Sozialwahl 2017: Warum sollte ich da mitmachen?

Wir müssen über die Sozialwahl reden. Nicht einmal jede_r dritte Wahlberechtigte nimmt an der Wahl teil. Und ich kann es sehr gut verstehen, denn neben viel Aufklärung über den Wahlablauf gibt es quasi keine Informationen über Wahlinhalte.


Bis zum Ende des Monats läuft die Sozialwahl, bei der im Sinne einer Selbstverwaltung die Versicherten von Kranken- und Rentenversicherung Vertreter_innen in die jeweiligen Parlamente (Verwaltungsrat oder Vertreterversammlung) wählen. Diese bestimmen wie im Bundestag zum Beispiel über den Haushalt oder kontrollieren die Vorstände (wie der Bundestag die Regierung).

Die aktuelle Wahl ist die erste, bei der ich wahlberechtigt bin. Und nennt mich naiv, aber ich hatte Hoffnung, da tatsächlich eine informierte Wahl zu treffen. Eines meiner Anliegen ist bekanntlich die Situation in der deutschen Geburtshilfe, die sehr eng mit der Vergütungspolitik der Krankenkassen verbunden ist. Am Freitag wird über wieder einmal die Schiedsstelle entscheiden, wie es hier weiter geht.

Als Erstes habe ich daher auf der Seite zur Sozialwahl nach dem Stichwort „Hebamme“ gesucht. Da kommen genau drei Einträge. Zwei davon stehen auf persönlichen Seiten von einzelnen Personen und ob sie wirklich zur Wahl stehen, wird nicht deutlich. Bei Beiden geht es darum, dass Hebammenrufbereitschaft wichtig sei. Klasse. Aber mehr steht da leider nicht. Eine Person kann ich eh nicht wählen.

Die dritte Seite ist die Themenseite „Schwangerschaftsvorsorge“. Die Beispielkrankenschwester war für die Vorsorgeuntersuchungen bei einer Ärztin. Außer dem wiederholten Hinweis auf ihre Rufbereitschaft kommen Hebammen nicht vor. Weder wird aufgezeigt, dass sie mit Vorsorge, Geburtsbegleitung und Nachsorge eine Rundumbetreuung bieten könnten, noch die aktuell schwierige Situation und mögliche Maßnahmen erläutert. Umso merkwürdiger, wenn mehrfach auf die Wichtigkeit von Aufklärung und Beratung zu Standard- und Zusatzleistungen abgehoben wird.

Auf den Seiten der einzelnen Listen fehlen ebenfalls Wahlprogramme, im Sinne von: mehr als Absichtserklärungen. Sucht man weiter im Internet, etwa auf Nachrichtenseiten, findet sich ein ähnliches Bild wie auf sozialwahl.de: Wenn die Wahl mal Thema ist, wird doppelt und dreifach erklärt, dass es eine Briefwahl sei, wann gewählt werden kann und wie wichtig die Mitbestimmung sei. Informationen darüber, was in den letzten Jahren in diesen Gremien passiert ist, wer welche Entscheidungen vorangetrieben hat, welche Themen unbearbeitet blieben? Fehlanzeige.

Also Butter bei die Fische: So kann ich keinen Einfluss nehmen, wie es überall versprochen wird. Welche Liste sich wie für mich einsetzen wird, wer am ehesten meine Interessen vertritt und Maßnahmen umsetzen möchte, die ich als sinnvoll erachte – das wird nicht deutlich. Es ist eine Wahl ohne Inhalte, ohne Strategien, ohne Berichterstattung an die Wähler_innen. Warum also sollte ich da wählen?

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Statt guter Ratschläge: Ich habe vor einigen Tagen die Listen angeschrieben, die bei meiner Krankenkasse zur Wahl stehen. Bisher habe ich eine nette und ausführliche Antwort der IG Metall bekommen, die meine Ziele teilen, aber zu sinnvollen Maßnahmen vage bleiben. Dass jetzt Millionen von Wahlberechtigten die Listen anschreiben, ist eine top Idee, aber keine langfristige Lösung.

Das gleiche gilt, wenn es ums Engagieren geht. Top Idee, kann aber nicht jede_r leisten.

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#Hebammen: Die würdelose Ideenlosigkeit von Politik und Krankenkassen

Ein Koffer mit medizinischen Werkzeugen.

CC BY 2.0 Roberto Verzo

Unter dem nur halb passenden Titel “Hebammen in Not – Hausgeburten vor dem Aus?” ging es am 8. Juli eine Stunde um die aktuelle Situation der Hebammen. Neben Umfragen und Elterngesprächen gibt es auch ein Gespräche mit Katharina Jeschke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbands, Edgar Franke (SPD), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag, und der stellvertretenden Pressesprecherin des Spitzenverbandes der Krankenkassen, Ann Marini. Gleich ab Minute 4:50 sagt diese, dass freiberufliche Hebammen in Deutschland vielleicht einfach alle ihren Beruf an den Nagel hängen sollten. Weil es kein Geld gibt. Die Hebammen müssten sich fragen „lohnt sich das finanziell?“.

Eine Aussage, die erstmal so stehen darf, bis ein Anrufer(!) nachfragt und darauf hinweist, dass doch der Spitzenverband der Krankenkassen eine gesellschaftliche Verantwortung hat und auch die Gebührenordnung mitgestaltet. Da windet sich Frau Marini heraus, die Hebammen müssten das halt durchrechnen – was durchaus klingt, als seien Hebammen entweder zu doof zum Rechnen oder zu faul. Dass die Rechnungen des Spitzenverbands unrealistisch sind, hat der Journalistinnenbund bereits nachgerechnet. Außerdem, so Marini, sollten die Hebammenverbände bessere Konditionen aushandeln. Edgar Franke erklärt das ebenfalls. Unerwähnt bleibt, dass es sich bei den Hebammenverbänden und dem Spitzenverband um sehr ungleich große und mächtige Verhandlungspartner handelt.

Was zusätzliche Arbeit bedeutet: Neben den finanziellen Verhandlungen sind auch eine Reihe an weiteren medizinischen Regelwerken in der Diskussion sowie die ungeklärten Rahmenbedingungen des Sicherstellungszuschlags. Besonders debattiert wurden in der Sendung dann die Qualitätskriterien für Geburtshäuser und zukünftig Hausgeburten. Die sind wissenschaftlich nur bedingt abgesichert, da Geburtshilfe ein schlecht erforschtes Feld ist. Neu hinzu kommen soll die Einschätzung von Frauenärzt_innen, die damit auch in die Haftung genommen werden könnten. Auf der „anderen“ Seite, nach der Geburt und bei Geburtsfehlern wird es den „Regressverzicht“ und damit eine Unterscheidung zwischen grober und einfacher Fahrlässigkeit. Eine Entscheidung des Bundestags und etwas, dass so noch nirgendwo in der Medizin vorgenommen wird. Laut dem Westen kein Anreiz, wieder neue Haftpflichtversicherungen einzuführen (es gibt inzwischen nur noch ein Angebot) – aber eine Steilvorlage für Gerichtsprozesse zwischen Kassen und Hebammen bei jedem Schadensfall. Das bleibt unerwähnt, genau wie die Angst vieler Hebammen, auch um Sicherstellungszuschläge und Qualitätskriterien ständig vor Gericht zu stehen.

Ein weiterer Anrufer hakt nach, wie die Hebammen künftig die Vorsorge und Wochenbettbetreung stemmen sollen? Hier, wie an anderer Stelle, erklärt Marini, die Freiberuflichkeit sei ein Problem. Den Versorgungsauftrag hätten die Hebammen und Kliniken, die müssten sich nun kümmern, das Wochenbett zu betreuen, sie selbst und die Krankenkassen hätten keine Ideen. Aber es gäbe nicht zu wenige Hebammen, sondern nur ein Verteilungsproblem. Jeschke hält später dagegen: Maximal gäbe es eine Hebamme auf 65 Gebärende, in Norwegen eine Hebamme für nur 15 Gebärende. Wie also könnte individuelle Geburtsbegleitung aussehen? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Spätestens jetzt wird deutlich, wie die Hebammenfrage ein Vorzeigebeispiel für die Politik Angela Merkels ist. Getan wird nur das Allernötigste, politische Visionen fehlen. Was es gibt, ist des Begriffs Vision nicht würdig: Wer aufgibt, hat nicht hart genug gearbeitet oder wohnt am falschen Ort. Es fehlt der Blick für Geschlechtergerechtigkeit, wenn die aufgebenden Hebammen oft selbst Mütter sind. Die intime Arbeit der Geburtsbegleitung soll vom Kapitalismus gelöst werden; irgendwer müsse nur das Geschäftsmodell entwickeln. Vielleicht tut er das irgendwann, aber von Haarshampoo bis Diätzeitschriften verkauft der Kapitalismus Frauen seit Jahrzehnten vor allem Dinge, die er vorher als Defizite ausgemacht hat. Das lässt nichts Gutes ahnen für die Geburtsbegleitung. Wer bis dahin den Beruf aufgegeben hat oder von der Geburt traumatisiert wurde, hat halt persönlich Pech gehabt. Die Menschenwürde der Einzelnen fällt unter den Tisch, seien es die Mütter, die Väter, die Babies, die Hebammen oder Geburtspfleger.

Neben dem Irrlichtern der Politik wird mit diesem Beitrag auch die Hilflosigkeit der Medien deutlich. Das Interesse ist, wie die zahlreichen Anrufer_innen beweisen. Ab Minute 33 gibt es ein leidenschaftliches Plädoyer einer Elternvertreterin. Dennoch ist das Thema in sechs Jahren kaum einmal in den Fernseh-Talkshows gewesen. Wo sind die Interviews, die Kanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Hermann Gröhe, die Vorstände der Krankenkassen und des Spitzenverbands der Krankenkassen in die Pflicht nehmen? Die langen Hintergrundartikel über die Entwicklung der Hebammenkunde von Anno dazumal bis heute und die wirtschaftlichen Analysen für neue Beschäftigungsmodelle?

Da sind die Facebook-Diskussionen auf den Hebammenprotestseiten weiter und zeigen: Alternativen zur Freiberuflichkeit sind unrealistisch. Auch die Hebammenpraxen schließen und alle Ideen in Richtung der mobilen Pflegedienste sind Hohn, wenn zeitgleich der #Pflegestreik läuft. Wenn der so schnell in Medien und Politik ankommt, wie einst die Hebammenkrise, wird diese Erkenntnis allerdings noch Jahre auf sich warten lassen. Wohnheime für Schwangere, analog zu Pflegeheimen, gibt es inzwischen in Gegenden ohne Geburtstationen. Doch die werdenden Eltern sind überraschenderweise wenig begeistert und jede zehnte Geburt passiert auf dem Weg ins Krankenhaus, auf der Autobahn oder im Hubschrauber. Ist das wirklich günstiger?

Das sind Fragen, auf die ich nach sechs Jahren endlich Antworten möchte.

PS: Einen weiteren aktuellen Beitrag gab es bei Mona Lisa, die die Schwierigkeiten bei der Hebammensuche für die Nachsorge zeigt und die Unterversorgung in Münchner Geburtstationen.

Bringt der Politik die Elternsorgen! #Hebammen

Auf einem Kanaldeckel einer Straße ist ein rosa Batzeichen.

Bat-signal: Der Ruf nach Hilfe

Morgen ist der 1. Juli 2015, ein weiteres Mal steigen die Haftpflichtprämien für Hebammen. Wieder werden zahlreiche Hebammen ihren Beruf aufgeben, die Betreuung vor, während und nach Geburten schwieriger werden. Die vom Gesundheitsministerium versprochenen Verbesserungen sind ausgesetzt, solange die Schiedsstelle wieder einmal zwischen Hebammenverbänden und dem Spitzenverband der Krankenkassen vermitteln muss: Der umstrittene Sicherstellungszuschlag kommt nicht, die Prämiensteigerungen auch nicht.

Das Hebammenblog hat vor einer Weile einen Offenen Brief gepostet und in Auszügen Anfragen veröffentlicht, die von werdenden Eltern eingehen, denen sie schon Monate im Voraus absagen muss.

All diese Anfragen, die Absagen und die Nachfragen zu Brustentzündungen, schreienden Neugeborenen und Schmierblutungen – schickt sie endlich nicht nur den Hebammen. Schickt sie dahin, wo die Politik passiert.

Schickt sie zu Minister Gröhe und seinem Gesundheitsministerium. Fragt, warum die Webseite seit dem 9. März nicht aktualisiert wurde und von Verbesserungen spricht, die ab morgen gar nicht eintreten.

Schickt sie an Ministerin Schwesig, damit das Kinder- und Familienministerium aus dem Knick kommt und Verantwortung für Familien und Kinder übernimmt.

Schickt sie an den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen und erinnert daran, dass es bei allen Wirtschaftlichkeitsgeboten um einen menschenwürdigen Start in das Leben geht.

Vielleicht schafffen 500.000 Mails mit Fragen und Sorgen an die Ministerien und Gesundheitsverbände, was sämtliche Petitionen bisher nicht geschafft haben und bringen eine längerfristige Lösung.

Kontaktdaten:
Gesundheitsministerium anmailen, antwittern (gerne auch direkt Minister Gröhe) oder bei Facebook anschreiben.

Familienministerium anmailen, antwittern (gerne auch direkt Ministerin Schwesig) oder bei Instagram anschreiben.

Den GKV-Spitzenverband anmailen oder seinen Sprecher Florian Lanz antwittern.

Hebammendebakel 2015

[Anmerkung zum Inhalt: Es geht auch um Gewalt bei Geburten.]

Hallo und herzlich Willkommen zur wiederholten Ausgabe von „Es ist Internationaler Hebammentag und in Deutschland sieht die Lage beschissen aus“. Wie genau die aussieht, ist in den vergangenen Tagen in den Medien unüberraschend eher unter­gegangen*, aber es gibt eine neue Petition. Es muss also scheiße sein. Trotzdem ließe sich bequem der Artikel von 2014 recyclen (inklusive Vorrats­daten­speicherung!):

Ich musste mir anhören, dass „das Problem bekannt sei“ und dass das bereits es „ein Erfolg sei“. Stattdessen hat dieses Land in den letzten vier Jahren ein Leistungs­schutz­recht bekommen, die grundgesetzwidrige Vorrats­daten­speicherung kehrt wie ein Zombie jährlich auf die politische Agenda zurück und die Praxis­gebühr wurde abgeschafft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg – das demonstrierten uns die Regierungen immer wieder eindringlich.

Bei den Hebammen fehlt der Wille. Daran änderte die Rekord-Petition 2010 im Bundestagssystem so wenig wie über 400.000 Zeichnungen letztes Jahr bei Change.org. Denn bei den Hebammen zeigt sich, wie kaputt unser Gesundheitssystem ist, weil Wirtschaftlichkeit vor Menschenwürde geht.

In die Individualität und Intimität des Gebärens wird durch die begründete Angst vor Schadens­ersatz­forderungen bei „Norm­abweichungen“ heute oft eingegriffen – seitens der Krankenhäuser und seiner[sic] Mitarbeiter_innen. In der aktuellen Verhandlungsrunde rückt dies weiter in den Fokus. Die Kranken­kassen wollen die Leistungs­übernahme bei Geburten außer­halb von Krankenhäusern reduzieren und an Auschluss­kriterien knüpfen. Wissenschaftlich abgesichert sind die diskutierten Vorschläge nicht, sondern Verhandlungs­masse im Konflikt von Krankenkassen und Verbänden. Vor allem werden sie den Entscheidungs­spielraum der Hebammen und Gebärenden stark eingrenzen. Gesucht wird Rechtssicherheit durch quantifizierbare Auflagen statt individueller Geburtsbegleitung.

Dass es um Würde geht, zeigen gerade wieder** die Geburtsgeschichten, die Eltern und Hebammen teilen. So begann es bei von guten Eltern:

Meist dominierten aber Angst und Zeitdruck das Geschehen. Und Angst vor wirklichen Katastrophen, vor Klagen oder auch „nur“ von der Rechtfertigung in der morgendlichen Teambesprechung. Auch ich habe Frauen mitten im guten Geburtsverlauf aus der Wanne “gezerrt”, weil der Oberarzt im Dienst war, der keine Wasser­geburten mochte. Ich habe Frauen zum Kaiserschnitt vorbereitet, obwohl ich sehr sicher war, dass mit etwas mehr Zeit und Ruhe dieses Kind sicher spontan geboren werden kann. Ich habe Wehentröpfe angehängt, die der Beginn von Interventions­kaskaden waren, die viel zu oft in einer operativen Geburt endeten. Ich habe Geburts­einleitungen mit begleitet, für die es keinen wirklich medizinischen Grund gab, das Kind schon so früh auf die Welt zu schubsen. Ich habe das getan, was so viele Kolleginnen tagtäglich tun: Entscheidungen mitzutragen, die sie innerlich nicht vertreten können. Aber es gibt Leitlinien, Anordnungen von Ärzten, finanziellen Druck von der Krankenhausleitung. Viele Dinge, die die Geburt beeinflussen und vor denen wir die uns anvertrauten Frauen als Hebammen immer schwieriger beschützen können.

Und es geht weiter in den Kommentaren:

Ich bin selbst Hebamme und arbeite in einer großen Klinik. All das was du beschreibst kenne ich sehr gut und auch mir zerreißt es manchmal das Herz. Die Frau die mich anfleht den Kreißsaal nicht mehr zu verlassen, weil sie Angst hat und ich muss trotzdem gehen, weil im Nebenraum die andere Frau ebenfalls gerade presst. Die Frau die weinend auf dem OP Tisch hockt weil ihre Geburt nach unendlichen langen Stunden nun doch im Kaiserschnitt endet.

Bis hin zu richtig üblen Erzählungen***:

Ich sitze hier mit Tränen im Gesicht und meiner 5 Monate alten Tochter im Arm.
Ich oder viel mehr wir, mein Mann, meine Tochter und ich, brauchten lange um die Geburt zu verarbeiten. Schön und besonders war sie nicht auch nur im geringsten. Ich hatte so viele Menschen, die ihre Hände in mich hinein steckten, dass ich es irgendwann akzeptierte und nach 12 Std im Kreissaal, war es irgendwann auch egal. Man hat mir einen Tropf und eine Spinalanästhesie gelegt, obwohl ich mein Kind ohne jegliche Hilfe gebähren wollte und man hat sie so aus mir heraus gedrückt, dass ich noch Tage später Schmerzen am Rippenbogen hatte und meine Tochter ein gebrochenes Schlüsselbein. Man hat meine Beine wie Hebel benutzt, also wolle man das Kind heraus hebeln.

Nicht erst bei derartigen Gruselstories erscheint die Geburtshilfe immer mehr wie eine Geburtsindustrie, die möglichst günstig und berechenbar ablaufen soll. Dagegen ändert sich das Feld der Schwangeren deutlich. Bevorzugt fortzupflanzen hatten und haben sich gebildete, heterosexuell verheiratete, körperlich und geistig gesunde, weiße Frauen – aber dieses Bild ist heute noch weniger repräsentativ, als es je war.

Transmänner dürfen endlich schwanger werden (und Transfrauen Kinder zeugen). Viele Schwangere sind eh unverheiratet. Gleichgeschlechtliche Paare gründen Familien, es gibt Co-Elternschaft, es gibt Schwangere mit Behinderungen. Von guten Eltern verweist noch auf die Frauen, die bereits sexualisierte Gewalt erfahren haben und bei einer Geburt retraumatisiert werden könnten.

Wenn wir all diese Eltern würdig behandeln wollen und ihren Babies einen guten Start ins Leben geben wollen, dann brauchen wir individuelle Betreuung, Zeit und geschultes Personal. Das kostet Geld. Die Frage ist, ob unser Nachwuchs uns das wert ist.

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* Weder bei der tagesschau, noch Spiegel Online oder der taz lässt sich mit dem Suchwort „Hebamme“ ein Artikel zur aktuellen, gescheiterten Verhandlungsrunde mit den Krankenkassen finden.

** Ebenfalls medial unbeachtet wurde vor einem Jahr über #selbstgeboren diskutiert.

*** Über Geburtstauma gibt es tatsächlich einen fast aktuellen Artikel bei Spiegel Online, der allerdings keine Übergriffe dokumentiert und stattdessen das Problem auf die Gefühle der Schwangeren reduziert. Aber hey, immerhin wird anerkannt, dass es Probleme gibt, Fortschritt und so.

Vielleicht waren die Hebammen zu ehrlich

Nach vier Jahren Beobachtung des Geburtsbetreuungsdebakels in Deutschland wage ich eine These: Die Hebammen und ihre Verbände waren in der Darstellung ihrer Probleme zu ehrlich und haben damit nicht in die gängigen Medien- und Politikschemata gepasst.

Normalerweise laufen Lohnverhandlungen etwa so ab. Die Gewerkschaften wollen 6 Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeber_innen bieten 1,5 Prozent. Es kommen ein paar Warnstreiks, man droht mit mehr, und dann einigt man sich auf 2 Prozent jetzt und noch mal 2,5 Prozent später. Alle zufrieden.

Von den Hebammen kamen keine überzogenen Forderungen. Sie haben lange Texte geschrieben und versucht, möglichst alles zu erklären. Sie haben von höherer Entlohnung bis Begrenzung der Schadenssummen und steuerfinanzierten Fonds bei hohen Summen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, ohne eine zur allein seligmachenden Rettung zu erheben. Streiken würden sie nie tun, es gibt ja Schwangere und Babies zu versorgen.

Ihre Horrorszenarien wurden von der Wirklichkeit eingeholt. Mit dem Zusammenbruch der Haftpflicht kann keine Hebamme mehr arbeiten, auch Vor- und Nachsorge sind gefährdet. Trotzdem werden die Aussagen von Politik und Medien so eingeordnet. Dann kommen Kolleginnengespräche in der tagesschau dabei raus, die das Problem gnadenlos unterschätzen und, wie Politiker Jens Spahn, auf die „Spinnerinnen mit ihren Hausgeburten“ reduzieren.

Ist das nun die „Schuld“ der Hebammen, sich nicht an die „üblichen“ Regeln gehalten zu haben? Oder haben Medien und Politik versagt, weil sie hier ihren Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen sind und die spezifischen Gepflogenheiten einer Branche nicht erkannt haben?

“Too posh to push?” Wer wirklich nicht aus den Puschen kommt.

Die „#Aufschrei-Damen“ seien sich zu fein, für die Hebammen Rabbatz zu machen – das twitterte gestern eine Journalistin und wurde prompt von Renate Künast fleißig weiter getragen.

Nun sind „die #Aufschrei-Damen“ keine fest abgegrenzte Gruppe. Wer allerdings die ersten Twittererinnen zum Hashtag anschaut und dann nur einmal in die Top Tweets zu #Hebammen guckt, erkennt eigentlich schon auf den ersten Blick eine gewisse Überschneidungsmenge (auch mit dem ominösen Netzfeminismus).

2010 gab es eine erste Onlinepetition des Deutschen Hebammenverbands, die eine Anhörung im Bundestag erreichten. Online-Zeichnungen brachten das Anliegen in den Bürgerdialog zur Kanzlerin, weitere Online-Petitionen wurden ebenfalls massenweise mitgetragen, die aktuelle Petition hat über 300.000 Unterzeichnungen. Allein: passiert ist nichts.

Seit fünf Jahren schreibe ich über Hebammen, seit fast genau vier über das Thema Erhöhung der Haftpflichtversicherung der. Nach dem ersten Artikel haben wir das Thema bei der Mädchenmannschaft weiter gedreht, beim Freitag als Gastartikel eingestellt und für die erste Petition hatte Haige einen schnieken Button zum Verbreiten erstellt.

Ich habe die Petitionen und Aufrufe mitgezeichne, ich habe sie bei Facebook und Twitter gepostet und habe Leute persönlich darauf hingewiesen. Ich habe das Thema im Campus– und Lokalradio untergebracht, ich habe Journalist_innen darauf hingewiesen, Protestinitiativen unterstützt, Kontakte vermittelt, erfolglos ein Datenjournalismus-Projekt angestoßen (der Datenschutz…), Politiker_innen angesprochen und Abgeordnete angeschrieben. Ich weiß, ich bin damit nicht alleine. Ich habe die Tweets und Texte und Aktionen der „Netzfeministinnen“ gelesen. Wenn es eine Neuigkeit gibt, landet sie minutenschnell in meiner Timeline. Aber seit Jahren habe ich das Gefühl, nur 100 Mal den gleichen Text geschrieben und gelesen zu haben: Neue Petition, wieder wahnsinnig oft unterzeichnet, Politik gibt vages Bekenntnis ab, die Erhöhung der Entlohnung wurde aber schon lange von der letzten Haftpflichtsteigerung gefressen, Berufsstand in Gefahr.

Ich musste mir anhören, dass „das Problem bekannt sei“ und dass das bereits es „ein Erfolg sei“. Stattdessen hat dieses Land in den letzten vier Jahren ein Leistungsschutzrecht bekommen, die grundgesetzwidrige Vorratsdatenspeicherung kehrt wie ein Zombie jährlich auf die politische Agenda zurück und die Praxisgebühr wurde abgeschafft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg – das demonstrierten uns die Regierungen immer wieder eindringlich. Bei den Hebammen mangelt es nicht an den Wegvorschlägen, wohl aber am Willen.

Und wenn mir, den „#Aufschrei-Frauen“, uns jetzt jemand mit einer Kampfparole zur „richtigen“ Geburt kommt, wenn Bundestagsabgeordnete das verbreiten, dann nehme ich das persönlich. Damit werden vier Jahre unentgeltliche, ehrenamtliche Arbeit unsichtbar gemacht und entwertet. Es wird übergangen, wer seit Jahren nicht aus den Puschen kommt. Ich verstehe den Unmut, dass die Situation sich kontinuierlich verschlechtert. Ich verstehe das sehr gut. Aber “too posh to push” ist kein Aufruf, noch mal ’ne Schippe drauf zu legen, sondern verschiebt die Schuld am Status Quo. Aussagen wie diese lenken ab vom Stillstand in der Politik und das kann ich nicht unterstützen.

PS: Auch jegliches „die Hebammen hätten noch mehr machen müssen“. Hätte hätte Fahrradkette, der Hebammenverband hat immerhin einen Lobbypreis für die erste Petition bekommen. Mehr geht immer, aber wir müssen mal realistisch werden. Hier geht es, trotz aller Erhöhungen, um eine kleine Gruppe Frauen, die examiniert auf Mindestlohnniveau arbeitet.