Bleibt alles anders – Vorschläge für den 30C3

Nach langem Nachdenken habe ich mir nun einen Vorsatz für 2013 gegeben: Schauen was aus der Anti-Harrassment-Policy für den 30C3 wird. Bereits auf dem 29C3 haben Philip Steffan und ich einige Vorschläge ausgearbeitet und im Workshop Policccy vorgestellt (hier geht’s zum Protokoll).

Man making a mistake: You suck at math. Woman making a mistake: Girls suck at math.

This is what sexism looks like.

Derzeit ist die Policy des Chaos Communication Congress “wishful thinking” aber leider keine “self-fulfilling prophecy”. Der Congress wurde zur diskriminierungsfreien Zone erklärt, ohne konkrete Diskriminierung und die Maßnahmen dagegen zu benennen: “We provide a safe and comfortable experience for everybody attending our event, regardless of age, gender, sexual orientation, race, physical appearance or disability.” (Wir stellen ein sicheres und angenehmes Erleben für alle Teilnehmenden des Events sicher, unabhängig vom Alter, Geschlechts, sexueller Orientierung, Rasse, Aussehen oder Behinderung.) Auf der Policyseite steht immerhin “We are dedicated to providing a …” (Wir widmen uns der Bereitstellung…) geändert. Auf genauere Beschreibungen wurde verzichtet, so der Tenor beim Policccy-Treffen, da man den Teilnehmenden zutraue, selbst zu wissen, was angebracht sei und was nicht. Außerdem würde das im Umkehrschluss Frauen abschrecken, da der Congress nach einem „unsicheren Event aussehe“. Ausgeführt gibt es dies auf der Talk-Seite des Wikis. Dort steht passenderweise auch der Vorschlag, die Policy für „krasse Übergriffe“ müsse quasi geheim bleiben – wie war das mit „alle Informationen müssen frei sein“?

Reicht der gesunde Menschenverstand aus? Da es immer wieder Übergriffe gab, lässt sich dies leider nur mit „Nein“ beantworten. Und um das Geek Feminism Wiki zu zitieren: Wenn Du denkst, es sei sonnenklar, keine Menschen auf einer Konferenz zu belästigen, dann bist Du nicht die Person, für die die Policy geschrieben wird. An anderer Stelle wird dann auch wieder das Klischee der von sozialen Normen verunsicherten Nerds hervorgeholt. Im Zweifelsfall hilft das Aufschreiben weiter. Zum Einen gibt es Menschen mehr Sicherheit in der Bewertung von Vorfällen und zum Anderen eine handfeste Grundlage beim Durchsetzen von Sanktionen. Ich kann nichts ahnden, für das ich nicht mal einen Namen haben. Tatsächlich machen explizite Regeln auch jetzt schon nicht alles schlimmer: Auf’s Müll einsammeln wird auch immer wieder hingewiesen und am Ende ist es deutlich sauberer als auf anderen Veranstaltungen.

Mein Ziel ist es, dass am Ende wirklich alle Entitäten sichere und angenehme Erfahrungen machen. Daher habe ich die bereits auf dem Policccy-Treffen vorgestellten Verbesserungsvorschläge hier noch einmal ausgeführt. Grundlegend ist, dass eine Atmosphäre geschaffen wird, in der Diskriminierung explizit als solche benannt wird – und noch deutlicher wird, dass sie nicht erwünscht ist. Keinesfalls sollten Vorfälle aus Angst vor schlechter PR unter den Tisch gekehrt werden. Da bleiben sie sowieso nie und der Imageschaden danach ist umso größer. Der Congress ist im letzten Jahr stark gewachsen und wird dies vermutlich auch in diesem Jahr tun. Damit einher wachsen auch die Verantwortung und die Zahl der Augen, die alles kritisch beobachten.

Vor einer Überarbeitung der Policy
Es muss dringend geklärt werden, ob und welche Interventionen/Eigeninitiative ok ist und welche nicht. Dazu sollten die bisherigen Interventionen angeschaut und analysiert werden. Schade und unproduktiv finde ich es, wenn daraus eine Tooldiskussion wird, bei der bestimmte Tools von vornherein ausgeschlossen werden. Stattdessen sollte auch der jeweilige Rahmen und die Implementierung berücksichtigt werden.

Weiter analysiert werden sollte, welche Vorfälle es in der Vergangenheit gab. Auf dem 28C3 wurde etwa von einer Teilnehmerin ein Upskirt-Foto gefordert, der Rat “don’t fuck swedisch women” gegeben (statt “don’t rape”) und in vielen Vorträgen Männer als einzig ernsthafte Zuhörerschaft angesprochen (vgl. auch die vorgestellten Studien im Vortrag zu „Gender Informatik“). Und auch wenn der Congress der Congress ist, schadet es nicht, sich einmal durchzulesen, was es alles an dokumentierten Vorfällen gibt.

Die Überarbeitung der Policy
Eine ordentliche Policy sollte am Anfang aller Planungen stehen und bei diesen stets mitbedacht werden. Ein Beispiel ist Barrierefreiheit. Wer sich diese nicht gleich auf den Zettel schreibt, sitzt am Ende schlimmstenfalls im ersten Stock ohne Aufzug. Wichtig ist, wie bereits beschrieben, dass die Policy deutlicher wird. Die Policy der Ada-Initiative (von der die bisherige Policy abgeleitet wurde) liefert dazu eine sehr gute Beschreibung, die übernommen werden sollte:

Belästigung beinhaltet beleidigende verbale Kommentare bezüglich Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderungen, Aussehen, Körperform, Rasse, Religion oder anderem geschütztem Klassenstatus, sexualisierte Bilder in öffentlichen Räumen, bewußtes Einschüchtern, Stalken, Verfolgen, belästigendes Fotografieren oder Aufnehmen, fortgesetztes Stören von Vorträgen und weiteren Veranstaltungen, unangebrachtes Berühren und unwillkommene sexuelle Aufmerksamkeit. Von den Teilnehmenden wird erwartet, Aufforderungen zum Beenden der Belästigung sofort nachzukommen.

Das „beinhaltet“ lässt dabei offen, bei Bedarf weitere Belästigungen als solche zu erkennen und zu verbieten. In der Policy ist außerdem beschrieben, wie eine Ausnahme (in diesem Fall pornografische Bilder) geregelt ist und welche Konsequenzen bei Verstößen gezogen werden. Diese Teile können übernommen werden, sollten aber auf jeden Fall angepasst werden.

Weiter sollte sicher gestellt werden, dass die Policy allen Beteiligten, vom Barbot über Engel bis zur Security, und allen Teilnehmer_innen bekannt ist. Dazu gehören auch das Einbinden in die Eröffnung und wiederholte Ankündigungen. Eine Idee des Policccy-Treffens war die Einbindung ins „Kleingedruckte“ in groß, mit anzuklickender Einverständniserklärung.

Best-Practices für Talks
Ein wiederholter Kritikpunkt ist das Schaffen der Atmosphäre „wir sind hier ja unter Männern“, in der Frauen nur die mitgeschleppten Freundinnen sind, deren gute Laune irgendwann für den “Wife acceptance factor” notwendig ist, kurz othering. Eine Möglichkeit dies zu verhindern, ist die Bereitstellung einer Best-Practices-Sammlung. Dabei sollte betont werden, dass im Publikum auch Frauen sind und mitangesprochen werden sollten („liebe Zuhörerinnen und Zuhörer“) – ohne sie übermäßig hervorzuheben („krass, da ist ja echt ne Frau hier“). Ausgewogenheit und das Vermeiden von Stereotypen sollte auch bei eventuellen Abbildungen und Beispielen bedacht werden. Gerade bei Bildern betrifft dies auch weitere Diskriminierungskategorien (Rasse, Alter, Behinderung)¹. Auch der Verzicht auf den “Wife acceptance factor” und „sogar Mütter verstehen das“ gehören dazu.

Weitere Links und Ressourcen

Alle Übersetzungen sind von mir. Dieser Text erschien zuerst auf femgeeks.de.
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¹ Ich weiß, dass gerade Bildmaterial sehr oft sehr stereotyp ist. Muss das so bleiben?

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