Ein Jahr nach #Aufschrei: Es schmerzt.

Nicole schreibt darüber, wie es zu #Aufschrei kam. Einem Phänomen, das mit ein wenig Recherche sehr schnell nachzuvollziehen ist, aber auch nach einem Jahr lieber mit Meinungen als mit Fakten behandelt wird. Denn „diese Frauen im Internet“ initiierten keinen politischen Protest, keinen gesellschaftlichen Wandel, sondern sie waren emotional. Da braucht es auch jetzt keine Hintergrundgeschichte, noch mehr Meinungen reichen aus. Geschichte wird geschrieben.

Dass sich irgendwann, irgendwo wieder Menschen über sexualisierte Belästigungen und Gewalt aufregen, ist kein Hexenwerk. Es ist die nachgewiesene Folge, wenn Menschen über sexualisierte Belästigungen und Gewalt aufgeklärt werden. Wenn sie beginnen, Übergriffe als solche anzuerkennen, ihre Reaktion – ob Scham, Ekel oder Wut – als gerechtfertigt einzustufen und das Problem dort verorten wo es liegt: in der Tat, in der Aktion.

Was nun vor einem Jahr in Aufschrei kulminierte, lässt sich heute noch sehr gut nachvollziehen. Das Internet vergisst viel, aber in diesem Fall sind die Texte, die Kampagnen, die Erfolge und das Scheitern überall zu finden.

Das Wachstum der feministischen Blogosphäre in den letzten Jahren bedeutete mehr Schreiber_innen, mehr Leser_innen und zwangsläufig mehr Auseinandersetzung mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Es gab Aufreger, Comics, Texte, juristische Erklärungen, Projekte, Studien und Kommentare. Das Zustimmungskonzept kam im deutsch-sprachigen Raum an.

Wir lernten von #mooreandme, wie Twitter Veränderungen antreibt. Wir wehrten uns erfolgreich gegen das Verharmlosen von Gewalt gegen Frauen in der Werbung durch E.on. Wir sammelten in vier Wochen über 24.000 Unterschriften gegen eine Frauenministerin, die Frauen im Stich ließ. Wir erzählten erstmals, warum wir Übergriffe nicht angezeigt hatten. Wir fingen an, die Schmerzen der kleinen, aber alltäglichen Wunden zu erkennen. Wir redeten über den Backlash, machten den Hass zu Geld und lachten über ihn. Wir verloren die Angst vor dem Kampf. Wir waren vorbereitet.

Die Filterblase ist inzwischen ein viel gescholtener Begriff. Die feministische Filterblase ermöglichte in den letzten Jahren einen immer schnelleren Erkenntnisprozess bei immer mehr Menschen. Sie klärte auf über sexualisierte Gewalt. Sie legte den Finger in die Wunde und verschwieg die Schmerzen nicht mehr. Sie nahm den Betroffenen die Schuld und wies sie denen zu, die Gewalt ausüben.

Mit #Aufschrei, in einer Nacht und dann in einem Jahr, hat sich dieser Prozess wiederholt. Er traf mehr Menschen, Schutzräume fielen weg und die Angriffe wurden stärker. Er wurde langsamer aber war nicht mehr zu stoppen. Frauen, die sich nicht als Feministin bezeichnen, erzählten ebenfalls ihre Geschichten: von den Übergriffen und ihren eigenen Reaktionen. Mit der Masse der Verletzungen und der Schmerzen wurde deutlich, dass das Problem nicht bei den Opfern liegen kann.

Es kamen viele Prozesse und Faktoren zusammen, die über Jahre eine so breite Basis gelegt haben, dass #Aufschrei nicht mehr nieder zu brüllen war. Es schmerzt, wenn dieser Teil der Geschichte nicht geschrieben wird und all die Arbeit und das Engagement übersehen werden. Klar – es setzt sich fort, was im vergangenen Jahr begann. Wie es funktionieren wird, haben wir zuletzt in der Wikipedia-Debatte gesehen. Nach Jahren der schreibenden Aufklärungsarbeit gegen alle Widerstände, müssten wir die völlig andere Arbeit der Geschichtsschreibung von vorn beginnen. Ich weiß nicht, ob wir darauf überhaupt vorbereitet sein können.

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2 Gedanken zu “Ein Jahr nach #Aufschrei: Es schmerzt.

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