Die Empörung über die Witze über #Neuland

Diese Menschen auf Twitter. Erst haben sie sich über die Aussage von Angela Merkel, das Internet sei für uns alle Neuland, witzig gemacht. Dann mahnen sie an, dass es genügend Leute gebe, für die das Internet tatsächlich Neuland sei und Witze über die Aussage unangebrachter Hohn seien.

Welch sinnloser Empörungskontest, der am Ende genau das macht, was er kritisiert: Menschen ausblenden und sich selbst, als Twitter-Nutzer_innen in den Mittelpunkt stellen. Auch, und gerade außerhalb von Twitter, haben sich viele Menschen, die seit Jahren das Internet nutzen, von der Kanzlerin verarscht gefühlt. Das Dudelfunk-Radio hat Witze über „Google ist dann Neufundland“ gemacht.

Die Aussage von Merkel war, ausnahmsweise aber vermutlich für sie überraschend, hoch gepokert. Weil sie darauf gesetzt hat, dass das Internet für viele Neuland sei, ganz besonders unter ihren Wähler_innen. Und dabei unterschätzt hat, dass eben nicht nur die Twitter-Avantgarde ohne ihre Smartphones, Laptops und jederzeit verfügbares Internet völlig hilflos wären. Sondern inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung.

Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.

Auch die Einordnung des gesamten Zitats, wie Peter Glaser es macht, geht am Kern des Problems vorbei. Die ganze Welt ist in einem Überwachungsrennen gefangen, wer noch mehr Mails noch schneller auswertet, und Merkel entschuldigt das mit „sorry, wir üben noch“. Von ihr, die sonst souverän mit vielen Worten nichts sagt, war das ein deutlicher verbaler Missgriff.

Schließlich gilt es zu bedenken, warum ein Viertel der Deutschen sich dem Internet inzwischen seit Jahren verweigert: Datenschutz- und Sicherheitsbedenken. So sehr Merkel dies vermutlich aufgreifen wollte – mit dem Auffliegen von Prism und den eigenen Bemühungen, den Datenverkehr im Internet noch stärker zu überwachen, wird sie diese Gruppe nicht erreichen.

Für’s nächste Mal also: bitte nur noch gelungenen Sarkasmus und weniger Twitter als Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

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