#Hebammen: Die würdelose Ideenlosigkeit von Politik und Krankenkassen

Ein Koffer mit medizinischen Werkzeugen.

CC BY 2.0 Roberto Verzo

Unter dem nur halb passenden Titel “Hebammen in Not – Hausgeburten vor dem Aus?” ging es am 8. Juli eine Stunde um die aktuelle Situation der Hebammen. Neben Umfragen und Elterngesprächen gibt es auch ein Gespräche mit Katharina Jeschke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbands, Edgar Franke (SPD), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag, und der stellvertretenden Pressesprecherin des Spitzenverbandes der Krankenkassen, Ann Marini. Gleich ab Minute 4:50 sagt diese, dass freiberufliche Hebammen in Deutschland vielleicht einfach alle ihren Beruf an den Nagel hängen sollten. Weil es kein Geld gibt. Die Hebammen müssten sich fragen „lohnt sich das finanziell?“.

Eine Aussage, die erstmal so stehen darf, bis ein Anrufer(!) nachfragt und darauf hinweist, dass doch der Spitzenverband der Krankenkassen eine gesellschaftliche Verantwortung hat und auch die Gebührenordnung mitgestaltet. Da windet sich Frau Marini heraus, die Hebammen müssten das halt durchrechnen – was durchaus klingt, als seien Hebammen entweder zu doof zum Rechnen oder zu faul. Dass die Rechnungen des Spitzenverbands unrealistisch sind, hat der Journalistinnenbund bereits nachgerechnet. Außerdem, so Marini, sollten die Hebammenverbände bessere Konditionen aushandeln. Edgar Franke erklärt das ebenfalls. Unerwähnt bleibt, dass es sich bei den Hebammenverbänden und dem Spitzenverband um sehr ungleich große und mächtige Verhandlungspartner handelt.

Was zusätzliche Arbeit bedeutet: Neben den finanziellen Verhandlungen sind auch eine Reihe an weiteren medizinischen Regelwerken in der Diskussion sowie die ungeklärten Rahmenbedingungen des Sicherstellungszuschlags. Besonders debattiert wurden in der Sendung dann die Qualitätskriterien für Geburtshäuser und zukünftig Hausgeburten. Die sind wissenschaftlich nur bedingt abgesichert, da Geburtshilfe ein schlecht erforschtes Feld ist. Neu hinzu kommen soll die Einschätzung von Frauenärzt_innen, die damit auch in die Haftung genommen werden könnten. Auf der „anderen“ Seite, nach der Geburt und bei Geburtsfehlern wird es den „Regressverzicht“ und damit eine Unterscheidung zwischen grober und einfacher Fahrlässigkeit. Eine Entscheidung des Bundestags und etwas, dass so noch nirgendwo in der Medizin vorgenommen wird. Laut dem Westen kein Anreiz, wieder neue Haftpflichtversicherungen einzuführen (es gibt inzwischen nur noch ein Angebot) – aber eine Steilvorlage für Gerichtsprozesse zwischen Kassen und Hebammen bei jedem Schadensfall. Das bleibt unerwähnt, genau wie die Angst vieler Hebammen, auch um Sicherstellungszuschläge und Qualitätskriterien ständig vor Gericht zu stehen.

Ein weiterer Anrufer hakt nach, wie die Hebammen künftig die Vorsorge und Wochenbettbetreung stemmen sollen? Hier, wie an anderer Stelle, erklärt Marini, die Freiberuflichkeit sei ein Problem. Den Versorgungsauftrag hätten die Hebammen und Kliniken, die müssten sich nun kümmern, das Wochenbett zu betreuen, sie selbst und die Krankenkassen hätten keine Ideen. Aber es gäbe nicht zu wenige Hebammen, sondern nur ein Verteilungsproblem. Jeschke hält später dagegen: Maximal gäbe es eine Hebamme auf 65 Gebärende, in Norwegen eine Hebamme für nur 15 Gebärende. Wie also könnte individuelle Geburtsbegleitung aussehen? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Spätestens jetzt wird deutlich, wie die Hebammenfrage ein Vorzeigebeispiel für die Politik Angela Merkels ist. Getan wird nur das Allernötigste, politische Visionen fehlen. Was es gibt, ist des Begriffs Vision nicht würdig: Wer aufgibt, hat nicht hart genug gearbeitet oder wohnt am falschen Ort. Es fehlt der Blick für Geschlechtergerechtigkeit, wenn die aufgebenden Hebammen oft selbst Mütter sind. Die intime Arbeit der Geburtsbegleitung soll vom Kapitalismus gelöst werden; irgendwer müsse nur das Geschäftsmodell entwickeln. Vielleicht tut er das irgendwann, aber von Haarshampoo bis Diätzeitschriften verkauft der Kapitalismus Frauen seit Jahrzehnten vor allem Dinge, die er vorher als Defizite ausgemacht hat. Das lässt nichts Gutes ahnen für die Geburtsbegleitung. Wer bis dahin den Beruf aufgegeben hat oder von der Geburt traumatisiert wurde, hat halt persönlich Pech gehabt. Die Menschenwürde der Einzelnen fällt unter den Tisch, seien es die Mütter, die Väter, die Babies, die Hebammen oder Geburtspfleger.

Neben dem Irrlichtern der Politik wird mit diesem Beitrag auch die Hilflosigkeit der Medien deutlich. Das Interesse ist, wie die zahlreichen Anrufer_innen beweisen. Ab Minute 33 gibt es ein leidenschaftliches Plädoyer einer Elternvertreterin. Dennoch ist das Thema in sechs Jahren kaum einmal in den Fernseh-Talkshows gewesen. Wo sind die Interviews, die Kanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Hermann Gröhe, die Vorstände der Krankenkassen und des Spitzenverbands der Krankenkassen in die Pflicht nehmen? Die langen Hintergrundartikel über die Entwicklung der Hebammenkunde von Anno dazumal bis heute und die wirtschaftlichen Analysen für neue Beschäftigungsmodelle?

Da sind die Facebook-Diskussionen auf den Hebammenprotestseiten weiter und zeigen: Alternativen zur Freiberuflichkeit sind unrealistisch. Auch die Hebammenpraxen schließen und alle Ideen in Richtung der mobilen Pflegedienste sind Hohn, wenn zeitgleich der #Pflegestreik läuft. Wenn der so schnell in Medien und Politik ankommt, wie einst die Hebammenkrise, wird diese Erkenntnis allerdings noch Jahre auf sich warten lassen. Wohnheime für Schwangere, analog zu Pflegeheimen, gibt es inzwischen in Gegenden ohne Geburtstationen. Doch die werdenden Eltern sind überraschenderweise wenig begeistert und jede zehnte Geburt passiert auf dem Weg ins Krankenhaus, auf der Autobahn oder im Hubschrauber. Ist das wirklich günstiger?

Das sind Fragen, auf die ich nach sechs Jahren endlich Antworten möchte.

PS: Einen weiteren aktuellen Beitrag gab es bei Mona Lisa, die die Schwierigkeiten bei der Hebammensuche für die Nachsorge zeigt und die Unterversorgung in Münchner Geburtstationen.

Bringt der Politik die Elternsorgen! #Hebammen

Auf einem Kanaldeckel einer Straße ist ein rosa Batzeichen.

Bat-signal: Der Ruf nach Hilfe

Morgen ist der 1. Juli 2015, ein weiteres Mal steigen die Haftpflichtprämien für Hebammen. Wieder werden zahlreiche Hebammen ihren Beruf aufgeben, die Betreuung vor, während und nach Geburten schwieriger werden. Die vom Gesundheitsministerium versprochenen Verbesserungen sind ausgesetzt, solange die Schiedsstelle wieder einmal zwischen Hebammenverbänden und dem Spitzenverband der Krankenkassen vermitteln muss: Der umstrittene Sicherstellungszuschlag kommt nicht, die Prämiensteigerungen auch nicht.

Das Hebammenblog hat vor einer Weile einen Offenen Brief gepostet und in Auszügen Anfragen veröffentlicht, die von werdenden Eltern eingehen, denen sie schon Monate im Voraus absagen muss.

All diese Anfragen, die Absagen und die Nachfragen zu Brustentzündungen, schreienden Neugeborenen und Schmierblutungen – schickt sie endlich nicht nur den Hebammen. Schickt sie dahin, wo die Politik passiert.

Schickt sie zu Minister Gröhe und seinem Gesundheitsministerium. Fragt, warum die Webseite seit dem 9. März nicht aktualisiert wurde und von Verbesserungen spricht, die ab morgen gar nicht eintreten.

Schickt sie an Ministerin Schwesig, damit das Kinder- und Familienministerium aus dem Knick kommt und Verantwortung für Familien und Kinder übernimmt.

Schickt sie an den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen und erinnert daran, dass es bei allen Wirtschaftlichkeitsgeboten um einen menschenwürdigen Start in das Leben geht.

Vielleicht schafffen 500.000 Mails mit Fragen und Sorgen an die Ministerien und Gesundheitsverbände, was sämtliche Petitionen bisher nicht geschafft haben und bringen eine längerfristige Lösung.

Kontaktdaten:
Gesundheitsministerium anmailen, antwittern (gerne auch direkt Minister Gröhe) oder bei Facebook anschreiben.

Familienministerium anmailen, antwittern (gerne auch direkt Ministerin Schwesig) oder bei Instagram anschreiben.

Den GKV-Spitzenverband anmailen oder seinen Sprecher Florian Lanz antwittern.

Vom Vergessen und Erinnern feministischer Kritik

Der Blick aus einer alten dunklen Bahnhofshalle auf überwuchertes Industriegelände.

CC BY-NC-ND 3.0 johanna

In der aktuellen Anschläge geht es um die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass feministische Interventionen wieder ausradiert werden und Frauen aus der Geschichte geschrieben werden. Und dann wird die Frage einmal umgedreht. Warum passiert das eigentlich? Wie Karina Korecky habe ich keine Antwort (zumindest keine, die über „Patriarchat“ hinausgeht), aber eine These. Denn auch das Eskalieren inner-feministischer Kritik wird angesprochen und die Angst, nur noch durch­re­flek­tierte Aussagen abgeben zu dürfen, weil jeder Fehler zum Shitstorm führen könnte. Sowohl die Kritik als auch die Angst vor ihr sind Symptome genau dieses Systems des Aus­löschen und Nicht-Erinnerns und des ständig wieder­holten, mühsamen Wieder­er­innerns. Praktisch fängt jede_r Feminist_in von vorne an und muss sich alles er­ar­bei­ten. Und dann wird es irgendwann ermüdend, wie sich die Debatten wieder­holen, wie die immer gleichen Medien­mechanismen greifen, wie Jahr um Jahr Dinge „neu“ entdeckt werden. Aber Kritik an denen, die erst am Anfang stehen, muss den Kreis­lauf des Ver­gessens und Erinnerns mitdenken und benennen, wenn sie ihn durch­brechen will. Erst dann können wir* konstruktive Lösungen erarbeiten und umsetzen. PS: Die Anschläge und ihr Titelthema „Herstory“ zu feministischer Geschichts­schrei­bung ist auch ansonsten eine Lese­empfehlung. Weitere Artikel drehen sich um (nicht nur Frauen-) Stadt­spazier­gänge, um Geschichts-Digitalisierung vs. Copyright und Angst vor dem Internet, um Kritiken am weißen Mittelschichts­feminismus, der noch am ehesten wahrgenommen wird. PPS: Irgendwo stehen bestimmt genau diese Über­legungen schon, nur dass ich sie nicht gesehen habe.

Hebammendebakel 2015

[Anmerkung zum Inhalt: Es geht auch um Gewalt bei Geburten.]

Hallo und herzlich Willkommen zur wiederholten Ausgabe von „Es ist Internationaler Hebammentag und in Deutschland sieht die Lage beschissen aus“. Wie genau die aussieht, ist in den vergangenen Tagen in den Medien unüberraschend eher unter­gegangen*, aber es gibt eine neue Petition. Es muss also scheiße sein. Trotzdem ließe sich bequem der Artikel von 2014 recyclen (inklusive Vorrats­daten­speicherung!):

Ich musste mir anhören, dass „das Problem bekannt sei“ und dass das bereits es „ein Erfolg sei“. Stattdessen hat dieses Land in den letzten vier Jahren ein Leistungs­schutz­recht bekommen, die grundgesetzwidrige Vorrats­daten­speicherung kehrt wie ein Zombie jährlich auf die politische Agenda zurück und die Praxis­gebühr wurde abgeschafft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg – das demonstrierten uns die Regierungen immer wieder eindringlich.

Bei den Hebammen fehlt der Wille. Daran änderte die Rekord-Petition 2010 im Bundestagssystem so wenig wie über 400.000 Zeichnungen letztes Jahr bei Change.org. Denn bei den Hebammen zeigt sich, wie kaputt unser Gesundheitssystem ist, weil Wirtschaftlichkeit vor Menschenwürde geht.

In die Individualität und Intimität des Gebärens wird durch die begründete Angst vor Schadens­ersatz­forderungen bei „Norm­abweichungen“ heute oft eingegriffen – seitens der Krankenhäuser und seiner[sic] Mitarbeiter_innen. In der aktuellen Verhandlungsrunde rückt dies weiter in den Fokus. Die Kranken­kassen wollen die Leistungs­übernahme bei Geburten außer­halb von Krankenhäusern reduzieren und an Auschluss­kriterien knüpfen. Wissenschaftlich abgesichert sind die diskutierten Vorschläge nicht, sondern Verhandlungs­masse im Konflikt von Krankenkassen und Verbänden. Vor allem werden sie den Entscheidungs­spielraum der Hebammen und Gebärenden stark eingrenzen. Gesucht wird Rechtssicherheit durch quantifizierbare Auflagen statt individueller Geburtsbegleitung.

Dass es um Würde geht, zeigen gerade wieder** die Geburtsgeschichten, die Eltern und Hebammen teilen. So begann es bei von guten Eltern:

Meist dominierten aber Angst und Zeitdruck das Geschehen. Und Angst vor wirklichen Katastrophen, vor Klagen oder auch „nur“ von der Rechtfertigung in der morgendlichen Teambesprechung. Auch ich habe Frauen mitten im guten Geburtsverlauf aus der Wanne “gezerrt”, weil der Oberarzt im Dienst war, der keine Wasser­geburten mochte. Ich habe Frauen zum Kaiserschnitt vorbereitet, obwohl ich sehr sicher war, dass mit etwas mehr Zeit und Ruhe dieses Kind sicher spontan geboren werden kann. Ich habe Wehentröpfe angehängt, die der Beginn von Interventions­kaskaden waren, die viel zu oft in einer operativen Geburt endeten. Ich habe Geburts­einleitungen mit begleitet, für die es keinen wirklich medizinischen Grund gab, das Kind schon so früh auf die Welt zu schubsen. Ich habe das getan, was so viele Kolleginnen tagtäglich tun: Entscheidungen mitzutragen, die sie innerlich nicht vertreten können. Aber es gibt Leitlinien, Anordnungen von Ärzten, finanziellen Druck von der Krankenhausleitung. Viele Dinge, die die Geburt beeinflussen und vor denen wir die uns anvertrauten Frauen als Hebammen immer schwieriger beschützen können.

Und es geht weiter in den Kommentaren:

Ich bin selbst Hebamme und arbeite in einer großen Klinik. All das was du beschreibst kenne ich sehr gut und auch mir zerreißt es manchmal das Herz. Die Frau die mich anfleht den Kreißsaal nicht mehr zu verlassen, weil sie Angst hat und ich muss trotzdem gehen, weil im Nebenraum die andere Frau ebenfalls gerade presst. Die Frau die weinend auf dem OP Tisch hockt weil ihre Geburt nach unendlichen langen Stunden nun doch im Kaiserschnitt endet.

Bis hin zu richtig üblen Erzählungen***:

Ich sitze hier mit Tränen im Gesicht und meiner 5 Monate alten Tochter im Arm.
Ich oder viel mehr wir, mein Mann, meine Tochter und ich, brauchten lange um die Geburt zu verarbeiten. Schön und besonders war sie nicht auch nur im geringsten. Ich hatte so viele Menschen, die ihre Hände in mich hinein steckten, dass ich es irgendwann akzeptierte und nach 12 Std im Kreissaal, war es irgendwann auch egal. Man hat mir einen Tropf und eine Spinalanästhesie gelegt, obwohl ich mein Kind ohne jegliche Hilfe gebähren wollte und man hat sie so aus mir heraus gedrückt, dass ich noch Tage später Schmerzen am Rippenbogen hatte und meine Tochter ein gebrochenes Schlüsselbein. Man hat meine Beine wie Hebel benutzt, also wolle man das Kind heraus hebeln.

Nicht erst bei derartigen Gruselstories erscheint die Geburtshilfe immer mehr wie eine Geburtsindustrie, die möglichst günstig und berechenbar ablaufen soll. Dagegen ändert sich das Feld der Schwangeren deutlich. Bevorzugt fortzupflanzen hatten und haben sich gebildete, heterosexuell verheiratete, körperlich und geistig gesunde, weiße Frauen – aber dieses Bild ist heute noch weniger repräsentativ, als es je war.

Transmänner dürfen endlich schwanger werden (und Transfrauen Kinder zeugen). Viele Schwangere sind eh unverheiratet. Gleichgeschlechtliche Paare gründen Familien, es gibt Co-Elternschaft, es gibt Schwangere mit Behinderungen. Von guten Eltern verweist noch auf die Frauen, die bereits sexualisierte Gewalt erfahren haben und bei einer Geburt retraumatisiert werden könnten.

Wenn wir all diese Eltern würdig behandeln wollen und ihren Babies einen guten Start ins Leben geben wollen, dann brauchen wir individuelle Betreuung, Zeit und geschultes Personal. Das kostet Geld. Die Frage ist, ob unser Nachwuchs uns das wert ist.

______________
* Weder bei der tagesschau, noch Spiegel Online oder der taz lässt sich mit dem Suchwort „Hebamme“ ein Artikel zur aktuellen, gescheiterten Verhandlungsrunde mit den Krankenkassen finden.

** Ebenfalls medial unbeachtet wurde vor einem Jahr über #selbstgeboren diskutiert.

*** Über Geburtstauma gibt es tatsächlich einen fast aktuellen Artikel bei Spiegel Online, der allerdings keine Übergriffe dokumentiert und stattdessen das Problem auf die Gefühle der Schwangeren reduziert. Aber hey, immerhin wird anerkannt, dass es Probleme gibt, Fortschritt und so.

März: Body positive Practice Month

Eine gezeichnete Frauenfigur macht eine Brücke, ihre roten Locken hängen herunter. Auf dem Boden steht: Body positive Practice Month

Bild von @distelfliege

Den März haben Wurzelfrau und Distelfliege als Body positive Practice Month ausgerufen:

In diesem Monat, März, soll es also darum gehen, wie wir mit unseren verschiedenen körperlichen Vorraussetzungen etwas Aktives tun, die Praktik, die uns gut tut, was dazu für Gedankengänge entstehen- wie das vielleicht auch unsere Sicht auf unseren Körper verändert / hat. Jede_r die_der Lust hat, kann gern mitmachen. Ihr dürft die Grafik gern mitnehmen und auch etwas dazu posten oder sie einfach einbinden und auf diesen Artikel hier verlinken. Ich freue mich, wenn ihr dabei seid! <3

Für den Start hat ryuu ihre Rahmenbedingungen abgesteckt, was mir so gefallen hat, dass ich die Idee hier aufgreife.

Was ich mache
Derzeit vor allem Jillian Michaels-Workouts und gehe öfter saunieren. Ich suche ein neues Fitness-Studio und schwimmen möchte ich auch mal wieder.

Meine Vorerfahrungen und Voraussetzungen
Von Judo über Touch Rugby bis zum Reiten habe ich schon viel ausprobiert. Seit über zehn Jahren bin ich immer wieder in Fitness-Studios um meinen Rücken und Oberkörper zu stärken. Lange war das mehr generelle Vorbeugung und Kräftigung, inzwischen ist es eher „Sport gegen Schmerzen“, was auf Dauer eine Motivationsbremse ist. Dass ich mehrfach umgezogen bin und danach jedes Mal neue Sportstätten und betreunde Ärzt_innen suchen musste, ist irgendwann auch nicht mehr aufregend, sondern anstregend. Gerade bin ich durch meinen Jobwechsel wieder an diesem Punkt.

Selbst als schlanke Frau ist Krafttraining so eine Sache für sich. Als Ziel wird immer erstmal „Gewicht verlieren“ angenommen und „nein, ich möchte meinen Oberkörper trainieren“ gibt andere Geräte- und Trainingsempfehlungen als bei Männern, damit die Muskeln nicht zu doll sichtbar werden. Geschlecht muss schließlich gemacht werden.

Baustelle
Ich brauche einen neuen Tages- und Wochenrhythmus. Bisher bin ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, diese tägliche Bewegung ist weggefallen. Es muss eine neue praktikable Lösung her, bevor das Aufraffloch zu groß wird.

Sportliche Ziele/Was ich mit dem Sport will
Hm? Außer Schmerzfreiheit nicht viel. Streß abbauen und mich wohl fühlen.

Oh ein Blogstöckchen über Bücher!

Großaufnahme eines Bücherregals mit den folgenden RÜcken: "Out" von Natusuo Kirino, "Villain" von Shuichi Yoshida, "A loyal character dancer" von Qiu Xiaolong, von Tess Gerritsen "Body Double", "The Bone Garden", "Vanish" und "The Mephisto Club", von Lindsey Davis "Poseidon's Gold" und "Nemesis", "Believing the Lie" von Elizabeth George, "Blumen für das Grab" von Ann Granger und "Kalte Asche" von Simon Beckett.

Das mit den Bücherstöckchen ist ja leider nichts, bei dem ich immer fix reagieren würde und trotzdem kriege ich sie immer wieder ab… Prinzipiell gibt es die „Noch zu lesen“-Liste bei Goodreads, hier nun fünf ausgewählte Bücher:

Das NEIN weiterdenken.

Hannah Rosenblatt hat über das Nein-Sagen und Nicht-tun geschrieben. Eine treffende Beobachtung stach mir ins Auge:

Mein so starkes Nein, wird vom Kapitalismus zum “Bitte überzeug mich” gemacht.
Erst hieß es, das Ziel des Kapitalismus sei es, eine Struktur zu erschaffen, die jedes Bedürfnis und Wünschen erfüllt. Heute geht es darum Bedürfnisse einzureden und Wünsche zu wecken, damit die Struktur wachsen kann.

Dass ein Nein kein Nein ist, nicht ausreicht oder anerkannt wird, ist jeden Tag zu sehen. Mal wieder bin ich auf Twitter von jemanden weiter angeschrieben worden, der mein Nein nicht anerkennen wollte. Auch lange geblockte Maskus provozieren, um in meinen @-replies aufzutauchen und wenn es über Dritte ist. Kein Nein von mir ist nein genug. Zwei Freundinnen schützen ihre Twitter-Account, als letztem Nein gegen diejenigen, die in einer Frau mit (anti-rassistischer, feministischer) Meinung ein konsumier- und debattierbares Objekt sehen.

Und dann all diese Artikel, in denen Heteromänner Händchen halten müssen, um von der Existenz von Homophobie überzeugt zu werden. Nicht-muslimische Frauen ein Koptuch tragen müssen, um von der Existenz anti-islamischer Hetze überzeugt zu werden.

Apropos: Alleine im Januar habe ich sieben neue Artikel und Berichte über Diskriminierung, Vorurteile und Doppelstandards gefunden. Ein Nein, auch wenn es nicht als solches verstanden wird.

Und sonst so? Das war 2014 und wie es weiter geht.

Auf schwarzem Grund ist eine Ansteckbrosche, eine pinke Sonnenbrille.

Ein 80er Original

Seit Anfang des Jahres habe ich auch mal einen Instagram-Account, was diese Arbeit deutlich erleichtert hat.

Über einen Fluss geht eine Brücke mit mehreren Bögen. Am Ufer steht ein Tisch mit Teeglas. Auf der anderen Seite sind Restaurants.

Zhūjiājiǎo

Reise: Es ging nach China. In die Verbotenen Stadt, auf die Chinesische Mauer, nach Zhūjiājiǎo und ich habe den 1. Mai in Shanghai am Bund überlebt. Ich vermisse Jiǎozi, Bāozi und Western Food auf dem immer ein Spiegelei ist. Es war eine Idee, die ich schon sechs Jahre hatte und dann wurde sie Realität. Umwerfend.
Außerdem mein erster Vortrag in Essen. Jede Fahrt durch den Flächenstadt-Pott ist für mich Schleswig-Holstein-Flächenlandkind ein Erlebnis.

Veranstaltungen: Durch die Reise habe ich die Re:publica verpasst und war stattdessen auf dem Hackover und der Maker Faire in Hannover, dem BarCamp Braunschweig und dem AdaCamp in Berlin. Letzteres war eines der besten Erlebnisse und ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte.

Auf einem pixeligen Display sind Farbspuren von rot über grün bis gelb. Am Rand steht „A Stratum 0 PRODUCTION – ENTE – SCHWEIG“

Balkon: Nie wieder eine Wohnung ohne Balkon. Warm angezogen kann eine das ganze Jahr dort sitzen. Mit Sonne und einer Unmenge an Pflanzen ist es noch viel, viel schöner. Außerdem gab es viel zu essen: Gurken, Radieschen, Salat, Chilis, Erdbeeren. Nomnomnom.

Erwachsen: Ich bin 30 geworden. Das fühlt sich irgendwie anders aber und dann überhaupt nicht. Das Leben geht ja weiter und ich freue mich auf den 31. Geburtstag. Und den 32. und den 33. Jedes Mal ein guter Grund für eine Party mit Freund_innen.

Ein Buch mit dem Titel “African American Women Chemists”, darunter sind schwarze Chemie-Studentinnen zu sehen.

Popkultur: Mit herzteile habe ich ein wunderbares Team zum Bloggen über Computerspiele gefunden. Ein Jahr Chaos und kein Ende. <3 Ansonsten habe ich hier einige TV-Serien vorgestellt, gestern meine Film-Empfehlungen gesammelt und den Comics-Sci-Fi-Sachbuch-Stand gibt’s auf Goodreads.

Mein Blog: Dafür hatte ich im Laufe des Jahres immer weniger Zeit. Bis immerhin Ende November habe ich die wöchentlichen Linksammlungen geschrieben – vor allem als Schreibübung für mich. 2015 will ich wieder starten wie 2014 und Euch die besten Serien unterjubeln. The Fall, Nikita, Prime Suspect

Arbeit: 2014 war sehr, sehr anstrengend. Nun sage ich der Befristungsmisere des Öffentlichen Diensts adieu und beginne ein Volontariat. Alles auf Anfang in 2015!

Filme! Angeschaut in 2014

Angespornt von einer App, mit der ich meine „Anzusehen“-Liste digitalisiert habe, habe ich dieses Jahr a) endlich wieder ein paar Filme gesehen und kann b) nun sogar darüber bloggen, welche ich empfehle. Viele Ideen habe ich von Bitch Flicks gehabt und gerade Mediathek-Empfehlungen kamen über Twitter rein. Nicht zuletzt seit der China-Reise standen auch einige asiatische Filme auf dem Sendeplan. Viele der Dokumentationen sind im Internet umsonst anzusehen oder immerhin zu erwerben.

  • Chisholm ’72
  • Shirley Chisholm war 1972 eine der Kandidat_innen in der Demokratischen Partei für die US-Präsidentschaftswahlen. Als einzige Frau, schwarze Frau, in einer See aus weißen Männern. Ihre Reden sind präzise, mitreißend und werden (leider) auch 2015 aktuell sein.

  • Pussy Riot: A Punk Prayer
  • Auch bei Bitch Flicks gefunden (am Rest der Liste arbeite ich noch…) Fand ich eine schlüssige Zusammenfassung des Prozesses.

  • Transgender Parents
  • Ein Tip der Fuckermothers. Über Väter mit Gebärmutter, stillende Transfrauen und die immer noch allzu reale Gefahr, die eigene Familie zu verlieren. Ggf. ein Taschentuch bereit legen.

  • What is new in African feminisms, pop, people and politics?
  • Zufallsfund auf Mon pi Mon einer Podiumsdiskussion von Nana Darkoa Sekyiamah mit Meklit Hadero, Rita Ray, Jessica Horn und Pontso Mafete über afrikanische Feminismen und feministische Geschichte. Mit einem deutlichen Aufruf, sich an die vielfältigen Vorgängerinnen zu erinnern und statt einer, viele Geschichten zu schreiben.

  • For my Sisters
  • Auch für ansonsten Nicht-Jazz-Fans interessant: Eine Reise mit Carole Alston durch das Jazz-Age, auf den Spuren von vier Sängerinnen. Alberta Hunter, Sarah Vaughan, Carmen McRae und Nina Simone. Lief auf 3sat und wird sicher irgendwann wiederholt.

  • War Zone
  • Diese Doku zu Belästigung im öffentlichen Raum hatte ich bereits hier im Blog empfohlen.

  • Women in Space
  • Eine der Makers-Dokumentation über Frauen in verschiedenen Bereichen. Hier über ihre Rolle in der Raumfahrt, die (nur aufgrund ihres Geschlechts) abgelehnten ersten Astronautinnen und das alles erzählt von Jodi Foster!

  • Man for a Day
  • Habe ich nur zwei Jahre für gebraucht, den zu mal zu schauen… Und nun große Lust, selbst einmal einen von Diane Torrs Workshops zu besuchen.

  • To Kill a Sparrow
  • Bei der New York Times gesehen: Eine Doku aus Afghanistan über eine junges heterosexuelles Paar, das aufgrund von „Moralverbrechen“ im Gefängnis landete. Als Moralverbrecherinnen werden dort derzeit viele Frauen verurteilt, die sich Gewalt widersetzen.

  • To be Takei
  • Auch dazu hat Bitch Flicks schon alles gesagt… Ein interessanter Einblick in George Takeis Leben und seinen Einsatz für Menschenrechte. Highlight, nicht nur für Trekkies: Nichelle Nichols’ Side-Eye gegenüber William Shatner.

  • GTFO
  • Hab ich Euch bei herzteile bereits empfohlen. Unbeabsichtigt relevant, wie es bis heute für Frauen als Gamerinnen aussieht.

  • Gaming in Color
  • Ebenfalls ein herzteile-Tip, über queere Spieler_innen.

  • The Soong Sisters
  • Verfilmung der Leben der drei einflussreichen Politikerinnen und Schwestern, zwischen Ende der letzten Dynastie und der Gründung sowohl der kommunistischen Volksrepublik China als auch der Republik China (Taiwan).

  • Woman Avenger
  • Wie auch die beiden nächsten Filme auf Empfehlung von Jezebel. Dieser mit Triggerwarnung zu sexualisierter Gewalt. Dafür viel weibliche Solidarität.

  • Come drink with me
  • Cheng Pei Pei (Zhèng Pèipèi) kennt ihr hoffentlich aus Crouching Tiger, Hidden Dragon.

  • The Crane Fighter
  • Mädchen dürfen kein Kung-Fu lernen? Pff, dann bringen sie es sich halt selbst bei.

  • The Four-Reihe
  • Ja. Ähm. Das lief halt im Flugzeug und bei Kung-Fu mit etwas Steampunk kann ich leider nicht nein sagen.

  • The Castle of Crossed Destinies
  • Die Idee klang spannend: Nach einer Epidemie, die nur Männer hingerafft hat, wird im historischen Japan ein Matriarchat eingerichtet. Allerdings geht es dann im Film nur um die Ränkespiele der männlichen Konkubinen und nicht um die von Frauen betriebene Wirtschaft und Politik. Der ursprüngliche Manga hat mich dann mehr angesprochen.

  • Agent Carter
  • Marvel, get your shit together. Ein Kurzfilm mit Agent Carter macht noch keinen Abend. Mal sehen, wie die Serie dann wird…

Und bereits ein Tip für 2015: Arte wiederholt am 2. Januar Mein Leben zwischen den Geschlechtern (Orchids: My Intersex Adventure). Dann auch bis zum 9. Januar in der Mediathek.

Links! Wonder Woman, Astronautinnen und mehr.

Vor dunklem Hintergrund sind bunte Leuchten eines Tetrisspiels.

Endlich ein gutes Foto vom Türtris.

Bitch Flicks widmete sich gerade dem „Terror kleiner Mädchen“. Der Verlust der kindlichen „Unschuld“ als Verarbeitung der Veränderungen, die die Frauenbewegung brachte.

Buhu DC. Was macht ihr nur mit Wonder Woman. Ein Teddybär im Flugzeug? The Mary Sue hat außerdem einen langen Überblick über die verschiedenen Herkunftsgeschichten und warum der Film nicht die aktuelle nehmen sollte.

Statt Gemeinschaften zu pflegen, drängt Twitter neuen Nutzer_innen verstärkt Promis und Marken auf. Das passt zum Gesamtbild, in dem Belästigung toleriert wird.

Was sagen eigentlich selbst gut-gemeinten Diskussionen mit Hasskommentatoren? Dass Menschen sich mit ihnen beschäftigen, statt mit anderen. Die dann vermutlich nicht mehr kommen. Was also tun? Zwei Vorschläge am Beispiel von GitHub.

Wissenschaftliche Zeitschriften sind ein Geschäft, das an vielen Stellen reformiert gehört. Neben Journals, die Kontrollmechanismen faken, ist auch Sexismus völlig ok – wenn er sich nicht gegen konkrete Personen richtet, sondern einfach so geschrieben wird.

Und dann schreibt der Guardian über die vielen kleinen Vorfälle, die Frauen aus technischen Branchen vertreiben. Grundlage ist eine Studie unter Leser_innen zu Sexismus. Was nicht fehlt, sind übrigens Kinderbetreuungsplätze.

Für Mädchen hat Autostraddle 51 Geschenke zusammen gestellt, die Wissenschaft unter den Weihnachtsbaum bringen. Eine Ergänzung: Ein leuchtendes Häuschen, gebastelt mit leitfähiger Farbe.

Der Business Insider hat über die US-Amerikanerinnen geschrieben, die ursprünglich Astronautinnen werden sollten. Aber dann aufgrund sexistischer Vorbehalte auf dem Boden blieben, obwohl sie meist bessere Leistungen als die Männer zeigten. Interessant ist auch die Dokum Women in Space mit Jodi Foster als Erzählerin.

Die Astronautin Samantha Cristoforetti hat derweil erklärt, wie Menstruation im All funktioniert. Wie auf der Erde auch.

Nicht ganz die Geschichte von Geekfrauen, aber viele gute Links für Nerdetten brachte das Bitch Magazine.

PS: Herzteile ist jetzt ein Jahr und sieht noch schicker aus. Happy birthday!