TV! Ruft die Hebammen ins Fernsehen

Ein Zeichen für den Zustand der deutschen Fernseh-Landschaft ist sicher, dass Call the Midwife als Ruf des Lebens nur auf Spartensendern zu sehen ist, während Tierärztinnen und Nonnen als Symbole für verfehlte Senderpolitik einstehen müssen. Dabei ist die TV-Serie über die Arbeit einer Hebamme im London der 50er der größte Hit der letzten Zeit in Großbritannien.

Drei junge weiße Frauen in dunklen blauen Mänteln fahren auf Fahrrädern eine enge Straße entlang.

Promotionbild der BBC mit Cynthia Miller, Jenny Lee und Trixie Franklin

Basierend auf den Memoiren von Jennifer Worth geht es um die junge Hebamme Jenny Lee, die es nach ihrer Ausbildung ins Londoner East End verschlägt – ins arme und überbevölkerte Poplar. Statt in einer Privatklinik landet sie im Kloster Nonnatus, benannt nach dem Schutzheiligen der Hebammen. Zusammen mit den Nonnen hilft das Team nicht nur einer Reihe Babies auf die Welt, sie unterstützen auch den Zusammenhalt der Menschen vor Ort.

Die schüchterne Cynthia und die lebenslustige Trixie arbeiten bereits als Hebammen, als Jenny ankommt. Dass sie in einem Kloster leben, hält sie allerdings nicht davon ab, abends mit einem Glas Alkohol in der einen Hand und der Zigarette in der Anderen etwas Spaß zu haben. Nachzüglerin Chummy (eigentlich Camilla Fortescue-Cholmondeley-Browne) stolpert gleich zu Beginn einen Polizisten um, was zu ihrem Erstaunen in einer Romanze und mehr endet.

Geführt wird das Kloster von Schwester Julienne, der das Wohlergehen der Schwangeren Poplars sehr am Herzen liegt. Bei der über 90-jährigen Schwester Monica Joan sind sich die Bewohnerinnen des Hauses Nonnatus nie ganz sicher, ob sie langsam dement wird oder einfach exzentrisch ist. Dagegen fragt sich die junge Schwester Bernadette, ob ein Leben als Nonne wirklich das richtige für sie ist. Die wunderbarste Nonne ist wohl die resolute Schwester Evangelina, die auch schon mal auf dem Roller durch Poplar düst und mit „es ist ein Baby, kein eingeölter Pinguin“ Klartext spricht.

Zwei weiße Frauen stehen vor einem Gebäude. Jane hat braune Haare und trägt eine grüne Strickjacke über einem roten, ausgestelltem Kleid. Trixie hat blonde Locken und trägt eine rote Strickjacke über einem weißen, ausgestelltem Blümchenkleid.

Promotionbild der BBC mit Jane Sutton und Trixie Franklin

Die Verwüstungen des Kriegs sind hier in Ruinen, Erinnerungen und Familien­geschichten noch zu spüren. Wie auch die aufgelösten Arbeitslager jahrhunderte­langer Tradition, deren ehemalige Zwangsarbeiter_innen unter den Folgen leiden. Während Jenny die Vorgabe „nur wer arbeitet, soll auch essen“ schon weit weg erscheint, sind andere Entwicklungen für sie noch neu. Zwar kriegen Frauen ihre Babies noch zu Hause, aber neue Techniken wie das Lachgas halten langsam Einzug. Noch tragen Frauen Hüft- statt Büstenhalter und nur im gewagten Ausnahmefall Hosen. Dabei glänzt die Serie wie bereits Miss Fisher’s Murder Mysteries mit ihrer Kostümausstattung, bis hin zu den Brillen.

Immer wieder wird der steuerfinanzierte National Health Service (NHS), der Nationale Gesundheitsdienst gelobt – der heute einen denkbar schlechten Ruf hat. Damals allerdings gibt es erstmals mobile Röntgenwagen zur Tuberkolose­früh­erkennung. Und während die Schwangeren bei der Untersuchung rauchen, trauen sie den Röntgenstrahlen aus Angst um ihre ungeborenen Babies nicht über den Weg. Viele Praktiken, die damals normal waren, erscheinen uns heute unvorstellbar, gar gefährlich oder als Vernachlässigung. Dass die Serie diese andere Normalität, das andere gesellschaftliche Wissen vermittelt, ist eine ihrer großen Stärken.

Call the Midwife vermittelt dabei beständig Hoffnung und einen positiven Blick – anders wäre es vermutlich zu deprimierend, besonders für Frauen. Unsichere Abtreibungen, fehlende verlässliche Familienplanung und Sterilisationen nur bei medizinscher Notwendigkeit lassen einen unendlichen Strom hungriger Kinder­mäuler unabwendbar erscheinen. Bereits in der ersten Folge trifft Jenny eine Schwangere, die ihr 25. Kind erwartet. Fast alle Frauen sind daher abhängig von Männern: ihren eigenen Vätern oder den, im schlimmsten Fall heiratsunwilligen, Kindesvätern. Seltener, aber ebenfalls vorkommend, müssen Väter sich nach dem Tod ihrer Frau alleinerziehend durchschlagen.

Blutige Details halten sich (zum Glück?) sehr in Grenzen und werden, wie sovieles in den 50ern, schamhaft überdeckt und schnellstens aufgewischt. Die bittere Armut und tragischen Schicksale gehen zuweilen sehr ans Herz. Wie auch, zum Glück, die vielen positiven und wunderschönen Momente. Eine klare Anschauempfehlung.

Die ersten beiden Staffeln von Call the Midwife – Ruf des Lebens sind bereits auf DVD erschienen. Die dritte Staffel, die nicht mehr auf dem Originalmaterial basiert, wird derzeit von der BBC ausgestrahlt. In Deutschland sind die neuen Folgen englisch-sprachig auf iTunes zu sehen.

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