Wie Vorurteile entstehen – eine Selbstbetrachtung anhand des Slutwalks

Inzwischen ist der Berliner Slutwalk eine Weile her. Zeit genug also, mal mit etwas Abstand drauf zu schauen. Interessant dabei ist im Nachhinein, dass ich einmal direkt und unmittelbar die Auswirkungen von Objektifizierung erfahren und vor allem – als solche einordnen konnte.

Aufgefallen ist mir das im Umgang mit der Presse. Nach einigen Jahren eigener journalistischer Arbeit für Radio und Zeitung, sowie zwei re:publica-Teilnahmen mit Radio-, Zeitungs- und Fernsehinterviews bin ich schon einiges gewohnt. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass ich in jedes Mikro quatsche, was mir vor die Nase gehalten wird.

Beim Slutwalk hat sich das geändert.

Als Freiwillige für das Ordnungs- und Awarenessteam kam ich am Slutwalk-Samstag mit ein paar anderen bereits vor dem Demobeginn an. Wir waren noch nicht einmal zum Rest der Gruppe gestoßen, als uns bereits die ersten Reporter_innen beäugten. Wenig später schaffte es bereits der erste – weiß, männlich, Mitte 20 – ein „darf ich sagen, dass ihr ganz schön scharf ausseht“ in unsere leicht uninteressierten Gesichter zu flöten. Neben dem augenscheinlich nicht ganz verstandenen Slutwalkhintergrund sei angemerkt, dass nur etwa die Hälfte von uns sich knapp gekleidet hatte. Bei gefühlten 30°C und Dauersonnenschein übrigens fast schon eine Herausforderung.

Bald ging es dann los mit der Vorbesprechung. Neben den Helfer_innen war auch die Zahl der Pressemenschen in die Höhe geschnellt. „Nervig“ beschreibt dabei das Verhalten einiger nicht mehr zutreffend. Ein weiterer Mann, ebenfalls weiß und um die 20/30, bestand darauf, dass wir ihm dringend Fragen beantworten müssten. Der Hinweis auf das Presseteam nütze nichts, die Bitte bis nach der Besprechung zu warten nur bedingt. Die erste „Pause“ (ich glaube, es wurden Zettel mit der Route rumgegeben) nutze er erneut, um nachzufragen. Anstatt ein „später“ zu akzeptieren, begann er diskutieren. Mein „wir sind hier noch beschäftigt, kannst Du nicht einfach warten bis wir fertig sind“ wurde schließlich mit „jetzt reg‘ Dich mal nicht so auf“ quittiert.

Dieses konsequente Nichtzuhören und Ignorieren von Bitten und Anweisungen hat erst die ganze Vorbesprechung und später auch den Marsch an sich überschattet. Wenn man Fotografen schon fast anschreien muss, damit sie überhaupt mal zuhören und dann die Bitte, einen jetzt mal für ein paar Minuten allein zu lassen nur dahingehend erfüllen, dass sie einen Schritt zurück machen – dann zeigt sich erst in aller Deutlichkeit, warum Slutwalks, der Kampf für Respekt und Selbstbestimmung so wichtig sind.

Schließlich kam eine junge Frau mit einer Kamera, stellte sich vor und fragte sehr höflich, ob ich in einem Satz darlegen wolle, warum ich am Slutwalk teilnehme. Sie hat wirklich alles richtig gemacht. Trotzdem habe ich mich das erste Mal in meiner „Pressekarriere“ überwinden müssen, tatsächlich einzuwilligen. Nach all dem grenzverletzenden Verhalten zuvor erlebte ich mich selbst, wie ich jedes ihrer Worte, jede Geste im Geist noch einmal in Zeitlupe durchging und extra abklopfte. Ich merkte, wie ich einen inneren Zaun hochzog und mich dahinter zu verschanzen versuchte.

Schließlich habe ich dann mitgemacht und mich über das Video, wie auch den Artikel im Tagesspiegel gefreut. Zu der Qualität anderer Beiträge kann ich dagegen nur den Text von Paula empfehlen.

Wie ich in Zukunft mit journalistischen Anfragen umgehen werde, kann ich noch nicht abschätzen. Was mich nun interessiert, wären auf jeden Fall Statements der beschriebenen Fotografen und Journalisten. Verhalten sie sich immer so übergriffig und respektlos oder nur beim Slutwalk? „Verleitete“ sie gar der Schlampenlook dazu? Welche Rechtfertigung könnte es wohl geben, die nicht beweist, dass weitere Slutwalks dringend notwendig sind?

5 Gedanken zu “Wie Vorurteile entstehen – eine Selbstbetrachtung anhand des Slutwalks

  1. Spontane Idee: Vielleicht könnte bei nächstlichen Slutwalks eine Art Coaching für Presseleute im Vorhinein stattfinden, wo grundlegende Verhaltensregeln vermittelt werden, die dann auch in die Demo-Auflagen übernommen werden könnten. Bezüglich der (m) Fotografen habe ich so viele Beschwerden gehört, auf ein paar „Do’s & Dont’s“ könnte mensch sich sicher einigen…

    • Dass es bei den weltweiten Slutwalks, die bereits seit Monaten stattfinden um Respekt vor Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Kleidung geht, war jetzt nicht überraschend. Genügend Fotograf_innen haben es ja auch hingekriegt und einige Journalist_innen haben auch auf die „sabber, nackte Frauen“-Nummer verzichtet und stattdessen objektiv berichtet. Von daher sollte es potentiell möglich sein, dass alle Medienmenschen von alleine ihre Arbeit machen und sich respektvoll verhalten – jetzt noch Mediencoachings zu betreiben hieße, wieder einmal den Opfern von grenzverletzendem Verhalten zu sagen, sie sollten etwas dagegen tun.

      Ironie dabei: Was geht und was nicht, wurde bei der Vorbesprechung (an der ja teilweise erlaubt, teilweise unerwünscht die hier besprochenen Medienvertreter_innen teilnahmen) auch genau durchgegangen. Geholfen hat es ja anscheinend nüscht.

  2. was ich nicht so ganz verstehe – bei aller zustimmung zu deiner kritik ansonsten – ist diese betonung des „männlich, weiß, alter“. das fühlt sich so unangenehm an, weil die kategorien hautfarbe, geschlecht und alter überbetont werden. diese überbetonung ist in meinen augen klassisch für diskriminierung der „gegner_innen“ – ich finde es nahezu gefährlich, sich solcherlei stereotypisierung als selbsternannte feministin zu bedienen. korrigier mich bitte, wenn ich irgend einen denkfehler begehe.

    • @flix: Ich betone das aus 2 Gründen. Zum einen waren es genau solche Menschen, die diese Dinge gemacht haben. Zum anderen, und nur deswegen fällt es dir jetzt vermutlich unangenehm auf, sind männlich, weiß, mittelalt, ansonsten die Default-Annahmen, die nicht genannt werden. Erst wenn ein Mensch einen Migrationshintergrund hat, besonders alt ist oder weiblich, werden diese Eigenschaften klar benannt.

      Stereotypisierung wäre es, wenn ich schriebe, alle weißen Männer eines bestimmten Alters würden xyz begehen. Das tue ich nicht, ich benenne anderherum, dass von den Leuten, sie sich daneben benommen haben fast alle leider männlich und weiß waren.

      Schließlich finde ich es bezeichnend, zu versuchen, mich als selbsternannte Feministin abzuqualifizieren. Es gibt dazu keinen Aufnahmetest und keine offizielle Mitgliedskarte, dennoch zweifelst Du mit dieser Aussage mein Feministinnensein an, statt meine Selbstbezeichnung zu respektieren.

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