Das wahre Problem mit Frauen in Männerberufen

Gerade spülte mir die Twittertimeline das gefühlte 346793. Mal das Argument „Feministinnen müssen sich für Frauenquoten in Männerberufen einsetzen“ in den Tag. Da kann frau nur den Artikel des Spiegels vom letztem Jahr ausgraben, der aufzeigte, was das Problem ist, wenn Frauen in Männerberufen arbeiten sollen. Die Chefin der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (deren Job angeblich auch nur für Männer war) wollte bei Neueinstellungen 50 Prozent Frauenanteil durchsetzen. Und bekam Gegenwind:

„Da hat keiner hurra geschrien“, sagt Gesamtpersonalratschef Sven-Olaf Günther. Auf allen Ebenen habe es Widerstände gegeben. „Obwohl ich für die Einstellung von Frauen bin, verstehe ich das“, sagt er.

Wichtig ist da vor allem der Grund, warum er das versteht:

„Seit Jahrzehnten ist das Männerarbeit. Die Kerle wollten ihre harte Arbeit nicht zum Weichei-Job degradieren lassen. Das nagt am Selbstwertgefühl.“

Können wir das jetzt alle so lange wiederholen, bis es der letzte und die letzte verstanden haben? Wenn Frauen in Männerdomänen vordringen, dann kann das keine harte Arbeit mehr sein, dann sind das „Weichei-Jobs“.

Wundert es da noch jemanden, dass die Vergütung sinkt, wenn Männerberufe zunehmend von Frauen ausgeübt werden? Qualifizierte Frauen bewarben sich übrigens mehr als erwartet.

Zur Debatte um die Abschaffung des Rechtstaats und des tiefsten Mittelalters.

Ein wenig geriet in der Auseinandersetzung von Udo Vetter und Nadine Lantzsch der ursprünglich zentrale Punkt Nadines aus den Augen: Unser Rechtssystem, wie das vieler anderer Länder, wurde von weißen Männern entworfen und funktioniert bis heute weitestgehend auch so. Dabei gibt es weder absolute Gerechtigkeit noch einen absoluten Rechtsstaat, Ansichten ändern sich.

So galten Vergehen an wehrlosen Menschen (Babies, Kindern, Frauen, Betrunkenen) als weniger schwerwiegend als solche, bei denen Täter_innen mit Widerstand (also Männern) rechnen mussten. Verjährungsfristen bei z.B. Sexualdelikten machten es minderjährigen Opfern lange schwer, Vergehen anzuzeigen – wer noch von seiner Familie abhängig ist, überlegt sich eine Anzeige nicht nur zweimal. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit kurzem eine Straftat, genauso wie das Züchtigungsrecht von Ehemännern noch nicht lange abgeschafft ist und bis heute nicht jede_r einsieht, dass auch Kinder ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben.

Straftaten die dagegen häufiger von Frauen begangen werden, werden häufig als weniger schlimm angesehen, werden teilweise nicht von Gesetzen erfasst und bei Ermittlungen eher übersehen. Andererseits sitzen in den USA überproportional viele schwarze Männer im Gefängnis, z.B. für Drogendelikte, während weiße Männer bei vergleichbaren Straftaten deutlich glimpflicher davon kommen.

Das alles sind keine Gründe, auf Rechtssysteme ganz zu verzichten, aber man muss sie kritisch betrachten! Das funktioniert im Übrigen ganz gut, wenn es z.B. um die Sharia geht. Dort, so erzürnen wir und, gilt eine Frau nur halb so viel wie ein Mann und muss vier Zeug_innen einer Vergewaltigung aufbringen. Zwei Sekunden später sehen wir jedoch nicht mehr, dass uns anscheinend das Wort einer schwarzen Frau mit Migrationshintergrund weniger wiegt als das eines mächtigen weißen Mannes. Wir vergessen sogar die Arbeit von Psycholog_innen, nach denen Opfer von Vergewaltigungen oft versuchen, nach einer Tat Normalität herzustellen und vielleicht weiter ihrer Arbeit nachgehen, bis sie sich endlich zur Anzeige durchringen. Stattdessen legen wir das als Hinweis darauf aus, es könne sich nur um eine Falschbeschuldigung handeln. Da müssen wir nicht ins Mittelalter zurückgehen – die Ignoranz gegen Wissenschaft ist ja bis heute da.

Außerdem sollte sich wirklich jede_r noch einmal die Pressekonferenz des Anwalts des Opfers anzuschauen. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen den Staatsanwalt, dessen Arbeit mehr als inkompetent wirkt. Schön auch, dass dieser relativ sachliche Auftritt (eines Schwarzen!einself!) es nicht auf die Titelseiten schaffte, die familiäre Einträchtigkeit von Strauss-Kahn und seiner Frau dagegen schon. Mediale Inszenierungen sind genauso voll mit Rassismus und Sexismus, mit Erwartungen die an sie herangetragen und daher auch erfüllt werden.

PS: Warum alle Lügnerin schreien, weil die Hotelangestellte versucht hat, Probleme mit der Einwanderungsbehörde zu vermeiden, den Tathergang an sich aber wohl stets gleich beschrieben hat, ist mir bis heute ein großes Rätsel. Schließlich war Dominique Strauss-Kahn derjenige mit der Salamitaktik (ich war nicht da, ich war da und hatte keinen Sex, ich war da und wir hatten einvernehmlichen Sex).

Was ist weiblich, was ist männlich im Internet?

Schon Mitte letzten Monats erschien der „Rant“ von Jörg-Olaf Schäfers zur Frage, wer eigentlich was in der Netzpolitik in den letzten Jahren/Jahrzehnten bewegt hat. Dabei sind mir zunächst 2 Dinge aufgefallen. So geht es im Artikel im verschiedene Organisationen und Aktionen, von Stop1984 mit Bettina Hammer, über die Petition gegen Internetsperren von Franziska Heine, bis hin zum stärkeren Engagement des CCC, das laut Schäfers vor allem an Constanze Kurz hängt. Hier treffen mit Politik und Technik eigentlich 2 Bereiche aufeinander, die als männlich gelten. Und dennoch so viele Aktivistinnen? Aber Obacht:

Die floralen Elemente eher weichen Themen der SIGINT standen anfangs jedenfalls noch deutlich in Kontrast zur harten Hacker-Realität auf dem Kongress in Berlin […]

Galt all das was „auf den Webseiten“ steht mal als „weiblich, weich, blumig“ im Vergleich zu dem, was hinter den Webseiten steht? Beispiel Weblogs. Seit dem Aufkommen von Blogs sind als Autor_innen überdurchschnittlich viele Frauen zu finden, gleichzeitig wurden sie lange als „Tagebücher im Internet“ verschrien. Inzwischen gibt es einige sehr bekannte Blogs, das Image beginnt sich zu wandeln und damit auch das Geschlechtsimage, denn meistens ist von den Bloggern (m) die Rede.

Doch Frauen strömen verstärkt ins Internet, der Gender Gap schließt sich an dieser Stelle immer mehr. Damit einher geht eine stärkere Differenzierung der Tätigkeiten. Der Anteil von Frauen und Männern, die im Netz daddeln ist fast gleich? Dann wird eben unterschieden zwischen krassen Egoshootern und „Social Games“. 83% der Surfer und 88% der Surferinnen kaufen Zeug übers Internet? Also schnell klargestellt, dass Frauen Kleidung kaufen und Männer Computer. Jedes Mal, wenn eine Achse der Unterscheidung wegfällt, wird nach der nächsten gesucht.

Doch nicht immer erobern die Frauen sich neues Terrain, es geht auch umgekehrt. Bei der Gründung der Digitalen Gesellschaft, die künftig die digitalen Bürgerrechte vorantreiben will, waren nur Männer dabei. Nach der ersten Kritik hat man inzwischen klargestellt, es gäbe „auch einige weibliche Mitglieder“. Na dann.
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PS: Eine ganz andere Frage stellt sich mir inzwischen auch noch. Warum mir Google bei der Suche nach dem inzwischen totgenudeltem Slogan „Frauen erobern das Internet“ auch das Wort „Verführen“ fett markiert, obwohl es nicht zur Suchanfrage gehört.