Warum die AXE-Werbung so rassistisch ist und warum das wirklich schlimm ist

Ob 2012 wirklich die Welt untergeht, wird sich noch zeigen. Untergegangen ist dieses Jahr schon mal der verantwortungsbewußte Umgang mit der Geschichte. Wer hat’s gemacht? Axe, bei deren Kampagnen jedes einzelne Mal Menschen die Mädchenmannschaft um eine Intervention bitten. Dieses Mal haben sie neben sexualisierter Gewalt auch gleich noch ein wenig Neo-Kolonialismus und Rassismus dazugepackt.

AXE-Werbeplakat mit einer Spraydose und dem Werbeslogan „Such Dir ne Stellung als Missionar“

„Such Dir eine Stellung als Missionar“ heißt es als Ziel bis zum Untergang der Welt. Während anscheinend langsam klar ist, was Sexismus ist, scheint bei rassistischen Motiven noch große Verwirrung zu herrschen. Neben dem üblichen Totschlagargumenten des Derailing 1×1 („Du bist rassistisch/sexistisch gegenüber weißen Männern, Du verstehst keinen Spaß und bist sexuell frustriert, als Weiße darfst Du Rassismus nicht kritisieren, es gibt viel schlimmere Probleme“) zeigte sich bei vielen auch ein großes Fragezeichen, sobald ich das Thema ansprach. Ebenfalls immer groß: „erklär mir persönlich jetzt, sofort und genau, was das Problem ist, aber erwarte nicht, dass ich wirklich interessiert bin“. Doch genug der Trolle und stattdessen eine Einführung, warum ich dieses Plakat so gruselig finde.

Oberflächlich betrachtet zielt „such Dir eine Stellung als Missionar“ auf die Missionarsstellung ab. Doch hinter diesem ersten Wortspiel verbirgt sich eine lange, problematische, rassistische und sexistische Geschichte, die besonders in Deutschland wenig beachtet wird. Eine treibende Kraft hinter der Kolonialisierung Afrikas waren Missionare, die „den Wilden“ endlich Gott näher bringen wollten:

1842 kamen die ersten Missionare aus Barmen nach Südwestafrika, in ein Gebiet, das von den Hereros und den Namas besiedelt war. Alle Bemühungen, sie zu »bekehren«, schlugen fehl; das »Wort des Evangeliums prallt an ihnen ab«, klagte ein führender Missionar der Missionsleitung nach Barmen. Das sollte sich bald ändern. Hier war nämlich gerade ein Mann zum Missionsinspektor ernannt worden, der für die nächsten 27 Jahre, von 1857 bis 1884, die Geschicke der Missionsgesellschaft bestimmte und zugleich den »Anstoß zur kolonialen Bewegung in Deutschland gab«, wie die evangelische Realenzyklopädie 1898 stolz vermerkt: der Pfarrer Friedrich Fabri. Dieser Missionstheologe hatte erkannt, daß es töricht sei, bei der »Heidenbekehrung« allein dem Worte Gottes zu vertrauen. Er entsann sich der erfolgreichen Missionspraxis früherer Jahrhunderte, als neben den Predigern immer auch Händler, Siedler und Soldaten eingesetzt worden waren, mit deren Hilfe die »Bekehrten« und ihr Land in die Abhängigkeit der christlichen Mutterländer und Kirchen kamen.

An den verheerenden Folgen der wirtschaftlichen Abhängigkeit, der Ausbeutung der Rohstoffe, den Toten des Widerstandes und der Auflösung sozialer und geografischer Strukturen knabbert Afrika bis heute, was sich dann in Spiegelserien wie „Der Fluch des Paradieses“ niederschlägt. Ein Beispiel aus dem Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung:

Mit Hilfe des Schienenverkehrs gelang die Überwindung des afrikanischen Transportproblems, das bis dahin das entscheidende Hemmnis einer beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung gewesen war. Die Eisenbahn senkte wesentlich die Transportkosten. Für die zukünftige Entwicklung Afrikas war jedoch von Nachteil, daß die Eisenbahnschienen nicht traditionellen Handelsrouten folgten oder die wirtschaftliche Erschließung des gesamten Kolonialgebietes zum Ziel hatten. Vielmehr dienten sie neben dem strategischen Zweck nun vor allem dazu, den Gütertransport aus landwirtschaftlich oder mineralisch begünstigten Regionen zu den Häfen oder politischen Zentren eines Kolonialgebietes sicherzustellen.

Zwar gibt es heute „Entwicklungshilfeministerien“, in Deutschland bekommt dieses gerade einmal die Hälfte (ca. 0,35 Prozent) dessen, was als Budgetanteil nach einer OECD-Vereinbarung vorgesehen ist (0,7 Prozent). Den größten Teil davon stellen tatsächlich Schuldenerlasse dar, ebenfalls ein großer Brocken sind Studienplatzkosten. Erstere sind, um es mit Karlheinz Böhm zu sagen, ein historischer Zynismus, zur Situation von ausländischen Studierenden sei ein Report des Deutschen Studentenwerks empfohlen (tl;dr Studierende aus Entwicklungsländern finanzieren sich überwiegend selbst/familiär und studieren vor allem MINT-Fächer, also das, wo immer Studienplätze unbesetzt bleiben). Viel Geld scheint auch auf Funktionär_innen der FDP zu entfallen… Speziell auf die USA bezogen hat Ampersand einst einen Cartoon gezeichnet, der zur deutschen Situation aber auch passt (Klick für großes Bild):

Ein weißer Mann steigt über den Rücken eines Schwarzen Mannes in Ketten auf einen Balken. Dor angekommen verweigert er dem Schwarzen Mann Hilfe, ebenfalls aufzusteigen.

Bleibt die Frage zu klären, welche sexistisch-rassistische Komponente die Werbung mit sich bringt. So konnten etwa die Besitzer von Sklavinnen über diese verfügen, daraus entstandene Kinder waren ebenfalls Sklav_innen und vergrößerten damit das Arbeitspotential. Legitimiert wurde das, wieder einmal, mit Religion:

Moral justification for the sexual oppression and exploitation of African American slaves stemmed from 15th century Christian missionary attitudes that vilified the „sexual appetite“ of Africans. Stereotypes about male African American sexual prowess and the sexual promiscuity of female African Americans linger to this day.

Die moralische Entschuldigung für die sexuelle Unterdrückung und das Ausbeuten afrikanisch-amerikanischer Sklav_innen rührte aus christlich-missonatischen Ansichten des 15. Jahrhunderts, die den „sexuellen Appetit“ von Afrikaner_innen verdammten. Stereotype über das sexuelle Können afrikanisch-amerikanischer Männer und die sexuelle Promiskuität der Frauen bestehen bis heute fort.

So wurde es in afrikanischen Kolonien toleriert, wenn weiße Männer mit Schwarzen Frauen (nicht-)eheliche Beziehungen eingingen, während vor dem Gegenteil gewarnt wurde (S. 208). Da man besonders Frauen der „Unterschicht“ ein Faible für Schwarze zuschrieb, an dieser Stelle auch noch Bonuspunkte für Klassismus.

Damit habe ich jetzt gerade einmal an der Oberfläche gekratzt, dennoch sehe ich schon die Kommentator_innen, die „Du liest da zuviel hinein“ posten wollen. Ja, ich habe viel gelesen und mich informiert. Weil es dringend nötig ist, dass wir uns daran erinnern, was in der modernen Menschheitsgeschichte passiert ist. Wie lange Menschenrechte nicht für alle Menschen galten. Weil Rassismus und Sexismus bis heute an jeder Ecke und auf viel zu vielen Plakaten sind. Weil diese Plakate die Toten und die Menschenrechtsverletzungen verdecken und die Kolonisationsgeschichte auf einen schlechten Wortwitz reduzieren. Weil sie das Vergessen und die Ignoranz normalisieren. Weil das Menschen weh tut und es erst aufhören wird, wenn jede_r den Rassismus entdeckt und aktiv dagegen vorgeht, statt sich hinter „ist doch nicht so schlimm“ zu verstecken.