Archiv für März 2012

Wie wir echte Rassismusdebatten verhindern

Einerseits scheinen sie derzeit überall zu sein: Rassismusdebatten. Tatsächlich sind es zum größten Teil Abwehrdebatten, man habe das ja nicht rassistisch gemeint und könne sowieso kein Rassist sein. Diese Argumentationslinien kommen nicht von ungefähr. Dahinter stehen ausgefeilte Mechanismen, die ausgerechnet die vermeintliche Aufgeklärtheit als Abwehrargument verwenden.

Zur blackface-Debatte hat Lara-Sophie Milagro einen schönen Text über die Alltäglichkeit von Rassismus verfasst „Die Bequemlichkeit der Definitionshoheit“:

Man muss kein Neonazi sein, um rassistisch zu handeln, genauso wie man kein Frauenhasser sein muss, um Frauen zu diskriminieren. Rassistische Strukturen werden von denen, die sie geschaffen haben, als normal empfunden, genauso wie die ungleiche Behandlung von Frauen lange Zeit gesellschaftlich sanktioniert war. Das, und nur das, ist der Grund, warum struktureller und institutioneller Rassismus in diesem Land nicht auch konsequent als solcher benannt wird: weil er Normalität ist.

Wie perfide inzwischen das System des Benennens von Diskriminierung funktioniert, bzw. nicht funktioniert, hat Teju Cole im Zusammenhang mit der Kony2012-Kampagne beschrieben:

People of color, women, and gays — who now have greater access to the centers of influence that ever before — are under pressure to be well-behaved when talking about their struggles. There is an expectation that we can talk about sins but no one must be identified as a sinner: newspapers love to describe words or deeds as “racially charged” even in those cases when it would be more honest to say “racist”; we agree that there is rampant misogyny, but misogynists are nowhere to be found; homophobia is a problem but no one is homophobic. One cumulative effect of this policed language is that when someone dares to point out something as obvious as white privilege, it is seen as unduly provocative.

Zu Deutsch: Schwarze Menschen, Frauen und Homosexuelle – die heute größeren Zugang zu den Machtzentren haben als je zuvor – sind dem Druck ausgesetzt, sich „gut zu benehmen“, wenn sie über ihre Probleme sprechen. Es gibt diese Erwartung, dass wir über Sünden sprechen können, aber niemand als Sünder_in bezeichnet werden darf: Zeitungen lieben es, Sprüche und Taten als „rassisch aufgeladen“ zu beschreiben, selbst wenn es ehrlicher wäre „rassistisch“ zu sagen; wir stimmen überein, dass Frauenfeindlichkeit weit verbreitet ist, aber Frauenhasser_innen findet man nirgendwo; Homophobie ist ein Problem, aber niemand ist homophob. Ein sich steigernder Effekt dieser kontrollierten Sprache ist, dass wenn jemand es wagt, auf etwas so augenscheinliches wie weißes Privileg zu zeigen, es als unangemessen provokativ aufgefasst wird.

So haben die „Opfer“ des Aufzeigens von Rassismus wenig zu befürchten, wie Kommentatorin Betty bei der Mädchenmannschaft zusammenfasst:

Alles was der Rassismus-Vorwurf – sofern er überhaupt kommt – in der Regel hervorruft, ist persönliche Verletzung und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.

Aber richtig reale soziale Konsequenzen? Meiner Erfahrung nach: nope. Persönliches Beleidigtsein mit Fokus auf den eigenen Nabel? Meiner Erfahrung nach: ja, oft sogar.
Viel eher hat es soziale Konsequenzen für den-/diejenige, der/die den Rassismus in solchen Situationen anprangert: Denn dann ist man ja nervig, anstrengend, stimmungskillend, gemein, ungerecht, übersensibel, spaßverderbend etc etc etc…

Warum „Frauen, kopiert Männer und alles wird gut“ nicht funktioniert

Eben lese ich mich durch den Artikel „Why Women Fail to Rule the Social Networks“ oder auf Deutsch „Warum Frauen es nicht schaffen, über soziale Netzwerke zu herrschen“ (ich mag, wie an dieser Stelle die deutsche Sprache einiges klar stellt). Auf die Frage, warum Frauen soziale Netzwerke nicht so strategisch nutzen wie Männer heißt es:

“Women think too much about the implications everything has and what certain actions might reveal about themselves”, states Verena Delius, CEO of Young Internet.

„Frauen denken zuviel nach über die Implikationen, die alle Sachen haben, und was bestimmte Handlungen über sie verraten könnten“, sagt Verena Delius, CEO von Young Internet.

Bezeichnend ist wieder einmal, dass die Handlungen von Männern ganz selbstverständlich zum Goldstandard erhoben werden, deren Nichtbefolgung durch Frauen erklärungsbedürftig ist.

Noch bezeichnender ist aber, dass in dieser Aussage schon gewertet wird, dass Frauen es falsch machen (später folgen Handlungsanweisungen) und kein bißchen darauf eingegangen wird, dass Frauen verdammt gute Gründe haben, so zu handeln. Denn Frauen sind einem viel höherem Maß an Beurteilung und (negativer) Bewertung ausgesetzt.

Ständig sind wir in einem Spannungsfeld: tragen wir zu „offenherzige“ Kleidung sind wir Schlampen, tragen wir zu konservative Kleidung wirken wir prüde und unnahbar. Bei der Frage nach Kind & Karriere können wir nur zwischen falsch (Rabenmutter die ihr Kind in die Krippe gibt), falsch (Hausfrau und Mutter an die Steuergelder für ihre Ausbildung/Studium verschwendet wurden) und falsch (Untergang der Republik durch Kinderlosigkeit) wählen.

Für Frauen ist fast jede Äußerung ein potentielles Fettnäpfchen, ein Schlagloch, das ihre Karriere ins Schlingern bringt und das in einem Maße, dem Männer nicht ausgesetzt sind. Während vielleicht Singles beider Geschlechter kritisch beäugt werden, rücken Äußerung über (noch nicht vorhandene) Kinder vergebene Frauen in die Schublade „will Kind, wird schwanger werden und lange ausfallen“, potentielle Väter sehen sich dieser Gedankenkette noch lange nicht ausgesetzt.

Die x. Ratschläge an Frauen, Männer zu kopieren, sind schön und gut – lösen aber kein einziges Problem.

Ihr könnt mich hören

Anläßlich des Internationalen Frauen(kampf)tages habe ich einige Interviews gegeben und war der erste weibliche Gast beim Podcast Wir. Müssen reden. Fast alles kann man nachhören, die Frage ist nur, wie lange noch (danke Depublikationspflicht!). Auf on3 lief Frauen im Netz – Im digitalen Abseits oder voll dabei? und auf DRadio Wissen It’s a Man’s World Wide Web. Leider nicht nachhörbar ist vom 9. März im Bayern2 Notizbuch Emanzipation 2.0 – Feminismus im Netz. Und auf goethe.de geht es um Feminismus abseits von lila Latzhosen: „Mädchenmannschaft“ (also available in English).

Außerdem bin ich in den nächsten Monaten bei einigen Podiumsdiskussionen dabei, bisher in Berlin, Bad Boll und Mainz.

This is What a Feminist Looks Like!

Oldie but Goldie!

Niedersachsen. Peinlicher geht immer!

Die Charme-Offensive von Niedersachsen geht weiter. Nicht nur können hier Bürger_innen mittels „Stiller SMS“ überwacht werden und niemand weiß genau, wieviele betroffen sind und wer das wissen könnte – jetzt legt der Beliebteste Innenminister Aller Zeiten noch einen drauf, so das Migazin.

Muslimische Mitbürger_innen stehen künftig unter Dauerüberwachung. Auf „auffällige“ Muslime achten und diese melden sollen Schulen, Jugendämter, Ordnungsämter, Ausländerbehörden, Aufnahmeeinrichtungen, Gemeinschafts­unterkünfte für Flüchtlinge und Asylsuchende, Sozialverwaltungen, Finanzbehörden und sogar Arbeitgeber_innen! Im Zweifelsfall sollen sich diese auch untereinander austauschen. Aber Achtung, das könnte schwierig werden:

Die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus gehe ganz wesentlich nicht nur von Terrorgruppen wie Al Qaida, sondern auch von radikalisierten Einzeltätern aus. Oft handele es sich um vermeintlich gut integrierte Personen mit guten Sprachkenntnissen und guter Schulbildung.

Wie nun sollen ungeschulte Menschen wie Arbeitgeber erkennen, ob eine „vermeintlich gut integrierte Person“ wirklich gut integriert ist oder nicht? Was genau nun Integration bedeutet, darüber streiten derzeit auch Expert_innen. Der – in den Medien völlig falsch zitierte – Report des Bundesinnenministeriums wurde ob seiner einseitigen und veralteten Messung von Integration von Wissenschaftler_innen der HU Berlin kritisiert (PDF).

Was immer wieder betont wurde: „Integrationsunwilligkeit“ korreliert mit dem Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt zu werden und niemals akzeptiert zu werden. Künftig Institutionen von der Arbeitsstelle bis zur Schule einzuspannen, um muslimische Menschen zu überwachen, wird bestimmt total super funktionieren. Wenn man weniger Integration und mehr „Radikalisierung“ möchte.

Bloß nicht zuviel Nachdenken!

Ob die Blackface-Debatte um das Stück „Ich bin Rappaport“ oder nun der Shitstorm gegen E wie Einfach: Für die Medienberichte werden irgendwie immer nur die Pressestellen der betroffenen Unternehmen angerufen, ob Süddeutsche, t3n oder die Financial Times. Nachfragen bei den Kritiker_innen? Fehlanzeige. Zitiert werden lediglich Sprüche von Facebook-Pinnwänden oder aus YouTube-Kommentaren.

Was leider auch nicht passiert: Expert_innen zu den jeweiligen Themen befragen, wie Rassismus- oder Sexismusforscher_innen. Einordnungen der Vorfälle in einen breiteren, gar geschichtlichen, Kontext bleiben aus, die immer gleichen Mechanismen bleiben zugedeckt. Dann wird zurückgezogen, manchmal, und eine Erklärung rausgegeben, „man habe es ja nicht so gemeint“. Echte Auseinandersetzung? Fehlanzeige! Dabei wäre genau das viel wichtiger.

Gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen: Niedersachens Polizei

Einen ausgewachsenen Skandal um einen eigenen Polizeikalender gibt es hierzulande nicht. Denn selbst wenn es auch hier einen sexistisch, rassistisch, homophoben und irgendwie ganz einfach menschenverachtenden Kalender (die Bildergalerie ist inzwischen offline?!) gäbe: Die niedersächsische Polizei würde sicher nichts sagen. „Geheim“ und „unbekannt“ sind nämlich deren Lieblingswörter, wie die taz im Zusammenhang mit Stillen SMS meldet.

Stille SMS werden an Handies geschickt, um diese „unsichtbar“ zu orten – die Nachricht wird nicht angezeigt, aber es entstehen Verbindungsdaten. Das nutzen Sicherheitsdienste in Deutschland inzwischen massenhaft. Wie massenhaft ist allerdings nicht klar, denn das weiß das zuständige Innenministerium selbst nicht so genau.

Und weil die Überwachung an eine private Firma ausgelagert wurde, dürfen die Bürger_innen noch weniger erfahren als sonst. Ihr Anliegen zu erfahren, wer die Steuergelder erhält und nun auch noch eine unbekannte Anzahl an Menschen überwacht, wiegt weniger als die schutzwürdigen Interessen dieser Firma.

Franz Kafka hätte es nicht besser schreiben können.

Früher war alles… äh naja, wie auch immer

Nach dem #e_wie_ekelhaft Shitstorm (worum es ging stand bei der Mädchenmannschaft) war es ja wieder nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand nicht entblödet mit folgenden Kommentar zu kommen:

Wisst ihr was in der Vergangenheit alles in der Werbung gespielt wurde?

Schaltet mal einen Gang zurück….

http://owni.eu/2010/11/08/top-48-ads-that-would-never-be-allowed-today/

Lieber Schlaumeier,

„früher war alles besser“ (oder in diesem Fall, schlechter) ist genau so ein hilfloses Argument wie „aber alle anderen machen das doch auch“ (oder nicht). Besser wäre es, wenn Du mal scharf nachdenkst. Warum wohl ist solch Werbung heute eigentlich uncool?

Wirklich uncool ist sie übrigens nicht, sonst wäre der Ausknock-Spot nie gedreht worden. Aber immerhin, es gab nen Shitstorm. Warum? Richtig, weil es diese Bewegung namens Feminismus gab, die seit Jahren unbequem ist und anprangert, wenn Gewalt gegen Frauen als totaaaal witzig dargestellt wird. Und geändert hat sich nur deswegen was, weil wir immer einen Gang hochgeschaltet haben.

Dass das auch weiter dringend nötig ist, zeigen sowohl die Ekelwerbung von E wie Einfach, wie auch Dein Kommentar.

- hanhaiwen


Getwittert

Flattr this

Vernetzen!

>> Girls On Web Society Girls on Web Society - das Netzwerk deutscher Bloggerinnen
(C) Foto & Illu: Frl. Zucker

Barrierefreiheit

Lizenz

Creative Commons License

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 2.161 Followern an