Das Manifest gegen den Alptraum

Grüner Hintergrund mit Aufschrift #Ausnahmslos

Das Jahr ist keine zwei Wochen alt und manchmal fühlt es sich bereits wie ein absoluter Alptraum an. An Silvester sind in einigen deutschen Städten Übergriffe geschehen, die mich seit jeher großstädtische Silvesterfeiern meiden lassen. Menschen warfen Böller und Raketen auf andere Menschen, Männer betatschten Frauen. Am Neujahrsmorgen schreibt die Polizei, alles sei normal gewesen.

Bei einem anderen Fest ist mir trotzdem so etwas passiert. Ich wartete alleine auf Freund_innen, die noch die letzten Minuten eines Konzerts anhörten. Während ich die Aushänge der örtlichen Tageszeitung studierte, boxte mir ein Mann in den Hintern. Ja, boxte! Als ich mich umdrehte, sah ich zwei Männer. Aus heute unerfindlichen Gründen rief ich ihnen hinterher. Sie versuchten erst, die Schuld einem jungen Schwarzen Mann in die Schuhe zu schieben, der aber einige Meter weit weg war. Anschließend entschuldigte einer der Beiden seinen Kumpel, der sei schließlich Ausländer. Österreicher. Haha. Unter grölendem Lachen zogen sie von dannen. Niemand hatte eingegriffen. Nachdem schon Jahre zuvor ein Veilchen nur zum Fallenlassen meiner Anzeige gereicht hatte, habe ich damals nichts mehr gemacht. Ich musste mir sogar noch von einem Freund anhören, ich solle mich nicht so darüber aufregen.

Was genau nun in Köln und den anderen Städten passiert ist, ist immer noch nicht rekonsturiert. Rasche Aufklärung wird gern gefordert, aber mit den (vor)eiligen Schlüssen schon debattiert. Ob und in welcher Form den Betroffenen geholfen wird, steht auch nirgendwo. Klar scheint nur zu sein, dass irgendwann jemand beschloß, endlich einmal die Anzeigen ernst zu nehmen. Und das viele der Anzeigen Täter beschrieben, deren Aussehen „nordafrikanisch“ oder Schwarz oder arabisch… jedenfalls nicht weiß war.

Seither ist diese absurde Debatte entbrannt, in der Menschen für Frauenrechte plädieren, die eben noch Blusenknöpfe als Auslöser für Übergriffe sahen und jetzt schon wieder Feministinnen sexualisierte Gewalt androhen, weil diese sich angeblich nicht gegen sexualisierte Gewalt ansetzen. Meine sieben Jahre Aktivismus, sieben Jahre Texte, Interviews und Aktionen sind auf einmal wie weggeblasen, weil ich nicht auf Kommando Stöckchen werfe.

Bevor eine sich umgucken kann, ist der Debattenkarren dann weitergeschoben. Schnellere Abschiebungen, mehr anlasslose Personenkontrollen und mehr Überwachungskameras sollen es richten. Übersetzt gesagt: mehr Rassismus, mehr Menschenfeindlichkeit und mehr Misstrauen. Die anlasslosen Personenkontrollen sind in Deutschland synonym mit rassistischen Kontrollen von Menschen, die nicht weiß aussehen. Sie stellen diese Menschen unter Generalverdacht und zeigen ihnen deutlich, dass sie sich jederzeit für ihre Existenz in diesem Land rechtfertigen müssen. Mehr Überwachungskameras? Mit den vorhandenen Kameras ist bereits ein Datenberg entstanden, der kein Verbrechen verhindert hat, aber viel Zeit für die Aufarbeitung benötigt.

Außerdem habe ich in den letzten Tagen in verschiedenen Städten massive Polizei­aufgebote gesehen. Hat die Polizei in einer Woche gelernt, Übergriffe durchgängig ernst zu nehmen? Geht das so schnell, wenn es sein muss? Selbst wenn – sexualisierte Übergriffe sind in Deutschland vielfach gar nicht strafbar. Der Griff an die Brust oder in den Schritt ist völlig legal. Bestraft wird schnell, wer sich dagegen wehrt. Ein Punkt, der derzeit allzu gerne ausgeblendet wird.

Stattdessen holt Heiko Maas einen alten Gesetzesvorschlag aus der Schublade, der so kurz greift, dass niemand behaupten kann, dort würden feministische Forderungen erfüllt. Der vom Kanzleramt (Chef: Peter Altmeier) erst vor wenigen Monaten abgesägt wurde, obwohl selbst die CDU das durchaus wollte. Der Entwurf schließt eine Lücke, die seit 2012 für viele Debatten und feministische Aktionen gesorgt hat. Ein 31-Jähriger wurde freigesprochen, weil die 15-jährige Betroffene nur Nein sagte und die Tür nicht abgeschlossen war. Am gleichen Abend hatte er eine Frau verprügelt, wofür er später verurteilt wurde, und das Mädchen wusste davon.

Jetzt hat sich die Debatte verdichtet. Leider soweit, dass statt der lange vorhandenen feministischen Forderungen nur rassistische Vorurteile und Überwachungsfantasien über bleiben. Das kann es nicht sein, dabei darf es nicht bleiben. Daher: Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos

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Ein Jahr nach #Aufschrei: Es schmerzt.

Nicole schreibt darüber, wie es zu #Aufschrei kam. Einem Phänomen, das mit ein wenig Recherche sehr schnell nachzuvollziehen ist, aber auch nach einem Jahr lieber mit Meinungen als mit Fakten behandelt wird. Denn „diese Frauen im Internet“ initiierten keinen politischen Protest, keinen gesellschaftlichen Wandel, sondern sie waren emotional. Da braucht es auch jetzt keine Hintergrundgeschichte, noch mehr Meinungen reichen aus. Geschichte wird geschrieben.

Dass sich irgendwann, irgendwo wieder Menschen über sexualisierte Belästigungen und Gewalt aufregen, ist kein Hexenwerk. Es ist die nachgewiesene Folge, wenn Menschen über sexualisierte Belästigungen und Gewalt aufgeklärt werden. Wenn sie beginnen, Übergriffe als solche anzuerkennen, ihre Reaktion – ob Scham, Ekel oder Wut – als gerechtfertigt einzustufen und das Problem dort verorten wo es liegt: in der Tat, in der Aktion.

Was nun vor einem Jahr in Aufschrei kulminierte, lässt sich heute noch sehr gut nachvollziehen. Das Internet vergisst viel, aber in diesem Fall sind die Texte, die Kampagnen, die Erfolge und das Scheitern überall zu finden.

Das Wachstum der feministischen Blogosphäre in den letzten Jahren bedeutete mehr Schreiber_innen, mehr Leser_innen und zwangsläufig mehr Auseinandersetzung mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Es gab Aufreger, Comics, Texte, juristische Erklärungen, Projekte, Studien und Kommentare. Das Zustimmungskonzept kam im deutsch-sprachigen Raum an.

Wir lernten von #mooreandme, wie Twitter Veränderungen antreibt. Wir wehrten uns erfolgreich gegen das Verharmlosen von Gewalt gegen Frauen in der Werbung durch E.on. Wir sammelten in vier Wochen über 24.000 Unterschriften gegen eine Frauenministerin, die Frauen im Stich ließ. Wir erzählten erstmals, warum wir Übergriffe nicht angezeigt hatten. Wir fingen an, die Schmerzen der kleinen, aber alltäglichen Wunden zu erkennen. Wir redeten über den Backlash, machten den Hass zu Geld und lachten über ihn. Wir verloren die Angst vor dem Kampf. Wir waren vorbereitet.

Die Filterblase ist inzwischen ein viel gescholtener Begriff. Die feministische Filterblase ermöglichte in den letzten Jahren einen immer schnelleren Erkenntnisprozess bei immer mehr Menschen. Sie klärte auf über sexualisierte Gewalt. Sie legte den Finger in die Wunde und verschwieg die Schmerzen nicht mehr. Sie nahm den Betroffenen die Schuld und wies sie denen zu, die Gewalt ausüben.

Mit #Aufschrei, in einer Nacht und dann in einem Jahr, hat sich dieser Prozess wiederholt. Er traf mehr Menschen, Schutzräume fielen weg und die Angriffe wurden stärker. Er wurde langsamer aber war nicht mehr zu stoppen. Frauen, die sich nicht als Feministin bezeichnen, erzählten ebenfalls ihre Geschichten: von den Übergriffen und ihren eigenen Reaktionen. Mit der Masse der Verletzungen und der Schmerzen wurde deutlich, dass das Problem nicht bei den Opfern liegen kann.

Es kamen viele Prozesse und Faktoren zusammen, die über Jahre eine so breite Basis gelegt haben, dass #Aufschrei nicht mehr nieder zu brüllen war. Es schmerzt, wenn dieser Teil der Geschichte nicht geschrieben wird und all die Arbeit und das Engagement übersehen werden. Klar – es setzt sich fort, was im vergangenen Jahr begann. Wie es funktionieren wird, haben wir zuletzt in der Wikipedia-Debatte gesehen. Nach Jahren der schreibenden Aufklärungsarbeit gegen alle Widerstände, müssten wir die völlig andere Arbeit der Geschichtsschreibung von vorn beginnen. Ich weiß nicht, ob wir darauf überhaupt vorbereitet sein können.

Angekommen aber nicht ernst genommen: #Aufschrei in den Medien

Meme: One does not simply fill binders with women

Frauen. Eine Herausforderung für Mitt Romney und das deutsche Fernsehen

Seit der Nacht zum vergangenen Freitag verfolge ich nun erst #Aufschrei auf Twitter und dann die Debatte in Print und Fernsehen. (So leid es mir tut, aber Radio ist kein Medium mehr, in dem gesellschaftlich diskutiert wird.) So fing es Sonntag abend mit Jauch an, ging mit ZDFLogin gestern weiter und mindestens bis Maybritt Illner wird es weitergehen. Wahlweise ans Bett oder die Couch gefesselt, schaue ich hin und kann kaum unterscheiden, ob meine Schweißausbrüche von der Erkältung herrühren oder doch von dem vorsintflutlichen Gelaber, dass mir da entgegenschlägt.

Allein schon die Auswahl der Titel scheint, als wolle man alle Beschwerden der Betroffenen noch einmal untermauern.

Inzwischen weit über 60.000 Tweets und steigende Beschwerden bei der Antidiskriminierungsstelle könnten natürlich irren. Anstatt also einmal zu schauen, wie schlimm es um Deutschland bestellt ist, fragt Jauch lieber, ob es überhaupt ein Problem gäbe. Dass muss schließlich erst noch einmal bewiesen werden! Eine Analyse oder gar Ideen zur Abhilfe müssen da natürlich warten.

Auch die Login-Macher_innen ignorieren standfest den „Alltags“-teil der Beschwerden und weisen jede Schuld vom Durchschnittsmann ab. Wenn es hier ein Problem gibt, dann müssen es die Machos sein! Jene unbeugsamen Herren, die dann in Gestalt eines Pick-Up-Künstlers, der pubertierenden Jungs Anleitungen zum Manipulieren von Frauen gibt, auf der Bühne stehen. Anleitungen, die sich wie die Checklisten von Missbrauch und häuslicher Gewalt lesen und deren Techniken auch von Pütz gelehrt werden: Das Selbstbewußtsein ankratzen, damit das Frauobjekt für das angehängte Kompliment dankbar ist. Unfassbar eklig wird das, wenn Frauen bei #Aufschrei berichten, genau dies auch bei Belästigungen zu erleben. Sie wären heruntergemacht worden und hätten sich gleichzeitig fast dankbar gefühlt, dass Sie als „häßliche“ Frau auch einmal Aufmerksamkeit bekommen.

Dass dieser „Künstler“ von allen bisher aufgetretenen Gästen das mit Abstand schlechteste Männerbild hat, wird zur Fußnote der Geschichte. Mehr darf mensch leider nicht erwarten, denn keine Sendung hat mit sowas abgefahrenem wie Fakten geglänzt und für die Zukunft sieht es ebenfalls düster aus. Dass 58 Prozent der deutschen Frauen berichten, bereits belästigt zu sein, erfahren wir von der New York Times. Dass Feminist_innen ein besseres Männerbild haben als konservative Frauen wird nicht als wissenschaftliche Erkenntnis vorgetragen, sondern allenfalls deutlich, wenn Wibke Bruhns für Stiere, Kühe und Ochsen neue Spezies erfindet. Dass Frauen mit Behinderung doppelt so gefährdet sind, Gewalt zu erleben, bleibt ebenfalls unerwähnt.

Aber wie sollen wir auch zum Kern der Debatte vorgehen, wenn keine einzige Frau aus einer Beratungsstelle auf der Bühne sitzt, kein Diskriminierungsexperte, sondern höchstens mal eine dieser empörten jungen Feministinnen aus dem Internet. Stattdessen Journalist_innen, Politiker_innen und Monika Ebeling, die über Macht nicht sprechen möchte, aber die Männer in unserer Gesellschaft unterrepräsentiert sieht. Dabei sind sie das nicht einmal in dieser Debatte. Mit bis jetzt durchschnittlich zwei Männern pro Talkrunde schlägt es all die Runden mit Quotenfrau oder ganz frauenfrei, die uns sonst zu Eurorettung oder Weihnachtsgeschenken vorgesetzt werden. Gar nicht gesichtet wurden dagegen Schwarze Frauen, Frauen mit Behinderung oder gar eine Kopftuchträgerin.

Dafür verharmlosen die Titel, Teaser und Beschreibungen der Sendungen übergriffiges Verhalten als missverstandenes Flirten und rehabilitieren den schon vermottenden Begriff „Herrenwitz“. Konnte sich ZDFLogin bei der Verwendung des Wortes „Hysterie“ rausreden, den Machomacher Pütz zu zitieren, ist es bei Will wie selbstverständlich Teil des Titels. Ein Wort, das vom Altgriechischen hystera (ὑστἐρα) für Gebärmutter stammt. Und eine Krankheit bezeichnet, bei der Frauen die Gebärmutter in den Kopf wandert, wenn sie zu wenig Spermienzuführung durch heterosexuellen Sex haben. Der medizinische Begriff wurde 1952 begraben, das Konzept, schwierige Frauen mit dem Kampfbegriff für krank zu erklären, hat sich allerdings gehalten.

So machen die Talkshows genau das, was unter #Aufschrei als alltäglicher Seximismus kritisiert wurde. Die Betroffenen müssen erst einmal beweisen, dass es gerade ein Problem gibt. Dann werden sie angegegriffen („warum wehren die sich denn nicht“) und schließlich werden von „wer ist hier Opfer“ bis hin zu „dürfen dann Männer und Frauen nicht mehr einen Aufzug benutzen“ Strohdebatten entzündet, die unseren Blick für das wesentliche vernebeln: Wir haben ein Problem mit der alltäglichen Belästigung von Frauen.

#Aufschrei: Wogegen ich mich wehre? „Wehrt Euch“

Liebe Verfechter_innen des „Wehrt Euch“,

lasst es. Lasst es einfach, Opfern von Übergriffen noch zu sagen, sie hätten etwas falsch gemacht. Auch „wehrt Euch“ tut genau das, egal wie gut gemeint es ist. Es öffnet Tür und Tor für Nachfragen, um die „guten“ Opfer von den „schlechten“ zu trennen.

Was viele der Tweets zu #Aufschrei gezeigt haben ist dabei auch, dass Wehren nichts hilft. In meinem Fall hat es mich ein blaues Auge gekostet. Ganz viele sind danach ausgelacht worden. Weil der Täter sich im Recht fühlte. Das müsst ihr ihm wegenehmen.

Sagt „Übergriffe sind scheiße, Grenzen müssen respektiert werden“, fordert strengere Gesetze. Gegen sexuelle Belästigung auf der Straße kann man sich in Deutschland bis heute nur bei körperlicher Gewalt oder als „Beleidigung“ wehren. Wenn das Verfahren nicht fallengelassen wird, auch das habe ich erlebt.

Hier von Betroffenen Konsequenzen zu fordern reicht nicht. Wir müssen eine Gesellschaft werden, in der Übergriffe von allen geächtet werden. Die kleinen Kindern erzählt, warum Frauen nicht Freiwild sind und dass man keinen einzigen Menschen belästigen darf!

Und hört auf, Frauen als das defizitäre Geschlecht hinzustellen. Wir brauchen keine Kompetenztrainings, um ungelenke Nachfragen von „echten“ Übergriffen zu unterscheiden. Männer sind nicht so blöd, dass sie Grenzen ungewollt überschreiten und sich dann nicht mal dafür entschuldigen.

Die Grenzen der Übergriffigkeit müssen nicht ausgehandelt werden, den Tätern sind sie klar. Es geht bei all dieser sexistischen Scheiße um Machtausübung. Die funktioniert durch das gewollte Überschreiten der Grenzen anderer Menschen.

Wer Rassismus, Sexismus, Transphobie, Homophobie ausübt, verletzt Menschen, die strukturell benachteiligt sind. Dass sie weniger Möglichkeiten haben, sich zu wehren steckt im System. Genau das ist es, was wir ändern müssen.

Mit freundlichen Grüßen
Eine die sich gewehrt hat und es wurde alles nur noch schlimmer.