Anmachen, Gewalt, Anspruchsdenken – 1998 und heute

Als Feministin wird eine oft zu Dingen befragt, von denen sie dann eigentlich gerne nie was gehört hätte. Pick-Up-Artists sind so ein Fall. 2009 geriet ich über dieses „guck mal was sagt ihr dazu?“ an das Thema und war schon unterbegeistert: Hetero­män­ner, die im Club oder auf der Straße solange Frauen ansprechen, bis sie eine ins Bett be­kommen. Später stieß ich auf eine Studie, die das Phänomen untersucht hat. Tat­säch­lich ver­suchen sich vor allem die Männer an Pick-Up, die sexistische Ein­stellungen auf­wei­sen. Und damit haben sie nicht bei allen Frauen Erfolg, sondern nur denen, die die gleiche Ein­stellung haben und unverbindlichen Sex suchen. Gleich und gleich gesellt sich gern – hat aber leider Aus­wirkungen auf die ganz Gesell­schaft, warnten damals die Autor_innen. Denn die zugrunde liegenden sexistischen Ein­stellungen gehen ein­her mit sexuellem Druck auf Frauen und Vergewaltigungs­ent­schuldigungen („kurzer Rock“).

In ihrer ganzen Häßlichkeit zeigt sich das gerade bei dem „Dating Coach“ Julien Blanc. Er postete auf Facebook und Co. Bilder, wie er auf der Straße fremde Frauen „zum Spaß“ würgt. Als Werbung für eine Japanreise brüstete er sich, als weißer Mann dürfe man sich da alles erlauben: Frauen auf der Straße anfassen, anbrüllen und erniedrigen. Eine Checkliste an Warnzeichen einer gewalttätigen Beziehung verlinkte er als Anleitung für eine Langzeitbeziehung (sicher total witzig gemeint). Weitere „lustige Sprüche“ bezogen sich u.a. darauf, dass es beim Sex nur wichtig wäre, wenn er kommt und sie dann liegen lassen darf und dicke Frauen herabzuwürdigen seien. Nach massiven Online-Protesten auf der ganzen Welt untersagt nun endlich z.B. Marriott die entsprechenden Workshops in den eigenen Räumlichkeiten. Wenig überraschend: Die Übergriffe können laut seiner Fans nicht schlimm sein, die betroffenen Frauen lachten schließlich. Ja, wenn ein fremder Mann schon ungebeten seine Hand an Deinen Hals gelegt hat, dann lachst Du weiter und betest nur noch innerlich!

Was Blanc überraschenderweise Vielen voraus hat: Seine Erkenntnis, diese Übergriffe (bis jetzt) ohne Probleme ausführen zu können, weil er ein weißer Mann ist. Dass sein Fall es jetzt in diverse Medien schafft, hängt vermutlich mit der aktuellen Diskussion um Belästigung auf der Straße zusammen. Das virale Video von Hollaback allerdings zeigte keinen einzigen weißen Mann. Die gab es zwar, nach einer Reihe an „Zufällen“ und fehlender Arbeit, die Zufälle für ein realistisches Bild auszugleichen, passierte allerdings das, was Blanc vorhersagt: Weiße Männer brauchen bei Übergriffigkeit keine Konsequenzen fürchten. Was wiederrum dazu geführt hat, dass in der Debatte über das Video rassistische Vorurteile bestätigt wurden.

Als Gegenbeispiel hat das Blog Bitch Flicks die Dokumentation War Zone von Maggie Hadleigh-West ausgegraben. Diese hat 1998 in New York bereits Männer gefilmt und zur Rede gestellt, die sie auf der Straße belästigt haben sowie Interviews mit verschiedenen Frauen geführt. Deutlich wird, wie schnell das „Kompliment“ gerade bei weißen Männern umschlägt und zur Beleidigung oder Übergriff mutiert. Auch ein Polizist ist unter den Tätern. An den Antworten zeigt sich vor allem, dass sich nichts geändert hat: „Du hasst doch Männer. Bist Du lesbisch? Du willst es doch auch.“ Und wie Frauen sich selbst und andere Frauen einschränken, um sich zu beschützen. Geschichten von Belästigung durch Familienmitglieder, verheimlichte Übergriffe und rassistische Beleidigungen „runden das Bild ab“. Klar wird auch, dass es kein „richtig“ gibt. Einerseits sollen die Betroffenen reagieren, aber dann ist es doch nicht richtig. Einerseits sollen sie hübsch aussehen und lächeln, aber eigentlich macht das ja nur alles schlimmer. Einerseits ist dein Körper so schön, andererseits bist Du zu hässlich für die Öffentlichkeit.

Vor 30 Jahren waren Frauen im öffentlichen Raum viel seltener unterwegs. Seither, so scheint es, kämpfen wir tagein tagaus um unser Recht, einfach über die Straße gehen zu können, um ein Eis zu kaufen. Belästigung, sexualisierte Gewalt, das Denken, Anspruch auf einen Körper oder Aufmerksamkeit zu haben, Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, Macht, öffentlicher Raum und private Umgebung – das alles gehört zusammen und ergibt diesen Riesenberg an Scheiße, durch den wir weiter waten, und der wachsen würde, wenn wir uns ihm nicht täglich entgegen stellen.

Update 9. November: Die Produzentin Collier Meyerson hat als Antwort auf das Hollaback-Video ebenfalls Interviews mit nicht-weißen Frauen geführt. Und dabei gleich einen Fall von Belästigung gefilmt.

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