Metagedanken nach dem #YMS2011

Nach langer Fahrt und viel zu wenig Schlaf, bin ich seit gestern abend zurück in Deutschland. Nun heißt es Fotos und Gedanken zu sortieren. Außerdem die Kontakte pflegen. Beim Versuch, eine der Teilnehmerinnen des Young Media Summits zu adden, musste ich mich allerdings durch einen absurden Facebook-Dialog klicken (aus dem Gedächtnis aufgeschrieben):

„Wenn Sie Personen als Freunde hinzufügen, die sie nicht kennen, wird das als Spam behandelt und Freundschaftsanfragen blockiert. Kennen Sie diese Person wirklich?“
Ja, ich kenne Maha.
„Sind sie sich sicher, dass Sie diese Person kennen? Ansonsten wird die Anfrage als Spam behandelt.“
JA, ich bin mir immer noch sicher!
(und dann kam noch ein Hinweisfenster:)
„Wenn Sie diese Person nicht kennen, wird diese Anfrage als Spam behandelt.“

Zunächst behandelt Facebook seine Nutzer_innen durch die wiederholten Hinweise wie unmündige Menschen, die nicht verstehen, was sie da eigentlich machen. Was äußerst respektlos ist. Annina wies mich darauf hin, dass sie im letzten Jahr ähnliche Probelem hatte, die anderen Teilnehmer_innen zu adden, vielleicht „…passen Eure üblichen Aufenthalsalgorithmen nicht zusammen.“

Meine Antwort lautete: Da werden alle Vorteile des Internets, Leute international kennenzulernen, wieder genau rückgängig gemacht. Zusammenkommen kann nur, wer aufgrund undurchsichtiger Regeln anderer Leute zusammenkommen darf. Bald können wir alle Utopien, die uns das Internet versprach abschreiben, es ist dann eben doch nur noch die Abbildung der realen Welt.

Ich kann verstehen, dass Leute genervt waren, wenn ihnen auf den ersten Blick völlig Unbekannte einfach so Freundschaftsanfragen schicken. Nicht jede_r möchte über Facebook auch neue Bekanntschaften machen. Ich kenne einige Leute, die alle ignorieren, die nicht wenigstens ein paar Zeile dazu schreiben. Dagegen frage ich im Zweifelsfall nach, aber das ist ein Aufwand, den nicht jede_r betreiben möchte.

Die Lösung kann aber nicht sein, einen Hindernisparcours an sich wiederholenden Warnhinweisen aufzubauen. Vor allem ist auch nicht klar, wann genau man in den Verdacht gerät zu spammen und welche Konsequenzen das genau hätte. Reicht es bereits, sich ein Mal zu verklicken oder muss man erst 50 Unbekannte hinzufügen wollen? In diesem Fall hatten wir bereits gemeinsame Bekannte, was also hat Facebook bewegt, mir diese Warnungen zu senden? Welche Algorithmen sind hier am Werk, die Facebook wissen lassen, dass ich Erna aus Sutthausen wohl kennen könnte, Maha aus Saudi-Arabien aber nicht? An den genauen Wortlaut der ersten Meldung erinnere ich mich leider nicht – hätte ich den Rest geahnt, hätte ich alles mit Screenshots dokumentiert. Aber es blieb völlig unklar, ob dann nur diese eine Freundschaftsanfrage ausgeblendet wird oder ich am Ende gar keine Anfragen mehr stellen kann und für wie lange diese Strafe verhängt würde.

Mit der Beantwortung dieser Fragen würde uns Facebook weiterhelfen, uns wie intelligente Nutzer_innen behandeln. Mit klaren, später nachlesbaren Erläuterungen statt einer Reihe an wirren, einschüchternden Popups. Aus dem Versprechen einer besseren Welt, an der jede_r teilnehmen kann, wird ansonsten aus dem Internet immer mehr eine Welt, die von unsichtbaren und unkontrollierten Kräften beherrscht wird.

Advertisements

8 Gedanken zu “Metagedanken nach dem #YMS2011

  1. Sehr interessant.
    Nachdem mein 19 jähriger Sohn mir vorgestern sagte, er sei nun raus aus Facebook, wäre nicht mehr so spannend, bin ich gestern mal (endlich) rein.
    Mein erster Eindruck geht in die gleiche Richtung: Hoher Gängelungsfaktor, hohes Rasterungsbedürfnis bei FB.
    Seltsam an dem Spam-Verdacht ist ja auch, dass man andererseits ständig mit Werbung seitens Facebook bespamt wird – jede Menge einsamer Frauen/Männer würden nur darauf warten, unbekannterweise angeflirtet zu werden… aber bei Facebook soll selbiges Anflirten nicht stattfinden 🙂
    Dann habe ich heute ein bemerkenswertes Bild gesehen: Der gestriegelte und beschlipste Herr Zuckermann als Junior-Referent am G8-Tisch. Die Präsidenten haben wohl alle plötzlich ein Bedürfnis, Zuckermann samt seinen Kontrollzugang zu den Internetusern dieser Welt behutsam in den Arm zu nehmen. Da braucht man nicht lange nachdenken, warum die Oberherrschaften gerne zwischen sich und Facebook eine von gegenseitigem Verständnis geprägte, kooperative Beziehung herstellen möchten. Zuckermann hat objektiv betrachtet enorme Macht, und dies ist eine Macht, die sich jeder demokratischen Regelung entzieht. Sarkotzi will ja auch schon weltweit (!!!) französische Höflichkeitsformen für das ganze (!!!) Internet verpflichtend machen.
    Ich bin nach 1 Tag Facebook bereits überzeugt, dass der Hype eines Tages – und das kann sehr schnell gehen – wieder platzen könnte. Facebook scheint momentan der Backbone der Social Media zu sein – ist es aber nicht. Es ist die Karawane selbst. Und die kann sehr, sehr schnell die Zelte abbrechen und weiterziehen, sobald sie einen Grund dazu und ein neues Ziel hat …

  2. Du willst, dass FB die Beziehungsalgorithmen veröffentlicht, damit du verstehst, warum du Popups und Warnmeldungen jeglichen musst? Ich vermute nicht, dass Sie auch nur im Ansatz verstehen würdest. Offensichtlich war diese Freundschaftsanfrage einfach nur ungewöhnlich und anstatt sich über eine Gängelung zu beschweren, solltest du es einfach als Sicherheitsfeature akzeptieren.

    • „Nur ungewöhnlich“ ist ja lustig. Das kann doch nicht sein, dass ich bei Facebook keine „ungewöhnlichen“ Vernetzungswege gehen kann.
      Der Eingriff in die freie Vernetzung ist übrigens auch deshalb so widersprüchlich, weil Facebook einen beim Registrierungsvorgang nach einer verbindlichen Auskunft fragt, ob man an Männern oder Frauen „interessiert“ sei – Facebook begenet einem als als erstes als eine Kontaktanbahnungsmaschine.
      Gestern Abend mit einem Manager gesprochen, der sagte: Wir sind auf Facebook, aber wir machen da fast gar nichts. Warum? Es gibt keinerlei Vertrag. „Weiß ich denn, ob ich da morgen zahlen soll? Was die morgen mit meinem Account machen? Es gibt keine vertragliche Grundlage in irgendeiner Hinsicht …“ Das geht in die gleiche Richtung: Facebook macht, was es will und vermeidet den sozialen Dialog mit seinen „Kunden“, während es andererseits bei anderen solche sozialen und auch kritischen Dialoge fördert. „Shitstorm“ gegen jedes beliebige Unternehmen möglich – „Shitstorm“ gegen Facebook dürfte schwierig werden 😉
      Da scheint sich eine buchstäblich absolute Macht zusammenzuballen, die gemeinhin am Ende zu Missbrauch führt. Facebook macht ja auch jede Menge Regeln z.B. zum Einsatz von Preisausschreiben-Mechaniken etc. Gegen die Regeln wird offenbar vielfach verstoßen, Facebook könnte aber jederzeit wegen irgendwelcher Regelverstöße Accounts abwürgen (während man andererseits seinen eigenen Account wohl kaum final löschen kann).
      Ich sehe da viel seltsames Geschäftsgebaren und das hier diskutierte Beispiel macht eigentlich sehr schön deutlich, dass es an einigen Stellen einen Riss gibt zwischen den Interessen der FB-Nutzer und der Facebook AG.

  3. @017renegade: Wieviel ich von den Algorithmen verstehen würde, ist ja zum Glück nicht Dein Problem. Dass am Ende jede_r die Mechanismen nachvollziehen können sollte, ist dann aber noch mal ein anderer Punkt. Dass sollte Facebook aber leicht erklären können, solange sie ihren Code auch ordentlich dokumentieren.

  4. Helga, ich weiß, dass du es besser weißt, deshalb hat es mich sehr gewundert, diesen Absatz hier zu lesen…

    Da werden alle Vorteile des Internets, Leute international kennenzulernen, wieder genau rückgängig gemacht. Zusammenkommen kann nur, wer aufgrund undurchsichtiger Regeln anderer Leute zusammenkommen darf. Bald können wir alle Utopien, die uns das Internet versprach abschreiben, es ist dann eben doch nur noch die Abbildung der realen Welt.

    Facebook ist doch nicht „das Internet“. Es gibt zig andere Möglichkeiten im Internet, international Leute kennenzulernen und/oder mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Ich weiß nicht, in welcher Nrrrrdz-Folge es war, als Katrin und Marlen sich über die Menschen ausgelassen haben, die „Internet“ synonym mit Google-Suche und Facebook verwenden, aber ich musste spontan dran denken…
    Ja, Facebook gängelt und nervt, und es ist richtig, darauf hinzuweisen, aber es ist eben nicht die einzige Möglichkeit, mit Menschen digital in Kontakt zu treten. Noch gibt es ansatzweise sowas wie Netzneutralität und für den Erhalt dieser gilt es zu kämpfen, dann müssen wir die Utopien auch nicht abschreiben, sondern können sie aktiv mitgestalten.

  5. @Miriam: Ich führe mehrfach explizit an, dass es um Facebook geht. Und beschreibe einfach, dass Facebook in sich Vorteile „des Internets“ ad absurdum führt. Da steht doch nirgendwo, es ginge um das ganze Internet. Dass mich dieses Vorgehen so aufregt, kommt aber genau daher, dass Facebook derzeit oft genug und von vielen = das Internet gesetzt wird.

    Wenn man dann das Netz aktiv mitgestalten möchte, gibt es 2 Ansätze: Alle Leute zu überzeugen, was sinnvolleres zu benutzen. (Klappt meiner Erfahrung nach nicht, dafür hat FB auch zuviele Vorteile.) Oder das, was die Leute benutzen, zu kritisieren, damit es sinnvoller gestaltet wird. (Klappt jetzt nach einem Blogpost auch nicht unbedingt, da sehe ich aber mehr prinzipiell mehr Potential.)

  6. Okay, da hab ich wohl die Betonung anders gelesen, als sie gemeint war. Eben weil du explizit über Facebook geschrieben hast, hat es mich so gewundert, dass dann dieser Absatz über das Internet im Allgemeinen kam. Da hat für mein Verständnis wohl einfach der Zusatz „Facebook als Teil des Internets“ gefehlt… Jetzt hab ich kapiert, wie es gemeint war. Danke.

    Dass ich den Post an sich richtig finde, hab ich ja bereits oben geschrieben.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.