Links! Die mit dem Satire-Reminder.

Auf schwarzem Hintergrund stellt eine Person die folgende QUIZFRAGE: was ist eine satire über Sexismus, wenn sie nicht (mehr) als satire zu erkennen ist? Die Antwort in einer Sprechblase: SEXISMUS!

CC BY-NC-ND 2.0 trouble_x

  • Erwachsene Autist_innen erfahren häufiger sexualisierte Gewalt als Erwachsene ohne Autismus, Frauen wiederum mehr als Männer. Dies hängt vor allem an ihrem mangelnden Wissen über Sexualität und Übergriffe, das sie seltener durch Austausch mit anderen Menschen sondern eher über mediale Darstellungen erhalten.
  • Twitterfund: Ein Erklärbärintext über Schwangerschaft, der die grimme, brutale Realität darstellt, in der Schwangere und Embryonen um Nährstoffe und das Überleben kämpfen
  • Für Sci-Fi-Fans: Sieben Schwarze Autorinnen, deren Bücher als nächstes auf die Leseliste sollten.
  • Eine „bessere Stadt-Erfahrung“ versprechen die Macher_innen von neuen Stadtbewertungsapps, die Hinweise zu vermeidenswerten Gegenden sammeln. Und meinen am Ende doch nur das Verbreiten von Vorurteilen, oftmals rassistischer Natur.
  • Das zu einer Zeit, in der die Broken-Windows-Theory, nach der ein kaputtes Fenster den Weg zu weiterer Kriminialität öffnet, stark kritisiert wird. Denn in der Praxis trifft es vor allem nicht-weiße Menschen und bedeutet immer härteres Vorgehen, bis hin zum Tod Unschuldiger.
  • Leider ebenfalls nicht empfehlenswert aufgrund von Rassismus: Ridley Scotts Exodus-Verfilmung. Im historischen Ägypten angesiedelt spielen lauter Weiße die Hauptrollen, während Schwarze Schauspieler_innen die Dekorollen übernehmen.
  • Bei Bitchflicks:Top 10 Superheroes Who Are Better As Superheroines
  • Nicht nur Star Trek-Fans haben Susan Oliver schon einmal gesehen – ganz in grün, als „Orion-Sklavin“. Darüberhinaus ist ihre Karriere als Schauspielerin und Pilotin aber leider fast unbekannt (auch mir bis eben).
  • Was passiert, wenn auch frau sich einmal breitbeinig in den öffentlichen Nahverkehr setzt? Eine Reporterin hat es ausprobiert. Und fände offizielle Kampagnen gegen Breitmachmackerei nun sinnvoll.
  • Den immer kleiner werdenden Anteil an Interviewpartnerinnen Im Gespräch bei Deutschlandradio Kultur hat SchspIN nachgezählt und gleich mögliche weibliche Gäste recherchiert.
  • Liebe Schwangere, nicht einschüchtern lassen durch die Epigenetik!

    Ein Kugelmodell der Elemente der DNA: Miteinander verbundene rote, weiße, blaue, schwarze und gelbe Kugeln.

    CC BY 2.0 net_efekt

    In der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature ist ein Kommentar zu den Tücken der medialen Aufbereitung von Epigenetik. Epigenetik beschreibt das An- und Abschalten von Genen, ohne die Abfolge der Gene zu verändern. Eine Reihe von Faktoren spielen dabei eine Rolle, aber welche Änderungen Babies im Leib der (oder des) Schwangeren erfahren, wird am häuftigsten diskutiert – gerne auch mit alar­mis­tischen Warnungen ohne wissen­schaftliche Grundlage.

    Dies reihe sich ein in eine Tradition an Überwachung und Mythenbildung um Mütter. So ist Alkohol während der Schwanger­schaft bis heute strengstens verpönt, obwohl für geringen bis moderaten Alkohol­konsum wiederholt keine negativen Kon­se­quenzen gefunden wurden. Auch die Panik über sogenannte „Crack-Babies“ hat sich nach 30 Jahren als überzogen heraus­gestellt; Weit schädigender als Crack­konsum in der Schwanger­schaft ist das Auf­wachsen in Armut. Vor der gerade grassierenden Impf­panik waren „Kühl­schran­kmütter“ an autistischen Kindern schuld. Und im 19. Jahr­hundert wurden Schwangere, noch ohne epi­gentische Grund­lage, vor den gleichen Dingen gewarnt wie heute: Ernährung, Stress und dem Um­gang mit den falschen Leuten.

    Epigenetik könnte nun der nächste heiße Trend der Gängelung durch Sorge werden. Denn nachdem lange geglaubt wurde, die umgelegten Genschalter würden bei neu­ge­borenen Babies „auf Werkseinstellungen“ zurückgesetzt, wird inzwischen immer deut­licher, dass auch diese Ver­änderungen vererbbar sind. Traumatische Er­fah­rungen und extremer Hunger sind zwei Faktoren, die epigenetisch vererbt werden. Allerdings passiert dies nicht aus­schließ­lich über die Schwangeren, in deren Bauch der Embryo heranwächst. Auch Spermien tragen ihren Teil dazu bei und manche Ver­ände­rungen werden über Generationen hinweg weiter gegeben.

    Da die meisten Studien bis heute an Tieren durchgeführt werden und viele Kom­po­nenten miteinander sehr komplex verwoben sind, lassen sich derzeit keine seriösen Rat­schläge ableiten. Schließlich sind einige Faktoren ge­sell­schaft­licher Natur. Armut, rassistischer Dis­kriminierung oder Gift­stoffen in der Umwelt kann eine schwangere Per­son zu oft gar nicht ent­kommen. Hier, so die Autor_innen, sei ge­sell­schaft­licher Wan­del statt in­di­vi­du­eller Lö­sungen nötig.

    Was der Kommentar noch außen vor lässt: Epigenetische Veränderungen lassen sich rückgängig machen. Wie sich das beeinflussen ließe, ist noch nicht erforscht, möglich ist es aber. Also, nicht einschüchtern lassen!

    [Update, 21.8.2014: Epigenetik: Wissenschaftlerinnen sagen “Don’t blame the mother!” – Beitrag von Mama arbeitet]

    Links! Charmed, Microsoft und Gender in F/LOSS

    Eine mädchenhafte Schaufensterpuppe mit einem grün-weiß-geringeltem Shirt auf dem „Keep on Smiling“ steht.

    Ja liebe Mädchen, immer nett sein und hübsch aussehen – das gilt es möglichst früh zu lernen!

  • Eine *der* Serien meiner Schulzeit war sicher Charmed. Wie die drei vier Schwestern dabei Haus, Familie, Job und Magieverpflichtungen unter einen Hut bekamen, hat Bitch Flicks angeschaut.
  • Microsoft hat einfach kein Glück mit Frauen. Also, entweder kommen von Seiten Microsofts sexualisierte Witze oder sie vergessen die Gamerinnen. Die neuen Touchscreens richten sich nun an … Bräute bei ihrer Hochzeitsvorbereitung.
  • In San Francisco hat Lesbians Who Tech einen Hackathon veranstaltet und dabei tolle Projekte unterstützt.
  • Wie das Schließen von „unrentablen“ Geburtshäusern und Geburtstationen aussieht – auf Pinterest visualisiert.
  • Noch mehr Lesestoff? 10 englisch-sprachige Blogs von Frauen aus der Wissenschaft.
  • Today in women’s underrepresentation: Auch 2013 waren Frauen in Hollywoodfilmen unterrepräsentiert, seltener in Führungspositionen zu sehen und eher über ihre Beziehung zu einem Mann definiert.
  • Die Ausgabe 2.2 des Magazins Libre Graphics heißt “Gendering F/LOSS” und beschäftigt sich mit Repräsentation und Arbeit im Bereich freier und (quell-)offener Software.
  • Nichts mit Wissen, nur noch Meinungsterror

    Die Berichterstattung oder besser: die Meinungsartikel über Feminismus lassen traditionell zu wünschen übrig. Eine kleine Recherche förderte neulich verschiedene Untersuchungen im englisch-sprachigen Raum dazu Tage. Etwa dass Feminismus der „zweiten Welle“ deligitimiert wurde und, genau wie die positiver bewerteten „Gegnerinnen“, als unwichtig abgetan wurde. Die „dritte Welle“ wurde schon ausgewogener dargstellt, aber stark zur zweiten abgegrenzt und deren Erfolge abgetan.

    In Großbritannien veröffentlichen Zeitungen seltener Meinungsartikel von Autorinnen und Frauen werden eher als Opfer, als als Expertinnen zitiert. Selbst zu „Frauenthemen“ wie Abtreibung kamen in der US-Wahlberichterstattung 2012 eher Männer zu Wort. Für den deutsch-sprachigen Raum fallen mir auf Anhieb keine Studien ein, aber realistisch betrachtet dürfte es nicht viel anders aussehen.

    Die (unbewußte) Diskriminierung von Frauen bei Gehaltsverhandlungen, der Beurteilung ihrer wissenschaftlichen Leistungen und ihrer Krankheitssymptome wird seit Jahren erforscht und leider immer wieder bestätigt. Dennoch haben Feministinnen ein deutlich positiveres Bild von Männern als konservativ eingestellte Frauen.

    Seit 2005 sinken sowohl die Scheidungsquote, als auch die absoluten Zahlen.

    Unverbindliche Beziehungen oder gar… unverbindlichen Sex wissen, entgegen aller Vorurteile, Frauen tatsächlich auch zu schätzen. Dass sie sich seltener darauf einlassen, liegt eher daran, dass sie nicht als „Schlampe“ gelten wollen oder einfach kein befriedigendes Ergebnis erwarten.

    Rassismus, Sexismus, Trans- und Homophobie sind nicht harmlos, sondern tödlich. Besonders schlimm wird es, wenn mehrere Diskriminierungen zusammentreffen – unter den 2011 in den USA erfassten Morden aus Hass gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgenderpersonen betrafen 40% Schwarze Transfrauen. Dass es für Deutschland kaum Zahlen gibt, liegt wohl eher am notorisch zugekniffenen Auge, als an paradiesischer Friedfertigkeit. Zuletzt hat die EU-Studie zu Gewalt gegen Frauen ein düsteres Bild gezeichnet.

    Das alles zu wissen oder zu recherchieren ist keine Zauberkunst. Dennoch treiben in den letzten Wochen verstärkt die rechts-konservativen Schreiber_innen ihre Wutreden gegen Akzeptanz durch die deutsch-sprachigen Zeitungen und Online-Medien. Man wird ja wohl noch unwidersprochen diskriminieren und hassen dürfen! Feminist_innen sind wahlweise schuld an der verheerenden Gesamtsituation oder einfach nur zu inkompetent, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Frauen insgesamt sowieso. Da geht es nicht um Zahlen, nicht um Erkenntnisse, nicht um Wissen. Sie zählen nichts im Angesicht eines Feuilletonisten, der dringend etwas sagen muss. Es ist der reinste Meinungsterror.

    Links! Study ALL the things

    In zwei kleinen weißen Schalen liegen viele kleine rote Kugeln.

    Nom nom.

    • In der Schweiz hat eine Studie der Uni Basel das Gender Pay Gap untersucht. Und bestätigt wieder einmal, dass Frauen ab dem ersten Tag im Beruf weniger verdienen, bei gleicher Qualifikation.
    • Moderne Heteropaare legen ihr Geld zusammen und entscheiden dann gemeinsam übers Ausgeben. Soweit die Theorie, doch erste Experimente zeigen, dass Konsumentscheidungen davon abhängen, wer das Geld zuerst bekommt. Und haben sie die Wahl zwischen gleichem, niedrigen Einkommen und ungleichenm, aber höheren Einkommen, entscheiden sie sich für Gleichheit. Da dennoch soviele Paare das Hauptverdiener/Zuverdienerin-Modell wählen, überwiegen vermutlich andere Faktoren die Präferenz der gleichen Aufteilung.
    • Außerdem eine Studie über Trolle: Deren Persönlichkeitsprofile weisen Korrelationen mit Sadismus, Psychopathie und Machiavellismus auf. Wer einfach nur gerne debattiert, zeigt keine Korrelation.
    • Machte diese Woche mal wieder die Runde: Eine der Frauen aus dem Geek Girls-Video der Doubleclicks über ihre (negativen) Erfahrungen als Science-Fiction-Autorin.
    • Sollte der Mindestlohn in den USA angehoben werden? Frauen und Männer mit geringem Einkommen sind dafür. Mit steigendem Einkommen sinkt ihre Zustimmung – Frauen mit sehr hohem Einkommen sind allerdings wieder eher dafür.
    • Fragt Ihr Euch auch manchmal, wer hinter den dauernden „Feminismus bedroht xyz“-Kolumnen steckt? Kleiner Drei hat die Antwort.
    • Können wir jemals zu viel über Firefly sprechen? Vermutlich nicht, hier geht’s um Zoe Washburne (Gina Torres).
    • Wer ein bißchen Geld über hat: Noch knapp eine Woche die RoleUp-Series unterstützen oder das neue Projekt „Das Wort das Bauchschmerzen macht“.

    #Maischberger zu sexueller Vielfalt: ein Elend

    Gestern abend Maischberger hieß vor allem: Über eine Stunde Quälerei. Wie befürchtet ging es fast ausschließlich um Hetero- und Homosexualität. Trans­sexualität wurde dann einmal erwähnt – es sei auf der gleichen Ebene, als ob etwa Transfrauen nicht auch lesbisch, hetero, bisexuell oder gar aromantisch sein könnten. Wie befürchtet hatte also nicht mal Sandra Maischberger eine Ahnung davon, was in Baden-Württembergs Bildungsplan eigentlich vermittelt werden soll.

    Birgit Kelle hört also aus jedem „ich bin schwul“ ein „du bist homophob“ raus und ihre Schuld ist es nicht. Jens „Frauen schlucken die ‚Pille danach‘ wie Smarties“ Spahn erklärte, wie sehr Worte verletzen können. Hera Lind konnte von schwulen Au-Pairs erzählen und Hartmut „Homophobiesexualität ist heilbar“ Steeb eine Sendung lang herum lavieren, ob er seine Kinder noch lieben würde, wären sie nicht hetero. Den Tiefpunkt bildete sicherlich die peinliche Befragung Olivia Jones‘ zu Transvestitismus (Suchtreffer im Aktionspapier des Bildungsplans Ba-Wü dazu: 0).

    Dazwischen blendete die Redaktion auch mal lustig „bekennender Homosexueller“ ein (Linds Outing als Hetera blieb umkommentiert) und bei all dem Gerede über Geschlechtsteile ging es kein einziges Mal um die realen Probleme von Zwangs­sterilisationen von Trans­menschen oder genitalen Zwangs­operationen von inter­sexuellen Menschen.

    Stattdessen bauschte Maischberger die durchaus vorhandene Homophobie in riesige Dimensionen auf, wenn sie behauptete, „sehr viele“ seien gegen die Homo-Ehe. Drei von vier Deutschen sind dafür, aber da saßen auch keine Wissenschaftler_innen. Und eine gleichgestellte Homo-Ehe gibt es hierzulande nicht, aber das kümmert in dieser Debatte eh niemanden. Da passt es, dass die Redaktion versäumt hatte ihr zu stecken, dass die Anführungszeichen im Sendungstitel um die „moralische Umerziehung“ erst nach massiver Kritik ergänzt wurden (und dann nicht mal im Vorspann).

    Am Ende bleibt ein Fazit: Kinderlos und unverheiratet lebe ich mein Leben doch irgendwie falsch. Falls ich Kinder hätte, würde ich gern die ominöse Schule finden, die Cunnilingus schon in der ersten Klasse lehrt. Ich hatte leider nur sehr hetero­normativen, penis-in-vagina-fokussierten Unterricht, den aber auch schon in der Grundschule. Vermutlich ist er an allem schuld.

    TV! Ruft die Hebammen ins Fernsehen

    Ein Zeichen für den Zustand der deutschen Fernseh-Landschaft ist sicher, dass Call the Midwife als Ruf des Lebens nur auf Spartensendern zu sehen ist, während Tierärztinnen und Nonnen als Symbole für verfehlte Senderpolitik einstehen müssen. Dabei ist die TV-Serie über die Arbeit einer Hebamme im London der 50er der größte Hit der letzten Zeit in Großbritannien.

    Drei junge weiße Frauen in dunklen blauen Mänteln fahren auf Fahrrädern eine enge Straße entlang.

    Promotionbild der BBC mit Cynthia Miller, Jenny Lee und Trixie Franklin

    Basierend auf den Memoiren von Jennifer Worth geht es um die junge Hebamme Jenny Lee, die es nach ihrer Ausbildung ins Londoner East End verschlägt – ins arme und überbevölkerte Poplar. Statt in einer Privatklinik landet sie im Kloster Nonnatus, benannt nach dem Schutzheiligen der Hebammen. Zusammen mit den Nonnen hilft das Team nicht nur einer Reihe Babies auf die Welt, sie unterstützen auch den Zusammenhalt der Menschen vor Ort.

    Die schüchterne Cynthia und die lebenslustige Trixie arbeiten bereits als Hebammen, als Jenny ankommt. Dass sie in einem Kloster leben, hält sie allerdings nicht davon ab, abends mit einem Glas Alkohol in der einen Hand und der Zigarette in der Anderen etwas Spaß zu haben. Nachzüglerin Chummy (eigentlich Camilla Fortescue-Cholmondeley-Browne) stolpert gleich zu Beginn einen Polizisten um, was zu ihrem Erstaunen in einer Romanze und mehr endet.

    Geführt wird das Kloster von Schwester Julienne, der das Wohlergehen der Schwangeren Poplars sehr am Herzen liegt. Bei der über 90-jährigen Schwester Monica Joan sind sich die Bewohnerinnen des Hauses Nonnatus nie ganz sicher, ob sie langsam dement wird oder einfach exzentrisch ist. Dagegen fragt sich die junge Schwester Bernadette, ob ein Leben als Nonne wirklich das richtige für sie ist. Die wunderbarste Nonne ist wohl die resolute Schwester Evangelina, die auch schon mal auf dem Roller durch Poplar düst und mit „es ist ein Baby, kein eingeölter Pinguin“ Klartext spricht.

    Zwei weiße Frauen stehen vor einem Gebäude. Jane hat braune Haare und trägt eine grüne Strickjacke über einem roten, ausgestelltem Kleid. Trixie hat blonde Locken und trägt eine rote Strickjacke über einem weißen, ausgestelltem Blümchenkleid.

    Promotionbild der BBC mit Jane Sutton und Trixie Franklin

    Die Verwüstungen des Kriegs sind hier in Ruinen, Erinnerungen und Familien­geschichten noch zu spüren. Wie auch die aufgelösten Arbeitslager jahrhunderte­langer Tradition, deren ehemalige Zwangsarbeiter_innen unter den Folgen leiden. Während Jenny die Vorgabe „nur wer arbeitet, soll auch essen“ schon weit weg erscheint, sind andere Entwicklungen für sie noch neu. Zwar kriegen Frauen ihre Babies noch zu Hause, aber neue Techniken wie das Lachgas halten langsam Einzug. Noch tragen Frauen Hüft- statt Büstenhalter und nur im gewagten Ausnahmefall Hosen. Dabei glänzt die Serie wie bereits Miss Fisher’s Murder Mysteries mit ihrer Kostümausstattung, bis hin zu den Brillen.

    Immer wieder wird der steuerfinanzierte National Health Service (NHS), der Nationale Gesundheitsdienst gelobt – der heute einen denkbar schlechten Ruf hat. Damals allerdings gibt es erstmals mobile Röntgenwagen zur Tuberkolose­früh­erkennung. Und während die Schwangeren bei der Untersuchung rauchen, trauen sie den Röntgenstrahlen aus Angst um ihre ungeborenen Babies nicht über den Weg. Viele Praktiken, die damals normal waren, erscheinen uns heute unvorstellbar, gar gefährlich oder als Vernachlässigung. Dass die Serie diese andere Normalität, das andere gesellschaftliche Wissen vermittelt, ist eine ihrer großen Stärken.

    Call the Midwife vermittelt dabei beständig Hoffnung und einen positiven Blick – anders wäre es vermutlich zu deprimierend, besonders für Frauen. Unsichere Abtreibungen, fehlende verlässliche Familienplanung und Sterilisationen nur bei medizinscher Notwendigkeit lassen einen unendlichen Strom hungriger Kinder­mäuler unabwendbar erscheinen. Bereits in der ersten Folge trifft Jenny eine Schwangere, die ihr 25. Kind erwartet. Fast alle Frauen sind daher abhängig von Männern: ihren eigenen Vätern oder den, im schlimmsten Fall heiratsunwilligen, Kindesvätern. Seltener, aber ebenfalls vorkommend, müssen Väter sich nach dem Tod ihrer Frau alleinerziehend durchschlagen.

    Blutige Details halten sich (zum Glück?) sehr in Grenzen und werden, wie sovieles in den 50ern, schamhaft überdeckt und schnellstens aufgewischt. Die bittere Armut und tragischen Schicksale gehen zuweilen sehr ans Herz. Wie auch, zum Glück, die vielen positiven und wunderschönen Momente. Eine klare Anschauempfehlung.

    Die ersten beiden Staffeln von Call the Midwife – Ruf des Lebens sind bereits auf DVD erschienen. Die dritte Staffel, die nicht mehr auf dem Originalmaterial basiert, wird derzeit von der BBC ausgestrahlt. In Deutschland sind die neuen Folgen englisch-sprachig auf iTunes zu sehen.

    Links! Mit Männermedien und Frauenfrisuren

    Hollywood-Haare (und mehr) in Castle

    Das Blog Cockeyed Caravan hat über die sogenannten „Hollywood-Haare“ gerantet. „Natürlich“ fallende weiche Locken, die seit einigen Jahren fast alle Schauspielerinnen tragen. Natürlich in Anführungszeichen, denn: in der Realität ist eine solche Frisur unglaublich schwer zu föhnen und fixieren und furchtbar unpraktisch zu tragen.

    Neben den angeführten Beispielen dort (Skye aus Agents of S.H.I.E.L.D., Rizolli und Isles, Total Recall) hat es mich besonders bei Kate Beckett aus Castle genervt. Hier das DVD-Cover zur ersten Staffel:
    Vor blauem Hintergrund stehen ein weißer Mann im dunkelblauen Anzug und eine weiße Frau mit kinnlangen braunen Haaren in brauner Lederjacke. Beide haben die Arme vor der Brust verschränkt.

    Seit der dritten Staffel läuft Beckett allerdings so herum (und das meist auf 10 cm Absätzen!?)
    Vor blauem Hintergrund hält ein weiße Pärchen, das Rücken an Rücken sitzt jeweils die Hand zur Kamera. Er trägt einen dunklen Anzug, sie eine weit aufgeknöpfte dunkelblaue Bluse.

    Mit dem merkwürdigen Gesichtsausdruck und der weit geöffneten Bluse ist dieser DVD-Titel dabei weit unter der Darstellung von Beckett in der Serie, die ansonsten sehr taff ist. Auch die Promobilder der Staffel 6 unterstreichen den Hollywoodhaartrend ein weiteres Mal (Lanie! Captain Yates Gates!)

    Das ist umso ärgerlicher, als dass die Serie gute Ansätze und Möglichkeiten hat, aber zuviele immer wieder vergibt. Mit Castles Mutter und seiner Tochter sowie Lanie und Captain Gates sind seit der 4. Staffel gleich fünf Frauen im Cast und nur drei Männer. Darunter mit Lanie und Captain Gates sogar zwei(!) schwarze Frauen – die hoffentlich irgendwann noch einmal miteinander sprechen dürfen. Außerdem ist Martha Rodgers eine herausragende Großmutter, die sich in der Dating-Szene herumtreibt und eine Schauspielschule gründet. Becketts Mutter, eine Anwältin, wurde ermordet (und der Tod ist ihr Antrieb, Klischeeeeee) aber immer erfahren wir im Laufe der Ermittlungen einiges über sie und ihre Beziehung zu Beckett.

    Leider bleibt so nur eine Frauenbeziehung, die von Alexis und ihrer Großmutter, die regelmäßig gzeigt wird. Denn während wir die Männerfreundschaften zwischen Castle, Esposito und Ryan oft sehen, bleibt die von Lanie und Kate doch eher unterentwickelt. Denn ob romantisch, freundschaftlich, familiär oder auf der Arbeit – die Darstellung von Beziehungen ist eine der Stärken der Serie. Hier arbeiten nicht einfach ein paar Leute nebeneinander, sie sind befreundet, tauschen sich über ihre Gefühle aus, sorgen füreinander. So bleibt es unendlich schade, dass gerade die Freundinnenschaften und Beziehungen unter Frauen (gar eine nicht-heterosexuelle Beziehung) so kurz abgehandelt werden.

    Trotz der vielen weiblichen Charaktere hat die Serie bisher keinen Kultstatus unter Feminist_innen – die Hollywoodhaare sind dafür symptomatisch.

    Angekommen aber nicht ernst genommen: #Aufschrei in den Medien

    Meme: One does not simply fill binders with women

    Frauen. Eine Herausforderung für Mitt Romney und das deutsche Fernsehen

    Seit der Nacht zum vergangenen Freitag verfolge ich nun erst #Aufschrei auf Twitter und dann die Debatte in Print und Fernsehen. (So leid es mir tut, aber Radio ist kein Medium mehr, in dem gesellschaftlich diskutiert wird.) So fing es Sonntag abend mit Jauch an, ging mit ZDFLogin gestern weiter und mindestens bis Maybritt Illner wird es weitergehen. Wahlweise ans Bett oder die Couch gefesselt, schaue ich hin und kann kaum unterscheiden, ob meine Schweißausbrüche von der Erkältung herrühren oder doch von dem vorsintflutlichen Gelaber, dass mir da entgegenschlägt.

    Allein schon die Auswahl der Titel scheint, als wolle man alle Beschwerden der Betroffenen noch einmal untermauern.

    Inzwischen weit über 60.000 Tweets und steigende Beschwerden bei der Antidiskriminierungsstelle könnten natürlich irren. Anstatt also einmal zu schauen, wie schlimm es um Deutschland bestellt ist, fragt Jauch lieber, ob es überhaupt ein Problem gäbe. Dass muss schließlich erst noch einmal bewiesen werden! Eine Analyse oder gar Ideen zur Abhilfe müssen da natürlich warten.

    Auch die Login-Macher_innen ignorieren standfest den „Alltags“-teil der Beschwerden und weisen jede Schuld vom Durchschnittsmann ab. Wenn es hier ein Problem gibt, dann müssen es die Machos sein! Jene unbeugsamen Herren, die dann in Gestalt eines Pick-Up-Künstlers, der pubertierenden Jungs Anleitungen zum Manipulieren von Frauen gibt, auf der Bühne stehen. Anleitungen, die sich wie die Checklisten von Missbrauch und häuslicher Gewalt lesen und deren Techniken auch von Pütz gelehrt werden: Das Selbstbewußtsein ankratzen, damit das Frauobjekt für das angehängte Kompliment dankbar ist. Unfassbar eklig wird das, wenn Frauen bei #Aufschrei berichten, genau dies auch bei Belästigungen zu erleben. Sie wären heruntergemacht worden und hätten sich gleichzeitig fast dankbar gefühlt, dass Sie als „häßliche“ Frau auch einmal Aufmerksamkeit bekommen.

    Dass dieser „Künstler“ von allen bisher aufgetretenen Gästen das mit Abstand schlechteste Männerbild hat, wird zur Fußnote der Geschichte. Mehr darf mensch leider nicht erwarten, denn keine Sendung hat mit sowas abgefahrenem wie Fakten geglänzt und für die Zukunft sieht es ebenfalls düster aus. Dass 58 Prozent der deutschen Frauen berichten, bereits belästigt zu sein, erfahren wir von der New York Times. Dass Feminist_innen ein besseres Männerbild haben als konservative Frauen wird nicht als wissenschaftliche Erkenntnis vorgetragen, sondern allenfalls deutlich, wenn Wibke Bruhns für Stiere, Kühe und Ochsen neue Spezies erfindet. Dass Frauen mit Behinderung doppelt so gefährdet sind, Gewalt zu erleben, bleibt ebenfalls unerwähnt.

    Aber wie sollen wir auch zum Kern der Debatte vorgehen, wenn keine einzige Frau aus einer Beratungsstelle auf der Bühne sitzt, kein Diskriminierungsexperte, sondern höchstens mal eine dieser empörten jungen Feministinnen aus dem Internet. Stattdessen Journalist_innen, Politiker_innen und Monika Ebeling, die über Macht nicht sprechen möchte, aber die Männer in unserer Gesellschaft unterrepräsentiert sieht. Dabei sind sie das nicht einmal in dieser Debatte. Mit bis jetzt durchschnittlich zwei Männern pro Talkrunde schlägt es all die Runden mit Quotenfrau oder ganz frauenfrei, die uns sonst zu Eurorettung oder Weihnachtsgeschenken vorgesetzt werden. Gar nicht gesichtet wurden dagegen Schwarze Frauen, Frauen mit Behinderung oder gar eine Kopftuchträgerin.

    Dafür verharmlosen die Titel, Teaser und Beschreibungen der Sendungen übergriffiges Verhalten als missverstandenes Flirten und rehabilitieren den schon vermottenden Begriff „Herrenwitz“. Konnte sich ZDFLogin bei der Verwendung des Wortes „Hysterie“ rausreden, den Machomacher Pütz zu zitieren, ist es bei Will wie selbstverständlich Teil des Titels. Ein Wort, das vom Altgriechischen hystera (ὑστἐρα) für Gebärmutter stammt. Und eine Krankheit bezeichnet, bei der Frauen die Gebärmutter in den Kopf wandert, wenn sie zu wenig Spermienzuführung durch heterosexuellen Sex haben. Der medizinische Begriff wurde 1952 begraben, das Konzept, schwierige Frauen mit dem Kampfbegriff für krank zu erklären, hat sich allerdings gehalten.

    So machen die Talkshows genau das, was unter #Aufschrei als alltäglicher Seximismus kritisiert wurde. Die Betroffenen müssen erst einmal beweisen, dass es gerade ein Problem gibt. Dann werden sie angegegriffen („warum wehren die sich denn nicht“) und schließlich werden von „wer ist hier Opfer“ bis hin zu „dürfen dann Männer und Frauen nicht mehr einen Aufzug benutzen“ Strohdebatten entzündet, die unseren Blick für das wesentliche vernebeln: Wir haben ein Problem mit der alltäglichen Belästigung von Frauen.