Die Verkorksung von allem

Feministische Links auf Facebook zu posten war mal riskant für mich. Inzwischen bin ich bei entsprechenden Bekannten entweder ausgeblendet oder sie haben mich gleich entfreundet. Stattdessen sprießen die Posts von denjenigen, von denen ich es lange nicht erwartet habe.

Emma Watson mit #HeForShe und Benedict Cumberbatch im „so sieht ein Feminist“-Shirt aus. Progressive T-Shirt-Werbung für einen guten Zweck. Videokampagne um Viedokampagne, die sexualisierte Belästigung auf der Straße anprangert. „Echte Männer schätzen ihre Freundinnen“-Kampagnen.

Und jedes Mal kommt früher oder später das „uff“ und das „aber“.

Benedict Cumberbatch als Feminist, der es nicht mal hinkriegt, Chelsea Manning als Frau zu respektieren. Eine T-Shirt-Firma, deren Geschäftspraktiken beim genaueren hinsehen dann doch schwierig werden.

Oft genug sind es schöne, weiße, wohlhabende, heterosexuelle Frauen, die sich an Männer wenden. Appelle, Frauen wegen ihrer Beziehungen zu Vätern, Söhnen, Partnern ernst zu nehmen – statt als Menschen. Punkt. Videokampagnen, die alle zufällig nur nicht-weiße Männer beim Belästigen filmen, weil sie bei den weißen die Kamera halt jedes Mal woanders hinhalten.

Jetzt ist es die Kritik, die zu posten riskant wird. Hasse ich vielleicht doch alle Männer? Oder alle hübschen jungen Frauen mit Uni-Abschluss? Verteidige ich gerade Männer, die auf der Straße Frauen belästigen? Dass nach dem „aber“ weiter zugehört wird, ist unwahrscheinlich. Stattdessen sehen sich die angegriffen, die doch gerade was Gutes gemacht haben und gleichzeitig diejenigen bestätigt, die Feministinnen eh schon hassen. Inhalte sind immer das erste, das in emotionalen Debatten in der Versenkung verschwindet.

Wir lernen: die Selbsterhaltungsmechanismen des Systems, das gerade eigentlich angegegriffen wurde, greifen schnell. Sind die Inhalte aus dem Fenster geht es um Betroffenheit. Die ich gerne wertschätzen möchte und trotzdem nicht ohne kritisches Überdenken hinnehmen kann. Das wäre, am Ende, wirklich revolutionär. Erfahrungen derer anzuerkennen, die nicht dem unausgesprochenen Ideal des weißen, cis-männlichen, mittelalten, unbehindert-erscheinenden, heterosexuellen Staatsbürgers entsprechen. Und diese Erfahrungen dann entlang der mannigfaltigen Machtgefälle zu reflektieren und neu einzuordnen.

Doch so leicht geht es nicht. Wie kann ich denen böse sein, die diese Videos verlinken, wenn doch die Bedrohungen auf dem Fuße folgen? Wenn jeder Bezeichnung des heterosexuellen weißen Cis-Manns als solchem die beleidigte Entrüstung des Genannten folgt? Wie kann ich einen großen Schritt einfordern, wenn selbst die kleinen noch gefährlich sind? Ich will nicht Sexismus gegen Rassismus und Transphobie eintauschen, nur damit es mir persönlich besser ginge. Ich will die Zusammenhänge und Mechanismen deutlich machen, denn tatsächlich können wir alle Diskriminierung nur gemeinsam abschaffen.

Hier liegt ein riesiger Berg an Scheiße und damit er verschwindet, brauchen wir jedes Werkzeug, von der Schaufel bis zum Besen. Jeder Beitrag bei Facebook scheint zu wenig und zu langsam und ich werde ungeduldig. Doch es ist mehr als nichts. Und wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt habe, dann immer weiter zu gehen. Einen Schritt nach dem anderen. Kleine Schritte, große Schritte, immer weiter.

PS: Über das „sich einlassen auf Kritik“ gibt es mehr bei Der k_eine Unterschied.

PPS: Auch die Wurzelfrau redet im aktuellen queeren Rant- und Strickpodcast über Differenzen unter Feminist_innen und warum es uns so schwer fällt, mit Kritik umzugehen.

Advertisements