Archiv für Januar 2012

Stereotype aufbrechen! Neues von CyberMentor

Eine schwarze Tasche mit dem grün-lila CyberMentor Logo und dem lila Schriftzug CyberMentor liegt auf einem Stehtisch neben einer BlumeNeues Wochenende, neue Stadt, neues Glück. Am Sams­tag gab es in Regensburg den ersten Cyber­Mentor-Kongress. CyberMentor ist ein E-Mentoring­pro­gramm, dass junge Mädchen mit Studentinnen und Ab­sol­ventinnen der sogenannten MINT-Fächer zusammen­bringt (Mathe, Informatik, Natur­wissen­schaften, Technik). Inzwischen ist es das größte Programm dieser Art und das einzige, dessen Auswirkungen gleichzeitig erforscht werden.

Um die Vorstellung sowohl des Projektes, als auch der ersten Forschungsergebnisse ging es nun bei dem Kongress. Nach einigen Grußworten, die zunächst nichts Gutes verhießen („ich betreibe Frauenförderung, ich habe drei Töchter, eine Ehefrau, eine Assistentin und eine Sekretärin“) ging es los. Forschungsministerin Annette Schavan war leider nicht gekommen, ließ aber die Leiterin des Nationalen Paktes für mehr Frauen in MINT-Berufen (Komm mach MINT) eben diesen Pakt vorstellen. Dass es ihn gibt und dass damit endlich systematischere Arbeit begonnen wurde ist zu begrüßen – leider wurde aber auch deutlich, dass wieder einmal versucht wird, Probleme anzuerkennen, um sie dann möglichst umsonst von anderen lösen zu lassen.

Anschließend gab es Vorträge von Heidrun Stöger und Albert Ziegler, der Projektleitung von CyberMentor (die wohl auch bei den Einführungsworkshops gehalten werden, die habe ich aber bisher immer verpasst). Prof. Stöger führte die vielfältigen Probleme auf, die Mädchen von MINT-Fächern fernhalten, darunter: Eltern, die ihren Töchtern in diesen Bereichen weniger zutrauen und weniger von ihnen erwarten, Lehrkräfte die es ähnlich sehen und auch einem Backlash in Schulbüchern, die wieder Männer bei der Arbeit und Frauen zu Haus abbilden. Stichwort: Stereotype!

Prof. Ziegler ging anschließend auf Mentoring ein und präsentierte auch erste Ergebnisse. So sei Mentoring prinzipiell vielversprechend, bei dauerhaften Widerständen verpufften die Ergebnisse aber wieder. Wichtig sei es also, dass es geschützte Räume gebe, in denen sich Schülerinnen fernab von blöden Kommentaren und Stereotypen mit MINT-Themen beschäftigen können. Das bietet CyberMentor, aber auch hier sei zu erkennen, dass der Kontakt zwischen Mentorin und Mentee nach einer Weile abnehme. Ebenfalls wurde festgestellt, dass das Programm bereits besonders interessierte Schülerinnen anziehe. Für die nächste Runde wird daher das Konzept weiterentwickelt und es werden statt 1:1 Mentoring kleine Gruppen gebildet werden.

Apropos nächste Runde. Auch bei CyberMentor ist die Finanzierung eine wackelige Sache. Immer wieder muss um neue Gelder gekämpft werden, wie so häufig werden einmal begonnene Projekte nicht dauerhaft gefördert. Hier gibt es nun einen Beirat mit Mitgliedern aus Wissenschaft und Wirtschaft, der für die nächsten fünf Jahre Geld von verschiedenen Unternehmen zusammengetragen hat. Einige der Mitglieder waren in der abschließenden Podiumsdiskussion versammelt, die ebenfalls viele wichtige Punkte ansprach. So machte der CIO von Daimler deutlich, dass bei Vorurteilen gegen Frauen („die wird doch eh bald schwanger“) nur helfe, in der Unternehmenspolitik das Bekenntnis zu Diversität und gegen Benachteiligung zu verankern.

Auch angesprochen wurden „Karrierehemmnisse“ wie das geringere Selbstvertrauen von Frauen, die sich oft nicht von selbst auf Aufstiegspositionen bewerben – kein Wunder, wenn bereits Lehrer ihren Schülerinnen weniger zutrauen. Und auch dass „kopiert Männer“ kein Patentrezept sei, wenn das Verhalten von Frauen in Gehaltsverhandlungen anders bewertet werde, als das ihrer Kollegen. Eine Teilnehmerin merkte ferner an, dass CyberMentor auch den Mentorinnen eine gute Austauschmöglichkeit biete, da viele Frauen in technischen Berufen weiter sehr alleine seien.

Insgesamt war es dann doch eine spannende Konferenz, bei der viele Probleme angesprochen wurden und es selbst für Leute, die sich mit Gender, Frauenförderung oder Mentoring bereits auseinandergesetzt haben, noch etwas zu lernen gab. Leider wurde wiederholt deutlich, dass ein großes Problem Stereotype sind, die mit einem Programm nicht aus der Welt zu schaffen sind. Ein systemischer Wandel, wie er mehrfach gefordert wurde, bedarf noch weitaus mehr Interventionen als den vorgestellten. Hier zeigte sich eine gewisse Ratlosigkeit, bei der ich mir wünsche, jede und jeder auf der Konferenz würde vielleicht einmal bei sich selbst anfangen, seine/ihre eigenen Vorurteile überprüfen und genau schauen, wo sie weiter perpetuiert werden.

Wer ist „MarkTomJack“?

Über ein furchtbar furchtbares Meme hat heute Antje Schrupp heute furchtbar toll gebloggt:

Wir haben zuhause seit einiger Zeit ein neues Mem. Es heißt „MarkTomJack“. Zusammengesetzt aus den Serienhelden Mark (Flash Forward), Tom (4400) und Jack (Lost).

MarkTomJack (addieren könnte man auch Jim aus The Wire) bezeichnet einen bestimmten, sehr nervigen Typus Mann, der neuerdings offenbar in keiner amerikanischen Fernsehserie fehlen darf. Er ist immer weiß, er ist immer die Hauptfigur und er hat immer einen knackigen, einsilbigen Namen (oder ist es anders zu erklären, dass die einzige männliche Serienfigur, die nicht in dieses Raster passt, einen zweisilbigen hat, nämlich Peter aus Fringe?).

Erste Eindrücke vom Google Co:llaboratory

Menschenrechte und Internet“ – Unter diesem Titel begann am Montag in Berlin das fünfte Google Collaboratory (um das sich analog zur Mädchenmannschaft oder dem PolitCamp nun ein Verein gegründet hat, in Deutschland wird halt alles vereinsrechtlich geregelt). Rund 30 „Expert_innen“ sind diesmal dabei, vor allem Rechts- und Verwaltungswissenschaftler_innen, einige Aktivist_innen und erstaunlich wenig Menschen aus der Wirtschaft.

Nach einer Vorstellungsrunde ging es direkt schon zur Bildung von thematischen Untergruppen, die sich dann einen weiteren Plan erarbeiten sollten. Plan? Was genau wir jetzt eigentlich machen sollen, war irgendwie niemand klar. Aus dem letzten Colab ist ein Buch mit Texten erschienen, diesmal soll es interaktiver werden. Doch wieder Texte, Aktionen oder sogar Softwareideen? Aufgelöst haben wir die Frage am Ende des Tages nicht, aber immerhin sind wir an anderen Stellen weitergekommen.

Zusammengekommen zum Thema „Aktivismus“ entstand die Arbeitsgruppe „Organisationsformen und Durchsetzung“. Ein Titel, der mir besonders gefällt, weil er die politische Arbeit, den Aktivismus, dem ich in den letzten Jahren begegnet bin, konkret beschreibt. Er trifft gleich mehrere Fragen, die sich Aktivist_innen stellen müssen, um gezielt etwas zu bewegen: Wie organisieren wir uns? Auf welcher Ebene müssen wir arbeiten, wenn wir etwas bewegen wollen? Wie können wir andere Aktivist_innen unterstützen?

So haben wir festgehalten, dass politische Arbeit auf mehreren Ebenen ablaufen kann: Aufklärung (im öffentlichen Raum), Lobbyarbeit gegenüber politischen Institutionen und das „Handwerk“, die Benutzung von z.B. Software. Je nach geografischem Ort und Zeitpunkt können verschiedene Punkte wichtig sein. Hier regelmäßig Positionsbestimmungen vorzunehmen ist die erste wichtige Erkenntnis, die ich aus dem Colab mitgenommen habe. Was wollen wir erreichen, auf welcher Ebene müssen wir arbeiten? Haben wir überhaupt die Ressourcen oder fehlt es vielleicht schon beim Handwerk? Fragen, die sich sowohl neue Bewegungen, als auch etablierte Gruppen stellen sollten.

Besonders bei neuen Initiativen schließen sich daran eine Reihe an Überlegungen an – wie genau Aufklärung funktionieren kann, wie Lobbyarbeit, wie überhaupt Voraussetzungen geschaffen werden. Wo das Wissen um Handwerkszeug liegt und wie man daran herankommt. Die ursprüngliche Unsicherheit, worum es im Colab gehen könnte, ist noch nicht ganz gewichen, da beginnt es in meinem Kopf zu brummen. Selbst die Beschränkung auf „Organisationsformen und Durchsetzung“ sprengt eigentlich den Rahmen von drei Monaten. Ich bin gespannt, wie weit wir kommen werden.

Vortrag bei der 0. Spackeriade

Auf der 0. Spackeriade habe ich zu all dem gesprochen, was mir in der Debatte um Post-Privacy bisher fehlt. Vor allem die Prämisse „Mehr Offenheit = weniger Diskriminierung“ ist sehr verkürzt und ignoriert, wie Diskrminierung eigentlich funktioniert. Anschließend habe ich fünf Thesen aufgenommen, die mir immer wieder begegnet sind in Debatten über Post-Privacy, und diese genauer betrachtet.

Die Tonqualität lässt am Ende der Aufzeichnung leider deutlich nach, ich weiß nicht ob das nun schon behoben ist. Aber selbst dann sollte eine Verschlechterung bemerkbar sein.

Ich habe außerdem noch einmal meine Folien überarbeitet. Die Arbeit an einem Blogpost dazu zieht sich bisher noch. Bei der Mädchenmannschaft habe ich schon mal ein anderes Beispiel aufgezeigt – was wir nicht bedenken, wenn wir uns über die Datensammelei von Smartphones unterhalten.

Aus dem Leben einer Feministin: Intersektionalität

Bei Intersektionalität ging es mir lange wie vielen bei mathematischen Konzepten: Zusammenhang gehört, macht irgendwie Sinn, aber der letzte Funke fehlte noch.

Nun habe ich die letzten Tage viel Energie und Zeit auf die Kontroverse mit Rappaport verwandt (z.B. bei der Mädchenmannschaft). Ein Kampf, der irgendwann ermüdend wird und sinnlos scheint. Auf der Facebookseite überwiegen inzwischen die Kommentare mit „man wird doch wohl das N-Wort noch sagen dürfen“ und die meisten Presseberichte gehen in die gleiche Richtung. Weiße Menschen versichern sich allerorten, was nicht rassistische gemeint sei, könne halt nicht rassistisch sein. Im Offline-Leben sieht es etwas besser aus. Anstrengend ist es aber ohne Ende gewesen.

Was hat das nun mit Intersektionalität zu tun? Stop! Talking hat es mir richtiggehend in den Kopf gehämmert: Nach all der Aufregung kann ich nach Hause gehen und der ganze rassistische Scheiß betrifft mich nicht mehr. Sexistische Anfeindungen werde ich nicht los. Aber solange ich mich nicht explizit hinstelle und gegen rassistische Taten etwas sage, kriege ich keine Probleme. Vielleicht sehe ich noch Blackface-Plakate und rege mich darüber auf, aber sie greifen nicht meine Hautfarbe an.

Ich werde weiter Diskussionen aufgedrückt bekommen, ob kurze Röcke vielleicht doch eine Einladung zur Vergewaltigung sind – aber keine Diskussion, ob Schwarze Menschen vielleicht doch dümmer sind als Weiße. Nur, wenn ich dazu ausdrücklich Stellung beziehe und dann stehe ich auf einer ganz anderen Ebene. Anders als in Genderdiskussionen wird nicht mehr über mich geredet, als Weiße steht meine Intelligenz nicht zur Debatte. Wenn ich es mir anders überlege kann ich zurückflüchten in die Facebookkommentarwelt, in der weiße Menschen keine rassistischen Dinge tun.

Als Schwarze Frau könnte ich das nicht. Und ich müsste jederzeit damit rechnen, dass die Frau, mit der ich mich eben noch gegen Vergewaltigungsentschuldigungen eingesetzt habe, nicht gleich doch über meine Intelligenz redet. Genauso wie ich als behinderte Frau damit rechnen muss, dass auch Frauen*-Einrichtungen nicht barrierefrei sind.

Ich weiß, dass es schwer ist, immer mitzudenken, wer wo wie ausgeschlossen werden könnte. Es ist aufwendig, Bilder in Blogposts anständige Alt-Label zu versehen oder Transkriptionen von Audioaufnahmen zu erstellen. Irgendwann rutscht einer doch ein „das ist ja lahm“ heraus oder das Problem einer rassistischen Dekolampe erschließt sich nicht sofort. All das betrifft mich ja nicht. Und genau deshalb ist es so wichtig, trotzdem zuzuhören, Fehler einzugestehen und sich zu kümmern. Am Ende kann ich nach Haus gehen und mich nur noch mit Sexismus herumschlagen. Mehrfach diskriminierte Frauen* können das nicht.


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