Heute ist der Internationale Tag gegen Gewalt gegen Frauen

Passenderweise habe ich auch gleich die erste Drohmail auf meine Arbeitsmailadresse bekommen. Könnt Ihr auf Pastebin selber nachlesen. Triggerwarnung versteht sich von selbst. Schön ist dabei vor allem, dass auch explizit gesagt wird, ich solle mein „Maul halten“.

Das Schlimme ist, dass diese Arschlöcher damit oft ihr Ziel erreichen. Viele Frauen* trauen sich bis heute nicht, sich am öffentlichen Leben zu beteiligen und sich politisch zu äußern. Wenn sie sich doch äußern, ist das anscheinend ein so unhaltbarer Zustand, dass sie mit allen Mitteln zum Schweigen gebracht werden müssen.

Die Mail kam über einen österreichischen anonymen Remailer: remailer.privacy.at Deren Abuse-Team schickt folgendes zurück:

The purpose of this anonymous remailer is to permit individuals including crime victims, domestic violence victims, persons in recovery, and others, such as those living under oppressive regimes, to communicate confidentially in a manner that ensures their privacy under even the most adverse conditions.

Das Ziel dieses anonymen Remailers ist es, es Individuen zu erlauben, darunter Oper von Verbrechen, Opfern häuslicher Gewalt, sich erholenden Personen und anderen, wie denen in unterdrückenden Regimen, vertraulich zu kommunizieren in einer Art, die ihre Privatsphäre auch unter den widrigsten Umständen.

Vielen Dank auch für den Missbrauch eines Systems, das gerade denen, die von Gewalt bedroht sind, helfen soll.

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Hier ist der traurige Feminismus

Seit Jahren erlebe ich die furchtbarsten Dinge, jeder einzelne Unterdrückungsmechanismus, den feministische Theorien beschreiben, ist mir am eigenen Leib oder Bekannten passiert.

„Ihr Mann verdient doch gut, da brauchen wir sie nicht befördern.“

„Die Leistungskriterien in unserer Firma haben nichts mit Leistung, aber mit männlich-besetzen Eigenschaften zu tun.“

„Ich war die erste Frau in dem Institut und die sagten gleich, ich werde Probleme bekommen. Die haben mir die Probleme dann auch gemacht.“

„Gute Mitarbeiter werden knapp, also müssen wir jetzt auch gut ausgebildete Frauen einstellen.“

„Pass auf Deinen Ruf auf, Du wechselst so oft den Freund.“

Ich habe sexualisierte Gewalt demütigend ertragen und mich nicht gewehrt. Ich habe mich gegen sexualisierte Gewalt gewehrt und bin demütigend ausgelacht worden. Ich habe mich gegen sexualisierte Gewalt gewehrt und bin dafür geschlagen worden.

Männliche Raumeinnahme bedeutet nicht nur nervige Breitmachmacker, sondern auch Männer, die eine im Straßenverkehr lachend von der Fahrradspur verdrängen und in Gefahr bringen.

Selbst in ach-so-aufgeklärten Räumen vergeht kaum ein Abend, an dem einer Frau nicht „Ausziehen!“ oder „Was ist denn Deine Körbchengröße?“ hinterhergerufen wird.

Und wie ich das so schreibe denke ich, wie wohl die Welt aussehen würde, wenn Männer nicht mehr befördert werden, weil ihre Ehefrau Geld verdient. In der jeder Mann zahlreiche Geschichten zu erzählen hat, wie er von lüsternen Frauen angegrapscht und angequatscht wurde – und Kritik mit „na, Du trägst aber auch eine enge Hose/Hemd/wilde Haare“ quittiert wird. In der ihre Berufskrankheiten nicht anerkannt werden und eine ganze Generation sich gar nicht scheiden lassen darf, weil ihr dann Altersarmut droht. Eine Welt, in der Frauen ausfallend werden, weil eine Woche lang nicht von „Bürgerinnen“ sondern „Bürgern“ die Rede sein soll und sie nur noch „mitgemeint“ sind.

Aber so lebe ich in einer Welt, in der Hatr nur ein Beispiel dafür ist, warum ich mich für „mehr Bildung von Männern“ einsetzen sollte. In der ich mir seit Jahren den Mund fusselig erklärbäre und die extreme Seite bin. In der ich dann noch darüber diskutiere, ob „feministischer hate speech“ vielleicht einzelne Feministinnen und ihre Aussage der 60er Jahre sein könnten oder überhaupt, irgendwie implizit.

Da wird all die Arbeit unter den Tisch fallen gelassen, die Feministinnen in den letzten Jahrzehnten geleistet haben. Dass es zumindest rechtlich nicht von Bedeutung ist, was der Mann einer Frau arbeitet und ob er ihre Arbeit gutheißt. Dass zumindest am Arbeitsplatz nicht mehr ok ist, mir „einfach so“ an den Hintern zu fassen (oder einem Mann!).

Und immer noch läuft soviel falsch in diesem System. Sind die Nachteile für Frauen strukturell bedingt. Ist der Backlash real. Warum sind Feminist_innen und Frauen heute eigentlich nett? Wo bleibt der explizite hate speech auf das System und die realen Arschlöcher, die uns bedrohen und verletzen?

PS: Ich kann den nicht anstiften. Ich sitze zu Haus und habe keine Kraft dazu. Ich bin der traurige Feminismus.

Am 14. Februar: One Billion Rising

Auf der Geburtstagsparty der Mädchenmannschaft habe ich für „One Billion Rising“ ein Videostatement gegeben, dass nun endlich online zu sehen ist (auf Deutsch, mit englischen Untertiteln):

Für den 14. Februar plant Eve Ensler, Autorin der Vagina Monologues und Begründerin der V-Day-Bewegung, eine noch größere Aktions. Haben an den V-Days schon seit 14 Jahren Millionen Menschen gegen Gewalt gegen Frauen protestiert und Spenden für Hilfsprojekte gesammelt, sollen nun eine Milliarde Menschen aufstehen.

Hier sind noch jede Menge weitere Videos mit Statements von Aktivist_innen aus aller Welt. Die Aktion freut sich auf Eure Unterstützung.

Medien, Blogs, Sexismus.

Kaum schreibt frau über sexualisierte Übergriffe im deutschen Qualitätsfernsehen, kommen die deutschen Qualitätsmedien und berichten über den Fall. Allerdings verharmlosend als „Busengrapsch“-Vorfall, zitieren vor allem Politiker (also Männer), lassen die ersten Beiträge der Blogger_innen (also Frauen) weg und machen damit genau das, was in den Debatten zu Vergewaltigungskultur, Unsichtbarkeit von Frauen und dem Untergang der Medien immer angeprangert wird. Erstmals dokumentierte das heute auch Karnele.

Alle Medien? Nein, nicht alle. Die Süddeutsche und jetzt.de (gehört auch zur Süddeutschen) haben tatsächlich Blogger_innen und dabei auch mich verlinkt. Der Beitrag von jetzt.de kriegt dabei noch extra Punkte für das Befragen einer Psychologin, die in einer Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt arbeitet.

Also liebe Medien, so kann’s gehen. Dann noch im nächsten Schritt auch mit den Blogger_innen reden und schon sind wir in beiden Debatten einen Schritt weiter. Mit einem/einer reden tun diese „Feministinnen aus dem Internet“ nämlich auch ganz freiwillig und ohne Shitstorm, wie zuletzt Anke Domscheit-Berg und ich bei Ö1 (Direktlink zur Sendung).

Ein Gedanke zu den Debatten um sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen

„Nicht genug gewehrt? Dann kann es ja keine Vergewaltigung gewesen sein.“ Ein Argument gegen diese unfassbar dämliche Behauptung ist die gerne zitierte Analogie, bei einem Raubüberfall würde auch niemand das Opfer auffordern, sich mehr zu wehren. Doch ist das wirklich eine treffende Analogie?

Neulich (man verzeihe mir, dass ich nicht mehr genau weiß, wo, wird immerhin häufiger angebracht) konterte jemand, bei einem Raub gäbe es schließlich keine Möglichkeit, dass der Vorgang freiwillig geschehe, bei Vergewaltigungen sei die freiwillige Variante einvernehmlicher Sex.

Liebe Vollpfosten dieser Welt, natürlich gibt es eine einvernehmliche Variante von Raub. Es gibt sogar vielerlei Arten Geld zu transferieren, die keine Gewalt beinhalten. Geschenke. Spenden. Verkäufe. Ich meine dabei die Szenarien, in denen Menschen anderen Menschen Geld geben möchten. Weil sie etwas dafür bekommen. Weil sie es einfach gerne machen. Klar gibt es dann wieder viele Punkte, an denen der Vergleich hinkt, wenn es etwa um Schulden geht oder Preisgestaltung, aber Euer Problem ist leider viel grundlegender.

Für Euch liegen Sex und Vergewaltigung nahe beieinander, bei Verkauf und Raub gibt es dagegen eine klare Linie. Während ihr Euch vorstellen könnt, dass niemand gegen seinen Willen (und ohne Gegenleistung) Geld weggeben möchte, scheint es vorstellbar, gegen ihren Willen mit Menschen Sex zu haben. Und dass sie davon sogar noch etwas „positives“ hätten oder zumindest daran „wachsen“ könnten. Weil wir alle Batman sind.

Die Opfer sexualisierter Gewalt sind übrigens überwiegend weiblich, Transmenschen und Intersexuelle sind überproportional häufig betroffen. Die Opfer von Raubüberfällen sind vor allem Männer. Sowohl hinter Raubüberfällen, als auch hinter Sexualverbrechen stecken meistens Täter.

Was mir bleibt: die Definitionsmacht

Reden wir über Definitionsmacht. Ein Konzept, das von Feministinnen maßgeblich geprägt wurde. Es bedeutet, dass die Opfer und Betroffenen von sexualisierter, transphober, homophober, behindertenfeindlicher oder rassistischer Gewalt das Recht haben, die Gewalt als solche zu benennen. Es steht den ansonsten herrschenden Relativierungsversuchen und dem Rechtfertigungsdruck gegenüber.

Vor einiger Zeit geriet ich auf Twitter durch ein Missverständnis in einen mächtigen Shitstorm. Neben allgemeinen Vergewaltigungsandrohungen gegenüber Feministinnen wurden dabei ganz speziell auf mich bezogene Szenarien entworfen. Wie ich zu vergewaltigen sei und warum das gerechtfertigt sei. Daneben ich eine Reihe an Beleidigungen, die sich schon fast harmlos gegenüber der sexualisierten Gewalt ausnehmen.

Diese Sprüche wurden von der Urheberin als total normal angesehen, von diversen Leuten wurde sie für ihren Humor verteidigt und die Provokation sogar gelobt.

Dabei finde ich ich die ganze Geschichte nicht witzig, mich ekelt die Verachtung an, die Respektlosigkeit gegenüber meinem Körper, meinem Recht auf Selbstbestimmung und körperlicher Unversehrtheit. Vermutlich waren die Aussagen sogar strafbar (sie sind inzwischen gelöscht, aber an anderer Stelle dokumentiert.)

Und ich wehre mich gegen jeden Versuch, mir jetzt noch meine Meinung abzusprechen, mir eine andere vorschreiben zu wollen und mir als Betroffener die Definitionsmacht wegzunehmen. Ich wehre mich gegen jeden Versuch, die Vorgänge zu relativieren und über Rechtfertigungen zu spekulieren. Ich wehre mich auch gegen Überlegungen, welche Auswirkungen solche Vorgänge auf Vergewaltigungsopfer haben. Das alles ist völlig irrelevant!

Es ging um mich, meine Person, meinen Körper und ich sage: Sexualisierte Gewalt und Aufrufe dazu sind das Letzte und genau das ist passiert. Es sind Versuche mich einzuschüchtern und mich fremd zu bestimmen. Das zu benennen und mich dagegen zu wehren, ist meine Definitionsmacht. Wer sie nicht anerkennt, hält die perfiden Systeme von Unterdrückung, Einschüchterung und Verharmlosung von Gewalt am Leben.