Nachlesen und angucken, wo die #rp11 schon lange vorbei ist

Inzwischen sind alle Beiträge zur re:publica XI online, sexistische Kommentare und digitaler Aktivismus scheinen dabei äußerst interessant zu sein, denn es gab dieses Jahr viele Anfragen. Nach den diversen Interviews und spannenden Gesprächen war ich dann zwei Tage ziemlich heiser. In der Aufregung vergessen, hatte ich am Ende die ausführliche Dokumentation der Ergebnisse. Heute also endlich alles, was mensch sich anhören, bzw. auf Video anschauen (Premiere!) kann.

Im on3 Blogbuster ging es um neue Strategien gegen Internet-Trolle, im Deutschlandradio Kultur breitband ging es um Cyberfeminismus, gleich zwei Videos hat Martina Weirich für die Netzpiloten gedreht und Ausschnitte aus dem, online ansonsten nicht verfügbaren, Shitstormpanel gibt es beim Berliner Offenen Kanal ALEX.

Dafür gibt es aber die Folien zu besagtem Panel auf der offiziellen rp11-Seite. Und Philip Steffan hat netterweise das Cyberfeminismus-Panel gefilmt und hochgeladen, wie auch „Guck mal wer da spricht“.

Außerdem hatte ich mit Felix Knoke gesprochen, der erst ein interessantes Video Mash-Up aus Ghost in the Shell 2 und dem Cyborgmanifest gepostet hatte und später den Vergleich zwischen Cyberfeminismus und Anonymous gezogen hat.

Nochmal zur Vielfältigkeit der #rp11

Wer ist dafür verantwortlich, eine bessere Welt zu schaffen und Ungerechtigkeiten anzugehen? Von wem muss an dieser Stelle die Initiative ausgehen? Diese Fragen wurden im Pluralismus-Panel auf der re:publica XI ja schon kontrovers diskutiert. Ich hatte es in meinen ersten Gedanken schon angesprochen, nun hat es Urmila Goel auf anders deutsch noch einmal deutlicher beschrieben:

Marginalisierten zu sagen, dass es doch ihre eigene Verantwortung sei, dass ihre Stimme wahrgenommen wird, ist eine höchst machtunkritische Perspektive. Selbstverständlich kümmern sich Marginaliierte selbst um ihre Interessen, sie erheben ihre Stimme, aber gegen dominante Machtverhältnisse können sie alleine nur wenig ausrichten. Zudem müssen sie ihre knappen Zeit- und Kraftressourcen auch selbstschützend einsetzen. Solidarität und Unterstützung von Menschen in privilegierteren Positionen sind nötig, damit sich in der Gesellschaft etwas ändert. Und diese Solidarität und Unterstützung erfolgt im Ideal, ohne dass eine Dankeschön erwartet wird. Anderenfalls ist es eine paternalistische Geste, bei der die als hilfsbedürftig Konstruierten ihren Helfer_innen danken müssen.

Diese Punkte illustriert auch die Nach-rp11-Frauen/Feminismusdiskussion sehr eindrucksvoll. Geht es um das Eindringen in etwa männlich, weiße, heterosexuelle Bereiche, wird oft an Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund oder Homosexuelle appelliert, sich mehr einzubringen, statt in der Opferrolle zu verharren. Das ist schön und gut, doch ihre Arbeit alleine reicht leider fast nie aus – denn entweder waren sie vorher alle faul und blöd und haben es in diese Bereiche nicht geschafft oder es gibt noch andere Mechanismen, die ihnen das Leben schwer machen. Wer „drinnen“ sitzt, ist dabei leicht geneigt, von Faulheit auszugehen, wer „draußen“ ist, erlebt aber ganz andere Dinge.

So haben Kathrin Ganz und ich eine ganze Stunde nur über Aktivismus, Aktionen und erfolgreiche Strategien gesprochen, aus einem feministischen Background heraus. Mit Nadine Lantzsch und Magda Albrecht habe ich versucht, den Blick der Besucher_innen auf die Herkunft ihrer technischen Geräte zu werfen, mit Feminismus als Aufhänger zum kritischen Denken. Trotzdem gibt es statt inhaltlicher Fragen vor allem eine „Frauen generieren sich als Opfer und das ruiniert mir die re:publica“-Diskussion. Ich kann mich also hinstellen, mir den Mund fuselig reden über Strategien für digitale Kampagnen, die auch Umweltschützer_innen oder lokale Watchblogs übernehmen können aber am Ende muss ich nur wieder darüber reden, warum ich als Frau und Feministin und überhaupt…

Vor zwei Jahren kritisierten Teilnehmerinnen, dass Frauen auf der re:publica nicht vorkamen. Als Gegenargument kam natürlich sofort, jede_r könne und müsse Themen und Panels vorschlagen, also seien sie selbst für das Ungleichgewicht verantwortlich. Immerhin taten die Frauen wir ihnen geheißen und stellten dann schließlich 30% der Sprecher_innen (bei einer zu 60% weiblichen Blogosphäre). Und auf einmal heißt es, es gäbe zuviele „Frauenthemen“, es herrscht Angst vor Verweiblichung, die inhaltlichen Punkte werden dauernd unterschlagen und einzelne Aussagen zum alten Klischee der jammernden Feministinnen zusammengezimmert.

Was soll frau denn dann noch tun? Muss ich in Zukunft verschweigen, dass ich Feministin bin, damit mich auch ZDFneo ernst nimmt oder vielleicht gleich als Mann auftreten, damit meine Themen endlich als hart angesehen werden? Und glaubt hier noch irgendjemand ernsthaft, dass es z.B. muslimischen Blogger_innen in irgendeiner Weise besser ergehen würde?

Wieder zurück von der #rp11

Bei der Mädchenmannschaft sortieren wir noch unsere Eindrücke, Fotos und die Interviews – denn davon haben wir einige gegeben. Mit den Panels und Offlinegesprächen blieb diesmal leider wenig Zeit, noch viel „anderes“ von der re:publica mitzunehmen.

Am Donnerstag habe ich immerhin Noha Atef gesehen (und sie Freitag abend hoffentlich nicht zu sehr vollgequatscht, weil ich so aufgeregt war). Wie auch bei Jaclyn Friedman war es spannend, einmal direkte Einblicke in digitalen Aktivismus zu bekommen, bzw. die Vorgänge, die hinter den Kulissen abliefen. An dieser Stelle auch mein Respekt an Kübra, der das fotografiert und gefilmt werden dort öfters passierte. Mehr dazu auch im Interview mit netzdebatte:

Die Frage, wieviel Pluralität in der Blogosphäre vorhanden ist, wie sie abgebildet wurde und wer Verantwortung hat, diese abzubilden, wurde u.a. von ihr kontrovers diskutiert. Im Cicero-Rückblick gibt es dazu einen schönen Ansatz, der sich zwar auf die Digitale Gesellschaft bezieht, der aber auch gut auf die re:publica an sich passt:

Denn von der Öffnung, die sie so wortreich propagieren, war auf der re:publica wenig zu spüren. Weder wurden Themen gesetzt, noch mit möglichen Mitstreitern das Gespräch gesucht. „Mitmachen“, sollen möglichst viele Menschen, aber warum lädt man dann nicht Vertreter von zivilgesellschaftlichen Organisationen oder traditionelle Bürgerrechtsgruppen zum Mitdiskutieren ein.

Wer eine deutsche Bloggerkonferenz auf die Beine stellt, der sollte sich eben nicht nur darauf verlassen, dass Leute kommen. Vor allem, wenn diese Leute jedes Mal wieder die gleichen sind und eine homogene Masse darstellen. Sondern auch abseits der wenigen eingeladenen Speaker auf Blogger_innen zugehen und den Call for Papers in den vielfältigen Blogcommunities bekannt machen. Auch mit der expliziten Versicherung, diese Vielfältigkeit zu wollen und dann mit bewußtem Auge bei der Auswahl – denn von Lippenbekenntnissen gibt es in Deutschland genug.

Wobei dann hoffentlich ein Trend vermieden wird, der sich diesmal ein wenig bei den Panels von Bloggerinnen abzeichnete und z.B. von Tessa Bücker im Cyberfeministinnen-Gespräch schon kritisiert wurde. Dass am Ende zwar etwa Frauen und Muslime da sind, aber dann nur über sich und ihre vermeintlichen Nischenthemen sprechen. Dass sie immer noch nicht selbstverständlich auch zu anderen Themen gehört werden, weil diese, meist als hart angesehenen Themen, eben weiter von den gleichen Leuten bespielt werden.

Mehr zum Panel „Shitstorm? You can do it!“ gibt es bei der netzdebatte der Bundeszentrale für politische Bildung und am Donnerstag mit einem Interview auf ALEX um 20:15 Uhr (und später online). Online anhören kann man schon mein Interview mit dem breitband von Deutschlandradio Kultur. Sehr gefreut habe ich mich auch über das Lob von Dörte Giebel und den Remix zu Donna Haraway, den Felix Knoke für fm4.orf.at gefunden hat.

Auf geht’s zur re:publica

hellblauer Hintergrund auf dem oben 'Meet me @' (das letzte Zeichen ist eine Mischung aus @ und ♀, dem Frauenzeichen) steht, darunter bunte Stickereien, darunter re:publica XI 13. - 15. April 2011, BerlinSo fix geht ein Jahr rum. Gefühlt gerade eben war ich noch auf der rp10 (feministische Netzkultur mit lauter netten Leuten) und nun ist es schon fast wieder April und die rp11 kommt. Diesmal gibt es sogar zwei Panels, diesmal gehts um feministischen Aktivismus in sozialen Netzwerken und darüber hinaus, sowie um die Verknüpfung vom Internet mit gesellschaftlichen Entwicklungen und politischem Handeln – natürlich aus feminstischer Perspektive. Auch wieder dabei: Nette Leute! Feministisch rumnerden, es geht kaum besser. Wann genau und wo? Ab dem 13. April in Berlin.

Noch mehr Panels von Bloggerinnen stellen wir auch bei der Mädchenmannschaft vor.