Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen – total normal?!

[Anmerkung zum Inhalt: Es geht um eine Studie, die sexualisierte Gewalt gegen Mädchen untersucht und beschreibt.]

Dass gerade junge Frauen sexualisierte Übergriffe (zunächst) als „nicht so schlimm“ einstufen, ist schon eine Weile bekannt. Heather R. Hlavka der Marquette University hat in einer Studie noch einmal genauer analysiert, wie Teenager im mittleren Westen der USA sexualisierte Gewalt erleben. Grundlage sind Videoaufnahmen von 100 Interviews des Children’s Advocacy Center (CAC) mit Kindern zwischen drei und 17 Jahren, die im Zuge polizeilicher Ermittlungen zu Übergriffen entstanden.

In dem in Gender & Society erschienen Artikel zitiert und untersucht Hlavka die Aussagen der Betroffenen aus den Jahren 1994 bis 2005. Besonderer Fokus liegt auf 23 Interviews, in denen Mädchen von sexualisierter Gewalt, bis hin zu Ver­gewaltigungen sprachen, diese aber nicht also solche benannten. Stattdessen bezeichneten sie die Vorfälle als „normal“, da sie immer wieder passierten und „Jungs so seien“. Um sich der Gewalt zu entziehen, trafen sie eine Reihe an Vorkehrungen, wie nicht alleine durch die Schule zu gehen, zur Seite zu rücken oder den Angreifer wegzuschubsen. Als „schlimm“ bzw. Vergewaltigung galt oft erst mit massiver körperlicher Gewalt erzwungener Penis-in-Vagina-Verkehr. Selbst mit körperlicher Gewalt erzwungener Oralverkehr wird nicht als Vergewaltigung bezeichnet, sondern als Mittel, einer Vergewaltigung zu entgehen.

Im Umkehrschluss wurden andere Mädchen, wie auch sie selbst, oft als „selbst schuld“ benannt, wenn sie trotzdem Opfer eines Übergriffs wurden. Dass Grenzen überschritten wurden, wurde nicht als Schuld der (hier stets männlichen) Täter gesehen, die durch ihre Natur getrieben sind, sondern im Versagen der Mädchen als Hüterinnen des eigenen Körpers und Sexualität. Oft wurde die Schuldverschiebung durch den Täter noch befeuert, indem er sein Opfer öffentlich als „vorher sexuell aktiv“ oder gleich als „Hure“ bezeichnete. So sahen viele der Mädchen keine Notwendigkeit, die erfahrenen Übergriffe zu melden und damit „Drama“ anzufangen.

Insgesamt bietet die Studie so einen qualitativen Einblick in die Schere, die sich zwischen erlebten und bei Polizei und anderen Einrichtungen gemeldeten Übergriffen beobachten lässt. Traurig macht wieder einmal, dass bereits junge Mädchen die Verantwortung für das Verhindern von Gewalt bei sich selbst sehen, wie weit sie sich in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken und auch keine Unterstützung von Erwachsenen erwarten. Die Ergebnisse bettet Hlavka in die feministischen Diskurse zu sexualisierter Gewalt (besonders von Kindern) und Heteronormativität ein, so dass der Artikel bei allen deprimierenden Ergebnissen einen interessanten Einblick in feministische Theorie der letzten 35 Jahre liefert.

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