Links! Quantified Self, Überwachung und Neues von den Bewegtbildern

Straßenkritzelei: Mit einer Waffe kann man eine Bank ausrauben. Mit einer Bank die ganze Welt.

Politik vor der Arbeitsagentur Osnabrück.

Advertisements

Wer quantifiziert hier eigentlich wen?

Immer mal wieder geistert seit einigen Jahren das Phänomen “Quantified self” durch die Gegend – Menschen, die alle möglichen Marker ihres Körpers und Tuns aufzeichnen und das meist mit Hilfe von Technik. Genauer gesagt: Männer, die mit Computerprogrammen was aufzeichnen. Frauen scheint es in dieser Bewegung wenig zu geben und wenn sie erwähnt werden, dann meist im Zusammenhang mit Essstörungen und exzessivem Kalorien zählen.

Wenn wir schon bei Kalorien sind: Die Debatte erinnert mich ans Kochen. Dass Frauen kochen ist „normal“ und wird erwartet. Wenn Männer kochen, dann ist es etwas besonderes, sie sind „Hobbyköche“ oder „Spitzenköche“, kriegen Fernsehsendungen und Magazine, die explizit auf „Besonderes“ abzielen und das mit starker Betonung von Männlichkeit.

Nun vermessen Männer ihre Körper und es ist… etwas besonderes. Denn für Frauen ist das „normal“. Frauen, die menstruieren, werden ab der ersten Regel angehalten, diese zu dokumentieren. Dazu gehört laut den Handreichungen, wann und wie stark die Blutung ist, aber auch Gewicht und weitere körperliche Beschwerden. Wer sich für natürliche Familienplanung interessiert, dokumentiert von Körpertemperatur bis Schleimkonsistenz noch deutlich mehr. Darüberhinaus gibt es die oben angeführte Kalorienzählerei, komplett mit Abwiegen von Essensportionen. Dass Babies die ersten Jahre ihres Lebens ständig vermessen, gewogen und eingeordnet werden, betrifft auch heute noch vor allem: Mütter. Dito zu Schulleistungen ihrer Kinder. Für all dies gibt es natürlich Programme, Apps und Tracking-Webseiten.

Schließlich kommen mir immer die zahlreichen Blogs in den Sinn, in denen Frauen dokumentieren, was sie selbst geschaffen oder erreicht haben: Handarbeiten, Essen, gelesene Bücher, zusammengestellte Outfits (abgenommene Kilos). Alles Hobbyblogs und damit quasi per Definition unwichtig. Schafft eine Frau dabei besonders Herausragendes, kommt aber gern das Argument „elende Selbstdarstellerinnen“ raus oder dass sie es „nur für die Aufmerksamkeit“ machen würden.

Wenn wir weiter über Ideen wir das “Quantified self“ reden dürfen wir also nicht vergessen, das wir von unterschiedlichen Vorgaben ausgehen. Es wird von Frauen erwartet, bestimmte Marker aufzuzeichnen, wenn es zum Beispiel um Regelblutungen geht, oder Frauen fühlen sich genötigt, weil sie z.B. Schönheitsidealen entsprechen „wollen“. Für Versäumnisse gibt es Sanktionen, von Kritik bei Ärzt_innen bis zum allgegenwärtigen fat shaming. Die Vermessung und Bewertung von Frauenkörpern erfolgt überall und so oft, dass es ein revolutionärer Akt ist, seine Waage wegzuschmeißen. Erfolgsdokumentationen werden so lange geduldet, bis sie nicht mehr ignoriert werden können, dann erfolgen (sexualisierte) Angriffe.

Das Ganze steht im Gegensatz zur medizinischen Forschung, die sich zuerst auf den männlichen Körper bezog und Frauen erst langsam entdeckt, aber noch lange nicht immer verstanden hat. Wie das Phänomen “quantified self” nun Selbsterforschungsprozesse ändert, ob es eine Massenbewegung oder ein Nischending bleibt, ob dabei bahnbrechende Erkenntnisse zu Krankheiten gewonnen werden, wird sich zeigen. Es ist allerdings nötig, kritisch zu schauen, wer dies in welcher Form betreiben kann oder muss und aus welchen Gründen.

__________________________

PS: Bitte verzichtet darauf, mir noch einmal ganz genau zu erklären, warum “Quantified self” nun wirklich was gaaanz anderes ist und was genau alles vermessen wird und warum das mit dem schnöden Perioden-tracking nichts zu tun hat. Genau darüber sollt ihr nachdenken.

PPS: Über die Frage, wie es z.B. bei chronischen Krankheiten aussieht, wenn es vielleicht lebensnotwendig ist, Werte zu tracken, denke ich selber noch nach. Kommentare dazu sind erwünscht.