Angekommen aber nicht ernst genommen: #Aufschrei in den Medien

Meme: One does not simply fill binders with women

Frauen. Eine Herausforderung für Mitt Romney und das deutsche Fernsehen

Seit der Nacht zum vergangenen Freitag verfolge ich nun erst #Aufschrei auf Twitter und dann die Debatte in Print und Fernsehen. (So leid es mir tut, aber Radio ist kein Medium mehr, in dem gesellschaftlich diskutiert wird.) So fing es Sonntag abend mit Jauch an, ging mit ZDFLogin gestern weiter und mindestens bis Maybritt Illner wird es weitergehen. Wahlweise ans Bett oder die Couch gefesselt, schaue ich hin und kann kaum unterscheiden, ob meine Schweißausbrüche von der Erkältung herrühren oder doch von dem vorsintflutlichen Gelaber, dass mir da entgegenschlägt.

Allein schon die Auswahl der Titel scheint, als wolle man alle Beschwerden der Betroffenen noch einmal untermauern.

Inzwischen weit über 60.000 Tweets und steigende Beschwerden bei der Antidiskriminierungsstelle könnten natürlich irren. Anstatt also einmal zu schauen, wie schlimm es um Deutschland bestellt ist, fragt Jauch lieber, ob es überhaupt ein Problem gäbe. Dass muss schließlich erst noch einmal bewiesen werden! Eine Analyse oder gar Ideen zur Abhilfe müssen da natürlich warten.

Auch die Login-Macher_innen ignorieren standfest den „Alltags“-teil der Beschwerden und weisen jede Schuld vom Durchschnittsmann ab. Wenn es hier ein Problem gibt, dann müssen es die Machos sein! Jene unbeugsamen Herren, die dann in Gestalt eines Pick-Up-Künstlers, der pubertierenden Jungs Anleitungen zum Manipulieren von Frauen gibt, auf der Bühne stehen. Anleitungen, die sich wie die Checklisten von Missbrauch und häuslicher Gewalt lesen und deren Techniken auch von Pütz gelehrt werden: Das Selbstbewußtsein ankratzen, damit das Frauobjekt für das angehängte Kompliment dankbar ist. Unfassbar eklig wird das, wenn Frauen bei #Aufschrei berichten, genau dies auch bei Belästigungen zu erleben. Sie wären heruntergemacht worden und hätten sich gleichzeitig fast dankbar gefühlt, dass Sie als „häßliche“ Frau auch einmal Aufmerksamkeit bekommen.

Dass dieser „Künstler“ von allen bisher aufgetretenen Gästen das mit Abstand schlechteste Männerbild hat, wird zur Fußnote der Geschichte. Mehr darf mensch leider nicht erwarten, denn keine Sendung hat mit sowas abgefahrenem wie Fakten geglänzt und für die Zukunft sieht es ebenfalls düster aus. Dass 58 Prozent der deutschen Frauen berichten, bereits belästigt zu sein, erfahren wir von der New York Times. Dass Feminist_innen ein besseres Männerbild haben als konservative Frauen wird nicht als wissenschaftliche Erkenntnis vorgetragen, sondern allenfalls deutlich, wenn Wibke Bruhns für Stiere, Kühe und Ochsen neue Spezies erfindet. Dass Frauen mit Behinderung doppelt so gefährdet sind, Gewalt zu erleben, bleibt ebenfalls unerwähnt.

Aber wie sollen wir auch zum Kern der Debatte vorgehen, wenn keine einzige Frau aus einer Beratungsstelle auf der Bühne sitzt, kein Diskriminierungsexperte, sondern höchstens mal eine dieser empörten jungen Feministinnen aus dem Internet. Stattdessen Journalist_innen, Politiker_innen und Monika Ebeling, die über Macht nicht sprechen möchte, aber die Männer in unserer Gesellschaft unterrepräsentiert sieht. Dabei sind sie das nicht einmal in dieser Debatte. Mit bis jetzt durchschnittlich zwei Männern pro Talkrunde schlägt es all die Runden mit Quotenfrau oder ganz frauenfrei, die uns sonst zu Eurorettung oder Weihnachtsgeschenken vorgesetzt werden. Gar nicht gesichtet wurden dagegen Schwarze Frauen, Frauen mit Behinderung oder gar eine Kopftuchträgerin.

Dafür verharmlosen die Titel, Teaser und Beschreibungen der Sendungen übergriffiges Verhalten als missverstandenes Flirten und rehabilitieren den schon vermottenden Begriff „Herrenwitz“. Konnte sich ZDFLogin bei der Verwendung des Wortes „Hysterie“ rausreden, den Machomacher Pütz zu zitieren, ist es bei Will wie selbstverständlich Teil des Titels. Ein Wort, das vom Altgriechischen hystera (ὑστἐρα) für Gebärmutter stammt. Und eine Krankheit bezeichnet, bei der Frauen die Gebärmutter in den Kopf wandert, wenn sie zu wenig Spermienzuführung durch heterosexuellen Sex haben. Der medizinische Begriff wurde 1952 begraben, das Konzept, schwierige Frauen mit dem Kampfbegriff für krank zu erklären, hat sich allerdings gehalten.

So machen die Talkshows genau das, was unter #Aufschrei als alltäglicher Seximismus kritisiert wurde. Die Betroffenen müssen erst einmal beweisen, dass es gerade ein Problem gibt. Dann werden sie angegegriffen („warum wehren die sich denn nicht“) und schließlich werden von „wer ist hier Opfer“ bis hin zu „dürfen dann Männer und Frauen nicht mehr einen Aufzug benutzen“ Strohdebatten entzündet, die unseren Blick für das wesentliche vernebeln: Wir haben ein Problem mit der alltäglichen Belästigung von Frauen.

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