Vom Vergessen und Erinnern feministischer Kritik

Der Blick aus einer alten dunklen Bahnhofshalle auf überwuchertes Industriegelände.

CC BY-NC-ND 3.0 johanna

In der aktuellen Anschläge geht es um die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass feministische Interventionen wieder ausradiert werden und Frauen aus der Geschichte geschrieben werden. Und dann wird die Frage einmal umgedreht. Warum passiert das eigentlich? Wie Karina Korecky habe ich keine Antwort (zumindest keine, die über „Patriarchat“ hinausgeht), aber eine These. Denn auch das Eskalieren inner-feministischer Kritik wird angesprochen und die Angst, nur noch durch­re­flek­tierte Aussagen abgeben zu dürfen, weil jeder Fehler zum Shitstorm führen könnte. Sowohl die Kritik als auch die Angst vor ihr sind Symptome genau dieses Systems des Aus­löschen und Nicht-Erinnerns und des ständig wieder­holten, mühsamen Wieder­er­innerns. Praktisch fängt jede_r Feminist_in von vorne an und muss sich alles er­ar­bei­ten. Und dann wird es irgendwann ermüdend, wie sich die Debatten wieder­holen, wie die immer gleichen Medien­mechanismen greifen, wie Jahr um Jahr Dinge „neu“ entdeckt werden. Aber Kritik an denen, die erst am Anfang stehen, muss den Kreis­lauf des Ver­gessens und Erinnerns mitdenken und benennen, wenn sie ihn durch­brechen will. Erst dann können wir* konstruktive Lösungen erarbeiten und umsetzen. PS: Die Anschläge und ihr Titelthema „Herstory“ zu feministischer Geschichts­schrei­bung ist auch ansonsten eine Lese­empfehlung. Weitere Artikel drehen sich um (nicht nur Frauen-) Stadt­spazier­gänge, um Geschichts-Digitalisierung vs. Copyright und Angst vor dem Internet, um Kritiken am weißen Mittelschichts­feminismus, der noch am ehesten wahrgenommen wird. PPS: Irgendwo stehen bestimmt genau diese Über­legungen schon, nur dass ich sie nicht gesehen habe.

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März: Body positive Practice Month

Eine gezeichnete Frauenfigur macht eine Brücke, ihre roten Locken hängen herunter. Auf dem Boden steht: Body positive Practice Month

Bild von @distelfliege

Den März haben Wurzelfrau und Distelfliege als Body positive Practice Month ausgerufen:

In diesem Monat, März, soll es also darum gehen, wie wir mit unseren verschiedenen körperlichen Vorraussetzungen etwas Aktives tun, die Praktik, die uns gut tut, was dazu für Gedankengänge entstehen- wie das vielleicht auch unsere Sicht auf unseren Körper verändert / hat. Jede_r die_der Lust hat, kann gern mitmachen. Ihr dürft die Grafik gern mitnehmen und auch etwas dazu posten oder sie einfach einbinden und auf diesen Artikel hier verlinken. Ich freue mich, wenn ihr dabei seid! ❤

Für den Start hat ryuu ihre Rahmenbedingungen abgesteckt, was mir so gefallen hat, dass ich die Idee hier aufgreife.

Was ich mache
Derzeit vor allem Jillian Michaels-Workouts und gehe öfter saunieren. Ich suche ein neues Fitness-Studio und schwimmen möchte ich auch mal wieder.

Meine Vorerfahrungen und Voraussetzungen
Von Judo über Touch Rugby bis zum Reiten habe ich schon viel ausprobiert. Seit über zehn Jahren bin ich immer wieder in Fitness-Studios um meinen Rücken und Oberkörper zu stärken. Lange war das mehr generelle Vorbeugung und Kräftigung, inzwischen ist es eher „Sport gegen Schmerzen“, was auf Dauer eine Motivationsbremse ist. Dass ich mehrfach umgezogen bin und danach jedes Mal neue Sportstätten und betreunde Ärzt_innen suchen musste, ist irgendwann auch nicht mehr aufregend, sondern anstregend. Gerade bin ich durch meinen Jobwechsel wieder an diesem Punkt.

Selbst als schlanke Frau ist Krafttraining so eine Sache für sich. Als Ziel wird immer erstmal „Gewicht verlieren“ angenommen und „nein, ich möchte meinen Oberkörper trainieren“ gibt andere Geräte- und Trainingsempfehlungen als bei Männern, damit die Muskeln nicht zu doll sichtbar werden. Geschlecht muss schließlich gemacht werden.

Baustelle
Ich brauche einen neuen Tages- und Wochenrhythmus. Bisher bin ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, diese tägliche Bewegung ist weggefallen. Es muss eine neue praktikable Lösung her, bevor das Aufraffloch zu groß wird.

Sportliche Ziele/Was ich mit dem Sport will
Hm? Außer Schmerzfreiheit nicht viel. Streß abbauen und mich wohl fühlen.

Oh ein Blogstöckchen über Bücher!

Großaufnahme eines Bücherregals mit den folgenden RÜcken: "Out" von Natusuo Kirino, "Villain" von Shuichi Yoshida, "A loyal character dancer" von Qiu Xiaolong, von Tess Gerritsen "Body Double", "The Bone Garden", "Vanish" und "The Mephisto Club", von Lindsey Davis "Poseidon's Gold" und "Nemesis", "Believing the Lie" von Elizabeth George, "Blumen für das Grab" von Ann Granger und "Kalte Asche" von Simon Beckett.

Das mit den Bücherstöckchen ist ja leider nichts, bei dem ich immer fix reagieren würde und trotzdem kriege ich sie immer wieder ab… Prinzipiell gibt es die „Noch zu lesen“-Liste bei Goodreads, hier nun fünf ausgewählte Bücher:

Das NEIN weiterdenken.

Hannah Rosenblatt hat über das Nein-Sagen und Nicht-tun geschrieben. Eine treffende Beobachtung stach mir ins Auge:

Mein so starkes Nein, wird vom Kapitalismus zum “Bitte überzeug mich” gemacht.
Erst hieß es, das Ziel des Kapitalismus sei es, eine Struktur zu erschaffen, die jedes Bedürfnis und Wünschen erfüllt. Heute geht es darum Bedürfnisse einzureden und Wünsche zu wecken, damit die Struktur wachsen kann.

Dass ein Nein kein Nein ist, nicht ausreicht oder anerkannt wird, ist jeden Tag zu sehen. Mal wieder bin ich auf Twitter von jemanden weiter angeschrieben worden, der mein Nein nicht anerkennen wollte. Auch lange geblockte Maskus provozieren, um in meinen @-replies aufzutauchen und wenn es über Dritte ist. Kein Nein von mir ist nein genug. Zwei Freundinnen schützen ihre Twitter-Account, als letztem Nein gegen diejenigen, die in einer Frau mit (anti-rassistischer, feministischer) Meinung ein konsumier- und debattierbares Objekt sehen.

Und dann all diese Artikel, in denen Heteromänner Händchen halten müssen, um von der Existenz von Homophobie überzeugt zu werden. Nicht-muslimische Frauen ein Koptuch tragen müssen, um von der Existenz anti-islamischer Hetze überzeugt zu werden.

Apropos: Alleine im Januar habe ich sieben neue Artikel und Berichte über Diskriminierung, Vorurteile und Doppelstandards gefunden. Ein Nein, auch wenn es nicht als solches verstanden wird.

Und sonst so? Das war 2014 und wie es weiter geht.

Auf schwarzem Grund ist eine Ansteckbrosche, eine pinke Sonnenbrille.

Ein 80er Original

Seit Anfang des Jahres habe ich auch mal einen Instagram-Account, was diese Arbeit deutlich erleichtert hat.

Über einen Fluss geht eine Brücke mit mehreren Bögen. Am Ufer steht ein Tisch mit Teeglas. Auf der anderen Seite sind Restaurants.

Zhūjiājiǎo

Reise: Es ging nach China. In die Verbotenen Stadt, auf die Chinesische Mauer, nach Zhūjiājiǎo und ich habe den 1. Mai in Shanghai am Bund überlebt. Ich vermisse Jiǎozi, Bāozi und Western Food auf dem immer ein Spiegelei ist. Es war eine Idee, die ich schon sechs Jahre hatte und dann wurde sie Realität. Umwerfend.
Außerdem mein erster Vortrag in Essen. Jede Fahrt durch den Flächenstadt-Pott ist für mich Schleswig-Holstein-Flächenlandkind ein Erlebnis.

Veranstaltungen: Durch die Reise habe ich die Re:publica verpasst und war stattdessen auf dem Hackover und der Maker Faire in Hannover, dem BarCamp Braunschweig und dem AdaCamp in Berlin. Letzteres war eines der besten Erlebnisse und ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte.

Auf einem pixeligen Display sind Farbspuren von rot über grün bis gelb. Am Rand steht „A Stratum 0 PRODUCTION – ENTE – SCHWEIG“

Balkon: Nie wieder eine Wohnung ohne Balkon. Warm angezogen kann eine das ganze Jahr dort sitzen. Mit Sonne und einer Unmenge an Pflanzen ist es noch viel, viel schöner. Außerdem gab es viel zu essen: Gurken, Radieschen, Salat, Chilis, Erdbeeren. Nomnomnom.

Erwachsen: Ich bin 30 geworden. Das fühlt sich irgendwie anders aber und dann überhaupt nicht. Das Leben geht ja weiter und ich freue mich auf den 31. Geburtstag. Und den 32. und den 33. Jedes Mal ein guter Grund für eine Party mit Freund_innen.

Ein Buch mit dem Titel “African American Women Chemists”, darunter sind schwarze Chemie-Studentinnen zu sehen.

Popkultur: Mit herzteile habe ich ein wunderbares Team zum Bloggen über Computerspiele gefunden. Ein Jahr Chaos und kein Ende. ❤ Ansonsten habe ich hier einige TV-Serien vorgestellt, gestern meine Film-Empfehlungen gesammelt und den Comics-Sci-Fi-Sachbuch-Stand gibt’s auf Goodreads.

Mein Blog: Dafür hatte ich im Laufe des Jahres immer weniger Zeit. Bis immerhin Ende November habe ich die wöchentlichen Linksammlungen geschrieben – vor allem als Schreibübung für mich. 2015 will ich wieder starten wie 2014 und Euch die besten Serien unterjubeln. The Fall, Nikita, Prime Suspect

Arbeit: 2014 war sehr, sehr anstrengend. Nun sage ich der Befristungsmisere des Öffentlichen Diensts adieu und beginne ein Volontariat. Alles auf Anfang in 2015!

Anmachen, Gewalt, Anspruchsdenken – 1998 und heute

Als Feministin wird eine oft zu Dingen befragt, von denen sie dann eigentlich gerne nie was gehört hätte. Pick-Up-Artists sind so ein Fall. 2009 geriet ich über dieses „guck mal was sagt ihr dazu?“ an das Thema und war schon unterbegeistert: Hetero­män­ner, die im Club oder auf der Straße solange Frauen ansprechen, bis sie eine ins Bett be­kommen. Später stieß ich auf eine Studie, die das Phänomen untersucht hat. Tat­säch­lich ver­suchen sich vor allem die Männer an Pick-Up, die sexistische Ein­stellungen auf­wei­sen. Und damit haben sie nicht bei allen Frauen Erfolg, sondern nur denen, die die gleiche Ein­stellung haben und unverbindlichen Sex suchen. Gleich und gleich gesellt sich gern – hat aber leider Aus­wirkungen auf die ganz Gesell­schaft, warnten damals die Autor_innen. Denn die zugrunde liegenden sexistischen Ein­stellungen gehen ein­her mit sexuellem Druck auf Frauen und Vergewaltigungs­ent­schuldigungen („kurzer Rock“).

In ihrer ganzen Häßlichkeit zeigt sich das gerade bei dem „Dating Coach“ Julien Blanc. Er postete auf Facebook und Co. Bilder, wie er auf der Straße fremde Frauen „zum Spaß“ würgt. Als Werbung für eine Japanreise brüstete er sich, als weißer Mann dürfe man sich da alles erlauben: Frauen auf der Straße anfassen, anbrüllen und erniedrigen. Eine Checkliste an Warnzeichen einer gewalttätigen Beziehung verlinkte er als Anleitung für eine Langzeitbeziehung (sicher total witzig gemeint). Weitere „lustige Sprüche“ bezogen sich u.a. darauf, dass es beim Sex nur wichtig wäre, wenn er kommt und sie dann liegen lassen darf und dicke Frauen herabzuwürdigen seien. Nach massiven Online-Protesten auf der ganzen Welt untersagt nun endlich z.B. Marriott die entsprechenden Workshops in den eigenen Räumlichkeiten. Wenig überraschend: Die Übergriffe können laut seiner Fans nicht schlimm sein, die betroffenen Frauen lachten schließlich. Ja, wenn ein fremder Mann schon ungebeten seine Hand an Deinen Hals gelegt hat, dann lachst Du weiter und betest nur noch innerlich!

Was Blanc überraschenderweise Vielen voraus hat: Seine Erkenntnis, diese Übergriffe (bis jetzt) ohne Probleme ausführen zu können, weil er ein weißer Mann ist. Dass sein Fall es jetzt in diverse Medien schafft, hängt vermutlich mit der aktuellen Diskussion um Belästigung auf der Straße zusammen. Das virale Video von Hollaback allerdings zeigte keinen einzigen weißen Mann. Die gab es zwar, nach einer Reihe an „Zufällen“ und fehlender Arbeit, die Zufälle für ein realistisches Bild auszugleichen, passierte allerdings das, was Blanc vorhersagt: Weiße Männer brauchen bei Übergriffigkeit keine Konsequenzen fürchten. Was wiederrum dazu geführt hat, dass in der Debatte über das Video rassistische Vorurteile bestätigt wurden.

Als Gegenbeispiel hat das Blog Bitch Flicks die Dokumentation War Zone von Maggie Hadleigh-West ausgegraben. Diese hat 1998 in New York bereits Männer gefilmt und zur Rede gestellt, die sie auf der Straße belästigt haben sowie Interviews mit verschiedenen Frauen geführt. Deutlich wird, wie schnell das „Kompliment“ gerade bei weißen Männern umschlägt und zur Beleidigung oder Übergriff mutiert. Auch ein Polizist ist unter den Tätern. An den Antworten zeigt sich vor allem, dass sich nichts geändert hat: „Du hasst doch Männer. Bist Du lesbisch? Du willst es doch auch.“ Und wie Frauen sich selbst und andere Frauen einschränken, um sich zu beschützen. Geschichten von Belästigung durch Familienmitglieder, verheimlichte Übergriffe und rassistische Beleidigungen „runden das Bild ab“. Klar wird auch, dass es kein „richtig“ gibt. Einerseits sollen die Betroffenen reagieren, aber dann ist es doch nicht richtig. Einerseits sollen sie hübsch aussehen und lächeln, aber eigentlich macht das ja nur alles schlimmer. Einerseits ist dein Körper so schön, andererseits bist Du zu hässlich für die Öffentlichkeit.

Vor 30 Jahren waren Frauen im öffentlichen Raum viel seltener unterwegs. Seither, so scheint es, kämpfen wir tagein tagaus um unser Recht, einfach über die Straße gehen zu können, um ein Eis zu kaufen. Belästigung, sexualisierte Gewalt, das Denken, Anspruch auf einen Körper oder Aufmerksamkeit zu haben, Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, Macht, öffentlicher Raum und private Umgebung – das alles gehört zusammen und ergibt diesen Riesenberg an Scheiße, durch den wir weiter waten, und der wachsen würde, wenn wir uns ihm nicht täglich entgegen stellen.

Update 9. November: Die Produzentin Collier Meyerson hat als Antwort auf das Hollaback-Video ebenfalls Interviews mit nicht-weißen Frauen geführt. Und dabei gleich einen Fall von Belästigung gefilmt.

Die Verkorksung von allem

Feministische Links auf Facebook zu posten war mal riskant für mich. Inzwischen bin ich bei entsprechenden Bekannten entweder ausgeblendet oder sie haben mich gleich entfreundet. Stattdessen sprießen die Posts von denjenigen, von denen ich es lange nicht erwartet habe.

Emma Watson mit #HeForShe und Benedict Cumberbatch im „so sieht ein Feminist“-Shirt aus. Progressive T-Shirt-Werbung für einen guten Zweck. Videokampagne um Viedokampagne, die sexualisierte Belästigung auf der Straße anprangert. „Echte Männer schätzen ihre Freundinnen“-Kampagnen.

Und jedes Mal kommt früher oder später das „uff“ und das „aber“.

Benedict Cumberbatch als Feminist, der es nicht mal hinkriegt, Chelsea Manning als Frau zu respektieren. Eine T-Shirt-Firma, deren Geschäftspraktiken beim genaueren hinsehen dann doch schwierig werden.

Oft genug sind es schöne, weiße, wohlhabende, heterosexuelle Frauen, die sich an Männer wenden. Appelle, Frauen wegen ihrer Beziehungen zu Vätern, Söhnen, Partnern ernst zu nehmen – statt als Menschen. Punkt. Videokampagnen, die alle zufällig nur nicht-weiße Männer beim Belästigen filmen, weil sie bei den weißen die Kamera halt jedes Mal woanders hinhalten.

Jetzt ist es die Kritik, die zu posten riskant wird. Hasse ich vielleicht doch alle Männer? Oder alle hübschen jungen Frauen mit Uni-Abschluss? Verteidige ich gerade Männer, die auf der Straße Frauen belästigen? Dass nach dem „aber“ weiter zugehört wird, ist unwahrscheinlich. Stattdessen sehen sich die angegriffen, die doch gerade was Gutes gemacht haben und gleichzeitig diejenigen bestätigt, die Feministinnen eh schon hassen. Inhalte sind immer das erste, das in emotionalen Debatten in der Versenkung verschwindet.

Wir lernen: die Selbsterhaltungsmechanismen des Systems, das gerade eigentlich angegegriffen wurde, greifen schnell. Sind die Inhalte aus dem Fenster geht es um Betroffenheit. Die ich gerne wertschätzen möchte und trotzdem nicht ohne kritisches Überdenken hinnehmen kann. Das wäre, am Ende, wirklich revolutionär. Erfahrungen derer anzuerkennen, die nicht dem unausgesprochenen Ideal des weißen, cis-männlichen, mittelalten, unbehindert-erscheinenden, heterosexuellen Staatsbürgers entsprechen. Und diese Erfahrungen dann entlang der mannigfaltigen Machtgefälle zu reflektieren und neu einzuordnen.

Doch so leicht geht es nicht. Wie kann ich denen böse sein, die diese Videos verlinken, wenn doch die Bedrohungen auf dem Fuße folgen? Wenn jeder Bezeichnung des heterosexuellen weißen Cis-Manns als solchem die beleidigte Entrüstung des Genannten folgt? Wie kann ich einen großen Schritt einfordern, wenn selbst die kleinen noch gefährlich sind? Ich will nicht Sexismus gegen Rassismus und Transphobie eintauschen, nur damit es mir persönlich besser ginge. Ich will die Zusammenhänge und Mechanismen deutlich machen, denn tatsächlich können wir alle Diskriminierung nur gemeinsam abschaffen.

Hier liegt ein riesiger Berg an Scheiße und damit er verschwindet, brauchen wir jedes Werkzeug, von der Schaufel bis zum Besen. Jeder Beitrag bei Facebook scheint zu wenig und zu langsam und ich werde ungeduldig. Doch es ist mehr als nichts. Und wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt habe, dann immer weiter zu gehen. Einen Schritt nach dem anderen. Kleine Schritte, große Schritte, immer weiter.

PS: Über das „sich einlassen auf Kritik“ gibt es mehr bei Der k_eine Unterschied.

PPS: Auch die Wurzelfrau redet im aktuellen queeren Rant- und Strickpodcast über Differenzen unter Feminist_innen und warum es uns so schwer fällt, mit Kritik umzugehen.

Bericht vom AdaCamp: Wider das Impostor-Syndrom!

I went to AdaCamp and all I got was a very good time!

Auf einer dunklen Holzwand kleben viele bunte Post-Its.

Hilft gegen Impostor-Syndrom: Wand der Komplimente

Vor kurzem hatte ich das große Glück, am AdaCamp Berlin teilzunehmen. Einer Un­konferenz, bei der die Sessions und Workshops spontan beschlossen werden; zum Thema Frauen in offener Technologie (ob Hard- oder Software, Hackerspaces, Open Data, offenem Wissen/Wikipedia…)

Ein besonders wichtiger, wenn auch kurzer, Workshop drehte sich zum Start um das Impostor-Syndrom – das Gefühl, eigentlich eine unwissende Hochstaplerin zu sein, die jederzeit enttarnt werden könnte. Ausgangspunkt war der wunderbare Text “Impostor Syndrome-Proof Yourself and Your Community”. Besonders Frauen in männer-dominierten Bereichen erliegen oft dem Syndrom, prinzipiell kann es ver­mutlich überall auftreten. Da der Beitrag auf Englisch ist, hier eine deutsch-sprachige Zusammenfassung.

Woher es kommt
Im verlinkten Text nennen die Autorinnen Gardiner und Aurora mehrere Gründe:

  • Darstellung der eigenen Arbeit hauptsächlich in Kontexten, in denen Kritik ausdrücklich eingefordert wird
  • Erfolge anderer Leute werden oft nur „fertig“ gesehen, ohne die jahrelange Arbeit dahinter
  • All die Vorfälle, bei denen Frauen tatsächlich Hochstaplerinnen genannt werden (Vgl.: fake geek girl). Ständige Anzweifeln sorgt meist nicht für besondere Kritikresistenz sondern das Verinnerlichen der Kritik.

Anzufügen ist, dass gerade in Technik und Naturwissenschaften nur die Frauen sicht­bar sind, die außer­gewöhnlich Außer­gewöhnliches geleistet haben. Etwa Marie Curie, die als erster und einziger Mensch zwei verschiedene natur­wissen­schaftliche Nobel­preise erhielt und zwei Töchter großzug. All die „durch­schnittlichen“ Wissen­schaft­lerinnen sind dagegen oft genug in der Geschichte hinter ihren Ehe­männern ver­schwunden. Es gibt einfach keine breite Auswahl unter weiblichen Rollen­vor­bildern. Ein anderes Beispiel dürfte Stephen Hawking sein.

Wozu es führt

  • Frauen bewerben sich oft nur auf die Stellen, deren Anforderungen sie kom­plett erfüllen oder sogar unter ihrer Qualifikation.
  • Sie trauen sich nicht so komplizierte Aufgaben zu.
  • Sie sprechen nicht bei Konferenzen.
  • Sie trauen sich seltener, als Mentorinnen aufzutreten.
  • Viel zu viel Energie geht bei dem ständigen Kampf gegen das Syndrom drauf, die anders verwendet werden könnte.

Was Betroffene tun können
Die Ratschläge lassen sich vor allem in einem Wort zusammenfassen: Reden. Mit Freund_innen über das Erlebte, Gefühle und Kompetenzen. Was einfach klingt aber oft schwierig ist: Lob annehmen, lächeln und nur „danke“ sagen. Beim Sprechen sich auf die Inhalte konzentrieren und all das nicht verschweigen, was das eigene Wissen kleiner erscheinen lässt. Fragen stellen und Wissen weitergeben. Schließlich: Die eigene Arbeit und besonders die Erfolge dokumentieren. Und einen Workshop gegen das Impostor-Syndrom besuchen und mit all den Frauen reden, die die Symptome nur allzu gut kennen.

Was Organisationen tun können
Hier kommen wir zu dem Punkt, der bei all der gegenwärtigen Frauenförderung stets vergessen (oder willentlich ignoriert) wird. Weil er eine grundlegende Veränderung von Prozessen und dem Arbeitsklima bedeutet. Weil es so tief sitzende Mechanismen sind, dass ich sie selbst in feministischen Kreisen beobachte. Weil auch dort diese Mechanismen so viel kaputt machen und es uns™ schon gar nicht mehr auffällt: Unklare, unrealistische Anforderungen, harte Kritik, aber wenig Durchschaubarkeit, wie Arbeit am Ende geleistet werden soll. Was also tun?

  • Menschen ermutigen, sich Dinge zuzutrauen und zu tun.
  • Feindseligkeiten und persönliche Fehden als unerwünscht kennzeichnen. Denn dies sind Faktoren, die Menschen mit Impostor-Syndrom erst recht einschüchtern.
  • Unsichtbare Barrieren abbauen und stattdessen deutlich machen, dass neue Teilnehmer_innen willkommen sind und was sie konkret zum Einstieg tun können.
  • Die eigenen Unsicherheiten und Lernprozesse aufzeigen, um ein realistischeres Bild des eigenen Wissens (und des Wegs dorthin) zu vermitteln.
  • Neulinge in Gemeinschaften aufnehmen, ermutigen und beraten – und diese Arbeit als solche anerkennen.
  • Fehler bei der Arbeit nicht auf die Person übertragen (häufig bekannt als „Un­fehl­barkeit verlangen“). Dinge gehen schief, Menschen machen Fehler: Das kann allen passieren, tut es auch, und ist kein Persönlichkeitsfehler oder Grund für persönliche Angriffe.

Schließlich zeigt sich immer wieder, dass die Betroffenen tatsächlich unglaublich viele coole Dinge gemacht haben, furchtbar klug sind und für die Projekte einfach nur ein Gewinn wären (auch beim AdaCamp zu oft gehört: „ich gehöre hier eigentlich gar nicht hin, ich habe nur dies, das und jenes gemacht“ Jupp, *nur*…).

Für alle, die dieses Mal nicht teilnehmen konnten: 2015 sollen wieder AdaCamps stattfinden, auch in Europa und noch größer. Mit Workshops zum Impostor-Syndrom und vielem mehr. Wer es nicht verpassen will, sollte die Mailingliste abonnieren oder auf Twitter folgen. Und wer mehr Camps möchte, sollte spenden, denn die Ada-Initiative bezahlt die Organisator_innen.

Further Reading: Zara Rahman – AdaCamp: spending time with women in open source and technology
Greta Doci – WikiAkademia and AdaCamp in Berlin!

Wo bleiben die Lösungen? Über die #FsA14

Gestern war in Berlin die siebte Demo „Freiheit statt Angst“ und nach einigen Malen „dabei seins“, gar mitorganisierens, bedeutet sie mir inzwischen nichts mehr. Außer Ideenlosigkeit, die an meinem Leben völlig vorbei geht.

Die Schlagwörter um Snowden und Geheimdienste beherrschen die Rhetorik, Angstszenarien statt Freiheitsutopien die Werbebilder. Dabei sind das Überwachungstendenzen, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Es ist kein gutes Gefühl, das potentiell jeder Geheimdienst alles über mich weiß, aber die stehen auch nicht vor meiner Tür.

Überwachung und Angst statt Freiheit sind real. So real, dass vermutlich alle Betroffenen anderes zu tun haben, als die FsA zu organisieren. Abseits von Geheimdiensten ist Überwachung mit sofortigen Konsequenzen an der Tagesordnung. Für Hartz-IV-Bezieher_innen (die sich auch nicht unabgemeldet frei bewegen dürfen) und künftig noch stärker deren Partner_innen. Für Flüchtlinge, die sich manchmal immerhin bundeslandweit bewegen dürfen. Für Nicht-weiße Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe jederzeit mit „anlasslosen“ Kontrollen rechnen müssen. Für Schwangere und Eltern mit kleinen Kindern, die zwischen Übergriffen in die Intimsphäre und als unterstützend empfundenen Untersuchungen abwägen müssen. Für politisch aktive Frauen mit Meinung, denen von doxing bis Morddrohungen alles passieren kann.

Mehr als ein Bett für Snowden und erwartbar konsequenzlosen Forderungen nach Konsequenzen für Geheimdienste braucht es Ideen, Lösungen und Utopien für eine Gesellschaft ohne allgegenwärtige Überwachung. Edward Snowden vor einem Untersuchungsausschuss schafft keine Zählung der Zahnbürsten in WGs ab. Aber ein anderer Blick auf Flüchtlinge, Migration und Nationalität bringt neue Perspektiven in der Polizeiarbeit, die Vorratsdatenspeicherung will, weil sie an Ländergrenzen „scheitert“.

Stattdessen verkauft ihr uns einen Anzugträgerblock als normale Leute. Lösungen sehen anders aus.

PS: Siehe dazu auch Claudia Killian.
PPS: Ich weiß, dass es einen Hurenblock gab. Ein Block mit einem aktuellen konkreten Anliegen macht noch keine gesellschaftliche Utopie.

Liebe Schwangere, nicht einschüchtern lassen durch die Epigenetik!

Ein Kugelmodell der Elemente der DNA: Miteinander verbundene rote, weiße, blaue, schwarze und gelbe Kugeln.

CC BY 2.0 net_efekt

In der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature ist ein Kommentar zu den Tücken der medialen Aufbereitung von Epigenetik. Epigenetik beschreibt das An- und Abschalten von Genen, ohne die Abfolge der Gene zu verändern. Eine Reihe von Faktoren spielen dabei eine Rolle, aber welche Änderungen Babies im Leib der (oder des) Schwangeren erfahren, wird am häuftigsten diskutiert – gerne auch mit alar­mis­tischen Warnungen ohne wissen­schaftliche Grundlage.

Dies reihe sich ein in eine Tradition an Überwachung und Mythenbildung um Mütter. So ist Alkohol während der Schwanger­schaft bis heute strengstens verpönt, obwohl für geringen bis moderaten Alkohol­konsum wiederholt keine negativen Kon­se­quenzen gefunden wurden. Auch die Panik über sogenannte „Crack-Babies“ hat sich nach 30 Jahren als überzogen heraus­gestellt; Weit schädigender als Crack­konsum in der Schwanger­schaft ist das Auf­wachsen in Armut. Vor der gerade grassierenden Impf­panik waren „Kühl­schran­kmütter“ an autistischen Kindern schuld. Und im 19. Jahr­hundert wurden Schwangere, noch ohne epi­gentische Grund­lage, vor den gleichen Dingen gewarnt wie heute: Ernährung, Stress und dem Um­gang mit den falschen Leuten.

Epigenetik könnte nun der nächste heiße Trend der Gängelung durch Sorge werden. Denn nachdem lange geglaubt wurde, die umgelegten Genschalter würden bei neu­ge­borenen Babies „auf Werkseinstellungen“ zurückgesetzt, wird inzwischen immer deut­licher, dass auch diese Ver­änderungen vererbbar sind. Traumatische Er­fah­rungen und extremer Hunger sind zwei Faktoren, die epigenetisch vererbt werden. Allerdings passiert dies nicht aus­schließ­lich über die Schwangeren, in deren Bauch der Embryo heranwächst. Auch Spermien tragen ihren Teil dazu bei und manche Ver­ände­rungen werden über Generationen hinweg weiter gegeben.

Da die meisten Studien bis heute an Tieren durchgeführt werden und viele Kom­po­nenten miteinander sehr komplex verwoben sind, lassen sich derzeit keine seriösen Rat­schläge ableiten. Schließlich sind einige Faktoren ge­sell­schaft­licher Natur. Armut, rassistischer Dis­kriminierung oder Gift­stoffen in der Umwelt kann eine schwangere Per­son zu oft gar nicht ent­kommen. Hier, so die Autor_innen, sei ge­sell­schaft­licher Wan­del statt in­di­vi­du­eller Lö­sungen nötig.

Was der Kommentar noch außen vor lässt: Epigenetische Veränderungen lassen sich rückgängig machen. Wie sich das beeinflussen ließe, ist noch nicht erforscht, möglich ist es aber. Also, nicht einschüchtern lassen!

[Update, 21.8.2014: Epigenetik: Wissenschaftlerinnen sagen “Don’t blame the mother!” – Beitrag von Mama arbeitet]