Links! Bevor ich mal weg bin.

Ausschnitt aus einem chinesischen Visum

再见!

  • Die University of Wisconsin richtet das erste us-amerikanische Post-Doc-Programm in feministischer Biologie ein. Dass ein kritischer Blick auf von Geschlechterverhältnissen eingefärbte Forschung auch 2014 noch notwenig ist, zeigt nicht zuletzt die penis-fixierte Berichterstattung über das neu-entdeckte Gynosom.
  • Die murkselige Entscheidung über patentierte Gene hat Orphan Black in der 2. Staffel aufgegriffen. Aisha Harris zieht außerdem die Verbindung zu den Kämpfen von Frauen um reproduktive Rechte und körperliche Autonomie.
  • Erkenntnisse aus der Wissenschaft, über das bisher kaum erforschte Leben minderjähriger Sexarbeiter_innen in den USA. Die gute Nachricht: sie sind viel seltener unter der Knute böser Zuhälter als befürchtet. Die schlechte: Obwohl Viele aufhören wollen, gibt es keine einfache Lösung, ihnen zu helfen. Eine Re-Kriminialisierung oder die verstärkte Verfolgung von Zuhältern oder Kunden würde den Betroffenen das Leben nur deutlich schwerer machen.
  • Kate Losse über die Geschichte der Brogrammer, die eine sich-selbst-erfüllende Prophezeiung wurden und nun auch als Abgrenzungsmechanismus für die „guten“ Programmierer dienen.
  • Und täglich grüßt der Rechtsstaat: Der Geschäftsführer einer Onlinewerbefirma ist mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen, obwohl ihn seine Kamera in seinem Schlafzimmer bei aufgenommen hatte, wie er seine Freundin brutal misshandelt.
  • Weiße Menschen, die sich „Schlitzaugen“ ziehen, verstärken rassistische Stereotype, auch „sexy Geisha“-Kostüme werden kritisiert. Ein handliche Übersicht schafft Klarheit, welche Praktiken kulturelle Aneignung bedeuten und was Respekt für andere Kulturen beinhaltet.
  • Das .dpi – Feminist Journal of Art and Digital Culture sucht Beiträge für Ausgabe 30 zum Thema „Cyber Surveillance“. Schwerpunkt ist die „Informatisierung von Körpern“.
  • Nun hat Amazon auch noch Comixology (die beliebte Comic-App) gekauft. Wird es für kleine Comicbuchläden das Aus bedeuten, wie zuletzt für kleine Buchläden? Oder haben die Comicläden vielleicht noch ein ganz anderes Problem?
  • Falls ihr es Samstag nach Hannover schafft: Dort wird ab 10 Uhr gegen eine GesundheitsEsoterikveranstaltung demonstriert, auf der Chlorbleiche als Medikament (besonders bei Autismus) empfohlen wird.

Blogstöckchen: 5 Bücher

Großaufnahme eines Bücherregals mit den folgenden RÜcken: "Out" von Natusuo Kirino, "Villain" von Shuichi Yoshida, "A loyal character dancer" von Qiu Xiaolong, von Tess Gerritsen "Body Double", "The Bone Garden", "Vanish" und "The Mephisto Club", von Lindsey Davis "Poseidon's Gold" und "Nemesis", "Believing the Lie" von Elizabeth George, "Blumen für das Grab" von Ann Granger und "Kalte Asche" von Simon Beckett.

Die Ninia hat gesagt, ich solle Euch fünf Bücher empfehlen, die ich schon habe, aber die noch ungelesen sind. Und keine Fortsetzungen. (Naekubi auch, aber die war langsamer.) Das trifft mich natürlich genau dann, nachdem ich einmal einen Haufen Bücher fertig gelesen habe. Aber noch ist Backlog über:

Und weil Bommeljogi uns das alles eingebrockt hat, ohne selbst ein Stöckchen bekommen zu haben, stehle ich mich so langsam in den Urlaub. Nadia hat auch schon geschrieben.

TV! Einfach und einfach gruselig: Bletchley Circle

Auf einem gepunkteten Boden stehen vier weiße Frauen, drei davon in überknie-langen Kostümen, eine geschminkte Frau im Hosenanzug.

Promobild der Serie: Lucy, Susan, Joan und Millie

Was Krimis angeht, bin ich abgehärtet. Dachte ich. Denn trotz schon fast exzessiven Schauen diverser Serien hat mich Bletchley Circle mitgenommen. Wie bereits Call the Midwife und Miss Fisher’s Murder Mysteries ist es eine historische Serie. Anders als diese vermittelt es aber einen subtilen Horror, der über die gruseligen Morde hinausreicht.

Es geht um vier Frauen, die im zweiten Weltkrieg im britischen Bletchley Park an der Entschlüsselung deutscher Nachrichten arbeiteten. Joan war ihre Aufseherin und arbeitet nun, 9 Jahre später, in einer Bücherei. Susan lebt ein bürgerliches Leben mit Mann und Kindern, das sie aber zusehends frustriert. Millie hat auf Reisen zunächst ihre Freiheit genoßen und hält sich nun als Kellnerin über Wasser. Lucy ist die jüngste, hat ein fotografisches Gedächtnis und gerade geheiratet. Als einige junge Frauen ermordet werden, erkennt Susan ein Muster. Nachdem sie vor den Augen der Polizei falsch liegt, beschließt sie, dennoch nicht aufzugeben. Sie sammelt ihre alten Kolleginnen ein, um genauere Daten zu bekommen und ihre Berechnung zu verbessern.

Während die Hebammen aus Poplar stets einen positiven Ausblick auf das Leben versprühen und Phryne Fisher sich allen Konventionen widersetzt, ist Bletchley Circle brutaler. Über den Krieg will und darf niemand sprechen, erst recht nicht Frauen. Früher haben sie Gefechte verhindert und entschieden, heute sind Mann, Kinder und Hausarbeit ihre wichtigste Aufgabe. Geistige Verrenkungen haben sich auf Kreuz­wort­rätsel und Mathepuzzle zu beschränken. Wenn die Polizei einem ihrer Hinweise nachgeht, dann nur aus Höflichkeit.

Wie bei den anderen Serien spielen auch hier die Kostüme eine zentrale Rolle. Wie sich unsere Wahrnehmung gegenüber der zeitgenössischen Wahrnehmung dabei unterscheidet, hat Gavia Baker-Whitelaw aufgeschlüsselt. Denn die Opfer werden, hello victim blaming, nicht als „Menschen wie wir“ angesehen, sondern als „solche Mädchen“. Ihr Make-Up und ihre Kleidung zeigen dies, wie auch ihre Bewegung im öffentlichen Verkehr ohne Begleitung. Einzig den Frauen des Bletchley Circles liegen sie am Herzen. So ist die Serie eine weitere kleine, feine Ausnahme, die Frauen und ihre Freundinnenschaft in den Mittelpunkt stellt.

Zusammengefasst: „Seid füreinander da und gebt aufeinander acht, sonst tut es niemand.“ 62 Jahre später eine deprimierend aktuelle Botschaft.

Die beiden Staffeln von Bletchley Circle sind derzeit als DVD-Import aus Großbritannien erhältlich. Eine dritte Staffel ist leider nicht geplant.

Links! Feminismus in freier Wildbahn

Auf einer Fensterscheibe steht "anziehen_d schön", dahinter stehen Schaufensterpuppen

Flexibler (Gender) Gap gesichtet

  • Ab 2015 ermitteln Banken einmal pro Jahr die Religionszugehörigkeit ihrer Kund_innen (beim Bundeszentralamt für Steuern). Bis zum 30. Juni besteht die Möglichkeit, der automatisierten Abfrage zu widersprechen, mittels dieses gut versteckten Formulars. Der Grund: künftig müssen Banken die Kirchensteuer auf „abgeltungssteuerpflichtige Kapitalerträge“ (etwa Zinsen) direkt abführen. Wer widerspricht, muss selber – wie bisher – die Kirchensteuer bei der Steuererklärung angeben. Update: Das Formular ist noch besser versteckt als gedacht und der Link läuft nach ner Weile aus. Ihr müsst also selbsttätig weiterklicken. Formulare A-ZKKirchensteuerErklärung zum Sperrvermerk.
  • Wann war ich das letzte Mal im Theater? Uff. Tina Lorenz plädiert für mehr Streams und im Internet ansehbare Aufzeichnungen.
  • Comic-Kritikerin Janelle Asselin über den Shitstorm (inkl. der üblichen Vergewaltigungsdrohungen), weil sie das Cover der neuen ersten Ausgabe von Teen Titans kritisierte. Anscheinend mit ein Grund: Sie führt gerade eine Umfrage zu sexualisierter Gewalt und Belästigung in der Comics-Industrie durch.
  • Langsam etablieren sich Policies gegen Belästigung bei unterschiedlichen Konferenzen und Veranstaltungen. Aber was passiert dann eigentlich, wenn etwas passiert?
  • Stell Dir vor, es ist Deutschland 1937. Und Du bist schwarz. Der Film Rheinland braucht noch Eure finanzielle Unterstützung!
  • Ab dem 22. April jeden 2. Dienstag an der TU Braunschweig: die offene Ringveranstaltung „Ingenieurwissenschaften brauchen Gender Studies“ (ab 18:30 Uhr, Rebenring 58, Raum 102.)
  • An der Medizinischen Uni Innsbruck gibt es Gendermedizin nicht nur als Pflichtfach, sondern inzwischen auch eine eigene Professur. Im Interview mit gendermed.info berichtet Professorin Dr. Margarethe Hochleitner über ihre Arbeit. Im Sommersemester 2014 gibt es dort auch eine öffentliche Ringvorlesung (PDF).
  • Ebenfalls aus Österreich: Eine Umfrage zum Bedarf im Bereich Wohnen, Betreuung und Pflege, die sich an Schwule, Lesben und Transgender-Personen jeden Alters richtet.
  • Ein Kommentar zum grundsätzlichen Versicherungs- und Versorgungsproblem des deutschen Gesundheitswesens (am Beispiel Hebammen). Mit Hinweis auf eine Studie für das Gesundheitsministerium (PDF), in der bereits 2012 die Probleme bei Vorbereitskursen und Wochenbettbetreuung beschrieben wurden.
  • Haut- und Muskelzellen sowie ein biologisch abbaubares Gerüst – daraus haben Forscher_innen aus Mexiko und den USA künstliche Vulven gezüchtet. Diese setzten sie vier jungen Frauen ein, deren Vulven aufgrund des Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndroms nicht entwickelt waren. Acht Jahre später sind sie äußerst zufrieden.
  • Schöne Übung für uns 24h-online-Junkies (und besonders angehende Jurist_innen): Wie kann ich mich scheiden lassen, wenn ich höchstens ein Smartphone oder sogar nur öffentlich zugängliches Internet habe?
  • Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen – total normal?!

    [Anmerkung zum Inhalt: Es geht um eine Studie, die sexualisierte Gewalt gegen Mädchen untersucht und beschreibt.]

    Dass gerade junge Frauen sexualisierte Übergriffe (zunächst) als „nicht so schlimm“ einstufen, ist schon eine Weile bekannt. Heather R. Hlavka der Marquette University hat in einer Studie noch einmal genauer analysiert, wie Teenager im mittleren Westen der USA sexualisierte Gewalt erleben. Grundlage sind Videoaufnahmen von 100 Interviews des Children’s Advocacy Center (CAC) mit Kindern zwischen drei und 17 Jahren, die im Zuge polizeilicher Ermittlungen zu Übergriffen entstanden.

    In dem in Gender & Society erschienen Artikel zitiert und untersucht Hlavka die Aussagen der Betroffenen aus den Jahren 1994 bis 2005. Besonderer Fokus liegt auf 23 Interviews, in denen Mädchen von sexualisierter Gewalt, bis hin zu Ver­gewaltigungen sprachen, diese aber nicht also solche benannten. Stattdessen bezeichneten sie die Vorfälle als „normal“, da sie immer wieder passierten und „Jungs so seien“. Um sich der Gewalt zu entziehen, trafen sie eine Reihe an Vorkehrungen, wie nicht alleine durch die Schule zu gehen, zur Seite zu rücken oder den Angreifer wegzuschubsen. Als „schlimm“ bzw. Vergewaltigung galt oft erst mit massiver körperlicher Gewalt erzwungener Penis-in-Vagina-Verkehr. Selbst mit körperlicher Gewalt erzwungener Oralverkehr wird nicht als Vergewaltigung bezeichnet, sondern als Mittel, einer Vergewaltigung zu entgehen.

    Im Umkehrschluss wurden andere Mädchen, wie auch sie selbst, oft als „selbst schuld“ benannt, wenn sie trotzdem Opfer eines Übergriffs wurden. Dass Grenzen überschritten wurden, wurde nicht als Schuld der (hier stets männlichen) Täter gesehen, die durch ihre Natur getrieben sind, sondern im Versagen der Mädchen als Hüterinnen des eigenen Körpers und Sexualität. Oft wurde die Schuldverschiebung durch den Täter noch befeuert, indem er sein Opfer öffentlich als „vorher sexuell aktiv“ oder gleich als „Hure“ bezeichnete. So sahen viele der Mädchen keine Notwendigkeit, die erfahrenen Übergriffe zu melden und damit „Drama“ anzufangen.

    Insgesamt bietet die Studie so einen qualitativen Einblick in die Schere, die sich zwischen erlebten und bei Polizei und anderen Einrichtungen gemeldeten Übergriffen beobachten lässt. Traurig macht wieder einmal, dass bereits junge Mädchen die Verantwortung für das Verhindern von Gewalt bei sich selbst sehen, wie weit sie sich in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken und auch keine Unterstützung von Erwachsenen erwarten. Die Ergebnisse bettet Hlavka in die feministischen Diskurse zu sexualisierter Gewalt (besonders von Kindern) und Heteronormativität ein, so dass der Artikel bei allen deprimierenden Ergebnissen einen interessanten Einblick in feministische Theorie der letzten 35 Jahre liefert.

    TV! Orphan Black (ich bin verliebt)

    [Anmerkung zum Inhalt: Leichte Spoiler]

    Vor einem dunklen Hintergrund stehen und sitzen 14 Personen aus dem Cast von Orphan Black

    Promotionbild der 2. Staffel © BBC AMERICA

    Ist es möglich, sich in eine Serie zu verlieben? Aber ja. Orphan Black zum Beispiel. Das Thema ist filmisch schon etwas ausgekocht: Klonen und genetische Ver­besserungen. Die Serie schafft es allerdings, neue Ideen zu verfolgen und aktuelle Entwicklungen aufzugreifen. Denn trotz aller Fortschritte sind Klone noch kein Alltag, wenn es um Menschen geht. Selbst Gentherapien hängen hinter den Erwartungen zurück.

    Orphan Black zeigt die Geschichte von verschiedenen Klonen, die sich ihrer Herkunft nicht bewußt sind und auf einmal (Überraschung) verfolgt werden. Natürlich lernen sie sich darüber kennen und versuchen herauszufinden, wo sie herkommen und warum sie verfolgt werden. So entspinnt sich immer mehr die Stärke der Serie: Die Frage wie Klone eigentlich miteinander umgehen, wie ähnlich sie sich sind oder auch nicht. Maßgeblich für die Begeisterung des Fernsehpublikums ist Hauptdarstellerin Tatiana Maslany, die all den Inkarnationen ein eigenes Leben einhaucht – ob Trick­diebin, Biologie-Doktorandin, Polizistin oder „Soccer Mom“ – bis schließlich Klone in die Rolle anderer Klone schlüpfen. Dabei zeigen sie sich verschieden (auch bei der Wahl der Kleidung), aber doch irgendwie verbunden.

    Daneben ist auch der weitere Cast diverser als in vielen anderen Serien. Felix, der Adoptivbruder des „Hauptklons“ ist schwul und verdient als Sexarbeiter Geld, um seine künstlerischen Ambitionen zu verfolgen. Eine der Klone ist lesbisch und beginnt eine Beziehung, die nicht auf Sexszenen für die männlichen Zuschauer reduziert wird, sondern zentral für die Geschichte ist. Überhaupt werden, wie Bitch Flicks dokumentiert, auch Männer sexualisiert dargestellt.

    Neben der Reihe an Klonen gibt es noch weitere weibliche Charaktere, die ebenfalls ganz unterschiedlich sind. Unterschiedlich stark und alle unperfekt und alle wundervoll. Dass es nicht darum geht, „starke“ Frauen oder Homosexuelle zu zeigen, bekräftigt Maslany in Interviews. Auch das Bedürfnis von Mädchen und jungen Frauen nach weiblichen Vorbildern ist ihr bewußt. Kinder kommen in der Serie allerdings kaum vor, auch wenn zwei der Klone bereits Mütter sind. Auch dies ist zentral für die Geschichte. Leider wird darüber aber eher gesprochen, als das es gezeigt wird.

    Familien, Beziehungen, Sex, Action, Mordversuche, Ethik, Naturwissenschaft. Die erste Staffel hat nur 10 Folgen und bringt all dies unter, ohne überladen zu wirken. Quasi „nebenbei“ ist es auch die Premiere für die Technik, die mehrere Klone in das gleiche Bild einarbeitet. Bei der Comic Con haben Maslany und die Macher erklärt, wie dies funktioniert (und wieviel Aufwand es ist).

    Der kanadische Sender Space hat zum Staffelfinale eine Liste mit weiterführenden Texten zum Thema Klonen zusammengestellt.

    Die Serie wird in Deutschland ab dem 2. Mai (1. Staffel) bzw. Herbst (2. Staffel) bei ZDFneo ausgestrahlt. Die 1. Staffel ist bereits als Import aus Großbritannien auf DVD erhältlich sowie im iTunes Store. Die 2. Staffel wird auf BBC America ab dem 19. April 2014 ausgestrahlt.

    Links! Der Frühling kommt.

    In einem länglichen Balkonkasten sind kleine grüne Keimblätter zu sehen.

    Wächst.

    „Es werde Stadt“ – Marl und das Fernsehen und die Geschlechterfrage

    In der Ecke eines Zimmers steht ein Fernseher auf dem Fußboden. Davor steht ein weißer Ständer mit einer Blume, daneben ein Olivenbaum. An der Wand ist die Ecke einer Leinwand zu erkennen.

    Symbolbild 2014

    In der Dokumentation „Es werde Stadt – 50 Jahre Grimme-Preis in Marl“ verbinden Dominik Graf und Martin Farkas die Geschichte des Grimme-Preises mit der Stadt, in der er vergeben wird – und im weitesten Sinne mit dem Aufstieg und der Stagnation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Neben dem überzogenen Aufbau und dem langsamen Verfall der 60er-futuristischen Stadt zeigt der Film vor allem die Frage: Wo kommt das Fernsehen her und was wird damit passieren? An vielen Stellen wird die Tristesse in Marl und auf dem Bildschirm sichtbar, dennoch bleiben einige Leerstellen. Die zu beachten wäre wichtig, um der Idee des unterhaltenden und informierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehens wieder gerecht zu werden.

    Ein Projekt des Grimme-Instituts für die Ausrichtung auf die Zukunft ist der seit 2001 (in Köln) vergebene Grimme-Online-Award. Der befragte Preisträger der 11freunde bleibt im Rahmen der Doku zwiespältig. 90 Minuten muss ein guter Fernsehfilm haben. Spannend muss er sein, komplett fesselnd. Fernsehen scheint Fernsehen zu bleiben.

    2011 war ich selbst bei der Feier nach der Verleihung des Grimme-Online-Awards. Dort kam ein grauhaariger Mann auf mich und Michael Seemann zu. Er wollte wissen, wie uns die Idee des Preises gefalle. Ich glaube (und hoffe) wir sagten ihm, dass dieser Extrapreis, neben dem Grimme-Preis immer noch die Zweitrangigkeit des Internets betone. Wo doch ein großer Teil der jungen Leute gar keinen Fernseher mehr besitze und selbst das TV übers Internet bezieht. Was wir definitiv sagten: Dass hier kleine, ehrenamtliche Angebote neben zeitungs- und gebühren-finanzierten Angeboten bewertet werden, was Chancen hat, aber auch problematisch ist. Am Ende tat es nichts zur Sache, denn erwartet wurde eigentlich eine gewisse Lobhudelei und Dankbarkeit.

    Leider macht der Film einen ähnlichen Fehler. Er blendet bei all der Lobhudelei auf die gute alte Zeit aus, wer damals eigentlich seine Geschichten erzählen durfte und wer nicht. Er erwähnt die Praktikumsmisere, die junge Filmmacher_innen unter äußerst vagen Versprechen ausbeutet. Aber nicht, dass darunter z.B. deutlich mehr Frauen sind als früher. Und er erwähnt auch nicht, wer dann, die Karriereleiter heraufgeklettert, in den kommerziellen Tochterfirmen der Öffentlich-Rechtlichen schließlich Kohle macht.

    Dabei kommt die Geschlechterfrage durchaus auf. Wenn etwa eine Frau aus der Zuschauerjury des Publikumspreises zitiert wird mit „wir können keine alten Männer mehr sehen“ (sie sagt selbst „ich hab keinen Bock mehr, alte Männer zu sehen“) – der Film aber gleich entgegen setzt „es sind ja nur noch die Alten, die die Historie der Wahrheit in sich tragen“. Sind die alten, weißen Filmemacher der letzten 50 Jahre nun die Rettung? Während gleichzeitig auf „den Alten“ herumgehackt wird, für die das Öffentlich-Rechtliche nur noch produziert?

    Dass das jüngere Publikum an vielen Stellen aus den Augen geraten ist, zeigt zuletzt das Scheitern des Jugendsenders (und die Integration in den Hauptsender scheint doch utopisch). Aber dass auch die älteren Zuschauer_innen unabkehrbar an unterdurchschnittliche Fernsehkost gewöhnt seien, übernimmt der Film zu unkritisch aus den Sendeanstalten. Gerade dieses Publikum hat doch schon das „Weitere“ gesehen.

    Und dann: Die Verbindung von Fernsehen und Publikum macht der Film an einer fiktiven, äußerst Ansagerin fest. die erst einen Skandal um ihre (nicht-vorhandene?) Unterwäsche übersteht, nach einer Liebelei mit einem DDR-Agenten aber einen Selbstmord versucht und schließlich bei den ernsten Filme im Nachtprogramm untergeht. Wie so oft mündet hier das jahrzehntelange Übersehen und die schließliche Abschaffung einer weiblich konnotierten Tätigkeit in einer mythischen Überzeichnung. Niggemeier nennt es „träumerisch authentisch“. Vielleicht bin ich auch zu spät geboren um die Authentizität beurteilen zu können?

    Ich mag die Doku. Keine Frage. Als Beschäftigte einer Einrichtung des öffentlichen Dienstes verstehe ich die Probleme einer etablierten Einrichtung zu gut. Über Marl wusste ich bisher noch nichts, aber das Erbe der 60er und ihrer futuristisch-modernen Bauten, von Bürgermeistern mit Gestaltungswillen auf 1000 Jahre und Sanierungsfällen nach 30 verstehe ich nur zu gut. Dennoch stolpere ich über die vielen männlichen Filmemacher, Preisträger, steten „liebe Zuschauer“. Die einsame Ansagerin. Ein Märchen in einem Dokumentarfilm. So unpassend es scheint, so passender ist es in diesem Film. Steht es für die gute alte Zeit, in der noch ausprobiert wurde, oder soll es ein Seitenhieb auf das moderne Verhunzen sein? Wer 2014 eine Ära betrauert, in der Solidaritätskonzerten für Zechenarbeiter Brennpunkte mit Liveübertragungen eingeräumt wurden, sollte sich für die Zukunft nicht soviel Konservativität wünschen.

    Der Film noch mal im Fernsehen:
    NDR, Dienstag (8. April 2014) auf Mittwoch, 0:00 Uhr
    SWR, Mittwoch (9. April 2014), 23:30 Uhr
    BR, 3. Juni 2014, 22:45 Uhr
    Bis zur Depublikation, Mediathek

    Lesetip:
    Die Geschlechterverhältnisse der Nominierungen des Grimme-Preises hat SchspIN für 2012 und 2013 ausgewertet.

    ________________
    Anmerkung:
    2009 war ich selbst als Mitglied der Mädchenmannschaft für den Grimme Online Award nominiert und bei der Preisverleihung. Wir haben nicht gewonnen, ich traf keine Promis und der Höhepunkt war die After-Show-Party, als Freundinnen und Bekannte nachkamen.

    Links! Wissenschaft und Nicht-Diskriminierung sind hart.

  • Sassy black friend oder exotic asian girl – für nicht-weiße Schauspielerinnen gibt es nur begrenzt Rollen. Parodie via Slate.
  • Über die Probleme des deutschen und us-amerikanischen Fernsehens, auf rassistische Stereotype zu verzichten, bloggte auch Naekubi.
  • „Nennen Sie eine lebende Naturwissenschaftlerin.“ Eine so schwere Aufgabe, dass 68% der Befragten eine tote Wissenschaftlerin und 12% einen Mann benannten.
  • Cordelia Fine über die heutige rosa-hellblaue Spielzeugwelt und die (nicht-existenten) biologischen Begründungen.
  • Für mehr Diversität: Oju emotions, App für Androids.
  • iPhone-Nutzer_innen mit Brüsten können diese nun mit einer App vermessen und den grassierenden Fehlkäufen vorbeugen. Hm. (Die Boobosphere ist nicht angetan.) Nachtrag: Aus der Hannoveraner BH-Lounge berichtet Ninia LaGrande übers Offline-Vermessen.
  • Kleiner Drei hat die Comic-Autorin Martina Schradi interviewt, die die Erfahrungen von LGBTI*-Menschen aufzeichnet.
  • Die neue Anschläge ist draußen. Thema: Abtreibungen (und unsichtbare Vulven in Filmen über sexuell aktive Frauen).
  • Das Leben als Frau im Internet, heute: Sexualisierte Beleidigungen, weil ihr Twitternick so ähnlich klingt, wie der vom ManU-Trainer.
  • Was kann aus #selbstgeboren jetzt erwachsen?

    Durch meine Twittertimeline tobt es seit Tagen, ich zähle bereits über 15 Blogbeiträge, viele eigene Geschichten in den Kommentaren. Es geht um #selbstgeboren ein gut gemeintes, aber äußerst schlecht umgesetztes Projekt.

    Es sind vor allem Mütter, die darüber diskutieren und so stellt sich schnell die Frage, ob hier wieder Mütter aufeinander losgehen; selbst diejenigen seien, die sich (unerfüllbare) Anforderungen stellen. Mütter schreiben, Mütter kommentieren, Mütter lesen. Suchen bei Spiegel Online und der taz zum Hashtag bleiben weiter ergebnislos. Ob sich das in den nächsten Tagen ändert? Vermutlich nicht.

    In den Kommentaren bei Berlin Mitte Mom kommt die Forderung, Mütter und Frauen (vermutlich die kinderlosen) müssten sich gemeinsam für bessere Bedingungen bei der Geburt einzusetzen. Doch, wie insgesamt bei der derzeitigen Debatte um den Hebammenstand, frage ich mich, ob und welcher Form das eigentlich möglich ist.

    Es gibt keinen klaren Bösen und keine klare Lösung. Es gibt nicht nur Kaiserschnittkrankenhäuser und Hebammen als Rettung und fiese Mütter, sondern auch wunderbare Krankenhäuser und übergriffige Hebammen und Mütter, die gegen die Bewertung von Müttern eintreten. Es gibt Mütter, die nicht gebären können oder wollen und trotzdem Mütter sind (und in dieser Debatte noch gar nicht vorkommen).

    Vermutlich haben die meisten frisch-gebackenen Eltern auch genügend andere Dinge zu tun, als politische Kampagnen zu starten. Ein Baby zu versorgen nämlich. Und viel zu viele, so ist zu lesen, müssen sich mit einer traumamtischen Erfahrung auseinandersetzen. Wir brauchen etwas, dass Ihnen hilft, damit umzugehen. Wir brauchen etwas, damit es dazu gar nicht mehr kommt. Doch was?

    Bisher, so scheint es mit, werden bei Geburt und Kinderaufzucht immer nur Erwartungen durch neue Erwartungen ersetzt. Ein sich laufend veränderndes Ideal vermittelt Generationen von Eltern was sie „müssen“. Mehr Respekt füreinander statt Bewertungen an einem Ideal ist ein Anfang. Aber auf welche konkreten Maßnahmen lässt sich das herunterbrechen?

    Wie lässt sich eine gesamt-gesellschaftliche Änderung erreichen, wenn außerhalb der Betroffenen anscheinend kein Interesse an der Debatte herrscht? Vielleicht ist das aber nicht mal das schlechteste. Was es eher nicht braucht, sind Meinungen von Männern, die am besten nicht mal selbst Väter sind, aber halt eine Meinung haben. Was es braucht, ist Aufmerksamkeit für Mütter und ihre Geschichten und (irgendwann) ihre Forderungen: