Worte, jede Geste im Geist noch einmal in Zeitlupe durchging und extra abklopfte. Ich merkte, wie ich einen inneren Zaun hochzog und mich dahinter zu verschanzen versuchte.

Schließlich habe ich dann mitgemacht und mich über das Video, wie auch den Artikel im Tagesspiegel gefreut. Zu der Qualität anderer Beiträge kann ich dagegen nur den Text von Paula empfehlen.

Wie ich in Zukunft mit journalistischen Anfragen umgehen werde, kann ich noch nicht abschätzen. Was mich nun interessiert, wären auf jeden Fall Statements der beschriebenen Fotografen und Journalisten. Verhalten sie sich immer so übergriffig und respektlos oder nur beim Slutwalk? „Verleitete“ sie gar der Schlampenlook dazu? Welche Rechtfertigung könnte es wohl geben, die nicht beweist, dass weitere Slutwalks dringend notwendig sind?


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