„Es werde Stadt“ – Marl und das Fernsehen und die Geschlechterfrage

In der Ecke eines Zimmers steht ein Fernseher auf dem Fußboden. Davor steht ein weißer Ständer mit einer Blume, daneben ein Olivenbaum. An der Wand ist die Ecke einer Leinwand zu erkennen.

Symbolbild 2014

In der Dokumentation „Es werde Stadt – 50 Jahre Grimme-Preis in Marl“ verbinden Dominik Graf und Martin Farkas die Geschichte des Grimme-Preises mit der Stadt, in der er vergeben wird – und im weitesten Sinne mit dem Aufstieg und der Stagnation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Neben dem überzogenen Aufbau und dem langsamen Verfall der 60er-futuristischen Stadt zeigt der Film vor allem die Frage: Wo kommt das Fernsehen her und was wird damit passieren? An vielen Stellen wird die Tristesse in Marl und auf dem Bildschirm sichtbar, dennoch bleiben einige Leerstellen. Die zu beachten wäre wichtig, um der Idee des unterhaltenden und informierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehens wieder gerecht zu werden.

Ein Projekt des Grimme-Instituts für die Ausrichtung auf die Zukunft ist der seit 2001 (in Köln) vergebene Grimme-Online-Award. Der befragte Preisträger der 11freunde bleibt im Rahmen der Doku zwiespältig. 90 Minuten muss ein guter Fernsehfilm haben. Spannend muss er sein, komplett fesselnd. Fernsehen scheint Fernsehen zu bleiben.

2011 war ich selbst bei der Feier nach der Verleihung des Grimme-Online-Awards. Dort kam ein grauhaariger Mann auf mich und Michael Seemann zu. Er wollte wissen, wie uns die Idee des Preises gefalle. Ich glaube (und hoffe) wir sagten ihm, dass dieser Extrapreis, neben dem Grimme-Preis immer noch die Zweitrangigkeit des Internets betone. Wo doch ein großer Teil der jungen Leute gar keinen Fernseher mehr besitze und selbst das TV übers Internet bezieht. Was wir definitiv sagten: Dass hier kleine, ehrenamtliche Angebote neben zeitungs- und gebühren-finanzierten Angeboten bewertet werden, was Chancen hat, aber auch problematisch ist. Am Ende tat es nichts zur Sache, denn erwartet wurde eigentlich eine gewisse Lobhudelei und Dankbarkeit.

Leider macht der Film einen ähnlichen Fehler. Er blendet bei all der Lobhudelei auf die gute alte Zeit aus, wer damals eigentlich seine Geschichten erzählen durfte und wer nicht. Er erwähnt die Praktikumsmisere, die junge Filmmacher_innen unter äußerst vagen Versprechen ausbeutet. Aber nicht, dass darunter z.B. deutlich mehr Frauen sind als früher. Und er erwähnt auch nicht, wer dann, die Karriereleiter heraufgeklettert, in den kommerziellen Tochterfirmen der Öffentlich-Rechtlichen schließlich Kohle macht.

Dabei kommt die Geschlechterfrage durchaus auf. Wenn etwa eine Frau aus der Zuschauerjury des Publikumspreises zitiert wird mit „wir können keine alten Männer mehr sehen“ (sie sagt selbst „ich hab keinen Bock mehr, alte Männer zu sehen“) – der Film aber gleich entgegen setzt „es sind ja nur noch die Alten, die die Historie der Wahrheit in sich tragen“. Sind die alten, weißen Filmemacher der letzten 50 Jahre nun die Rettung? Während gleichzeitig auf „den Alten“ herumgehackt wird, für die das Öffentlich-Rechtliche nur noch produziert?

Dass das jüngere Publikum an vielen Stellen aus den Augen geraten ist, zeigt zuletzt das Scheitern des Jugendsenders (und die Integration in den Hauptsender scheint doch utopisch). Aber dass auch die älteren Zuschauer_innen unabkehrbar an unterdurchschnittliche Fernsehkost gewöhnt seien, übernimmt der Film zu unkritisch aus den Sendeanstalten. Gerade dieses Publikum hat doch schon das „Weitere“ gesehen.

Und dann: Die Verbindung von Fernsehen und Publikum macht der Film an einer fiktiven, äußerst Ansagerin fest. die erst einen Skandal um ihre (nicht-vorhandene?) Unterwäsche übersteht, nach einer Liebelei mit einem DDR-Agenten aber einen Selbstmord versucht und schließlich bei den ernsten Filme im Nachtprogramm untergeht. Wie so oft mündet hier das jahrzehntelange Übersehen und die schließliche Abschaffung einer weiblich konnotierten Tätigkeit in einer mythischen Überzeichnung. Niggemeier nennt es „träumerisch authentisch“. Vielleicht bin ich auch zu spät geboren um die Authentizität beurteilen zu können?

Ich mag die Doku. Keine Frage. Als Beschäftigte einer Einrichtung des öffentlichen Dienstes verstehe ich die Probleme einer etablierten Einrichtung zu gut. Über Marl wusste ich bisher noch nichts, aber das Erbe der 60er und ihrer futuristisch-modernen Bauten, von Bürgermeistern mit Gestaltungswillen auf 1000 Jahre und Sanierungsfällen nach 30 verstehe ich nur zu gut. Dennoch stolpere ich über die vielen männlichen Filmemacher, Preisträger, steten „liebe Zuschauer“. Die einsame Ansagerin. Ein Märchen in einem Dokumentarfilm. So unpassend es scheint, so passender ist es in diesem Film. Steht es für die gute alte Zeit, in der noch ausprobiert wurde, oder soll es ein Seitenhieb auf das moderne Verhunzen sein? Wer 2014 eine Ära betrauert, in der Solidaritätskonzerten für Zechenarbeiter Brennpunkte mit Liveübertragungen eingeräumt wurden, sollte sich für die Zukunft nicht soviel Konservativität wünschen.

Der Film noch mal im Fernsehen:
NDR, Dienstag (8. April 2014) auf Mittwoch, 0:00 Uhr
SWR, Mittwoch (9. April 2014), 23:30 Uhr
BR, 3. Juni 2014, 22:45 Uhr
Bis zur Depublikation, Mediathek

Lesetip:
Die Geschlechterverhältnisse der Nominierungen des Grimme-Preises hat SchspIN für 2012 und 2013 ausgewertet.

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Anmerkung:
2009 war ich selbst als Mitglied der Mädchenmannschaft für den Grimme Online Award nominiert und bei der Preisverleihung. Wir haben nicht gewonnen, ich traf keine Promis und der Höhepunkt war die After-Show-Party, als Freundinnen und Bekannte nachkamen.

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