Eheöffnung für (fast) alle – same procedure as always

Eine Wand mit beleuchteten Ikea-Kisten in Regenbogen-Farben

Im Nebensatz hat Angela Merkel am Montag abend vermutlich endlich eine breite Öffnung der Ehe über „Mann und Frau“ hinaus ermöglicht, doch eine „Ehe für alle“ ist damit nicht automatisch gegeben. Je nach Gesetzestext werden intersexuelle Menschen ausgeschlossen, die in Deutschland nicht mehr zwangsläufig ein Geschlecht zugewiesen bekommen. Eine vermeidbare Situation, würden Gesetze rund ums Thema Geschlecht endlich durchdacht.

Wie Lena Schimmel gestern auf Twitter anmerkte, heißt es im Entwurf des Bundesrats von 2015:

Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.

Mit dieser Formulierung wird voausgesetzt, dass es zwei (oder mehr) Geschlechter gibt und Personen eines davon haben. Bereits 2013 wurde allerdings das Personenstandsgesetz (PStG) § 22 Fehlende Angaben um den folgenden Absatz ergänzt:

(3) Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.

Dass die Änderung des Personenstandsrechts Intersexen gar nichts bringen könnte, hatten Betroffene nach der Änderung bereits kritisiert. Keinen Geschlechtseintrag zu haben könne Kinder stigmatisieren. so die Befürchtung. Die Gesetzesänderung beruhte auf der Empfehlung des Deutschen Ethikrates – die allerdings eine dritte Geschlechtskategorie vorsah sowie die Möglichkeit, Kindern kein Geschlecht zuzuweisen, bis sie sich selbst entschieden hätten. Anschließend, fast auf den Tag genau vier Jahre her, lehnten CDU/CSU und die FDP Oppositionsanträge ab, mit denen SPD, Grüne und Linke kosmetische Genitaloperationen an Kinder verbieten und die Praxis historisch aufarbeiten wollten – zwei Hauptforderungen der Intersexen-Bewegung.

Was also ist mit Personen, die keine Angabe zum Geschlecht machen können oder wollen? Damals merkte die taz an, es seien in der nächsten Legislaturperiode sicher einige Gesetze anzupassen, die bisher nur von Männern und Frauen sprachen. Nun sind wir am Ende dieser Periode angelangt und es wird deutlich, dass seither nichts passiert ist. Noch viel schlimmer: Wird der Gesetzestext so verabschiedet, wird ausgerechnet beim Schlagwort der Ehe für ALLE ein Teil der Bevölkerung vergessen. Da war die vorige Bezeichnung „Homo-Ehe“ noch deutlich ehrlicher. Die gibt es übrigens bereits seit neun Jahren in Deutschland, weil Teile des Trans­sexuellen­gesetzes wie Zwangsscheidungen nicht mehr angewendet werden dürfen. Auch hier wird seit 12 Jahren rund um das Thema Geschlecht nur stückchenweise und ohne Rücksicht auf Betroffene reformiert.

Dieses schrittweise, gern widersprüchliche Vorgehen ist umso ärgerlicher, weil es immer wieder um dieselben Menschenrechte wie Gleichbehandlung, körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung geht. Sie müssen wiederholt eingefordert werden, statt sie einmal universell umzusetzen und sich danach viele Probleme zu ersparen.

Aber was soll man erwarten, wenn eine Gesetzesänderung nur kommt, weil die Kanzlerin bei einem Medientalk eine Publikumsfrage beantwortet?

[PS: Neben dieser Kritik gibt es bei „Ehe für alle“ auch die Frage nach rechtlicher Absicherung polyamorer oder nicht-romantischer Beziehungen.]

[PPS 1.7.17: Der Ratgeber des Lesben- und Schwulenverbands weist darauf hin, dass verheirateten Frauen nicht automatisch beide als Eltern eingetragen werden, wenn sie ein Kind bekommen. Dagegen sind Männer automatisch Väter, wenn ihre Frau ein Kind bekommt, ungeachtet der biologischen Zeugung.]

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Links! Soziale Netzwerke hacken und einfach mal mit Frauen reden

Frohes Neues mit Lesestoff aus 2013.

  • Das Projekt Gendrr will ein soziales Netzwerk aufbauen, dass die Bedürfnisse der gender-varianten Community berücksichtigt. Grundlage soll Diaspora sein, Hilfe ist gern gesehen.
  • Coole weibliche Charaktere zu erschaffen, ist ein bekanntes Problem der Popkultur (letztes Beispiel: Disney). Autor Neil Gaiman mit einem Tip: Einfach mal mit Frauen reden.
  • 2013 waren Frauen in jeder Menge deutscher Fernsehsendungen unterrepräsentiert. Wer nun die „Goldenen Medienpimmel“ bekommen soll, steht ab sofort zur Abstimmung.
  • Noch bis zum 9. Januar 2014 online nachzusehen: Die Intersexualitäts-Doku von Phoebe Hart Mein Leben zwischen den Geschlechtern.
  • Kevin „Silent Bob“ Smith mit einer Botschaft an seine Fans, die eine Journalistin aufgrund eines Scherzes beleidigten und bedrohten: Lasst das, Frauenhass ist nicht in Ordnung.
  • Über die Bedürfnisse an enge Freund_innen und sich verändernde Beziehungen zu ihnen schrieb die Faserpiratin.
  • Wer profitiert am meisten von Elternzeit für Väter? Alle, die sich eine gleichberechtigte Beziehung wünschen, in der Erwerbsarbeit und Hausarbeit gleichmäßig geteilt werden. Jetzt wissenschaftlich erwiesen.

Filme! Tabu Intersexualität

Dank der Depublikation habe ich die arte-Doku „Tabu Intersexualität“ nun rechtsunsicher auf YouTube geschaut (und festgestellt, dass ich ihn schon vor zwei Jahren verpasst habe zu schauen…)

Es ist ein krasser Film, aber auch hoffnungsvoll. Leider werden einige veraltete Annahmen wiedergekaut, etwa, dass bei der Geschlechtsentwicklung Männerkörper aktiv entstehen, Frauenkörper aber die passive Grundeinstellung sind. Außerdem verbreitet der Hirnforscher(!) Dirk Swaab weiter den Mythos, dass es Unterschiede zwischen „männlichen“ und „weiblichen“ Gehirnen gäbe.

Die Sprache und Illustrationen sind stereotyp und verharmlosend, kritisierte Zwischengeschlecht.info schon 2010 – einige der Szenen sind aber bereits so sehr krass. Etwa wenn die „Fremdbestimmung“ mit Bildern deutlich wird, auf denen Kinder festgehalten und wie Strafgefangene fotografiert wurden.

Geradezu grotesk wird es, wenn erst die Lehrerin eines intersexuellen Kindes berichtet, die Klasse hätte das als „normal“ aufgenommen und meist hätten Erwachsene deutlich mehr Probleme – und darauf ein Professor erläutert, Operationen seien nötig, um Kinder vor Hänseleien anderer Kinder zu schützen.

Hart anzusehen ist auch, wie Professor Mouriquand anschließend eine eindeutige Zuweisung von Geschlecht fordert, da es im öffentlichen Leben „grausam“ sei, nicht eingeordnet werden zu können. Direkt widersprochen wird ihm nicht, sondern nur relativ kurz das ganze Elend der heutigen Zustände nachgestellt: Es gibt keine verbindlichen Richtlinien im Umgang mit intersexuellen Menschen für Ärzt_innen, dass sie heute mehr aufklären ist keine Selbstverständlichkeit.

Wie gegendert unsere Sprache ist, zeigt die Doku dabei (unabsichtlich) auch, wenn es etwa heißt „damals konnte der Intersexuelle entscheiden, ob er ein Mann oder eine Frau ist“.

Mit dieser Kritik im Kopf kann ich trotzdem nur eine Anschauempfehlung geben, denn bessere Dokumentarfilme zum Thema Intersexualität gibt es kaum. Und selbst dieser Film wird immer noch bei arte im Nachtprogramm versteckt. Am 13. September wird er morgens um 5 Uhr wiederholt.

Digitale Demenz dank Depublikation

In den letzten Tagen geistert das Stichwort der „digitalen Demenz“ durch die Gegend. Das Internet macht uns mal wieder blöd und süchtig oder so. Dabei gilt für das Internet das gleiche wie für Fernsehen und Druckerzeugnisse: Welche sich informieren möchte, hat neue Möglichkeiten (Wissensmagazine und Sachbücher), wer abschalten will kann zu Big Brother und Groschenheftchen greifen. Das Medium per se macht weder dumm noch klug.

Was aber nachhaltig verblödet, ist die Depublikationspflicht. So habe ich heute den Link zu einer arte Dokumentation über Intersexualität bekommen. „Tabu Intersexualität“ heißt sie, denn über das Thema wird nicht gerade täglich berichtet. Das einzige Problem: Sie ist nur noch 9 Stunden online, danach verschwindet sie in die Offlinewelt. Alle, an denen das vorbei gegangen ist, haben halt Pech gehabt. Aber warum lassen wir es zu, dass mit unseren (GEZ-)Mitteln finanzierte Sendungen wieder im Nirvana landen?

Wo ist der Bildungsauftrag hin, wenn sich nur wenige bilden können? Nur diejenigen, die in einer kurzen Zeit zufällig von etwas erfahren und genau dann auch Zeit haben, sich damit zu beschäftigen? Warum nehmen wir in Kauf, dass alle anderen nicht von dieser Sendung profitieren dürfen? Wir schreiben jetzt das 21. Jahrhundert und haben mit dem Internet die großartige Möglichkeit, Bildung jederzeit verfügbar zu machen. Dass wir genau das lassen, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

Nein, die digitale Demenz kommt nicht daher, dass Internetnutzer_innen nicht wissen, wie sie mit dem Internet umzugehen haben. Digitale Demenz ist, dass arte das Internet zwingen muss, zu vergessen.