Die Relevanzblase im ZDF: weiß, deutsch, männlich und cisgender.

Immer wenn Du denkst, es ginge nicht schlimmer, kommen die deutschen „Qualitätsmedien“ und legen die Latte noch mal einen runter. Peinlicher geht schließlich immer. Am Beispiel der Proteste von Asylbewerber_innen und Flüchtlingen zeigt sich das seit einigen Tagen in ganz perfidem Ausmaß.

Blauer Hintergrund auf dem zwei Sticker mit Mainzelmännchen sind, die sich die Hand reichen

Symbolbild (CC BY-NC-SA Helga Hansen)

600 Kilometer sind Aktivist_innen durch Deutschland gewandert, von Würzburg nach Berlin, und protestieren nun auf dem Pariser Platz seit Tagen gegen Residenzpflicht, Unter-HartzIV-Versorgung und jetzt auch noch Polizeigewalt. Denn deren Auflagen untersagen alles, was den Protest gemütlich oder gar „bequem“ machen könnte. Denn sich im öffentlichen Raum mit einer Decke oder beschichtetem Sitzkissen gegen Kälte zu wappnen ist potentiell illegal.

Doch die gemeine Bürgerin erfährt davon nichts aus den deutschen Medien, sondern nur dank Twitter. Warum auch? Dass Menschen nach Polizeieinsätzen ins Krankenhaus mussten? Geschenkt. Dafür erklärt uns Dominik Rzepka vom ZDF nun, wann Nachrichten in Deutschland relevant sind:

Relevanz, Betroffenheit, Prominenz – das sind einige der Kriterien, nach der wir Ereignisse abzuklopfen haben. Bitte bekommt jetzt keinen Schaum vor den Mund. Aber: Eine Demonstration von 20 Menschen erfüllt diese Kriterien eigentlich nicht.

Gleich schon mal vorsorglich allen Kritiker_innen „Schaum vorm Mund“ unterstellt und dann ein „eigentlich“ nachgeschoben. Denn über Relevanz und Betroffenheit lässt sich bekanntlich streiten. Besonders wenn die Residenzpflicht eigentlich all den Aktivist_innen aus Würzburg untersagt, überhaupt in Berlin zu sein. An dieser Stelle hätte ich jetzt gerne die Zahl der derzeit in Deutschland lebenden Asylsuchenden geschrieben – die lässt sich aber bei keinem Qualitätsmedium finden. Keine Ahnung wer gerade alles betroffen ist, aber eine Meinung zur (Nicht-)Relevanz. Na danke.

„Wow“ denkt Herr Rzepka dann, weil er nach der ZDF-Rechtfertigung eine Antwort mit „Lügenpack“ sieht. „Wow“ denke ich mir da, weil ich schon viel öfter Schlimmeres lesen musste und „Lügenpack“ polemisch ist, aber immerhin den Finger auf eine Wunde legt: Der Protest ist nicht relevant genug für einen Bericht, aber für eine Rechtfertigung.

Schlimmeres steht auch in den Kommentaren zur Aktion tits4humanrights. Da haben fünf Pirat_innen gerade erst den traurigen Zustand der Journalisten aufgezeigt, die dank Bildern entblößter Brüste sofort gekommen sind. Also des Versprechens von nackten Titten. „Ausländer“ mit politischen Anliegen? Egal. „Frauen“ mit politischen Anliegen? Egal. Nackte Titten? Relevant!

Das fügt sich ein in das schlechte Bild, das gerade das ZDF in den letzten Wochen gegeben hat. Sexualisierte Übergriffe werden kommentarlos gesendet und später mit Nicht-Entschuldigungen gerechtfertigt. Transsexualität und Transidentität werden als Krankheit dargstellt – ohne darauf hinzuweisen, dass dies ein sehr umstrittener Punkt ist. Und jetzt berichtet man nur dann über Nicht-Deutsche, wenn Deutsche genügend Rabatz „im Internet“ machen oder Frauen sich ausziehen.

Dafür gab’s bis eben auf der Startseite unter „Netzkultur“ noch den Link auf eine „Ode an die E-Mail“. Relevanz, Betroffenheit oder Prominenz? Ich weiß es nicht. Am Ende wird klar: Wer nicht weiß, deutsch, männlich und cisgender ist, über den (oder die) wird nur bei besonders relevanten Dingen berichtet. Und das nicht mal kompetent. Von Journalisten, die bis heute im Vergleich zum Bevölkerungsschnitt erwiesenermaßen überdurchschnittlich weiß, deutsch und männlich sind. Ich nenne es die Relevanzblase.

19 Gedanken zu “Die Relevanzblase im ZDF: weiß, deutsch, männlich und cisgender.

  1. Im der Sache bin ich vollkommen deiner Meinung; es ist skandalös, dass das ZDF nicht berichten wollte und solche Gründe vorgeschoben hat. Auch das mit der Blase stimmt (wobei über Transsexualität und Transidentität ja berichtet wurde, jedoch super-herablassend). Trotzdem: Der Titel impliziert, dass die Ursache, warum die ZDF-Journalist_Innen über bestimmte Themen nicht berichten, darin besteht, dass sie alle „weiß, deutsch, männlich und cisgender“ sind – und nicht etwa, dass sie ein latent bis offen rassistisches, euro-/germanozentrisches, sexistisches und transphobes Weltbild haben.

    Das soll nicht wie Haarespalterei rüberkommen. Aber grundsätzlich müssen die genannten, die journalistische peer group einengenden Features nicht ursächlich für das entsprechende Verhalten sein (realistisch gesehen begünstigen sie es sicherlich). Wie die Unterstützung vor Ort und die Reaktionen im Netz gerade zeigen, gibt es jedoch einige Leute, die diese Features – Weißsein, deutsche Staatsbürgerschaft, Geschlecht und Identität – teilen und gleichzeitig vollkommen anders denken, sich anders mitteilen und anders handeln. Der ZDF-Redaktion ihr Geschlecht und ihre Herkunft vorzuhalten – anstatt ihres Sexismus und ihrer Ressentiments gegenüber den Refugees – macht die Argumentation meiner Meinung nach nicht zielgerichteter, sondern diffuser.

    • Der Titel beschreibt vor allem das, wessen Nachrichten beim ZDF (und darüberhinaus) relevant ist: weiß, deutsch, männlich, cis. Dass dies auch überdurchschnittlich viele Journalisten beschreibt, ist tatsächlich ja kein Zufall. Es bedeutet aber im Umkehrschluss eben nicht, dass alle Menschen, die die gleichen Merkmale aufweisen, die gleichen Fehler machen müssen. Das schreibe ich auch nicht.

      Es ist aber ein Argument, dass mir (und vielen anderen) jedes Mal entgegen gehalten wird, wenn bestimmte Merkmale einmal genannt werden. Also „weiß“, „deutsch“ oder „männlich“ – die Abweichungen der Norm eben. Dass ich prinzipiell nicht allen Menschen mit diesen Merkmalen unterstelle, rassistisch, sexistisch oder transphob zu sein, darf mensch mir schon glauben. Darauf dennoch zu verweisen (oder sogar eine Klarstellung einzufordern), sagt meist nur etwas über die Angst aus, selbst gemeint zu sein.

  2. Hallo @hanhaiwen,

    danke für Ihren Post und die Diskussion. Ein paar Anmerkungen möchte ich gerne machen.

    1.) Ihr Satz „Denn über Relevanz und Betroffenheit lässt sich bekanntlich streiten“ gefällt mir gut. In der Tat müssen wir uns immer fragen, ob ein Thema relevant ist und ob viele Menschen betroffen sind. Das tun wir – aber eine eindeutige Antwort gibt es fast nie. Man nähert sich immer nur einer Entscheidung an.

    Ein Beispiel zum Thema „Relevanz“: Die Meldung „Milch wird um 10 Cent teurer“ betrifft viele Menschen, wahrscheinlich sogar alle in Deutschland lebenden Menschen. Denn: Milch kaufen wir oder unsere Eltern/ Partner/ Mitbewohner usw. in der Regel einmal die Woche. Also sind 82 Millionen Menschen „betroffen“. Das ist für uns eines der Kriterien, nach denen wir Nachrichtenwert versuchen zu definieren.

    Aber bitte, das ist nur ein Beispiel von vielen.
    Ich finde es spannend, über neue Kriterien zu diskutieren.

    2.) Sie schreiben: „An dieser Stelle hätte ich jetzt gerne die Zahl der derzeit in Deutschland lebenden Asylsuchenden geschrieben – die lässt sich aber bei keinem Qualitätsmedium finden.“

    Das ist schlicht falsch. „Im ersten Halbjahr 2012 beantragten 27.760 Menschen in Deutschland Asyl“, steht in unserem Artikel. Meine Kollegin Kristina Hofmann hat dazu eine Faktenbox „Wer in Deutschland Zuflucht sucht“ recherchiert:

    http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/24993958/43db82/Web-macht-Berliner-Asylprotest-zum-Thema.html

    Bitte erst informieren, dann kritisieren.

    3.) Sie schreiben: „Frauen mit politischen Anliegen? Egal. Nackte Titten? Relevant!“

    Bitte lesen Sie auch hier den Artikel und meine Tweets zu dem Thema. Die Aktion hat für uns keine Rolle gespielt, sie wird nicht im Beitrag erwähnt. Und Joko und Klaas haben einen Fehler gemacht, für den sie sich entschuldigt haben. Das fand ich richtig.

    4.) Sie fragen zurecht, warum wir einen Beitrag „Ode an die Email“ veröffentlichen. Ich habe bei Twitter auch Kritik wahrgenommen, dass die heute-Sendung um 19 Uhr über einen Wasserrohrbruch in Australien berichtet hat.

    Damit sind wir ein wenig beim Thema „Boulevard“. Der Wasserrohrbruch war etwas zum Schmunzeln, weil die Wasserbetriebe für einen 80 Meter-Fontäne einen Mitarbeiter geschickt haben. Das erfüllt tatsächlich ein Kriterium: Das Ungewöhnliche.

    „Hund beißt Mann“ würden Sie nicht lesen.
    Aber „Mann beißt Hund“ schon.

    Wie gesagt: Das ist nur ein weiteres nachrichtliches Kriterium. Und wir können gerne über neue diskutieren.

    Und eine versöhnliche Bemerkung zum Schluss: Ich lese in Ihrem Post auch die Sorge, dass gewisse Gruppen bei uns in der Redaktion und in unseren Veröffentlichungen zu kurz kommen. Ich nehme das ernst. Wir müssen in der Tat die Pluralität unserer Gesellschaft abbilden, insofern verstehe ich Ihren Post auch als Ansporn.

    Viele Grüße,
    Dominik Rzepka,
    ZDF Hauptstadtstudio

    • Hallo David Rzepka,

      ich weiß auch, wieviele Leute derzeit in Deutschland Asyl beantragt haben. Diese Zahl steht in jedem Artikel, frisch kopiert vom BAMF. Was derzeit nirgendwo steht, ist wieviele Asylsuchende INSGESAMT gerade in Deutschland leben. 2010 hatte die Zeit mal einen Artikel, dort war von 80.000 Menschen die Rede (klingt gleich viel höher als 27.760). Durch den Anstieg der letzten Monate dürfte diese Zahl aber inzwischen höher liegen. Ab wann ist denn da Relevanz erreicht?

      Dass das ZDF nicht explizit über nackte Haut berichtet, mag richtig sein. Aber die Frage, wann Netzprotest relevant wird, lässt sich davon nicht trennen in diesem Fall. Durch die Ankündigung verbreitete sich der Protest noch weiter im Netz und ermunterte auch einige, doch andere Aktionen zu starten.

      Im Falle von Joko und Klaas hat das ZDF eine schöne Nicht-Entschuldigung herausgegeben. Die Aktion wurde als „am guten Geschmack vorbei“ verharmlost – es war wieder einmal klar, dass die Aktion selbst niemandem leid tut, sondern nur, dass es zahlreichen Protest gab.

      Um noch einmal auf mein Beispiel der E-Mail zurückzukommen: Ich mag E-Mails. Ich finde es schade, dass sie heute immer mehr zugunsten von Facebooknachrichten etc in den Hintergrund rücken. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Ode an diese relevanter sein soll, als Flüchtlinge, die sich der Residenzpflicht widersetzen, 600 Kilometer zu Fuß durch Deutschland wandern und dann in einen Hungerstreik treten, um auf Lebensbedingungen aufmerksam zu machen, die einfach nicht mit dem Grundgesetz und der Achtung der Menschenwürde vereinbar sind. Relevanz hin oder her – da erwarte ich von Medien, der Politik auf die Finger zu schauen und ggf. in die Wunde zu legen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Helga Hansen

    • Wie wäre es denn mit diesem Relevanzkriterium: Ungerechtes (moralisch, nicht juristisch) verhalten des Staates gegenüber Minderheiten.
      Oder einfache Menschen die große Anstrengungen auf sich nehmen um auf ihr Leid aufmerksam zu machen.

      Wäre nur eins der beiden innerhalb Ihres Tellerrands wär vieles einfacher gewesen.

    • Wenn ich’s recht überlege…. „Polizeigewalt“ an sich könnte auch eine dauerhafte Rubrik werden, soviel wie in letzter zeit in der Richtung passiert. Nebst schützender Justiz, sind Verfehlungen einer der 3 Gewalten des Staates nicht relevant genug für Sie?

  3. Hurra! Ich habe einen Artikel zum Thema gefunden! *Daumenhoch
    gut finde, mich freue und ein Stück Auge gleich mal hier lasse
    Weiter so…
    Relevanzblasen aufstechen durch Zeigen und Reinpieksen

  4. @DominikRzepka

    Helga Hansen hat genau Recht. Ihr Sender ZDF hat beim Joko& Klaas -Vorfall eine schöne Nicht-Entschuldigung abgeliefert.
    Es wurde sogar noch versucht, zu relativieren. Die Berührung sei ja nur angedeutet gewesen.
    Eine Entschuldigung, auch vom ZDF selbst, wäre angebracht gewesen, denn – wie andere Journalisten, wie zB Andreas Baum und Philip Banse, zu Recht kritisieren, hätte diese sexistische Scheisse [hier genau angebracht] gar nicht erst gesendet werden dürfen.
    Wenn man sich dann nicht mal richtig entschuldigt, ist der Schaden für’s Image noch größer.

  5. “Das erfüllt tatsächlich ein Kriterium: Das Ungewöhnliche.”

    Und da die Lage der AsylwerberInnen, weil der Sexismus, weil die Armut etc., weil das alles so gewöhnlich, weil Normalzustand ist, wird nur selten berichtet. Eh, genau so ist es. Hier zeigt sich die ganze Erbärmlichkeit des ach-so-objektiven Journalismus, der schlussendlich doch nur den Status quao stützt.

  6. „Am Ende wird klar: Wer nicht weiß, deutsch, männlich und cisgender ist, über den (oder die) wird nur bei besonders relevanten Dingen berichtet. Und das nicht mal kompetent. Von Journalisten, die bis heute im Vergleich zum Bevölkerungsschnitt erwiesenermaßen überdurchschnittlich weiß, deutsch und männlich sind. Ich nenne es die Relevanzblase.“

    // wo kann ich bitte mit unterschreiben ? //

    danke, dass du das genau so treffend und faktisch beschreibst – und das sind ja meiner beobachtung nach nur die neuesten, krassesten, eklatantesten fehler/verfehlungen.

    pars-pro-toto : deine feststellungen treffen für mich auf alle sog. ÖR-sender zu. (stichwort : kyriarchie)

    und von wg. „sich entschuldigen“ : das geht weder von der wortwahl noch vom an-sich anerkannten prinzip in dld. denn : wermensch es ernst meint und dies anderen menschen auch erkennbar machen will, muss per definition „um entschuldigung bitten“. (alles andere ist guttenplag- und sonstiges unseriöses geschwafel)

    gleiches gilt für mich was Dominik Rzepka hier kommentiert : das ist für mich mansplaining-geschwafel.
    // macht nix; wird ja per GEZahlt //

    p.s. 3sat-kulturzeit berichtet seit dem 18.9. vom „Marsch der Flüchtlinge“:
    http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/164812/index.html

  7. Ich wollte nur nebenbei erwähnen, dass 3Sat neulich über die Flüchtlinge in Berlin berichtet hat (und zwar neutral bis positiv, wie mir schien).

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