Wenn Bro-Mentalität auf gesellschaftliche Konventionen trifft – der inszenierte Shitstorm

Seit vorgestern tobt der Kampf um Deutungshoheit über Sexismus und Tweets unter der Gürtellinie durch die „die Netzgemeinde™“ und erschließt sich, da ohne Hashtag, den meisten leider nicht. „Femtroll“ wird zum Schimpfwort der Stunde, nachdem eine feministische Bloggerin den letzten Witz eines Technikbloggers nicht lustig fand.

In kurz: Wehe denen, die den „Techbros“ sagen, dass sie nicht so nett sind, wie sie sich selbst so gerne sehen.

Mitten in eine Twitterdebatte quatscht Sascha P. (25.000 Follower) am Montag eine Bloggerin (5.000 Follower) von der Seite an. Die von ihr vertretene These „die Netz­gemeinde™ umfasst nur einen kleinen Teil der Menschen auf Facebook, Twitter, YouTube“ basiere auf seinem Vortrag „warum YouTube die Zukunft ist“.

Im Geplänkel danach lässt er trotz ihrer humorvollen Konter nicht locker sondern eskaliert zusehends. Nach dem „Ich bin so cool, ich kenne dich eh nicht“ kommen Spitzen auf fix ergooglete Fakten „da stellen die jetzt Leute ohne Qualifikation ein?“ Früher auch Schwanzlängenvergleich genannt, sind diese unproduktiven Duelle inzwischen als ein Faktor für leaky pipelines und den Exodus von Frauen aus männlich-dominierten Bereichen benannt.

Ob er seine niederträchtige Sprüche eigentlich geil fände, wird der Mann nun gefragt. Und weil da statt „geil“ ein Slangwort für Masturbieren steht, braucht es zur nächsten Entladung nur die Anstachelung durch einen weiteren Twitterer. Klar würde er das tun, da müsse die Frau nun durch. Ein bemitleidenswertes Zwinkersmiley schließt den Tweet. Es erschließt sich nicht ganz, ob als Wichsvorlage die Bloggerin selbst gemeint sei oder das erniedrigende Verhalten ihr gegenüber. Ist dann aber nichts, was ich wirklich wissen möchte.

Als Reaktion auf so einen Tweet wäre selbst WTF noch untertrieben, der Kommentar ist aber nur eine nüchterne Zusammenfassung. Insgesamt haben wohl die wenigsten Frauen Interesse daran, öffentlich als Wichsvorlage diskutiert zu werden (denn natürlich geben seine Follower jetzt ihren Senf dazu). Initiationsriten gibt es viele, aber mir fällt kein Zeitalter ein, in dem Frauen „da durch mussten“.

Was danach passiert, lässt sich nur noch als kognitive Dissonanz beschreiben. Dass hier eine Grenze überschritten wurde, was nicht mehr weggelächelt werden kann, kollidiert mit der Ansicht, eine gesellschaftlich akzeptierte Aussage getätigt zu haben. Herr P. macht ein Bild seiner eigenen Tweets, inklusive der Zusammenfassung durch die angesprochene Bloggerin. Er kommentiert seinerseits, hier würde jemand einen #Aufschrei faken. Wobei er der erste ist, der den Hashtag verwendet. Und zieht dann ihre geistige Gesundheit in Zweifel.

Inzwischen hat er seine Sicht der Dinge ausführlich auf seinem Technikblog dargestellt und mit „Femtrollen“ den Begriff „Feminazi“ gerade noch umschifft. Journalisten und Dudes (natürlich auch ein paar Frauen) springen ihm rudelweise bei. Irgendwo zwischen „Unparteilichkeit“ und „ich kenne nur seine Sichtweise, also retweete ich gleich den Text“ pendelt sich die Debatte ein, ob Frauen jetzt noch „Masturbieren“ sagen dürfen. Irgendwann ist so eine öffentliche Fickbarkeitsdebatte ja wohl erlaubt! Dass sich über das Nievaulimbo niemand wundert, das aber keine Rechtfertigung für Ausfälle ist – geschenkt.

Aggressives Einfordern von Erklärungen, penetrantes Nachfragen ob das nicht alles ganz anders gewesen sei bei akuter Indifferenz gegenüber den Antworten wird zum Hattrick des Gaslighting. Obendrauf die Reaktion mit allen Synonymen belegen, die es zu „hysterisch“ so gibt. Bis sie ihren Twitter-Account schützt und für alle Social-Media-Kanäle Moderator_innen rekrutieren muss, weil soviel Verachtung nagt.

Am allerschönsten sind allerdings die „Vermittler“. Die gleich raushauen, jeder Sexistenvorwurf sei überzogen, der Mann sei doch ein Guter. Markenzeichen fair and balanced. Egal wie gar nicht „Sexist“ gerufen wurde, die Unterscheidung zwischen Tun, Tat und Täter verwischt schnell beim Versuch der größtmöglichen Verteidigung. Aber Denunziation, Rufmord und Vorverurteilung – das sind immer nur die anderen.

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