Nochmal zur Vielfältigkeit der #rp11

Wer ist dafür verantwortlich, eine bessere Welt zu schaffen und Ungerechtigkeiten anzugehen? Von wem muss an dieser Stelle die Initiative ausgehen? Diese Fragen wurden im Pluralismus-Panel auf der re:publica XI ja schon kontrovers diskutiert. Ich hatte es in meinen ersten Gedanken schon angesprochen, nun hat es Urmila Goel auf anders deutsch noch einmal deutlicher beschrieben:

Marginalisierten zu sagen, dass es doch ihre eigene Verantwortung sei, dass ihre Stimme wahrgenommen wird, ist eine höchst machtunkritische Perspektive. Selbstverständlich kümmern sich Marginaliierte selbst um ihre Interessen, sie erheben ihre Stimme, aber gegen dominante Machtverhältnisse können sie alleine nur wenig ausrichten. Zudem müssen sie ihre knappen Zeit- und Kraftressourcen auch selbstschützend einsetzen. Solidarität und Unterstützung von Menschen in privilegierteren Positionen sind nötig, damit sich in der Gesellschaft etwas ändert. Und diese Solidarität und Unterstützung erfolgt im Ideal, ohne dass eine Dankeschön erwartet wird. Anderenfalls ist es eine paternalistische Geste, bei der die als hilfsbedürftig Konstruierten ihren Helfer_innen danken müssen.

Diese Punkte illustriert auch die Nach-rp11-Frauen/Feminismusdiskussion sehr eindrucksvoll. Geht es um das Eindringen in etwa männlich, weiße, heterosexuelle Bereiche, wird oft an Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund oder Homosexuelle appelliert, sich mehr einzubringen, statt in der Opferrolle zu verharren. Das ist schön und gut, doch ihre Arbeit alleine reicht leider fast nie aus – denn entweder waren sie vorher alle faul und blöd und haben es in diese Bereiche nicht geschafft oder es gibt noch andere Mechanismen, die ihnen das Leben schwer machen. Wer „drinnen“ sitzt, ist dabei leicht geneigt, von Faulheit auszugehen, wer „draußen“ ist, erlebt aber ganz andere Dinge.

So haben Kathrin Ganz und ich eine ganze Stunde nur über Aktivismus, Aktionen und erfolgreiche Strategien gesprochen, aus einem feministischen Background heraus. Mit Nadine Lantzsch und Magda Albrecht habe ich versucht, den Blick der Besucher_innen auf die Herkunft ihrer technischen Geräte zu werfen, mit Feminismus als Aufhänger zum kritischen Denken. Trotzdem gibt es statt inhaltlicher Fragen vor allem eine „Frauen generieren sich als Opfer und das ruiniert mir die re:publica“-Diskussion. Ich kann mich also hinstellen, mir den Mund fuselig reden über Strategien für digitale Kampagnen, die auch Umweltschützer_innen oder lokale Watchblogs übernehmen können aber am Ende muss ich nur wieder darüber reden, warum ich als Frau und Feministin und überhaupt…

Vor zwei Jahren kritisierten Teilnehmerinnen, dass Frauen auf der re:publica nicht vorkamen. Als Gegenargument kam natürlich sofort, jede_r könne und müsse Themen und Panels vorschlagen, also seien sie selbst für das Ungleichgewicht verantwortlich. Immerhin taten die Frauen wir ihnen geheißen und stellten dann schließlich 30% der Sprecher_innen (bei einer zu 60% weiblichen Blogosphäre). Und auf einmal heißt es, es gäbe zuviele „Frauenthemen“, es herrscht Angst vor Verweiblichung, die inhaltlichen Punkte werden dauernd unterschlagen und einzelne Aussagen zum alten Klischee der jammernden Feministinnen zusammengezimmert.

Was soll frau denn dann noch tun? Muss ich in Zukunft verschweigen, dass ich Feministin bin, damit mich auch ZDFneo ernst nimmt oder vielleicht gleich als Mann auftreten, damit meine Themen endlich als hart angesehen werden? Und glaubt hier noch irgendjemand ernsthaft, dass es z.B. muslimischen Blogger_innen in irgendeiner Weise besser ergehen würde?