Sexualisierte Gewalt: Zahlen, Fakten, Handlungsvorschläge

Heute nachmittag ging es an der TU Braunschweig um „Sicherheit auf dem Campus“. Dort berichtet zunächst Eileen Kwiecinski über die ersten Ergebnisse des Projekts „Sexismus und sexualisierte Gewalt: Ausmaß, Auswirkungen und Handlungsstrategien mit besonderer Berücksichtigung technischer Hochschulen“. Nach wiederholten Übergriffen wurden an der TU die Studierenden und Mitarbeiterinnen zu ihrem Sicherheitsgefühl auf dem Campus befragt. Da das Projekt erst seit wenigen Monaten läuft, gibt es nur vorläufige Ergebnisse, etwa, dass Bewegungsmelder für ansonsten schlecht beleuchtete Ecken wiederholt gefordert wurden. Eine Maßnahme, die wohl auch gegen Diebstahl hilft. Und aus der Kategorie „told you so“: Studentinnen fühlen sich im Schnitt weniger sicher als Studenten.

Insgesamt gibt es wenig Daten über sexualisierte Gewalt an Hochschulen in Europa, sowie deren Auswirkung auf die Betroffenen. An einer Studie der EU nahm die Uni Oldenburg teil, die auch eine eigene Untersuchung ergänzend durchführte. Dort wird bereits seit vielen Jahren zu sexualisierter Gewalt gearbeitet, wie Gisela Runte erläuterte. So gibt es dort seit 1996 eine „Richtlinie gegen sexuelle Diskriminierung und Gewalt“ (die von anderen Hochschulen gerne als Blaupause für eigene Richtlinien genutzt werden darf) und seit 2000 die Beratungsstelle bei Fragen zu sexualisierter Diskriminierung und Gewalt.

Die Richtlinie ist zum Schutz von Männern und Frauen gedacht, die tägliche Arbeit und Studienergebnisse zeigen allerdings, dass sexualisierte Gewalt zu 97 Prozent von Männern verübt wird. 55 Prozent der Studentinnen geben an, Opfer von sexueller Belästigung geworden zu sein. Nicht alles davon ist strafrechtlich relevant – die Folgen können aber gravierend sein. So kommt es zu verschlechterten Leistungen der Betroffenen, sie meiden bestimmte Orte oder Lehrveranstaltungen und brechen im schlimmsten Fall ihr Studium ganz ab.

Dennoch geben 74 Prozent an, zum Zeitpunkt des Übergriffs diesen „nicht so schlimm“ gefunden zu haben. Offensichtlich ist sexualisierte Gewalt weiter „normal“. Oft kommt es bei Beschwerden auch zur „Umschuldung“ oder victim-blaming. Schuld ist dann nicht der Grapscher, sondern die Begrapschte. Wenn der Vorfall überhaupt ernst genommen wird: die bereits angesprochene Normalität und Verharmlosung verhindern, dass Betroffene sich wehren.

Über die Beratungs- und Hilfsangebote wissen leider nur die wenigsten Bescheid (an der TU z.B. unter 10 Prozent). Auch nehmen nur wenige Betroffene diese in Anspruch und dann meist, wenn ein Abhängigkeitsverhältnis mit dem_r Täter_in besteht. Die Mehrheit der Übergriffe erfolgt allerdings durch Kommiliton_innen, bzw. Kolleg_innen. Einen etwas höheren Anteil an Täterinnen gibt es übrigens beim Stalking.

Wichtig, so Runte, seien Öffentlichkeitsarbeit und die Schulung von Führungskräften – in Oldenburg suchen diese bereits ebenfalls die Beratungsstelle auf. Die Richtlinie biete dabei, wenn auch oft verschieden ausgelegt, einen Rahmen, wie bei Vorfällen zu verfahren sei. Außerdem ermögliche die Trennung zwischen rechtlicher und psychologischer Beratung den Betroffenen Anonymität, solange sie kein Verfahren anstreben.

Am Ende gibt die Studie etwas Hoffnung: An der Uni Oldenburg ist die Zahl der Betroffenen niedriger als im Bundesvergleich. Die Arbeit scheint sich auszuzahlen.

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