“Too posh to push?” Wer wirklich nicht aus den Puschen kommt.

Die „#Aufschrei-Damen“ seien sich zu fein, für die Hebammen Rabbatz zu machen – das twitterte gestern eine Journalistin und wurde prompt von Renate Künast fleißig weiter getragen.

Nun sind „die #Aufschrei-Damen“ keine fest abgegrenzte Gruppe. Wer allerdings die ersten Twittererinnen zum Hashtag anschaut und dann nur einmal in die Top Tweets zu #Hebammen guckt, erkennt eigentlich schon auf den ersten Blick eine gewisse Überschneidungsmenge (auch mit dem ominösen Netzfeminismus).

2010 gab es eine erste Onlinepetition des Deutschen Hebammenverbands, die eine Anhörung im Bundestag erreichten. Online-Zeichnungen brachten das Anliegen in den Bürgerdialog zur Kanzlerin, weitere Online-Petitionen wurden ebenfalls massenweise mitgetragen, die aktuelle Petition hat über 300.000 Unterzeichnungen. Allein: passiert ist nichts.

Seit fünf Jahren schreibe ich über Hebammen, seit fast genau vier über das Thema Erhöhung der Haftpflichtversicherung der. Nach dem ersten Artikel haben wir das Thema bei der Mädchenmannschaft weiter gedreht, beim Freitag als Gastartikel eingestellt und für die erste Petition hatte Haige einen schnieken Button zum Verbreiten erstellt.

Ich habe die Petitionen und Aufrufe mitgezeichne, ich habe sie bei Facebook und Twitter gepostet und habe Leute persönlich darauf hingewiesen. Ich habe das Thema im Campus– und Lokalradio untergebracht, ich habe Journalist_innen darauf hingewiesen, Protestinitiativen unterstützt, Kontakte vermittelt, erfolglos ein Datenjournalismus-Projekt angestoßen (der Datenschutz…), Politiker_innen angesprochen und Abgeordnete angeschrieben. Ich weiß, ich bin damit nicht alleine. Ich habe die Tweets und Texte und Aktionen der „Netzfeministinnen“ gelesen. Wenn es eine Neuigkeit gibt, landet sie minutenschnell in meiner Timeline. Aber seit Jahren habe ich das Gefühl, nur 100 Mal den gleichen Text geschrieben und gelesen zu haben: Neue Petition, wieder wahnsinnig oft unterzeichnet, Politik gibt vages Bekenntnis ab, die Erhöhung der Entlohnung wurde aber schon lange von der letzten Haftpflichtsteigerung gefressen, Berufsstand in Gefahr.

Ich musste mir anhören, dass „das Problem bekannt sei“ und dass das bereits es „ein Erfolg sei“. Stattdessen hat dieses Land in den letzten vier Jahren ein Leistungsschutzrecht bekommen, die grundgesetzwidrige Vorratsdatenspeicherung kehrt wie ein Zombie jährlich auf die politische Agenda zurück und die Praxisgebühr wurde abgeschafft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg – das demonstrierten uns die Regierungen immer wieder eindringlich. Bei den Hebammen mangelt es nicht an den Wegvorschlägen, wohl aber am Willen.

Und wenn mir, den „#Aufschrei-Frauen“, uns jetzt jemand mit einer Kampfparole zur „richtigen“ Geburt kommt, wenn Bundestagsabgeordnete das verbreiten, dann nehme ich das persönlich. Damit werden vier Jahre unentgeltliche, ehrenamtliche Arbeit unsichtbar gemacht und entwertet. Es wird übergangen, wer seit Jahren nicht aus den Puschen kommt. Ich verstehe den Unmut, dass die Situation sich kontinuierlich verschlechtert. Ich verstehe das sehr gut. Aber “too posh to push” ist kein Aufruf, noch mal ’ne Schippe drauf zu legen, sondern verschiebt die Schuld am Status Quo. Aussagen wie diese lenken ab vom Stillstand in der Politik und das kann ich nicht unterstützen.

PS: Auch jegliches „die Hebammen hätten noch mehr machen müssen“. Hätte hätte Fahrradkette, der Hebammenverband hat immerhin einen Lobbypreis für die erste Petition bekommen. Mehr geht immer, aber wir müssen mal realistisch werden. Hier geht es, trotz aller Erhöhungen, um eine kleine Gruppe Frauen, die examiniert auf Mindestlohnniveau arbeitet.

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