Sozialwahl 2017: Warum sollte ich da mitmachen?

Wir müssen über die Sozialwahl reden. Nicht einmal jede_r dritte Wahlberechtigte nimmt an der Wahl teil. Und ich kann es sehr gut verstehen, denn neben viel Aufklärung über den Wahlablauf gibt es quasi keine Informationen über Wahlinhalte.


Bis zum Ende des Monats läuft die Sozialwahl, bei der im Sinne einer Selbstverwaltung die Versicherten von Kranken- und Rentenversicherung Vertreter_innen in die jeweiligen Parlamente (Verwaltungsrat oder Vertreterversammlung) wählen. Diese bestimmen wie im Bundestag zum Beispiel über den Haushalt oder kontrollieren die Vorstände (wie der Bundestag die Regierung).

Die aktuelle Wahl ist die erste, bei der ich wahlberechtigt bin. Und nennt mich naiv, aber ich hatte Hoffnung, da tatsächlich eine informierte Wahl zu treffen. Eines meiner Anliegen ist bekanntlich die Situation in der deutschen Geburtshilfe, die sehr eng mit der Vergütungspolitik der Krankenkassen verbunden ist. Am Freitag wird über wieder einmal die Schiedsstelle entscheiden, wie es hier weiter geht.

Als Erstes habe ich daher auf der Seite zur Sozialwahl nach dem Stichwort „Hebamme“ gesucht. Da kommen genau drei Einträge. Zwei davon stehen auf persönlichen Seiten von einzelnen Personen und ob sie wirklich zur Wahl stehen, wird nicht deutlich. Bei Beiden geht es darum, dass Hebammenrufbereitschaft wichtig sei. Klasse. Aber mehr steht da leider nicht. Eine Person kann ich eh nicht wählen.

Die dritte Seite ist die Themenseite „Schwangerschaftsvorsorge“. Die Beispielkrankenschwester war für die Vorsorgeuntersuchungen bei einer Ärztin. Außer dem wiederholten Hinweis auf ihre Rufbereitschaft kommen Hebammen nicht vor. Weder wird aufgezeigt, dass sie mit Vorsorge, Geburtsbegleitung und Nachsorge eine Rundumbetreuung bieten könnten, noch die aktuell schwierige Situation und mögliche Maßnahmen erläutert. Umso merkwürdiger, wenn mehrfach auf die Wichtigkeit von Aufklärung und Beratung zu Standard- und Zusatzleistungen abgehoben wird.

Auf den Seiten der einzelnen Listen fehlen ebenfalls Wahlprogramme, im Sinne von: mehr als Absichtserklärungen. Sucht man weiter im Internet, etwa auf Nachrichtenseiten, findet sich ein ähnliches Bild wie auf sozialwahl.de: Wenn die Wahl mal Thema ist, wird doppelt und dreifach erklärt, dass es eine Briefwahl sei, wann gewählt werden kann und wie wichtig die Mitbestimmung sei. Informationen darüber, was in den letzten Jahren in diesen Gremien passiert ist, wer welche Entscheidungen vorangetrieben hat, welche Themen unbearbeitet blieben? Fehlanzeige.

Also Butter bei die Fische: So kann ich keinen Einfluss nehmen, wie es überall versprochen wird. Welche Liste sich wie für mich einsetzen wird, wer am ehesten meine Interessen vertritt und Maßnahmen umsetzen möchte, die ich als sinnvoll erachte – das wird nicht deutlich. Es ist eine Wahl ohne Inhalte, ohne Strategien, ohne Berichterstattung an die Wähler_innen. Warum also sollte ich da wählen?

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Statt guter Ratschläge: Ich habe vor einigen Tagen die Listen angeschrieben, die bei meiner Krankenkasse zur Wahl stehen. Bisher habe ich eine nette und ausführliche Antwort der IG Metall bekommen, die meine Ziele teilen, aber zu sinnvollen Maßnahmen vage bleiben. Dass jetzt Millionen von Wahlberechtigten die Listen anschreiben, ist eine top Idee, aber keine langfristige Lösung.

Das gleiche gilt, wenn es ums Engagieren geht. Top Idee, kann aber nicht jede_r leisten.

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Warum Anti-AfD-Kampagnen nichts nützen

Es ist soweit, die erste „Anti-AfD-Kampagne“ ist da und die nächsten Tage wird man sich auf Social Media sicher nicht davor retten können. Die AfD ist für Atomkraft und gegen den Mindestlohn und gegen Frauengleichstellung! Schockierende Nachrichten! Ob’s hilft? Nein, denn die Alternative fehlt.

Falls diese „Feindpropaganda“ die Anhänger_innen der AfD jemals erreicht, wird sehr fix die kognitive Dissonanz zuschlagen. Erstmal die Krisen um Euro und geflüchtete Menschen in den Griff kriegen, das ist wichtiger. Vielleicht meint die AfD das auch alles nicht so. Wenn die AfD nicht antritt, wählt man jetzt eh wieder die rechtsextremen Parteien.

Auf der anderen Seite stehe ich und frage mich, wen ich stattdessen wählen soll. CDU und SPD versuchen doch seit Monaten, so weit nach rechts zu rutschen, wie rhetorisch möglich um den rechten Rand noch irgendwie einzufangen. Soll ich das jetzt unterstützen? Schlimmer noch, jede größere Partei hat an diesem Rechtsruck ihren Anteil.

Also bitte, spart Euch die Anti-AfD-Kampagnen, wenn ihr keine wählbaren Alternativen präsentieren könnt. Setzt Euch lieber bei den anderen Parteien für gute Politik ein. Zeigt, dass AfD und Co kein Grund für einen Rechtsrutsch über die Parteigrenzen hinweg ist. Fordert menschenwürdige Politik, die ich und all die anderen, die wirklich nicht die AfD wählen wollen, gerne unterstützen.

Hackers have neither been hacked nor gentrified

So, you probably read the aeon piece on capitalism hacking hacker culture. From the top of my head a couple of things are awfully wrong. First, making money of somebody or of a culture in a capitalist society is not hacking but the way things are supposed to be. Hacking is about being able to understand things, use them in new ways, fix them when broken and finding solutions for problems. Capitalism is about making money. In a socialist state finding a way to make money might be considered hacking, in a capitalist one it’s just the way it is.

Second – I am no expert in gentrification but I’ve only ever encountered the word referring to buildings, city zoning and what shops you find on your high street. Gentrification doesn’t mean changing people but changing places. The people just get thrown out to live like before, somewhere else. The word we’re looking for might rather be appropriation of hacker culture. It fits the articles‘ analysis of making „exotic“ things and ideas more palatable for a broader audience.

This is where it get’s interesting. Because cultural appropriation works along power lines, with a dominant group appropriating the culture of a group with less power. Having little power is a trope intricately woven into nerd pride and here might be a place where we actually see this in action. The idea of hacking seems to be the seed of disruption, the buzzword du jour, along “disruption”.

But what if we look down the slope to those with even less power? On one hand, hackers have held high their principles of actions over gender, race, religion etc. On the other hand, few have acknowledged their own power when so many hackers are white, male, heterosexual etc. But instead try to ignore calls for better protection and recognition of access barriers to hacker culture. You probably know those buzzwords from fake geek girl to invader, too.

Yeah, at the Chaos Communication Camp are people from, for example, refugee groups, but I don’t get the feeling they’re considered hackers. Even though they build their own infrastructure and subvert a system that wants to isolate them. Thankfully, it didn’t feel like “we hackers know better than you” but also not like “yes, you’re hackers too”.

Last but not least, the irony lies rather in pitting “real resistance” of neighbourhoods, which are usually overthrown in the long run, with protecting hacker ethics. There actually are people doing that. But whom are they protecting hacker culture of?

PS: Connecting “immigrant” neighbourhoods to being the wild that gets tamed? Not cool. Even if you don’t like the taming, still not a cool connection.

Hebammendebakel 2015

[Anmerkung zum Inhalt: Es geht auch um Gewalt bei Geburten.]

Hallo und herzlich Willkommen zur wiederholten Ausgabe von „Es ist Internationaler Hebammentag und in Deutschland sieht die Lage beschissen aus“. Wie genau die aussieht, ist in den vergangenen Tagen in den Medien unüberraschend eher unter­gegangen*, aber es gibt eine neue Petition. Es muss also scheiße sein. Trotzdem ließe sich bequem der Artikel von 2014 recyclen (inklusive Vorrats­daten­speicherung!):

Ich musste mir anhören, dass „das Problem bekannt sei“ und dass das bereits es „ein Erfolg sei“. Stattdessen hat dieses Land in den letzten vier Jahren ein Leistungs­schutz­recht bekommen, die grundgesetzwidrige Vorrats­daten­speicherung kehrt wie ein Zombie jährlich auf die politische Agenda zurück und die Praxis­gebühr wurde abgeschafft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg – das demonstrierten uns die Regierungen immer wieder eindringlich.

Bei den Hebammen fehlt der Wille. Daran änderte die Rekord-Petition 2010 im Bundestagssystem so wenig wie über 400.000 Zeichnungen letztes Jahr bei Change.org. Denn bei den Hebammen zeigt sich, wie kaputt unser Gesundheitssystem ist, weil Wirtschaftlichkeit vor Menschenwürde geht.

In die Individualität und Intimität des Gebärens wird durch die begründete Angst vor Schadens­ersatz­forderungen bei „Norm­abweichungen“ heute oft eingegriffen – seitens der Krankenhäuser und seiner[sic] Mitarbeiter_innen. In der aktuellen Verhandlungsrunde rückt dies weiter in den Fokus. Die Kranken­kassen wollen die Leistungs­übernahme bei Geburten außer­halb von Krankenhäusern reduzieren und an Auschluss­kriterien knüpfen. Wissenschaftlich abgesichert sind die diskutierten Vorschläge nicht, sondern Verhandlungs­masse im Konflikt von Krankenkassen und Verbänden. Vor allem werden sie den Entscheidungs­spielraum der Hebammen und Gebärenden stark eingrenzen. Gesucht wird Rechtssicherheit durch quantifizierbare Auflagen statt individueller Geburtsbegleitung.

Dass es um Würde geht, zeigen gerade wieder** die Geburtsgeschichten, die Eltern und Hebammen teilen. So begann es bei von guten Eltern:

Meist dominierten aber Angst und Zeitdruck das Geschehen. Und Angst vor wirklichen Katastrophen, vor Klagen oder auch „nur“ von der Rechtfertigung in der morgendlichen Teambesprechung. Auch ich habe Frauen mitten im guten Geburtsverlauf aus der Wanne “gezerrt”, weil der Oberarzt im Dienst war, der keine Wasser­geburten mochte. Ich habe Frauen zum Kaiserschnitt vorbereitet, obwohl ich sehr sicher war, dass mit etwas mehr Zeit und Ruhe dieses Kind sicher spontan geboren werden kann. Ich habe Wehentröpfe angehängt, die der Beginn von Interventions­kaskaden waren, die viel zu oft in einer operativen Geburt endeten. Ich habe Geburts­einleitungen mit begleitet, für die es keinen wirklich medizinischen Grund gab, das Kind schon so früh auf die Welt zu schubsen. Ich habe das getan, was so viele Kolleginnen tagtäglich tun: Entscheidungen mitzutragen, die sie innerlich nicht vertreten können. Aber es gibt Leitlinien, Anordnungen von Ärzten, finanziellen Druck von der Krankenhausleitung. Viele Dinge, die die Geburt beeinflussen und vor denen wir die uns anvertrauten Frauen als Hebammen immer schwieriger beschützen können.

Und es geht weiter in den Kommentaren:

Ich bin selbst Hebamme und arbeite in einer großen Klinik. All das was du beschreibst kenne ich sehr gut und auch mir zerreißt es manchmal das Herz. Die Frau die mich anfleht den Kreißsaal nicht mehr zu verlassen, weil sie Angst hat und ich muss trotzdem gehen, weil im Nebenraum die andere Frau ebenfalls gerade presst. Die Frau die weinend auf dem OP Tisch hockt weil ihre Geburt nach unendlichen langen Stunden nun doch im Kaiserschnitt endet.

Bis hin zu richtig üblen Erzählungen***:

Ich sitze hier mit Tränen im Gesicht und meiner 5 Monate alten Tochter im Arm.
Ich oder viel mehr wir, mein Mann, meine Tochter und ich, brauchten lange um die Geburt zu verarbeiten. Schön und besonders war sie nicht auch nur im geringsten. Ich hatte so viele Menschen, die ihre Hände in mich hinein steckten, dass ich es irgendwann akzeptierte und nach 12 Std im Kreissaal, war es irgendwann auch egal. Man hat mir einen Tropf und eine Spinalanästhesie gelegt, obwohl ich mein Kind ohne jegliche Hilfe gebähren wollte und man hat sie so aus mir heraus gedrückt, dass ich noch Tage später Schmerzen am Rippenbogen hatte und meine Tochter ein gebrochenes Schlüsselbein. Man hat meine Beine wie Hebel benutzt, also wolle man das Kind heraus hebeln.

Nicht erst bei derartigen Gruselstories erscheint die Geburtshilfe immer mehr wie eine Geburtsindustrie, die möglichst günstig und berechenbar ablaufen soll. Dagegen ändert sich das Feld der Schwangeren deutlich. Bevorzugt fortzupflanzen hatten und haben sich gebildete, heterosexuell verheiratete, körperlich und geistig gesunde, weiße Frauen – aber dieses Bild ist heute noch weniger repräsentativ, als es je war.

Transmänner dürfen endlich schwanger werden (und Transfrauen Kinder zeugen). Viele Schwangere sind eh unverheiratet. Gleichgeschlechtliche Paare gründen Familien, es gibt Co-Elternschaft, es gibt Schwangere mit Behinderungen. Von guten Eltern verweist noch auf die Frauen, die bereits sexualisierte Gewalt erfahren haben und bei einer Geburt retraumatisiert werden könnten.

Wenn wir all diese Eltern würdig behandeln wollen und ihren Babies einen guten Start ins Leben geben wollen, dann brauchen wir individuelle Betreuung, Zeit und geschultes Personal. Das kostet Geld. Die Frage ist, ob unser Nachwuchs uns das wert ist.

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* Weder bei der tagesschau, noch Spiegel Online oder der taz lässt sich mit dem Suchwort „Hebamme“ ein Artikel zur aktuellen, gescheiterten Verhandlungsrunde mit den Krankenkassen finden.

** Ebenfalls medial unbeachtet wurde vor einem Jahr über #selbstgeboren diskutiert.

*** Über Geburtstauma gibt es tatsächlich einen fast aktuellen Artikel bei Spiegel Online, der allerdings keine Übergriffe dokumentiert und stattdessen das Problem auf die Gefühle der Schwangeren reduziert. Aber hey, immerhin wird anerkannt, dass es Probleme gibt, Fortschritt und so.

Reproduktionspolitik in Deutschland – menschenverachtender geht’s kaum

Seit heute nachmittag ist klar: Ab nächstem Sommer können Hebammen freiberuflich keine Geburten mehr begleiten. Das Aus für Hausgeburten, Geburtshäuser und Belegstationen, denn in Deutschland müssen Geburten per Gesetz von Hebammen begleitet werden.

Gebären geht dann nur noch in großen Krankenhäusern mit im Schichtbetrieb wechselnden Kräften, die mehrere Geburten gleichzeitig betreuen. Hebammen können Schwangere nicht mehr individuell vorbereiten, bei der Geburt begleiten und nachsorgen. Massenabfertigung auf überfüllten Geburtstationen statt vertrauensvoller Geburtshilfe und Wahlfreiheit des Geburtsortes.

Mit dem Wegfall ihres „Kerngeschäfts“ haben in den vergangenen Jahren viele Hebammen komplett den Beruf aufgegeben, so dass auch die Vorbereitung und Nachsorge inzwischen nicht mehr überall gewährleistet werden können. Der Start ins Leben wird für Neugeborene in Deutschland zum Glücksspiel.

Gleichzeitig debattiert jetzt der Bundestag über die Rezeptpflicht der „Pille danach“. Über deren minimale Risiken, den Zeitfaktor und die Erfolge in vielen Ländern weltweit ist bereits alles gesagt worden. Dennoch weigert sich die CDU, Menschen in Not einen Gang zur Ärztin oder eine Fahrt in die Klinik zu ersparen und die Kompetenz der Apotheker_innen anzuerkennen.

Noch ist die flächendeckende Versorgung mit Apotheken und ihre Erreichbarkeit deutlich besser als die von Ärzt_innen. Die Botschaft der (fast ausschließlich) Politiker ist klar: Frauen und Transmännern ist nicht zu trauen, über ihren Körper selbst zu entscheiden.

Einen Schritt weiter gehen die Krankenkassen bei der Übernahme der Kosten für künstliche Befruchtung: Kinder sind nur bei verheirateten, heterosexuellen Paaren erwünscht.

Während die Politik in den letzten Jahren in der Wirtschaft viel dereguliert hat, staatliche Konzerne privatisierte und Märkte öffnete, um Wahlfreiheit zu schaffen, bleibt die Reproduktionspolitik rigide oder verschärft aufgrund ihrer Untätigkeit die Situation. Dass dies Menschen in Deutschland betrifft – Männer, Frauen und Intersexuelle, Erwachsene und Neugeborene – und ihnen das Leben schwer macht, ist wohl scheißegal.

Update nach der Bundestagsdebatte zur Pille Danach:
Jetzt wird das Ganze also an Ausschüsse verwiesen, die wieder von vorne anfangen zu debattieren. Als ob es nicht schon unzählige Empfehlungen und Gutachten gäbe. Hightlight: „Bei der ‚Pille danach‘ will ich keine Schnellschüsse.“ Und Bonuspunkte an die CDU-Redner_innen, die nicht nur konsequent von Frauenärzten und Apothekern sprachen, sondern auch von Patienten. Damit meint ihr doch schwangere Transmänner?

Leseempfehlungen (siehe auch die Trackbacks):
Frische Brise: Hebamme – ein aussterbender Beruf
Von guten Eltern: Meine Mutter war früher mal Hebamme
Gleisbauarbeiten: Wir brauchen HEBAMMEN!
Journelle: Frauensmarties
Kindersegen: Hebammen – wollt ihr sie wirklich wirklich? Na dann los!
Regine Heidorn: Hebammentochter
Juramama: Deutschen Frauen werden die Hebammen gestrichen. So sieht’s nämlich aus.
amberlight-label: Hebammenpetition & Wiegetuch
Familie Gurkenhals: In was für einem Land leben wir eigentlich?

#Maischberger zu sexueller Vielfalt: ein Elend

Gestern abend Maischberger hieß vor allem: Über eine Stunde Quälerei. Wie befürchtet ging es fast ausschließlich um Hetero- und Homosexualität. Trans­sexualität wurde dann einmal erwähnt – es sei auf der gleichen Ebene, als ob etwa Transfrauen nicht auch lesbisch, hetero, bisexuell oder gar aromantisch sein könnten. Wie befürchtet hatte also nicht mal Sandra Maischberger eine Ahnung davon, was in Baden-Württembergs Bildungsplan eigentlich vermittelt werden soll.

Birgit Kelle hört also aus jedem „ich bin schwul“ ein „du bist homophob“ raus und ihre Schuld ist es nicht. Jens „Frauen schlucken die ‚Pille danach‘ wie Smarties“ Spahn erklärte, wie sehr Worte verletzen können. Hera Lind konnte von schwulen Au-Pairs erzählen und Hartmut „Homophobiesexualität ist heilbar“ Steeb eine Sendung lang herum lavieren, ob er seine Kinder noch lieben würde, wären sie nicht hetero. Den Tiefpunkt bildete sicherlich die peinliche Befragung Olivia Jones‘ zu Transvestitismus (Suchtreffer im Aktionspapier des Bildungsplans Ba-Wü dazu: 0).

Dazwischen blendete die Redaktion auch mal lustig „bekennender Homosexueller“ ein (Linds Outing als Hetera blieb umkommentiert) und bei all dem Gerede über Geschlechtsteile ging es kein einziges Mal um die realen Probleme von Zwangs­sterilisationen von Trans­menschen oder genitalen Zwangs­operationen von inter­sexuellen Menschen.

Stattdessen bauschte Maischberger die durchaus vorhandene Homophobie in riesige Dimensionen auf, wenn sie behauptete, „sehr viele“ seien gegen die Homo-Ehe. Drei von vier Deutschen sind dafür, aber da saßen auch keine Wissenschaftler_innen. Und eine gleichgestellte Homo-Ehe gibt es hierzulande nicht, aber das kümmert in dieser Debatte eh niemanden. Da passt es, dass die Redaktion versäumt hatte ihr zu stecken, dass die Anführungszeichen im Sendungstitel um die „moralische Umerziehung“ erst nach massiver Kritik ergänzt wurden (und dann nicht mal im Vorspann).

Am Ende bleibt ein Fazit: Kinderlos und unverheiratet lebe ich mein Leben doch irgendwie falsch. Falls ich Kinder hätte, würde ich gern die ominöse Schule finden, die Cunnilingus schon in der ersten Klasse lehrt. Ich hatte leider nur sehr hetero­normativen, penis-in-vagina-fokussierten Unterricht, den aber auch schon in der Grundschule. Vermutlich ist er an allem schuld.

Ein Jahr nach #Aufschrei: Es schmerzt.

Nicole schreibt darüber, wie es zu #Aufschrei kam. Einem Phänomen, das mit ein wenig Recherche sehr schnell nachzuvollziehen ist, aber auch nach einem Jahr lieber mit Meinungen als mit Fakten behandelt wird. Denn „diese Frauen im Internet“ initiierten keinen politischen Protest, keinen gesellschaftlichen Wandel, sondern sie waren emotional. Da braucht es auch jetzt keine Hintergrundgeschichte, noch mehr Meinungen reichen aus. Geschichte wird geschrieben.

Dass sich irgendwann, irgendwo wieder Menschen über sexualisierte Belästigungen und Gewalt aufregen, ist kein Hexenwerk. Es ist die nachgewiesene Folge, wenn Menschen über sexualisierte Belästigungen und Gewalt aufgeklärt werden. Wenn sie beginnen, Übergriffe als solche anzuerkennen, ihre Reaktion – ob Scham, Ekel oder Wut – als gerechtfertigt einzustufen und das Problem dort verorten wo es liegt: in der Tat, in der Aktion.

Was nun vor einem Jahr in Aufschrei kulminierte, lässt sich heute noch sehr gut nachvollziehen. Das Internet vergisst viel, aber in diesem Fall sind die Texte, die Kampagnen, die Erfolge und das Scheitern überall zu finden.

Das Wachstum der feministischen Blogosphäre in den letzten Jahren bedeutete mehr Schreiber_innen, mehr Leser_innen und zwangsläufig mehr Auseinandersetzung mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Es gab Aufreger, Comics, Texte, juristische Erklärungen, Projekte, Studien und Kommentare. Das Zustimmungskonzept kam im deutsch-sprachigen Raum an.

Wir lernten von #mooreandme, wie Twitter Veränderungen antreibt. Wir wehrten uns erfolgreich gegen das Verharmlosen von Gewalt gegen Frauen in der Werbung durch E.on. Wir sammelten in vier Wochen über 24.000 Unterschriften gegen eine Frauenministerin, die Frauen im Stich ließ. Wir erzählten erstmals, warum wir Übergriffe nicht angezeigt hatten. Wir fingen an, die Schmerzen der kleinen, aber alltäglichen Wunden zu erkennen. Wir redeten über den Backlash, machten den Hass zu Geld und lachten über ihn. Wir verloren die Angst vor dem Kampf. Wir waren vorbereitet.

Die Filterblase ist inzwischen ein viel gescholtener Begriff. Die feministische Filterblase ermöglichte in den letzten Jahren einen immer schnelleren Erkenntnisprozess bei immer mehr Menschen. Sie klärte auf über sexualisierte Gewalt. Sie legte den Finger in die Wunde und verschwieg die Schmerzen nicht mehr. Sie nahm den Betroffenen die Schuld und wies sie denen zu, die Gewalt ausüben.

Mit #Aufschrei, in einer Nacht und dann in einem Jahr, hat sich dieser Prozess wiederholt. Er traf mehr Menschen, Schutzräume fielen weg und die Angriffe wurden stärker. Er wurde langsamer aber war nicht mehr zu stoppen. Frauen, die sich nicht als Feministin bezeichnen, erzählten ebenfalls ihre Geschichten: von den Übergriffen und ihren eigenen Reaktionen. Mit der Masse der Verletzungen und der Schmerzen wurde deutlich, dass das Problem nicht bei den Opfern liegen kann.

Es kamen viele Prozesse und Faktoren zusammen, die über Jahre eine so breite Basis gelegt haben, dass #Aufschrei nicht mehr nieder zu brüllen war. Es schmerzt, wenn dieser Teil der Geschichte nicht geschrieben wird und all die Arbeit und das Engagement übersehen werden. Klar – es setzt sich fort, was im vergangenen Jahr begann. Wie es funktionieren wird, haben wir zuletzt in der Wikipedia-Debatte gesehen. Nach Jahren der schreibenden Aufklärungsarbeit gegen alle Widerstände, müssten wir die völlig andere Arbeit der Geschichtsschreibung von vorn beginnen. Ich weiß nicht, ob wir darauf überhaupt vorbereitet sein können.

HuffPo und Co: Reichweite muss mensch sich leisten können

Die Huffington Post kommt nach Deutschland. In den USA bekannt geworden als Mitteilungsblatt einer Millionärin und ihrer reichen/berühmten Freund_innen, werden nun auch in Deutschland Bloggerinnen und Blogger gesucht, die dort ohne Entlohnung schreiben. Ohne Entlohnung? Aber es gibt doch Reichweite und Bekanntheit! Und ein Meinungstext, vorgebliche Domäne des bloggenden Volkes, sei so schnell hingerotzt, aufbauend auf der Arbeit Recherche von anderen, dass von Aufwand nicht die Rede sein könne.

Wobei: Auch Zeitungen und Nachrichtensendungen leisten sich Kommentatore und Kolumnen. Sie bezahlen Menschen dafür, mit ihrer Meinung das politische Weltbild des Mediums neben der „objektiven“ Berichterstattung deutlich zu machen. Jeden Tag sitzen in mindestens einer Fernsehtalkshow sehr viele Männer und erzählen uns gegen Geld ihre Meinung.

Auf der anderen Seite habe ich selbst, als Bloggerin, schon viel Zeit in Recherche gesteckt. Ich habe nach spannenden Projekten gesucht, habe Leute interviewt und über Monate Quellen zusammengetragen, die am Ende in einem Artikel zusammen­flossen. Hat die Huffington Post jetzt nur Blogger_innen angefragt, die keinerlei „journalistische“ Arbeit auf ihrem Blog leisten? Und explizit darum gebeten, nur Meinungstexte zu schreiben?

Also, was wäre denn, wenn ich nur ne Meinung hinrotze? Ich habe zum Beispiel vom Euro eine Meinung: Finde ich gut, will ich nicht abschaffen. Da das alleine noch keinen Text füllt, bräuchte ich nun noch mehr. Im einfachsten Fall meine Erfahrungen mit dem Euro, warum ich den vom Gefühl her behalten will. Also hinsetzen, erinnern, aufschreiben. Wenn ich die Zeit und die Geräte dafür habe. Sobald ich dann noch etwas mehr schreiben will, etwa, seit wann es den Euro überhaupt gibt oder wie sich die Preise seit seiner Einführung verändert haben, muss ich noch mal nachschlagen. Selbst wenn das andere bereits recherchiert haben, muss ich das noch mal nachlesen.

Das alles kostet Zeit, die ich nicht zum Geld verdienen aufwenden kann. Zeit, die ich nicht für Reproduktionsarbeit aufwenden kann oder um mich zu entspannen. Wenn es immerhin um ein Thema ginge, bei dem ich bereits alles auswendig weiß, dann hätte es vermutlich mit meiner Arbeit zu tun. Wo mich schon jemand bezahlt hat, Dinge zu lesen und zu wissen. Und mich bezahlt man immerhin, zu lesen und zu wissen. Dann bleibt immer noch die Frage: Macht das eigentlich Sinn, was die anderen da recherchiert haben? Wenn ich mir für den Hausgebrauch denke, 2 Prozent Inflation seien ganz schön viel, dann ist das mein Problem. Wenn ich das einordnen will – etwa historisch betrachtet oder mit den Lohnsteigerungen, dann brauche ich … noch mehr Wissen.

Aber aber, ist Reichweite und Aufmerksamkeit für ein wichtiges Anliegen nicht irgendwie doch gut – vorausgesetzt ich habe Ahnung? Also, wenn die Huffington Post genügend Leute überzeugt hat, umsonst zu schreiben, so dass andere Menschen auf die Seite kommen und sich das alles durchlesen. Dann muss mein Text erstmal immer noch gut sein, mit „ich finde wir sollten den Euro behalten“ habe ich noch keinen Blumentopf gewonnen. Gute Texte bedeuten übrigens Arbeit sehr viel Übung. Vermutlich muss mein Text so gar sehr gut sein, um auch etwas zu erreichen. Viele feministische Texte haben in Maskuforen eine unglaubliche Reichweite, ohne jeglichen positiven Effekt.

Apropos. Reichweite ist nicht für jeden gut. Es gibt genügend Frauen, die gerade alles mit Reichweite meiden, denn für sie bedeutet Öffentlichkeit Arbeit Belästigung über @-replies, E-Mail und im direkten Kontakt. Selbst die schlimmen Seiten zu ignorieren bedeutet, sich in irgendeiner Weise damit auseinanderzusetzen und damit keine Zeit für andere Dinge zu haben. Noch gefährlicher sind „Meinungen“ natürlich für alle, denen zunächst einmal weniger Privilegien Reputation zugesprochen werden. Wieviele Transfrauen können sich wohl selbst bei der Huffington Post hinstellen mit einer Meinung, ohne sich Respekt erst erarbeiten zu müssen?

Heraus kommt eine Privilegienmaschine. Erwählt wird, wer bereits hohe Anfangs­investitionen geleistet hat. Annehmen kann, wer freie Zeit für unbezahltes Schreiben und die Nachwirkungen hat. Vielleicht mache ich die gleiche unbezahlte Arbeit für den feministischen Lesekreis sogar sehr gerne – weil ich dort ohne Wissen einsteigen konnte, lernen durfte und nun „zurückzahle“. Für die Huffington Post, bei der für andere dann Geld abfällt, muss ich mir das gleich dreifach überlegen. Vermutlich wird die HuffPo zum Start also noch einen Ticken reicher, weißer und männlicher aussehen, als es die ohnehin schon weiße, männliche deutsche Medien­land­schaft ist.

Witz des Tages: Kristina Schröder will echte Wahlfreiheit

Kristina Schröder tut heute noch mal alles, um als Lachnummer in die Geschichte einzugehen. Nachdem sie in den letzten vier Jahren als Mitglied der Regierung jede Möglichkeit gehabt hätte, Politik zu machen, kritisiert sie jetzt gegenüber dem Spiegel, eine Politik die jungen Eltern vorgebe „beruflich konstant Vollgas geben zu müssen, und eine durchgehende Vollzeit-Erwerbstätigkeit als Norm vorgibt“.

Vermutlich redet sie sich damit nachträglich noch das von ihr ungeliebt mitgetragene Betreuungsgeld schön, aber irgendwann muss die kognitive Dissonanz doch mal zu groß werden. Auch sie hat nichts zu einer Abkehr von der Vollzeit-Erwerbstätigkeitsnorm beigetragen, die von ihr entwickelte Pflegezeit scheiterte im Praxistest. Sie hat nie eine Idee vorgelegt, wie das Geld zum täglichen Leben, Kinderbetreuung, Angehörigenpflege und Versorgung im Alter so geregelt werden können, dass alle Menschen echte Wahlfreiheit haben.

Stattdessen hat sie – als Frauenministerin – fabelhaft ausgeblendet, dass sowohl im Hausfrau-Alleinverdiener-Modell, als auch Zuverdienerin-Hauptverdiener-Modell die Rollen bei heterosexuellen Paaren fest stehen. Und Frauen kaum eigenständige Absicherung erwerben können. Aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen aber nur in Ausnahmefällen eine andere Entscheidung treffen können.

Dass sie das Ausmaß des Problems wirklich nicht erkennt, wird spätestens dann deutlich, wenn Kristina „Männerförderung“ Schröder nun wieder nur den Frauen rät, bei ihren Kindern zu Haus zu bleiben. Absurd wird die Begründung mit Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit, wenn sie sich explizit auf die Zeit nach dem ersten Geburtstag eines Kindes bezieht. Aber vermutlich ist das Bedürfnis, schöne Momente mit dem eigenen Kind zu erleben auch ausschließlich und „nicht veränderbar“ in den „Präferenzen von Frauen“ verankert.

Die dunklen Ecken in der Diskussion um befristete Verträge

Als Mitarbeiterin an einer Uni, einer notorisch auf befristete Verträge setzenden Arbeitgeberin, ist die derzeitige Diskussion um ebensolche inzwischen ein Witz. Das Problem sind doch nicht die fiesen Menschen, die nur befristete Verträge machen, obwohl sie auch unbefristete machen könnten. Viel öfter ist doch das Problem, dass es für unbefristete Verträge gar kein Geld gibt. Alles ist projektiziert worden, von der Forschung bis zur Univerwaltung. Anschubfinanzierungen, Drittmittelprojekte, plötzliche Überschüsse mit Verfalldatum – all das sind Faktoren, die vermutlich mehr zur Befristungsmisere beitragen als jeglicher Missbrauch. Allerdings auch Faktoren, die nicht geändert werden sollen und können, weil sie die grundlegenden Bausteine des Systems geworden sind.

In jeder Diskussion zu befristeten Verträgen kommt irgendwann „wenn nicht mehr Geld da ist, dann müssen Befristungen natürlich weiter möglich sein“. „Sachgrundlose“ Befristungen zu verbieten wird nicht helfen, weil die meisten Befristungen einen Sachgrund haben und das sind nicht nur Schwangerschafts-, Elternzeit- oder Krankheitsvertretungen. Dass genau diese Punkte immer hervorgehoben werden, entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, wenn mensch bedenkt, dass zwei besonders durch Arbeitnehmerinnen „verursacht“ werden. Die dann wiederrum gerade an Unis häufiger als Männer befristet beschäftigt sind. Welche Punkte in dieser Debatte ausgeblendet und welche betont werden, ist auch Teil des Systems.