Lebensrealitäten – modernes Nomadenleben

„Hase, Du musst Deine Angst vor der Schrankwand überwinden“ (Ein Freund)

Wie kann man so eigentlich leben? Internetzugang gibt es nur auf der Arbeit. Ein großes Lebensziel ist das eigene Haus oder die Eigentumswohnung. Der Weg zwischen diesen Polen wird mit dem eigenen Auto zurückgelegt. Dieser Tage wird mir durch verschiedene Gespräche wieder sehr bewußt, wie sehr sich meine Lebensziele von alten Idealen unterscheiden.

Ohne Laptop und Internet zu Haus geht es bei mir gar nicht mehr – ohne Fernseher und Stereoanlage bliebe auch nicht viel zur Unterhaltung übrig. Meine kindliche, umweltbewegte Resolution, niemals den Führerschein zu machen, habe ich zwar über Bord geworfen und eigentlich fahre ich auch gerne selbst, trotzdem habe ich keinerlei Absicht ein Auto anzuschaffen. In Bus und Bahn kann man lesen und arbeiten, auf dem Fahrrad bewegt man sich wenigstens noch ein wenig. Die Aussicht auf Wohneigentum erscheint einfach nur absurd. Schließlich mache ich mir bei jedem Einzug bereits darüber Gedanken, wie der Auszug am einfachsten über die Bühne gehen könnte. Nicht ohne Grund. Nach dem Auszug zu Hause bin ich in 7.5 Jahren 9 Mal umgezogen, dazu noch zwei Monatspraktika in fremden Städten.

Manchmal bin ich versucht, diese Unterschiede am Alter festzumachen, aber dann fallen mir wieder Kommiliton_innen und Kolleg_innen ein, deren Ziele weiterhin „klassisch“ sind. Am Studium liegt es daher auch nicht. Ist das Internet schuld? Haben die ständige Verfügbarkeit von Freund_innen in ICQ und co. meine Lebensziele beeinflußt? Oder ist die intensive Beschäftigung mit dem Internet nur die Folge meines Lebensentwurfes? Etwas das ich als Mittel entdeckt habe, mit dem sich meine Vorstellungen besser umsetzen lassen.

Ich habe mich bereits gefragt, ob ich nicht eines Tages dieses Lebensstils überdrüssig werden könnte. Doch das ist erstaunlicherweise nicht der Fall. Derzeit bin ich mehr auf Reisen, als am Umziehen und tatsächlich leicht genervt davon. Aber nur, weil ich diese Art des Reisens (zu Workshops oder Konferenzen, nicht in den Urlaub) noch nicht so beherrsche. Wo auch immer ich am Ende eines Tages sitze: Solange ich noch eben meine Mails checken und die tägliche Dosis Webcomics verfolgen kann, ist alles ok.

Advertisements

2 Gedanken zu “Lebensrealitäten – modernes Nomadenleben

  1. Dass sich Leute für einen »konventionellen« Lebensstil entscheiden würde ich nicht in erster Linie idealistisch mit Lebensentwürfen erklären, sondern mit gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen. Zur Miete in großen Städten zu wohnen ist und es sich dort nach eigenen Bedürfnissen angenehm einzurichten ist (finanziell) weitaus schwieriger. Wenn man nicht viel verdient, kann man sich bspw. »Luxus« wie Balkon oder gar Garten in Stadtnähe abschminken. Mit dem Auto ist es ähnlich: Hat man keins, muss man nahe am Arbeitsplatz, Kindergarten, Einkaufsmöglichkeiten usw. wohnen, muss in Städten wohnen, die ein brauchbares öffentliches Verkehrsnetz haben, muss dort Fahrrad fahren können. Sich gegen ein Auto entscheiden heißt angesichts der aktuellen Verkehrspolitik schlicht Mobilitätseinschränkungen in Kauf zu nehmen. Schließlich ist es nachvollziehbar, dass Leute nicht häufig umziehen wollen, weil sie dadurch ihren Freundeskreis verlieren und einen neuen finden müssen. Wenn man plötzlich 600 km auseinander wohnt und die Freundschaft weitesgehend über ICQ aufrecht erhalten wird, so ändert sich diese natürlich.

    • @zapperlott: Der Trend zum städtischen Wohnen ist erst seit kurzem wieder zu beobachten (und für Deutschland noch umstritten). Lange war in Deutschland das Dorf oder zumindest das am Stadtrand gelegene Neubaugebiet das Non-plus-ultra, während die Städte zu groß, zu laut, zu unattraktiv für Leute mit Geld waren. Also entstand das, was man gemeinhin als Speckgürtel bezeichnet.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.