Liebe Schwangere, nicht einschüchtern lassen durch die Epigenetik!

Ein Kugelmodell der Elemente der DNA: Miteinander verbundene rote, weiße, blaue, schwarze und gelbe Kugeln.

CC BY 2.0 net_efekt

In der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature ist ein Kommentar zu den Tücken der medialen Aufbereitung von Epigenetik. Epigenetik beschreibt das An- und Abschalten von Genen, ohne die Abfolge der Gene zu verändern. Eine Reihe von Faktoren spielen dabei eine Rolle, aber welche Änderungen Babies im Leib der (oder des) Schwangeren erfahren, wird am häuftigsten diskutiert – gerne auch mit alar­mis­tischen Warnungen ohne wissen­schaftliche Grundlage.

Dies reihe sich ein in eine Tradition an Überwachung und Mythenbildung um Mütter. So ist Alkohol während der Schwanger­schaft bis heute strengstens verpönt, obwohl für geringen bis moderaten Alkohol­konsum wiederholt keine negativen Kon­se­quenzen gefunden wurden. Auch die Panik über sogenannte „Crack-Babies“ hat sich nach 30 Jahren als überzogen heraus­gestellt; Weit schädigender als Crack­konsum in der Schwanger­schaft ist das Auf­wachsen in Armut. Vor der gerade grassierenden Impf­panik waren „Kühl­schran­kmütter“ an autistischen Kindern schuld. Und im 19. Jahr­hundert wurden Schwangere, noch ohne epi­gentische Grund­lage, vor den gleichen Dingen gewarnt wie heute: Ernährung, Stress und dem Um­gang mit den falschen Leuten.

Epigenetik könnte nun der nächste heiße Trend der Gängelung durch Sorge werden. Denn nachdem lange geglaubt wurde, die umgelegten Genschalter würden bei neu­ge­borenen Babies „auf Werkseinstellungen“ zurückgesetzt, wird inzwischen immer deut­licher, dass auch diese Ver­änderungen vererbbar sind. Traumatische Er­fah­rungen und extremer Hunger sind zwei Faktoren, die epigenetisch vererbt werden. Allerdings passiert dies nicht aus­schließ­lich über die Schwangeren, in deren Bauch der Embryo heranwächst. Auch Spermien tragen ihren Teil dazu bei und manche Ver­ände­rungen werden über Generationen hinweg weiter gegeben.

Da die meisten Studien bis heute an Tieren durchgeführt werden und viele Kom­po­nenten miteinander sehr komplex verwoben sind, lassen sich derzeit keine seriösen Rat­schläge ableiten. Schließlich sind einige Faktoren ge­sell­schaft­licher Natur. Armut, rassistischer Dis­kriminierung oder Gift­stoffen in der Umwelt kann eine schwangere Per­son zu oft gar nicht ent­kommen. Hier, so die Autor_innen, sei ge­sell­schaft­licher Wan­del statt in­di­vi­du­eller Lö­sungen nötig.

Was der Kommentar noch außen vor lässt: Epigenetische Veränderungen lassen sich rückgängig machen. Wie sich das beeinflussen ließe, ist noch nicht erforscht, möglich ist es aber. Also, nicht einschüchtern lassen!

[Update, 21.8.2014: Epigenetik: Wissenschaftlerinnen sagen “Don’t blame the mother!” – Beitrag von Mama arbeitet]