Dark Twitter ist ein Hack für eine bessere Gesellschaft

Auf rotem Hintergrund steht: Geschlossene Veranstaltung. Darunter: Bitte weichen Sie auf unsere weiteren PC-Räume aus.

Symbolbild.

Kleiner 3 warf heute das Thema „Dark Twitter“ in die Runde, das seinem Namen alle Ehre macht und oft im Schatten bleibt. Weitergedacht ist eine Möglichkeit, Strategien für eine Gesellschaft abseits der hetero-mono-normativen Kleinfamilie zu entwickeln. Dabei ist es vermutlich die Errungenschaft, die die Leute hinter Twitter nie haben wollten.

Die miserable Umänderung der Block- in eine Mutefunktion sowie die Einführung einer „echten“ Mutefunktion und das Verhindern vom URL-Versand in direkten Nachrichten bedeuten „soviel Öffentlichkeit wie möglich“. Dennoch waren geschützte Accounts immer möglich, obwohl der Kontrollverlust nur ein Copy & Paste oder eine @-reply entfernt lauert. Die Interaktion von geschützten und offenen Accounts bleibt daher schwierig und erfordert eigentlich eine Verständigung von Fall zu Fall (deswegen folge ich so selten geschützten Accounts, sorry).

Dagegen scheint sich im Dark Twitter eine Regelung durchgesetzt zu haben: Was in Dark Twitter steht, bleibt im Dark Twitter. Große Skandale sind zumindest mir bisher nicht bekannt. Anders als das „normale“ Twitter, das zu großen Teilen auf Asymmetrie beruht, scheint jede Definition der dunklen Seite des Vogels die Symmetrie in den Mittelpunkt zu stellen: Lauter geschützte Accounts, die sich gegenseitig folgen. Quasi eine Erweiterung der direkten Nachrichten auf mehrere Personen. Da diese nur eine begrenzte Anzahl an Mitteilungen anzeigen und der URL-Versand selten klappt, fällt auch noch eine Reihe an Nachteilen weg.

Dennoch ist Dark Twitter nicht einfach nur ein Gruppenchat, wie bei Facebook oder WhatsApp, die oft als Alternativen genannt werden. Denn die große Stärke von Twitter, nur bestimmten Leuten zu folgen, spiegelt sich auch in Dark Twitter wieder. Die Nutzer_innen können selbst bestimmen, wem sie folgen und wer ihnen folgen darf. Nach Streits ist es möglich, nur eine Person zu entfolgen, die aber weiter mit allen interagieren kann – Gruppenchats fordern dagegen immer „alle oder niemand“.

Das stellt Herausforderungen an Gruppendynamiken, die vermutlich am besten mit „ewiger Klassenfahrt“ beschrieben werden können und damit außergewöhnlich sind. Immerhin mit der Möglichkeit, jederzeit zu gehen oder auch mal niemanden im Gruppenraum vorzufinden. Dort dennoch oft und ortsunabhängig Gleichgesinnte zu treffen, ist gerade dann und für diejenigen interessant, die in weniger queeren und feministischen Umfeldern leben.

„Dumme Fragen“, emotionaler Zuspruch, digitales Händchenhalten – Dark Twitter ist das folgerichtige Update der Telefongespräche mit der besten Freundin oder die Zettelchen der Jugend auf die „dauer-adoleszente Smartphonegesellschaft“. Es ermöglicht neue Intimität über die moderne Kleinfamilie hinaus, zu selbstgewählten Freund_innen. Neue Formen der Beziehungen können hier ausprobiert werden. Und wenns zuviel wird: Ausloggen und Abmelden.