Wer quantifiziert hier eigentlich wen?

Immer mal wieder geistert seit einigen Jahren das Phänomen “Quantified self” durch die Gegend – Menschen, die alle möglichen Marker ihres Körpers und Tuns aufzeichnen und das meist mit Hilfe von Technik. Genauer gesagt: Männer, die mit Computerprogrammen was aufzeichnen. Frauen scheint es in dieser Bewegung wenig zu geben und wenn sie erwähnt werden, dann meist im Zusammenhang mit Essstörungen und exzessivem Kalorien zählen.

Wenn wir schon bei Kalorien sind: Die Debatte erinnert mich ans Kochen. Dass Frauen kochen ist „normal“ und wird erwartet. Wenn Männer kochen, dann ist es etwas besonderes, sie sind „Hobbyköche“ oder „Spitzenköche“, kriegen Fernsehsendungen und Magazine, die explizit auf „Besonderes“ abzielen und das mit starker Betonung von Männlichkeit.

Nun vermessen Männer ihre Körper und es ist… etwas besonderes. Denn für Frauen ist das „normal“. Frauen, die menstruieren, werden ab der ersten Regel angehalten, diese zu dokumentieren. Dazu gehört laut den Handreichungen, wann und wie stark die Blutung ist, aber auch Gewicht und weitere körperliche Beschwerden. Wer sich für natürliche Familienplanung interessiert, dokumentiert von Körpertemperatur bis Schleimkonsistenz noch deutlich mehr. Darüberhinaus gibt es die oben angeführte Kalorienzählerei, komplett mit Abwiegen von Essensportionen. Dass Babies die ersten Jahre ihres Lebens ständig vermessen, gewogen und eingeordnet werden, betrifft auch heute noch vor allem: Mütter. Dito zu Schulleistungen ihrer Kinder. Für all dies gibt es natürlich Programme, Apps und Tracking-Webseiten.

Schließlich kommen mir immer die zahlreichen Blogs in den Sinn, in denen Frauen dokumentieren, was sie selbst geschaffen oder erreicht haben: Handarbeiten, Essen, gelesene Bücher, zusammengestellte Outfits (abgenommene Kilos). Alles Hobbyblogs und damit quasi per Definition unwichtig. Schafft eine Frau dabei besonders Herausragendes, kommt aber gern das Argument „elende Selbstdarstellerinnen“ raus oder dass sie es „nur für die Aufmerksamkeit“ machen würden.

Wenn wir weiter über Ideen wir das “Quantified self“ reden dürfen wir also nicht vergessen, das wir von unterschiedlichen Vorgaben ausgehen. Es wird von Frauen erwartet, bestimmte Marker aufzuzeichnen, wenn es zum Beispiel um Regelblutungen geht, oder Frauen fühlen sich genötigt, weil sie z.B. Schönheitsidealen entsprechen „wollen“. Für Versäumnisse gibt es Sanktionen, von Kritik bei Ärzt_innen bis zum allgegenwärtigen fat shaming. Die Vermessung und Bewertung von Frauenkörpern erfolgt überall und so oft, dass es ein revolutionärer Akt ist, seine Waage wegzuschmeißen. Erfolgsdokumentationen werden so lange geduldet, bis sie nicht mehr ignoriert werden können, dann erfolgen (sexualisierte) Angriffe.

Das Ganze steht im Gegensatz zur medizinischen Forschung, die sich zuerst auf den männlichen Körper bezog und Frauen erst langsam entdeckt, aber noch lange nicht immer verstanden hat. Wie das Phänomen “quantified self” nun Selbsterforschungsprozesse ändert, ob es eine Massenbewegung oder ein Nischending bleibt, ob dabei bahnbrechende Erkenntnisse zu Krankheiten gewonnen werden, wird sich zeigen. Es ist allerdings nötig, kritisch zu schauen, wer dies in welcher Form betreiben kann oder muss und aus welchen Gründen.

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PS: Bitte verzichtet darauf, mir noch einmal ganz genau zu erklären, warum “Quantified self” nun wirklich was gaaanz anderes ist und was genau alles vermessen wird und warum das mit dem schnöden Perioden-tracking nichts zu tun hat. Genau darüber sollt ihr nachdenken.

PPS: Über die Frage, wie es z.B. bei chronischen Krankheiten aussieht, wenn es vielleicht lebensnotwendig ist, Werte zu tracken, denke ich selber noch nach. Kommentare dazu sind erwünscht.

4 Gedanken zu “Wer quantifiziert hier eigentlich wen?

  1. Mir kommt das alles etwas wie alter Wein in neuen Schläuchen vor. Das Erfassen von physischen und z.T. auch psychischen Daten ist im Sport, im Spitzen- wie im ambitionierten Amateurbereich, schon seit Dekaden üblich. Das reicht vom einfachen Trainigstagebuch bis zu allerlei technischem Schnickschnack. Und sich mit anderen Aktiven über die jeweiligen Werte auszutauschen ist auch nicht neu.

  2. Zu der Sache mit den chronischen Krankheiten kann ich gern was beisteuern. Diabetes Typ 1 ist ja so ziemlich das Aufzeichnungsintensivste, das ich kenne.
    Das fängt beim Blutzuckermessen vor jedem Essen und bei „komischen Gefühlen“ (die mit der Zeit als Über- oder Unterzuckerung gecodet sind), Abwiegen was wieviel wovon gegessen wird (mit Fokus auf Kohlenhydrate, es gab Bestrebungen das auch mit Fett zu tun, weil sich dann die Aufnahme- und Verarbeitung der Kohlenhydrate verändert aber das hat sich bisher nicht durchgesetzt), wann gegessen wird und wie viel dafür wovon gespritzt wird (je nach Genauigkeit noch, welche Wirkung eine Einheit Insulin zu dieser Uhrzeit hat und wie groß der Abstand zwischen Spritzen und Essen ist – bei längerwirkenden Insulinarten).
    Hinzu kommen noch körperliche Aktivitäten, eventuelle Krankheiten, Alkoholkonsum. Was ein Körper halt so von sich gibt.
    Dies alles obliegt in der Regel den Diabetiker*innen selbst oder ihren direkten Gesundheitsfürsorger*innen (Verwandte, Pflegefachkräfte, sowas).

    Einmal im Quartal dann die große Arztreise mit Blutabnahme, Blutdruck und Gewichtserfassung. Und eben die Besprechung der selbst erfassten Werte um die Einstellung zu überprüfen.
    Einmal im Jahr dann noch Augen-, Gefäß- und Nierenuntersuchungen.

    Also medizinisch wird da so ziemlich alles erfasst, was möglich ist. Und ich würde das als nicht besonders ansehen. Eher als furchtbar nervig. Viele die ich kenne und kannte, nehmen das nicht so genau. Da wird Essen schon mal abgeschätzt oder nach Gefühl gespritzt. Ich selbst bin etwas nachlässig und trage meine Werte nicht jeden Tag in mein Blutzuckertagebuch ein.
    In meiner Zeit als Rohköstlerin war ich allerdings extrem genau, habe nicht nur „das übliche“ erfasst, sondern auch noch was genau ich gegessen habe, also wirklich mit „1 halbe Zuckermelone, 5 Datteln…). Blöd, dass sich meine damalige Ärztin nicht dafür interessiert hat, es wäre eine schöne Studie über die Wirkung von Rohkost auf Diabetes geworden. 😉

    • Ich habe auch Typ 1 Diabetes und kann an sich erst mal allem nur zustimmen, was Khaos.Kind schreibt.

      [tl;dr: Ohne Dokumentation lassen sich Fehlerquellen meistens nichts ausmachen, weil die Faktoren einfach zu viele sind; Stichwort Mustererkennung]

      An sich MUSS man nicht alles aufschreiben, viele machen es ja auch nicht, und ich durchlaufe selbst immer wieder so meine Phasen. „Leider“ stelle ich aber immer wieder fest, dass man um das Dokumentieren leider nicht drum rum kommt, wenn man seine Blutzuckerwerte verbessern will, weil es dann nämlich darum geht Muster zu erkennen. Das ist ohne die Dokumentation einfach nicht ausreichend möglich, erst recht nicht, wenn ein/e Diabetologe/in einem helfen soll, die Fehlerquelle ausfindig zu machen und allgemein zu beurteilen, wie der Diabetes eingestellt ist.
      Ich finde es immer relativ schwierig, Nicht-Diabetikern zu erklären, wie viele Faktoren es da zu beachten gibt. Eine grobe Übersicht:
      1. Essen: Kohlenhydrate gibts in lang- und kurzkettig, entsprechend unterschiedlich ist ihre Wirkungskurve. Die Kurve wird außerdem verändert bei hohem Fett- und/oder Eiweißgehalt, Ballaststoffe machen angeblich ebenfalls einen Unterschied (sprich: purer Reis wirkt anders als Reis mit Gemüse). Wie viel Insulin pro für wie viele Kohlenhydrate gebraucht werden, ist individuell unterschiedlich.
      2. Insulin(arten): Wer keine Insulinpumpe hat, die mit nur einem Insulin konstant in kleinen Dosen den Blutzucker regelt, spritzt 2 verschiedene Insuline: Ein langwirkendes, das den Basisbedarf abdeckt (unabhängig vom Essen) und ein kurzwirkendes zum Essen oder zur Korrektur erhöhter Werte. Von beiden gibt es verschiedene „zur Auswahl“ mit sehr unterschiedlichen Wirkungskurven; man nehme, was zum eigenen Bedarf am besten passt. Die Kurve verändert sich teilweise drastisch je nach Verhältnis von benötigter Insulinmenge : Körpergewicht, was wiederum individuell sehr unterschiedlich sein kann.
      3. Tagesform: Der Insulinbedarf ist tagesformabhängig, viele brauchen z.B. morgens mehr als mittags, tagsüber mehr als nachts. Die Wirkungskurven der Insulin passen da zum Teil nur begrenzt, deswegen fallen manchen gute Blutzuckerwerte leicht, andere rackern sich ihr Leben lang ab.
      4. Bewegung: Bewegungsreiche Tage bedeuten weniger Insulin, Sport sowieso. Wie viel weniger man bei wie viel Sport und welcher Sportart braucht und wann der Blutzucker genau abrauscht, beim Sport, nach dem Sport oder in der Nacht danach noch.. Ich habe immer noch viel Spaß beim experimentieren.
      5. Alkohol, Krankheiten, Stress, Gewichtszu- und abnahme usw.

      Das alles kratzt auch nur an der Oberfläche, aber ich denke, es wird klar, wie komplex das Ganze ist. Und dabei geht es noch gar nicht darum, alles Essen genau abzumessen, das ist ja schlichtweg unrealistisch. Man MUSS nach „Gefühl“ spritzen anner Pommesbude und daraus lernt man ja auch.. einfacher wirds halt, wenn man alles dokumentiert hat und sich dann sicher sein kann, dass man bei den Pommes nen Fehler gemacht hat und nicht woanders, sonst lernt man auch nichts für die Zukunft.
      Und da gibts eben auch nette Apps, die dir schöne Diagramme malen, nen Mittelwert ausspucken und den Hba1c (Langzeitwert) interpolieren usw. Bei mir persönlich sind die Werte wesentlich schlechter, wenn ich sie nicht dokumentiere – auch, wenn ich glaube mir Mühe zu geben. Die Dokumentation bietet Übersicht und weckt bei mir außerdem noch den Ehrgeiz, deswegen dokumentiere ich auch meine Sporterfolge, so wie die Männer mit den Computerprogrammen…

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