Warum Familienfreundlichkeit die leaky pipeline nicht stopft

Dass nach der Promotion (in einigen Fällen bereits vorher) mit jeder Qualifikationsstufe in der Wissenschaft überproportional viele Frauen verloren gehen, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Als Mittel gegen diese leaky pipeline werden oft mehr Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten und mehr Teilzeitoptionen angeführt. Eine Paper im Journal BioScience hat sich diese Optionen einmal genauer angeschaut und stellt fest: Die sind gar nicht ausschlaggebend.

Die Wissenschaftlerin Shelley A. Adamo vergleicht die Bereiche Medizin und Biologie am Beispiel Kanada. Beides sind Felder mit überdurchschnittlich vielen Studentinnen. Im weiteren Verlauf allerdings zeigt sich, dass mehr Frauen die Biologie verlassen, während die Medizinerinnen bleiben. Obwohl es für Ärztinnen z.B. keinen Mutterschutz gibt und die institutionelle Unterstützung für Familien miserabel ist, haben sie mehr Kinder als Biologinnen (die zwingend in Mutterschutz geschickt werden). Auch arbeiten Ärztinnen zwar etwas weniger Stunden als Ärzte, aber deutlich mehr als die Wissenschaftlerinnen.

Stattdessen macht Adamo einen anderen Grund aus. So ist die am höchsten konkurenzbetonte Phase der Medizinkarriere die Zulassung zum Studium, also vor der Familiengründung vieler Frauen. Bei der Zulassung zur praktischen Klinikausbildung später gibt es dagegen mehr Plätze als Anwärter_innen. Dagegen ist der Einstieg ins Biologie-Studium eher einfach, erst mit den weiteren Qualifikationsstufen wird die Konkurrenz härter. Genau dann, wenn viele Wissenschaftler_innen mit der Familiengründung beginnen. So wird der vorgesehene Mutterschutz sogar zum Hindernis, um den notwendigen Forschungsfortschritt und die Veröffentlichung von Papern voranzutreiben.

Adamo plädiert daher für höhere Einstiegshürden vor dem Beginn eines Studiums, um später mehr – notwendige – Sicherheit für die Karriere- und Familienplanung zu haben. Derzeit geht der Trend allerdings oft in die andere Richtung. Der Grund: Doktorand_innen sind billiger als Post-Docs und bieten eine günstige Möglichkeit, Forschung voranzutreiben.

Die Studienergebnisse sind nicht direkt auf Deutschland zu übertragen, da hier sowohl für Medizin, als auch Biologie Zugangshürden zum Studium bestehen. Dennoch werden auch hier deutlich mehr Biolog_innen ausgebildet, als wissenschaftliche Karrieren warten. Auch sind Medizinerinnen auf den höheren Ebenen in Krankenhäusern weiter unterrepräsentiert. Eine genaue Betrachtung der deutschen Verhältnisse ist also angebracht. Die zugrundeliegende Annahme, weniger Konkurrenz und mehr berufliche Sicherheit helfe Frauen zu Beginn der Familienphase beim Verbleib in der Wissenschaft, könnte allerdings sehr wohl zutreffen.