Vielleicht waren die Hebammen zu ehrlich

Nach vier Jahren Beobachtung des Geburtsbetreuungsdebakels in Deutschland wage ich eine These: Die Hebammen und ihre Verbände waren in der Darstellung ihrer Probleme zu ehrlich und haben damit nicht in die gängigen Medien- und Politikschemata gepasst.

Normalerweise laufen Lohnverhandlungen etwa so ab. Die Gewerkschaften wollen 6 Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeber_innen bieten 1,5 Prozent. Es kommen ein paar Warnstreiks, man droht mit mehr, und dann einigt man sich auf 2 Prozent jetzt und noch mal 2,5 Prozent später. Alle zufrieden.

Von den Hebammen kamen keine überzogenen Forderungen. Sie haben lange Texte geschrieben und versucht, möglichst alles zu erklären. Sie haben von höherer Entlohnung bis Begrenzung der Schadenssummen und steuerfinanzierten Fonds bei hohen Summen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, ohne eine zur allein seligmachenden Rettung zu erheben. Streiken würden sie nie tun, es gibt ja Schwangere und Babies zu versorgen.

Ihre Horrorszenarien wurden von der Wirklichkeit eingeholt. Mit dem Zusammenbruch der Haftpflicht kann keine Hebamme mehr arbeiten, auch Vor- und Nachsorge sind gefährdet. Trotzdem werden die Aussagen von Politik und Medien so eingeordnet. Dann kommen Kolleginnengespräche in der tagesschau dabei raus, die das Problem gnadenlos unterschätzen und, wie Politiker Jens Spahn, auf die „Spinnerinnen mit ihren Hausgeburten“ reduzieren.

Ist das nun die „Schuld“ der Hebammen, sich nicht an die „üblichen“ Regeln gehalten zu haben? Oder haben Medien und Politik versagt, weil sie hier ihren Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen sind und die spezifischen Gepflogenheiten einer Branche nicht erkannt haben?

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Keine Überraschung bei Snowden und den Interviewrechten

Vermutlich die spannendste Frage gestern abend rund um das Snowden-Interview: Warum kommt es so spät und warum nur auf Deutsch?

Die Antwort des NDR lieferte viel Grund zum Facepalmen. „Einordnung“ durch Günter Jauch und „keine Auslandsrechte“. Die Recherche zu letzterem liefert einen Einblick in das Produktionsfirmengewirr, das um die Öffentlich-Rechtlichen entstanden ist. Angesichts steigender Gebühreneinnahmen auf der einen Seite und Sparmaßnahmen beim eigenen Personal auf der anderen Seite, ist hier ein genauer Blick wünschenswert.

Dass der NDR dann nur die Rechte an der deutschlandweiten Ausstrahlung erworben hat und das Interview auch nur auf Deutsch zeigt, überrascht niemanden, der/die sich einmal mit den Nicht-Verwenden von Originaltonspuren und Untertiteln beschäftigt hat. So heißt es aber auf dem Blog von @Nineberry, der als einer der ersten den Firmen hinterher recherchierte:

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat immerhin einen Informations- und Bildungsauftrag. Und dieser darf nicht kleinlich auf die Einwohner Deutschlands begrenzt bleiben.

Statt „darf“ ist „sollte“ hier das richtige Wort. Aber auch 2014 bleibt die Einteilung von Inlands- und Auslandsrundfunksendern in Deutschland strikt bestehen. Und für das Ausland ist nun mal die Deutsche Welle zuständig. Dass diese Einteilung in Zeiten eines Europa mit (hoffentlich noch länger) offenen Grenzen und dem allseits zugänglichem Internet nicht mehr zeitgemäß ist, sollte in der Politik ankommen.

Bloß nicht zuviel Nachdenken!

Ob die Blackface-Debatte um das Stück „Ich bin Rappaport“ oder nun der Shitstorm gegen E wie Einfach: Für die Medienberichte werden irgendwie immer nur die Pressestellen der betroffenen Unternehmen angerufen, ob Süddeutsche, t3n oder die Financial Times. Nachfragen bei den Kritiker_innen? Fehlanzeige. Zitiert werden lediglich Sprüche von Facebook-Pinnwänden oder aus YouTube-Kommentaren.

Was leider auch nicht passiert: Expert_innen zu den jeweiligen Themen befragen, wie Rassismus- oder Sexismusforscher_innen. Einordnungen der Vorfälle in einen breiteren, gar geschichtlichen, Kontext bleiben aus, die immer gleichen Mechanismen bleiben zugedeckt. Dann wird zurückgezogen, manchmal, und eine Erklärung rausgegeben, „man habe es ja nicht so gemeint“. Echte Auseinandersetzung? Fehlanzeige! Dabei wäre genau das viel wichtiger.

Warum die Medien endlich mal die Klappe halten sollten

Ein Mensch hat fast 100 Menschen, darunter vor allem Kinder, getötet. Dass wir darüber reden müssen, uns austauschen müssen, unsere Gefühle verarbeiten müssen ist klar. Ebenso klar sollte langsam diversen Medien sein, dass das vernünftigste wäre, endlich mal die Klappe zu halten.

Tweet von @maltewelding (Malte Welding): Wie man den nächsten Amoklauf medial vorbereitet: Heroisierung des Täters - check Anleitung + genaue Beschreibung der Durchführung - check 22 hours ago via web

Wie nirgendwo sonst ist bei Amokläufen und Terroranschlägen (oder einer Mischung daraus wie hier), die gesellschaftliche Verantwortung der Medien deutlicher zu sehen. Für Selbstmorde ist das Problem der Nachahmungstäter lange bekannt, z.B. der Tagesspiegel berichtete 2000 über den sog. Werther-Effekt.

Ähnliches gilt auch bei Amokläufern, so Telepolis 2002:

Die zeitliche Verteilung der Amoktaten ist ganz offenbar nicht zufällig, da die Gewaltaktionen in aller Regel nicht länger als 18 Tage auseinanderliegen. Die Suizid-Forscher ziehen daraus den Schluss, dass diese Verbrechen für potentielle Täter ganz offenbar Vorbildcharakter haben. […]
Bei einer Reihe von Amoktätern wurden Zeitungsausschnitte und andere Dokumente über frühere Massenmorde gefunden, in Verhören berichteten die Täter, dass sie sich an entsprechenden Vorbildern orientiert hätten.

Spätestens jetzt sollte klar werden, dass wir verschiedene Debatten brauchen – über Islamfeindlichkeit, über Angst vor Überfremdung, über hasserfüllte Rhetorik. Eine ausführliche Debatte über den Täter und Bildergalerien als Schablonen für weitere Taten gehören nicht dazu!