HuffPo und Co: Reichweite muss mensch sich leisten können

Die Huffington Post kommt nach Deutschland. In den USA bekannt geworden als Mitteilungsblatt einer Millionärin und ihrer reichen/berühmten Freund_innen, werden nun auch in Deutschland Bloggerinnen und Blogger gesucht, die dort ohne Entlohnung schreiben. Ohne Entlohnung? Aber es gibt doch Reichweite und Bekanntheit! Und ein Meinungstext, vorgebliche Domäne des bloggenden Volkes, sei so schnell hingerotzt, aufbauend auf der Arbeit Recherche von anderen, dass von Aufwand nicht die Rede sein könne.

Wobei: Auch Zeitungen und Nachrichtensendungen leisten sich Kommentatore und Kolumnen. Sie bezahlen Menschen dafür, mit ihrer Meinung das politische Weltbild des Mediums neben der „objektiven“ Berichterstattung deutlich zu machen. Jeden Tag sitzen in mindestens einer Fernsehtalkshow sehr viele Männer und erzählen uns gegen Geld ihre Meinung.

Auf der anderen Seite habe ich selbst, als Bloggerin, schon viel Zeit in Recherche gesteckt. Ich habe nach spannenden Projekten gesucht, habe Leute interviewt und über Monate Quellen zusammengetragen, die am Ende in einem Artikel zusammen­flossen. Hat die Huffington Post jetzt nur Blogger_innen angefragt, die keinerlei „journalistische“ Arbeit auf ihrem Blog leisten? Und explizit darum gebeten, nur Meinungstexte zu schreiben?

Also, was wäre denn, wenn ich nur ne Meinung hinrotze? Ich habe zum Beispiel vom Euro eine Meinung: Finde ich gut, will ich nicht abschaffen. Da das alleine noch keinen Text füllt, bräuchte ich nun noch mehr. Im einfachsten Fall meine Erfahrungen mit dem Euro, warum ich den vom Gefühl her behalten will. Also hinsetzen, erinnern, aufschreiben. Wenn ich die Zeit und die Geräte dafür habe. Sobald ich dann noch etwas mehr schreiben will, etwa, seit wann es den Euro überhaupt gibt oder wie sich die Preise seit seiner Einführung verändert haben, muss ich noch mal nachschlagen. Selbst wenn das andere bereits recherchiert haben, muss ich das noch mal nachlesen.

Das alles kostet Zeit, die ich nicht zum Geld verdienen aufwenden kann. Zeit, die ich nicht für Reproduktionsarbeit aufwenden kann oder um mich zu entspannen. Wenn es immerhin um ein Thema ginge, bei dem ich bereits alles auswendig weiß, dann hätte es vermutlich mit meiner Arbeit zu tun. Wo mich schon jemand bezahlt hat, Dinge zu lesen und zu wissen. Und mich bezahlt man immerhin, zu lesen und zu wissen. Dann bleibt immer noch die Frage: Macht das eigentlich Sinn, was die anderen da recherchiert haben? Wenn ich mir für den Hausgebrauch denke, 2 Prozent Inflation seien ganz schön viel, dann ist das mein Problem. Wenn ich das einordnen will – etwa historisch betrachtet oder mit den Lohnsteigerungen, dann brauche ich … noch mehr Wissen.

Aber aber, ist Reichweite und Aufmerksamkeit für ein wichtiges Anliegen nicht irgendwie doch gut – vorausgesetzt ich habe Ahnung? Also, wenn die Huffington Post genügend Leute überzeugt hat, umsonst zu schreiben, so dass andere Menschen auf die Seite kommen und sich das alles durchlesen. Dann muss mein Text erstmal immer noch gut sein, mit „ich finde wir sollten den Euro behalten“ habe ich noch keinen Blumentopf gewonnen. Gute Texte bedeuten übrigens Arbeit sehr viel Übung. Vermutlich muss mein Text so gar sehr gut sein, um auch etwas zu erreichen. Viele feministische Texte haben in Maskuforen eine unglaubliche Reichweite, ohne jeglichen positiven Effekt.

Apropos. Reichweite ist nicht für jeden gut. Es gibt genügend Frauen, die gerade alles mit Reichweite meiden, denn für sie bedeutet Öffentlichkeit Arbeit Belästigung über @-replies, E-Mail und im direkten Kontakt. Selbst die schlimmen Seiten zu ignorieren bedeutet, sich in irgendeiner Weise damit auseinanderzusetzen und damit keine Zeit für andere Dinge zu haben. Noch gefährlicher sind „Meinungen“ natürlich für alle, denen zunächst einmal weniger Privilegien Reputation zugesprochen werden. Wieviele Transfrauen können sich wohl selbst bei der Huffington Post hinstellen mit einer Meinung, ohne sich Respekt erst erarbeiten zu müssen?

Heraus kommt eine Privilegienmaschine. Erwählt wird, wer bereits hohe Anfangs­investitionen geleistet hat. Annehmen kann, wer freie Zeit für unbezahltes Schreiben und die Nachwirkungen hat. Vielleicht mache ich die gleiche unbezahlte Arbeit für den feministischen Lesekreis sogar sehr gerne – weil ich dort ohne Wissen einsteigen konnte, lernen durfte und nun „zurückzahle“. Für die Huffington Post, bei der für andere dann Geld abfällt, muss ich mir das gleich dreifach überlegen. Vermutlich wird die HuffPo zum Start also noch einen Ticken reicher, weißer und männlicher aussehen, als es die ohnehin schon weiße, männliche deutsche Medien­land­schaft ist.

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