Knutschverbote, Knutschverzicht? Über wirklich unsichtbaren Protest.

Es gibt so Dinge, die „macht man nicht“. Anderen Leuten einfach so auf die Füße treten zum Beispiel. Wenn das dann doch passiert, entschuldigen wir uns, auch wenn die Person noch gar nicht „aua“ gerufen hat. Für Menschen, die gerne anderen auf die Füße treten oder, noch schlimmer, am liebsten auf den blauen Fleck am Schienbein hauen, haben wir verschiedene Bezeichnungen. „Arschloch“ zum Beispiel.

Auf Dinge zu verzichten, die eventuell Spaß machen, anderen aber weh tun, ist also gar nicht so schwer. Besonders, wenn wir es von Kindesbeinen auf lernen. Bei anderen Sachen erfahren wir erst später, dass sie Menschen weh tun. So geschehen, in der aktuellen „Knutschdebatte“. Auch in Deutschland werden gleich-geschlechtliche Paare böser Blicke bedacht, beleidigt oder sogar tätlich angegriffen, wenn sie für gegen-geschlechtliche Paare alltägliche Dinge tun: Koseworte austauschen, Händchen halten und sich öffentlich küssen.

Jedes flüchtig dahingehauchte „Mausi“, jeder Bussi auf die Wange wird da zur Erinnerung, es selbst nicht einfach so zu können. Weil es außerhalb geschützter Räume immer die Möglichkeit gibt, dass ein „ey ihr Schwuchteln, haut ab“ folgt oder auch: „wenn ich Euch rannehm, steht ihr schon wieder auf Kerle“. Macht ein weniger deutliches Hetero-Paar was aus unter den Millionen küssender Hetero-Paare in Deutschland?

Eine_r muss den Anfang machen und aufhören, anderen auf die Füße zu treten. Damit ist natürlich das Problem der Übergriffe auf gleich-geschlechtliche Paare nicht aus der Welt geschafft – dafür bedarf es deutlicher Aussagen gegen Homophobie und Maßnahmen gegen die Täter_innen.

Dass wir im Moment noch nicht an diesem Punkt in der Debatte sind, ist ein Armutszeugnis. Stattdessen kreist die Debatte um die Frage, ob jemand „Knutschverzicht“ oder „Knutschverbot“ gesagt hat. Jede Erwähnung, dass eben nicht alle einfach so knutschen können wird umgedreht zu „und was folgt damit jetzt für mich Heterooooo?“ Statt hinzuhören, wenn Lesben, Bisexuelle und Schwule von Übergriffen reden, debattieren wir die Angst Heterosexueller, nun „nicht mehr knutschen zu können“, die sich in „jetzt erst Recht“-Manier versprechen, noch mehr rumzumachen.

„Ficken für den Weltfrieden“ war gestern. Heute knutschen wir heterosexuell gegen Homophobie. Was kommt als nächstes? Männer, die wegen der Frauendiskriminierung Mitglied werden in den Männerbünden dieser Welt? Weiße Menschen, die aus Protest gegen Rassentrennung auf “whites only”-Bänken sitzen? Eltern, die ihre Kinder in die Kita bringen, um gegen die knappen Betreuungsplätze zu demonstrieren?

tl;dr
Niemand, auch ich nicht, fordert „Knutschverbote“. Nicht zu knutschen, kann ein solidarischer Akt mit denen sein, die fürs Knutschen bestraft werden. Stattdessen mehr zu knutschen, ist der wirklich unsichtbare Protest.

Disclaimer:
Das Füße-Gleichnis habe ich bei Naekubi gelesen, die es ihrerseits von @baum_glueck hatte.

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