Ein Servicebeitrag zu Vergewaltigungskultur

Rape culture (oder auf deutsch „Vergewaltigungskultur“) zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass Vergewaltigungen nicht ernst genommen werden. Dass sich also, wie im Fall Assange, jahrelang Mythen halten können, nach denen „ein geplatztes Kondom“ irgendwo auf der Welt einfach so strafbar sei. Weil die Staatsanwaltschaft sich zwar irgendwann genötigt sah, entgegen ihrer Praxis in Vergewaltigungsfällen die Details offen zu legen, aber das nichts mehr half. Vergewaltigungskultur zeichnet sich auch dadurch aus, an jeder Stelle dieses Wort zu vermeiden und was von „Sex-Affäre“ oder ähnlichen Euphemismen zu reden.

Darum jetzt nochmal: Journalist Mario Sixtus twittert, die Briten würden die Wiener Konventionen brechen, wegen einem geplatzten Kondom. Twitter weist ihn darauf hin, das würde nicht stimmen, sondern er sei wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung gesucht. Er wittert Reflexe – als ob die bei der Unterscheidung „geplatztes Kondom“ oder „Vergewaltigung“ was Schlimmes wären. stellt fest, Twitter sei ungeeignet für komplexe Sachverhalte. Stimmt, aber die Briten suchen Assange ja auch nicht wegen nem geplatzten Kondom, das ist halt komplizierter. (Vgl. die Vier-Schritt-Anleitung des Gurkenkaisers.)

Die Klarstellung, es sei eben doch „mehr als ein geplatztes Kondom“ können die meisten Follower dann leider nicht sehen. Twitter blendet Tweets auch dann aus bei Sixtus, wenn er vor @-replies einen Punkt setzt. Inzwischen haben sich mehrere leute aufgeregt, dass wieder einmal Ver­gewaltigungs­vorwürfe mit deutlich harmloseren Sachen gleichgesetzt wurden und benennen das als Ver­gewaltigungs­ent­schuldigungen. Sixtus, der bis dahin niemals „sexuelle Nötigung oder Ver­gewaltigung oder Vergewaltigungs­vor­wurf schrieb, sondern es bei vagem „ihm wird mehr vorgeworfen“ belässt fühlt sich vermutlich angegriffen und schreibt jetzt, die Vorwürfe sollten doch bitte mal gerichtlich geklärt werden. Dass Assange sich der gerichtlichen Klärung so lange entzieht, ist ironischerweise ein Punkt, der von Feminist_innen immer wieder kritisiert wurde, ihnen auf einmal aber vorgeworfen wird.

Damit hat auch Sixtus erfolgreich eine Nebelkerze gezündet und kann Strohpuppen abfackeln. Um die Kritik, wie Vergewaltigungen verharmlost werden, wie das ganze im gesellschaftlichen Rahmen funktioniert, geht es leider nicht mehr. Das Traurige: Egal wer die Kritik wie angebracht hat, sie wäre nie angekommen. Sixtus hat seine ursprüngliche Aussage nur durch einen erst unsichtbaren Tweet zu „mehr Vorwürfe“ revidiert. Bereits da hat er den problematischen Rahmen, in dem dieser Mythos geboren wurde und sich hält, ignoriert, obwohl er darauf hingewiesen wurde. Bei der weiteren Kritik hat er dann dicht gemacht. So funktioniert Vergewaltigungskultur leider auch: Drüber geredet wird nicht.

7 Gedanken zu “Ein Servicebeitrag zu Vergewaltigungskultur

  1. „Twitter blendet Tweets auch dann aus bei Sixtus, wenn er vor @-replies einen Punkt setzt.“
    Überdenken, danke.

    • @Pseudonym: Ja, auf Sixtus-Twitterseite werden standardmäßig @-replies ausgeblendet. Das war auch mit dem Punkt beim Tweet an mich der Fall. Ich hab das ihm noch geschrieben und einen Screenshot mitgeschickt. Er hat seinen Tweet dann um 12 Uhr nachts selbst retweetet, dann wurde er sichtbar. Überdenken, danke.

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