Hier ist der traurige Feminismus

Seit Jahren erlebe ich die furchtbarsten Dinge, jeder einzelne Unterdrückungsmechanismus, den feministische Theorien beschreiben, ist mir am eigenen Leib oder Bekannten passiert.

„Ihr Mann verdient doch gut, da brauchen wir sie nicht befördern.“

„Die Leistungskriterien in unserer Firma haben nichts mit Leistung, aber mit männlich-besetzen Eigenschaften zu tun.“

„Ich war die erste Frau in dem Institut und die sagten gleich, ich werde Probleme bekommen. Die haben mir die Probleme dann auch gemacht.“

„Gute Mitarbeiter werden knapp, also müssen wir jetzt auch gut ausgebildete Frauen einstellen.“

„Pass auf Deinen Ruf auf, Du wechselst so oft den Freund.“

Ich habe sexualisierte Gewalt demütigend ertragen und mich nicht gewehrt. Ich habe mich gegen sexualisierte Gewalt gewehrt und bin demütigend ausgelacht worden. Ich habe mich gegen sexualisierte Gewalt gewehrt und bin dafür geschlagen worden.

Männliche Raumeinnahme bedeutet nicht nur nervige Breitmachmacker, sondern auch Männer, die eine im Straßenverkehr lachend von der Fahrradspur verdrängen und in Gefahr bringen.

Selbst in ach-so-aufgeklärten Räumen vergeht kaum ein Abend, an dem einer Frau nicht „Ausziehen!“ oder „Was ist denn Deine Körbchengröße?“ hinterhergerufen wird.

Und wie ich das so schreibe denke ich, wie wohl die Welt aussehen würde, wenn Männer nicht mehr befördert werden, weil ihre Ehefrau Geld verdient. In der jeder Mann zahlreiche Geschichten zu erzählen hat, wie er von lüsternen Frauen angegrapscht und angequatscht wurde – und Kritik mit „na, Du trägst aber auch eine enge Hose/Hemd/wilde Haare“ quittiert wird. In der ihre Berufskrankheiten nicht anerkannt werden und eine ganze Generation sich gar nicht scheiden lassen darf, weil ihr dann Altersarmut droht. Eine Welt, in der Frauen ausfallend werden, weil eine Woche lang nicht von „Bürgerinnen“ sondern „Bürgern“ die Rede sein soll und sie nur noch „mitgemeint“ sind.

Aber so lebe ich in einer Welt, in der Hatr nur ein Beispiel dafür ist, warum ich mich für „mehr Bildung von Männern“ einsetzen sollte. In der ich mir seit Jahren den Mund fusselig erklärbäre und die extreme Seite bin. In der ich dann noch darüber diskutiere, ob „feministischer hate speech“ vielleicht einzelne Feministinnen und ihre Aussage der 60er Jahre sein könnten oder überhaupt, irgendwie implizit.

Da wird all die Arbeit unter den Tisch fallen gelassen, die Feministinnen in den letzten Jahrzehnten geleistet haben. Dass es zumindest rechtlich nicht von Bedeutung ist, was der Mann einer Frau arbeitet und ob er ihre Arbeit gutheißt. Dass zumindest am Arbeitsplatz nicht mehr ok ist, mir „einfach so“ an den Hintern zu fassen (oder einem Mann!).

Und immer noch läuft soviel falsch in diesem System. Sind die Nachteile für Frauen strukturell bedingt. Ist der Backlash real. Warum sind Feminist_innen und Frauen heute eigentlich nett? Wo bleibt der explizite hate speech auf das System und die realen Arschlöcher, die uns bedrohen und verletzen?

PS: Ich kann den nicht anstiften. Ich sitze zu Haus und habe keine Kraft dazu. Ich bin der traurige Feminismus.