Links! Model/Programmiererin und Comic-Debatten

Gegen Vergewaltigungshymnen ansingen (danke Internet!)

Manchmal kommt aus den Tiefen des patriachalischen Backlash doch viel Wunder­bares hervor. Die Reaktionen auf das sexistischste Lied des Sommers gehören dazu.

Wer dieser Tage das Radio einschaltet oder ein Kaufhaus betritt, entkommt ihnen kaum: Robin Thicke, Pharrell Williams und T.I. „Blurred Lines“ holt das alte Klischee des „guten Mädchens“ heraus, das es (also Sex) eigentlich doch will. Dieser „Schlampe“ versprechen die drei „Befreiung“ (kein Scherz), bis hin zu körperlichen Verletzungen. Nicht ohne immer wieder zu betonen, das „gute Mädchen“ zu wollen. Sie selbst kommt natürlich nicht zu Wort, warum auch. Auf dem Hintern einer der fast nackten Frauen im Video ist allerdings ein Stopschild zu sehen. Die Sänger sind natürlich alle vollständig bekleidet. Eine ungesunde Mischung aus Objektifizierung und Ver­gewaltigungsentschuldigungen, die Übergriffe normalisiert. Thickes Äußerung, an der Herabsetzung von Frauen Gefallen gefunden zu haben, verstärkte das Bild. Nach massiver Kritik sah er sich inzwischen gezwungen, die Inszenierung zu erklären. Dem Handbuch 1×1 des Retro-Sexismus folgend verriet er, da alle Sänger verheiratet seien und Kinder hätten, könne er sich nicht respektlos gegenüber Frauen verhalten und daher sei alles als Scherz zu verstehen. Eigentlich sei der Song sogar eine feministische Bewegung.

Die hat er tatsächlich ausgelöst, allerdings sind eine Reihe anderer Künstler_innen dafür verantwortlich. Eines der ersten Videos war Ask First von J. Mary Burnet und Kaleigh Trace, die sich der Heteronormativität entgegen stellen und enthusiastischen Konsens einfordern. Runterladbar auf Bandcamp und der Songtext nachlesbar auf Vimeo.

Den Aufhänger „Everybody get up“ hat die Parodie Womens Rights aufgegriffen. Denn erst vor kurzem stand die texanische Senatorin Wendy Davis für Frauenrechte (auf). Der Songtext (auf YouTube) geht auf den Kampf um Frauengesundheit und Abtreibungsrechte ein.

Die „boyleske“ Truppe Mod Carousel brachte ebenfalls eine eigene Version mit vertauschten Geschlechtern heraus. Auf ihrer eigenen Seite gibt es den Song zum Download, auf der YouTube-Seite ist der Songtext nachzulesen.

Für Typen, die sie nicht in Ruhe lassen wollen, hat Melinda Hughes nur ein Wort über: Douchebag (ein Schimpfwort, für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt, das die Verachtung gegenüber Frauen mitträgt). Der Songtext (auf YouTube nachlesbar) enthält allerdings einige behindertenfeindlichen Schimpfwörter.

Im Radio sind diese Lieder derzeit eher nicht zu hören. Ask First und Womens‘ Rights sind aber beide schon über 50.000 mal im Internet angeschaut worden, Mad Carousel nähern sich der 2 Millionengrenze. Den neuen Möglichkeiten, eigene Medien zu erschaffen und zu verbreiten sei an dieser Stelle gedankt.

Update 1. August: Auf Der k_eine Unterschied gibt es von der Faserpiratin auch einen Beitrag zu den „Gegenliedern“, der diese noch mehr analysiert.

Update 1. September: Eine weitere Parodie hat Milenskaya gefunden.

Die Empörung über die Witze über #Neuland

Diese Menschen auf Twitter. Erst haben sie sich über die Aussage von Angela Merkel, das Internet sei für uns alle Neuland, witzig gemacht. Dann mahnen sie an, dass es genügend Leute gebe, für die das Internet tatsächlich Neuland sei und Witze über die Aussage unangebrachter Hohn seien.

Welch sinnloser Empörungskontest, der am Ende genau das macht, was er kritisiert: Menschen ausblenden und sich selbst, als Twitter-Nutzer_innen in den Mittelpunkt stellen. Auch, und gerade außerhalb von Twitter, haben sich viele Menschen, die seit Jahren das Internet nutzen, von der Kanzlerin verarscht gefühlt. Das Dudelfunk-Radio hat Witze über „Google ist dann Neufundland“ gemacht.

Die Aussage von Merkel war, ausnahmsweise aber vermutlich für sie überraschend, hoch gepokert. Weil sie darauf gesetzt hat, dass das Internet für viele Neuland sei, ganz besonders unter ihren Wähler_innen. Und dabei unterschätzt hat, dass eben nicht nur die Twitter-Avantgarde ohne ihre Smartphones, Laptops und jederzeit verfügbares Internet völlig hilflos wären. Sondern inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung.

Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.

Auch die Einordnung des gesamten Zitats, wie Peter Glaser es macht, geht am Kern des Problems vorbei. Die ganze Welt ist in einem Überwachungsrennen gefangen, wer noch mehr Mails noch schneller auswertet, und Merkel entschuldigt das mit „sorry, wir üben noch“. Von ihr, die sonst souverän mit vielen Worten nichts sagt, war das ein deutlicher verbaler Missgriff.

Schließlich gilt es zu bedenken, warum ein Viertel der Deutschen sich dem Internet inzwischen seit Jahren verweigert: Datenschutz- und Sicherheitsbedenken. So sehr Merkel dies vermutlich aufgreifen wollte – mit dem Auffliegen von Prism und den eigenen Bemühungen, den Datenverkehr im Internet noch stärker zu überwachen, wird sie diese Gruppe nicht erreichen.

Für’s nächste Mal also: bitte nur noch gelungenen Sarkasmus und weniger Twitter als Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

Lesestoff zu den (feministischen) Debatten derzeit.

Ist es Timing das gerade jetzt ein Artikel über vermutliche Übergriffe von Rainer Brüderle erscheint? Total egal, denn um ihn geht es nicht, sagt Ninia LaGrande. Stimmt. Trotzdem geht die Debatte erstmal noch einen vorhersehbaren Weg, der nichts mit inhaltlicher Auseinandersetzung zu tun hat, beschreibt Frau Dingens. Maike fordert bei Kleiner Drei mehr Sichtbarkeit der Übergriffe. 2011 hatten wir bei der Mädchenmannschaft schon einmal Vorfälle alltäglicher Grenzüberschreitungen gesammelt.

Und dann hatte ich das alles schon geschrieben und konnte die halbe Nacht nicht schlafen, weil auf einmal soviele ihre Erlebnisse auf Twitter unter dem Hashtag #Aufschrei posteten.

Dazu passend: Zahlen! Denn auch im Netz erfahren Frauen Übergriffe. Unüberraschenderweise besonders dann, wenn sie sich zu frauenpolitischen Themen äußern. Bei Wirtschaftspolitik wird ihnen gern die Kompetenz abgesprochen, trotzdem sind sie gegen Klarnamenpflicht, steht es in Karins Notizen. Wieviele Frauen wir in der österreichischen Kunstszene finden, berechnet Sonja Ablinger. Die Zahl der Vergewaltigungen in England und Wales hat der DataBlog des Guardians visuell aufbereitet. Bei sexualisierten Übergriffen und Vergewaltigungen gegen Männer liegen die Verurteilungsraten übrigens höher als bei weiblichen Opfern. Nicht messbar ist dagegen die angemessene Rocklänge (pun intended). Sie liegt im Auge des Betrachters (extra nicht geschlechtergerecht geschrieben). In der Konsequenz haben Frauen Unmengen an Röcken, Hosen und dazu passenden Schuhen und können es doch niemandem recht machen. (Sociological Images, auf Englisch).

Den Mittwoch ruinierten gleich zwei Techcrunch-Meldungen. Die iPhone-App „Playbook“ lässt heterosexuelle Männer ihre Eroberungen mit ihren Bros teilen. Die Fotos der Frauen geraten da vermutlich ohne ihr Einverständnis hinein. Dass Techcrunch mit „aber die Kerle machen sowas ja sowieso“ reagiert ist dabei so wenig überraschend, wie der Fail von seiten Apples. Da passte das Video einer Venture-Capital-Firma gleich super. Tech-Firmengründer sind wieder einmal männlich, weiß, heterosexuell und super potent. Warum dann ein „Nerd-Dream“-Kalender mit „keine Sorge, die Mädchen sind nur Deko“ eben nicht lustig Zwinkerzwinker ist (großartig: Lucies Text dazu), sondern sich in die lange Liste sexistischer Vorfälle in der Tech/Nerd/Geek-Community einreiht, verstand getDigital nicht ganz. Melanie erklärt es noch mal bei den Femgeeks. Danach kam dann noch irgendwas mit Axe (und einem coolen Video).

Was wir dagegen brauchen, sind mehr Offene Briefe kluger Mädchen. So schrieb Sadie, 11, für Präsident Obama den fehlenden Teil seiner Amtsantrittsrede zu transgender Personen. In Deutschland schrieb Ishema Kane, 9 Jahre alt, an die Zeit wegen deren unsäglicher Titelgeschichte zur aktuellen Debatte um Rassismus, „Zensur“ und „Sprachpolizei“. Weitere Links zur aktuellen Debatte und Hintergrundinformationen gibt es bei Noah Sow und Astrodicticum simplex.

PS: Ich bin für den „Warmen Händedruck des Jahres 2012“ als Spielejournalistin nominiert. \o/ Ihr könnt auch für mich abstimmen.

Mit Omis über herrschaftsfreie Räume und (Post-)Privacy diskutieren.

Eigentlich wollte ich heute noch was zur Diskussion auf dem Podium von „Welche Chance bietet das Internet für die Demokratie?“ (PDF) schreiben. Ich hatte mir während der Veranstaltung sogar Notizen gemacht, aber dann waren zwei Diskussionen danach spannender. Provokant habe ich die Protagonist_innen in der Überschrift „Omis“ genannt. Nicht weil ich irgendeine Ahnung von ihrer Nachkommenschaft habe, sondern weil beide sehr interessiert daran waren, jungen Leuten die Teilnahme an der Demokratie (über das Internet) zu erleichtern oder sogar zu ermöglichen.

Zunächst hatte ich ein Gespräch am Stehtisch überhört, das in etwa wie folgt ging (der Einfachheit halber bleibe ich bei Omi, der „Typ“ war ein mittelalter, weißer Mann).

Omi: „Ich hätte mir ja gewünscht, dass es hier noch mehr Informationen über das Internet gibt.“
Typ: „Da gibt es ja heute schon Einrichtungen, die ihnen zeigen, wie sie ins Internet gehen können.“
Omi: „Das meine ich nicht, das weiß ich ja. Aber mehr über die Frage, wieviel kann und muss ich von mir preisgeben.“
Typ: „Na, sie müssen das ja nicht machen.“
Omi: „Aber dann kann ich doch nicht mitreden.“

Den weiteren Verlauf habe ich leider nicht mitbekommen. Aber die Frage, wieviel kann ich preisgeben, wieviel muss ich preisegeben, um mich beteiligen zu können, halte ich für eine der wichtigsten. Auftrieb hat sie nicht erst zuletzt mit dem Hoax um Amina bekommen, in dessen Mittelpunkt die Frage nach Vertrauen steht. Wem vertrauen wir wann, ab wann wird uns vertraut?

Umgedreht wird ein Punkt draus, der in der Post-Privacy-Debatte bisher noch nicht erläutert wurde: Gibt es einen Punkt, ab dem man mir nicht mehr vertraut, weil ich zuviel preisgegeben habe?

Später erläuterte mir eine andere ältere Dame ihre Vision eines politischen Forums im Internet. Eine Mischung aus Habermas‘ herrschaftsfreiem Raum und römischen Forum, als meinungsbildendem Ort, dessen Ergebnisse wiederum in die Politik einfließen sollten. Während ich dies in Anbetracht von Spam und Trollen und den damit verbundenen Moderationsmechanismen eher als Utopie sehe, war sie der Überzeugung, dabei handele es sich lediglich um Vorgaben, Herrschaftsfreiheit sei trotzdem gegeben.

Schließlich stieß die bereits vorgestellte Dame zu uns und wir diskutierten noch ein wenig über die grundsätzliche Frage, wie die Beteiligung aller Bürger_innen, also auch von weniger priviligierten Gesellschaftsschichten, möglich sei.

Im Fazit: Schade fand ich, wieder einmal, dass sich so wenig Frauen an der (öffentlichen) Diskussion beteiligt haben. Weder die älteren Damen, noch eines der zahlreichen jungen Mädchen, die auch da waren. Mädels, Frauen, Damen, Omis, ihr habt soviele tolle Ideen und Gedanken, die auch der allgemeinen Diskussion wichtige Anstöße verpasst hätten!