Frauen aus der Geschichte schreiben. So geht’s.

Im Braunschweiger Space Stratum0 arbeiten wir gerade an einem Workshop zu digitaler Selbstverteidigung (am 17. August, just in case), also quasi einer Cryptoparty. Nachdem der NDR heute über Kryptoparties der Piratenpartei berichtet hat, aber die Geschichte der Bewegung nur sehr vage beschrieb, schaute ich in die Wikipedia. Und siehe da:

Als Nachfolger der Cypherpunks wurde das Konzept im späten August 2012 in einer Twitter-Konversation zwischen einem australischem Datenschutzanwalt(mit demPseudonym Asher Wolf) und Com­puter­sicher­heits­experten erdacht, nachdem das Cybercrime Legis­lation Amendment Bill 2011[2] das australische Parlament passierte[3] und der Vorschlag eines Zweijährigen Vorrats­daten­speicherungs­gesetzes[4] gemacht wurde.

Asher Wolf ein Mann? Und dann noch ein „Datenschutzanwalt“? Da hat wohl jemand die englische Version “privacy advocate” etwas missübersetzt. Dachte sich auch ein_e fleißige_r Wikipedianer_in und überarbeitete den Eintrag. Leider flog der Verweis auf Datenschutzaktivistin Asher Wolf komplett raus. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Cryptoparties.

Es ist völlig egal, wenn die bearbeitende Person das „nicht böse“ gemeint hat. Es ist passiert. Wenn sie darüber nicht weiter nachgedacht hat, ist es fast noch schlimmer, als mutwillig die Beiträge von Frauen zu unterschlagen. So funktioniert das nämlich. Der Standard ist männlich und Frauen wird gar nicht zugetraut, was wichtiges zu leisten. Dann darfst Du noch diskutieren, ob das nun *wirklich* relevant war. Und dann passiert es nicht nur einmal, sondern wieder und wieder und statt noch coolere, relevante Dinge zu tun, ist frau damit beschäftigt, einfach nur ihre Existenz zu versichern. Im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist – sie sehen eh nur die Männer.

Was ich so machte.

In den letzten Wochen war es hier eher ruhiger, dafür habe ich mich bei den Femgeeks etwas ausgetobt. Zu einer neuen Wikipediadebatte über Sichtbarkeit von Frauen (Teil 1 und Teil 2), Frauensichtbarkeit überhaupt, der nun beschlossenen Bestandsdatenauskunft und der Netzneutralität. Über letzteres habe ich dem WDR meine Meinung gesagt – im Rahmen der re:publica 2013, die ich diese Woche besucht habe. Der Beitrag über die Patentprobleme in der Brustkrebsforschung und ein Open Data-Projekt als Intervention wurde auch bei netzpolitik.org gebracht.

Außerdem gibt’s in der Missy eine traurige Lobrede auf Astrid Farnsworth aus Fringe (Leser_innen werden sich an meinen Beitrag vor 3 Jahren hier erinnern). Über Frauenrollen in Computerspielen war ich im Zündfunk und dem NDR zu hören und in den Anschlägen zu lesen.

Nett, aber nicht gut genug: Twee-Q

Durch meine Twitter-Timeline lief gestern nachmittag Twee-Q, augescheinlich dank des Femcamps in Wien. Auf dieser Webseite kann man sich anzeigen lassen, wie hoch der Anteil an Männern und Frauen ist, die ein Account bei Twitter retweetet. Gemessen an den letzten 100 Retweets Tweets. Das ganze ist ein Projekt der schwedischen Organisation für Gleichstellung, Crossing Boarders.

Prinizipiell ist das eine gute Idee, denn einmal nachzuzählen zeigt in vielen Fällen das erste Mal handfest, dass Gleichstellung und -berechtigung heute doch noch nicht erreicht sind. Leider krankt Twee-Q an einigen Stellen. So ist das „Ziel“ eine Repräsentation von 50% Frauen und 50% Männern. Wer mehr Frauen retweetet kriegt ebenfalls den Rat, mehr Männern zu folgen. Das mag gut gemeint sein, lässt aber außer acht, dass die Twee-Q-Analyse schon ein krasses Ungleichgewicht gefunden hat:

Some statistics: Number of tests: 23632 – Average Twee-Q: 5 – Total distribution of retweets: Female 491564 - Male 856931

Der rote Balken täuscht. 50:50 sieht anders aus.

Ein durchschnittlicher Twee-Q von 5 aus 10 Punkten ist schon mal schlecht. In welche Richtung das Ungleichgewicht geht, zeigt die Verteilung der Retweets insgesamt: 491.564 von Frauen vs. 856.931 von Männern. (Zahlen von dem Zeitpunkt am Samstag nachmittag, als ich den Test durchführte.) Hinzu kommt, dass die Nutzung nach Geschlecht auf Twitter eben nicht 50:50 ist, sondern Frauen 60% der Nutzer_innen stellen. Dieses Ungleichgewicht ist also noch krasser.

Schließlich ist auch problematisch, wie das Geschlecht ermittelt wird. Da Twitter das Geschlecht nicht abfragt, nehmen die Macher_innen von Twee-Q den Namen als Maßstab. Dies ist ein notorisch unzuverlässiger Indikator, wobei nicht ganz klar ist, in welche Richtung sich das auswirkt. So ist z.B. „Jan“ als schwedischer FrauenMännername eingestuft, in Deutschland aber ein Männername den USA aber ein Frauenname. Andererseits folgen vermutlich überproportional viele Frauen dem alten Ratschlag, ihr Geschlecht und ihren wahren Namen nicht im Internet anzugeben, um Belästigung zu vermeiden. Sie könnten also auch deutlich mehr Retweets stellen – ohne allerdings als Frauen aufzufallen.

[Überarbeitet am 31. März 2013]

Wozu mir die Worte fehlen (Teil 1)

In den letzten Tagen sind gefühlte 10000 Debatten gleichzeitig abgelaufen. Zu so vielen habe ich Gedanken im Kopf, aber bisher ist vieles unsortiert. Das macht aber nichts, denn viele Leute haben kluge Dinge dazu geschrieben.

Ein Bücherregal, darüber ein Schild: Verständliche Wissenschaften

Zum Verstehen gehört auch das „verstehen wollen“.

Inzwischen schon seit Monaten beschäftigt mich die Debattenkultur im Internet, in feministischen Blogs, auf Facebook. „Ihr schreit sofort alle nieder, die nicht Eurer Meinung sind“ heißt es da. Auf der einen Seite kann ich es verstehen – als ich selbst meine ersten Schritte auf feministischen Seiten machte, hat mich niemand für blöde Ideen zurecht gewiesen. Wie auch? Da war ja kaum jemand. Das feministische Wissen im Internet wuchs da gerade langsam an und meines wuchs mit. Stück für Stück konnte ich mir neue Perspektiven anlesen und verstandene Mechanismen von einem aufs nächste Thema übertragen. Heute gibt es viele Feminist_innen im Netz. Als „Frischling“ hereinzustolpern ist da ungleich schwieriger. So viele Texte, so wenig Anleitungen, so viele Augen und Ohren, die jeden Schritt begleiten.

Andererseits ist selbst die genervteste Antwort in manchen Diskussionen harmlos, weil ich am liebsten eine Schimpfkanonade ablassen möchte. Wenn weiße Menschen darauf bestehen, Schwarze mit rassistischen Ausdrücken ansprechen zu dürfen, obwohl ihnen klar ist, dass „Schlampe“ oder schlimmeres gar nicht gehen. Wenn mir wieder eine Feministin schreibt, sie „habe nichts gegen Transfrauen“ aber „die Trans-Agenda“ würde am Ende alle Frauen zerstören, deswegen müsse man sie stoppen. Weil zuviele Debatten so fruchtbar verlaufen, wie der Versuch einen Pudding an die Wand zu nageln und ich schon keine einzige mehr führen möchte.

Hier geht es um die existenziellen Grundlagen des menschlichen Miteinanders. Um Respekt vor Menschen, die von Diskriminierungen betroffen sind; um ihre Menschenwürde, die mit Füßen getreten wird. Und dann kommen im schlimmsten Fall tendenziell weniger betroffene Personen an und hauen den Stempel „Empörkultur“ drauf. Dabei verkennen sie manchmal sogar, dass es nicht um Beziehungen unter gleichen geht, sondern alte gesellschaftliche Machtverhältnisse. Manchmal wird das erkannt aber „wenn Ihr nett fragen würdet, würde sich was ändern“ herausgeholt. Um es mit Martin Luther King zu halten: Funktioniert nicht.

Irgendwo in diesem Spannungsfeld irre ich seit Wochen umher. Ich will alles hinschmeißen und kann es doch nicht. Das Verändern muss anders laufen. Doch wie? Einen schönen Denkanstoß habe ich bei Spectra Speaks gefunden – auch hier geht es um Martin Luther King. Ihre Lösung, Held_innen neu denken, sollten wir auch auf „uns“ anwenden. „Uns“, die Netzaktivist_innen und/oder die Netzfeminist_innen.

Imagine him in his broken moments — frustrated, angry, irritable, and unleaderly, and pray he had someone to love him when he was weak.

Stellt Euch die anderen in ihren kaputten Augenblicken vor – frustriert, wütend, gereizt und ohne Führungskraft und bittet darum, dass sie jemanden haben, der sie liebt, wenn sie schwach sind. (Sehr frei übersetzt.)

Frustriert, wütend, gereizt und am Ende unserer Kräfte. Unsere Vorbilder waren und sind das immer wieder und wir alle auch. Menschlich.

Am 14. Februar: One Billion Rising

Auf der Geburtstagsparty der Mädchenmannschaft habe ich für „One Billion Rising“ ein Videostatement gegeben, dass nun endlich online zu sehen ist (auf Deutsch, mit englischen Untertiteln):

Für den 14. Februar plant Eve Ensler, Autorin der Vagina Monologues und Begründerin der V-Day-Bewegung, eine noch größere Aktions. Haben an den V-Days schon seit 14 Jahren Millionen Menschen gegen Gewalt gegen Frauen protestiert und Spenden für Hilfsprojekte gesammelt, sollen nun eine Milliarde Menschen aufstehen.

Hier sind noch jede Menge weitere Videos mit Statements von Aktivist_innen aus aller Welt. Die Aktion freut sich auf Eure Unterstützung.

Subjektivität in Feminismus und dem Kampf gegen Vorratsdatenspeicherung

Feminismus und netzpolitischer Aktivismus haben für viele neben dem Aktivismus auf den ersten Blick nicht viel gemein. Wobei auffällt, dass Feminist_innen gerne den geringen Frauenanteil auf entsprechenden Tagungen und in entsprechenden Parteien kritisieren.

Tatsächlich bin ich gerade über ein gemeinsames Problem gestolpert, dass aber in beiden Kreisen (noch) nicht explizit thematisiert wird. Die Frage nach Subjektivität und Objektivität. Darauf gestoßen hat mich Stephanie Mayfield mit einer Analyse über feministische „Generationen“ und die unterschiedliche Bewertung von Subjetivität und Objektivität. Bis heute bewerten wir letzteres immer noch als höher ein, obwohl wir sie faktisch nicht erreichen können:

Es gibt keinen Abstand zur Gesellschaft den Menschen schaffen können, um die überhöhten Maßstäbe der Objektivität zu erfüllen.

Daran anknüpfend habe die Frauenbewegung hart dafür gekämpft, Subjektivität anzuerkennen, denn niemand wisse besser, was wichtig sei, als die Betroffenen selbst – wobei am Ende stets alle betroffen seien. Ein Kampf, der nicht gewonnen wurde, denn auch heute zucken vermutlich viele beim Wort „Betroffenheitspolitik“ zusammen. So dass auch Feminist_innen weiter immer wieder auf Studien, Erkenntnisse und andere vermeintlich objektive Argumente zurückgreifen.

Ein Zwiespalt, der sich auch in den Argumenten gegen die Vorratsdatenspeicherung wiederfindet. Denn natürlich handelt es sich hier um Betroffenheitspolitik. Wir alle sind davon betroffen, wenn jedes Einloggen ins Internet gespeichert wird und sich darauf aufbauend nachvollziehen lässt, welche Seiten wir besucht und mit wem wir kommuniziert haben. So ist das Hauptargument auch, dass derartige Überwachung, die Eingriffe in unser Zusammenleben abgelehnt werden.

Dennoch wird darüberhinaus mit allerlei Statistiken argumentiert – dass die Aufklärungsraten mit Vorratsdatenspeicherung nicht steigen, wie auch keine Straftaten verhindert werden. Auch hier wird also neben der Subjektivität noch eine objektive Ebene bemüht.

Für feministischen Aktivismus schließt Mayfield mit dem Konflikt zwischen den Generationen. Zum einen die Frauenbewegung, die Objektivität als „Metaebene der Politik“ anders definieren möchte. Zum anderen die jüngeren Feminist_innen, die die Freiheit des Individuums mit all seiner Subjektivität noch weiter in den Mittelpunkt stellen.

Ein Zwiespalt, der sicher auch für die netzpolitischen Aktivist_innen von Bedeutung ist.

Ich war Jury (aber nichts mit dämlichem Casting)

Weißer Hintergrund, links oben ein Fotoapparat, links mittig eine Videokamera, dazwisch in lila: KILL YOUR GENDER!Bei den NRW Jusos gab es vor kurzem einen Wettbewerb zum Internationalen Frauentag: „Kill your Gender“. Und, welch Ehre, ich war Jurymitglied. Sich zwischen den verschiedenen Beiträgen zu entscheiden war wirklich nicht so leicht – es war unglaublich spannend, sich durch viele kreative Ideen zu arbeiten. Inzwischen stehen die Gewinner_innen fest und deren Beiträge könnt Ihr Euch auf der NRW Jusos-Seite anschauen.

Was jetzt noch fehlt ist übrigens jemand, der oder die die Umdichtung der Internationalen in „Die Solidarität der Frauen“ einsingt oder sogar ein Musikvideo produziert. Also ran da Leude!