Links! Quantified Self, Überwachung und Neues von den Bewegtbildern

Straßenkritzelei: Mit einer Waffe kann man eine Bank ausrauben. Mit einer Bank die ganze Welt.

Politik vor der Arbeitsagentur Osnabrück.

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TV! Einblicke in die Fringe Division

[Hinweis zum Inhalt: Dieser Text enthält Spoiler.]

Fringe (in Deutschland: Fringe – Grenzfälle des FBI) bot von 2008 bis 2013 zunächst scheinbar eine Neuauflage von Akte X. Eine FBI-Agentin wird in eine Sondereinheit berufen, um unerklärliche Ereignisse aufzuklären. Ihr zur Seite stehen ein aus der Psychiatrie entlassener Wissenschaftler und sein umtriebiger Sohn. Alle drei haben, wie sich langsam herausstellt, zentrale Rollen in den Vorkommnissen.

Von links nach rechts die Darsteller_innen vor blauem Hintergrund: Jasika Nicole, John Noble, Anna Torv, Joshua Jackson, Lance Reddick and Blair Brown

Promotionbild der 2. Staffel. ©2010 Fox Broadcasting Co. CR: Justin Stephens/FOX

Mit der Zeit emanzipierte sich die Serie allerdings von „eine Mini-Einheit die übernatürliche Phänomene untersucht“. Ein alternatives Universum, eine alternative Zeitlinie und eine mögliche Zukunft (mit ebenfalls jeweils zwei Universen) bedeutete, dass die Charaktere immer neu erfunden wurden – mal gut, mal böse, mal einfach anders waren. Am Ende lässt sich die Serie eher als ständiges „was wäre wenn“ beschreiben.

Einerseits ist das faszinierend. Andererseits scheint es an anderer Stelle an neuen Ideen zu mangeln, so dass bekannte Ereignisse einfach noch einmal neu ausgerollt werden. Vertieft wurde die (nerdige) Atmosphäre in Folgen mit Comic-Einlagen, außerdem gibt es auch einige Comics zur Serie, die einzelne Charaktere beleuchten oder Geschichten aus weiteren alternativen Zeitlinien bieten.

Besonders die Hauptdarstellerin Anna Torv und ihre verschiedenen Interpretationen der Agentin Olivia Dunham machen die Serie zu einem Highlight. Klug, kräftig und mitfühlend ist sie oft der Inbegriff einer „starken“ Frau. Wirklich stark macht sie allerdings, dass sie auch Schwäche zeigt. Als Überlebende häuslicher Gewalt als Kind und nach einigen schlechten Erfahrungen tut sie sich mit Beziehungen schwer, kümmert sich aber sehr um ihre Nichte und arbeitet immer daran, Hindernisse zu überwinden. Dass alles auch ganz anders hätte kommen können, zeigt „Fauxlivia“, wie ihre Alternativversion genannt wird.

Für ihre Arbeit rekrutiert Dunham den Wissenschaftler Walter Bishop. Nach einer Mordanklage für 17 Jahre in einer psychiatrischen Klinik eingesperrt, fällt es ihm schwer, sich in die Gegenwart einzufügen. Zusammen mit seiner Genialität und dem ursprünglichen Mitwirken an verschiedenen Phänomenen scheint er einen Freifahrtschein für sexistisches Verhalten und Drogenkonsum zu haben.

In einem grün beleuchtetem Lagerraum stehen Astrid (Jasika Nicole), Walter (John Noble), Peter (Josh Jackson) und Olivia (Anna Torv,)

Promotionbild der 5. Staffel ©2012 Fox Broadcasting Co. CR: Liane Hentscher/FOX (Ja, Olivia Dunham trägt schwere Stiefel!)

Zentrales Thema der Serie ist dabei die Beziehung zu seinem Sohn Peter. Er ist der einzige komplett einzigartige Charakter über alle Universen und Zeitlinien hinweg. Damit wird er im Verlauf der Serie langsam zum zentralen Charakter statt Olivia, obwohl er teilweise nicht so rund und glaubwürdig erscheint. Immer wieder geht er auf brutale Rachefeldzüge, die aber weitgehend konsequenzlos bleiben. Für die Liebe nimmt er schließlich hin, in einer Zeitlinie zu verbleiben, die ihn nicht kennt, in der er keine Kindheit und keine Freund_innen hat.

Die Junioragentin Astrid ist einerseits einer der coolsten Charaktere, die das Fernsehen je erfunden hat. Sie spricht fünf Sprachen, auch Latein, fließend und nimmt seit Kindesbeinen Computer auseinander. Leider gibt es nur eine einzige Folge, die sie in den Mittelpunkt stellt und ansonsten werden ihre Fähigkeiten fast nie gebraucht. Dass sie trotzdem nur die Kuchenback­assistentin von Walter bleibt, ist ein unfassbares Relikt sexistischer und rassistischer Fernsehtraditionen. Bereits ihre „Vorgängerin“, die tote Assistentin Walters, hatte drei Studienabschlüsse und war promoviert!

Chef der Einheit ist Phillip Broyles, der zunächst dem Stereotyp „der mysteriöse schwarze Boss“ entspricht. Ist er einer von den Guten oder vielleicht doch von den Bösen? (Hallo NCIS, Castle und noch mal Castle.) Das klärt sich natürlich, so dass es mit der Zeit auch Einblicke in sein Privatleben gibt. Leider ist er in der 5. Staffel fast komplett verschwunden.

Aus deutlich nachvollziehbareren Gründen bleibt „Cyborg“ Nina Sharp ambivalent. Sie leitet den Riesenkonzern Massive Dynamic, der vom ehemaligen Laborpartner Walter Bishops, William Bell, gegründet wurde. Warum sie, selbst Wissenschaftlerin, in der 4. Staffel ihren cybernetischen Arm nicht reparieren kann, bleibt ein Rätsel.

„Geschlechtertechnisch“ interessant ist besonders die 5. Staffel, ohne das dies in irgendeiner Weise in der Serie reflektiert wird. Sie sind „künstlich verbesserte“ Menschen, denen zunächst die „bösen“ später auch die „guten“ Emotionen entzogen wurden, um ihr Denkvermögen zu erhöhen. Sie sind alle weiß und männlich und werden in Tanks herangezogen. Ohne Haupthaar und immer in Anzügen gekleidet, entsprechen sie einem hyper-maskulinem Stereotyp. Dass sie in einer faschistischen Gesellschaft enden, die ihren Planeten ruiniert, erscheint fast logisch, wird aber nicht kritisch eingeordnet. Stattdessen gibt eine übernatürlich begabte Schwarze Frau Olivia ihre Weisheiten mit (hallo TNG-Guinan, hallo Matrix-Oracle)

Insgesamt ist Fringe eine schöne Science Fiction-Serie, deren mysteriöse Ereignisse nicht unbedingt lückenlos, aber immerhin stringenter ausfgeklärt werden, als in anderen Serien. Sie lebt besonders von den Darsteller_innen, die die immer neuen Facetten ihrer Charaktere umsetzen.

Die Serie ist nach fünf Staffeln abgesetzt worden. Sie ist auf DVD und im iTunes Store erhältlich.

Was ich so machte.

In den letzten Wochen war es hier eher ruhiger, dafür habe ich mich bei den Femgeeks etwas ausgetobt. Zu einer neuen Wikipediadebatte über Sichtbarkeit von Frauen (Teil 1 und Teil 2), Frauensichtbarkeit überhaupt, der nun beschlossenen Bestandsdatenauskunft und der Netzneutralität. Über letzteres habe ich dem WDR meine Meinung gesagt – im Rahmen der re:publica 2013, die ich diese Woche besucht habe. Der Beitrag über die Patentprobleme in der Brustkrebsforschung und ein Open Data-Projekt als Intervention wurde auch bei netzpolitik.org gebracht.

Außerdem gibt’s in der Missy eine traurige Lobrede auf Astrid Farnsworth aus Fringe (Leser_innen werden sich an meinen Beitrag vor 3 Jahren hier erinnern). Über Frauenrollen in Computerspielen war ich im Zündfunk und dem NDR zu hören und in den Anschlägen zu lesen.

Wer ist „MarkTomJack“?

Über ein furchtbar furchtbares Meme hat heute Antje Schrupp heute furchtbar toll gebloggt:

Wir haben zuhause seit einiger Zeit ein neues Mem. Es heißt „MarkTomJack“. Zusammengesetzt aus den Serienhelden Mark (Flash Forward), Tom (4400) und Jack (Lost).

MarkTomJack (addieren könnte man auch Jim aus The Wire) bezeichnet einen bestimmten, sehr nervigen Typus Mann, der neuerdings offenbar in keiner amerikanischen Fernsehserie fehlen darf. Er ist immer weiß, er ist immer die Hauptfigur und er hat immer einen knackigen, einsilbigen Namen (oder ist es anders zu erklären, dass die einzige männliche Serienfigur, die nicht in dieses Raster passt, einen zweisilbigen hat, nämlich Peter aus Fringe?).

Lance Reddick über Fringe, The Wire und Rassismus

Über Fringe und die sträfliche Vernachlässigung von Astrid habe ich bereits geschrieben. Nun ist gerade im Guardian ein Artikel erschienen, in dem sich Phillip Broyles-Darsteller Lance Reddick zu The Wire (Memo an mich: endlich anschauen!) und Rassismus in der Filmindustrie äußert:

“… One of the directors of the show wrote and directed a short about this southern middle-class black family, which they screened. He was speaking to an executive at one of the studios and asked what he thought of it. The guy sighed and said, ‚Come on, nobody wants to see a black Terms of Endearment.‘ I don’t think that’s an isolated case.“

„… Einer der Regisseure der Serie schrieb und führte Regie bei einem Kurzfilm über eine schwarze Mittelschichtfamilie aus dem Süden, den sie dann vorführten. Er sprach mit einem der Manager der Studios und fragte, was er davon halte. Der Typ seufzte und sagte ‚Ehrlich, niemand will eine schwarze Fassung von Zeit der Zärtlichkeit sehen.‘ Ich denke, das ist kein Einzelfall.”

Ich will mehr Astrid sehen!

Nun ist auch die zweite Staffel Fringe vorbei. An dieser Stelle ein doppeltes *schnief*. Denn neben dem unvermeidlichen „Fieser Cliffhanger, wie überleb ich nur den Sommer?” habe ich noch einen weiteren Kritikpunkt: Auch in der zweiten Staffel haben die Autor_innen es nicht geschafft, Astrid Farnsworth mit mehr Leben zu füllen. Dabei klingt alles, was bisher über sie bekannt wurde, unglaublich spannend. Die FBI-Junioragentin hat Abschlüsse in Musik, Linguistik und Informatik, mit besonderem Interesse an Verschlüsselung. Weiter spricht sie 5 Sprachen, darunter Latein und hat bereits als kleines Mädchen Computer auseinander genommen. Bei der Fülle an verschiedenen Forschungsprojekten, die Walter früher gemacht hat und nun Stück für Stück wieder hervorkramt, assistiert sie stets kompetent. Und trotzdem beschränkt sich ihre Rolle fast jede Folge darauf, auf Walter aufzupassen, Formulare zu sortieren oder (ganz neu) Kuchen zu backen.

Fringe-Charakter Astrid Farnsworth lehnt ihre Hände an eine durchsichtige Wand, die mit mathematischen Formeln beschrieben ist. Links im Bild ist ein türkises Blatt vor schwarzem Hintergrund

Nun hat die Serie mit Olivia Dunham eine weibliche Hauptfigur, wie sie bis heute noch viel zu selten auf den Bildschirmen erscheint. Trotzdem kann das keine Entschuldigung sein, weitere weibliche Charaktere sträflich zu vernachlässigen. Schließlich gibt es mit den Bishops gleich zwei männliche Hauptfiguren und auch Phillip Broyles hatte bereits eine eigene Episode, die seinen Charakter deutlich vertiefte. Zwar gab es bereits mehrfach Anspielungen, dass sich Astrid ein Leben als FBI-Agentin sicher anders vorgestellt hätte, aber ein bißchen Selbstironie behebt nicht das Problem an sich. So bleibt derzeit das ungute Gefühl, dass Astrid weiter ein Dasein als „Black Best Friend” fristen wird. Da Olivia neben ihrer Schwester keine Freund_innen zu haben scheint, vielleicht auch „Black Female Supporter”. Immer leichtherzig, hilfsbereit und kompetent, nur niemals gut genug, selbst die Hauptrolle zu übernehmen.

Schade, schade, schade!